HSS wirkt
Töchter in Führung: HSS-Initiative „Binti Uongozini“ in Kenia bringt mehr Frauen in politische Ämter
Uta Staschewski, Leiterin des HSS-Büros in Kenia, bei Eröffnungsfeier des Projekts „Binti Uongozini“ 2018 in Kenia.
©HSS
Die Augen der jungen Frauen leuchten auf, als eine ältere Frau im gelben Kleid einen Konferenzraum im Best-Western-Hotel in Nairobi betritt. Es ist dieselbe Frau, die den 15 Frauen vom Buchcover mit dem Titel „Against the Tide“ („Gegen den Strom“, erschienen 2024), entgegenlächelt, das auf einem Tisch liegt. Auch heute trägt sie dieses markante gelbe Kleid, das an einen Zitronenfalter erinnert. Die Rede ist von Martha Wangari Karua. Die 68-jährige Juristin und Menschenrechtlerin ist für viele junge Frauen in Kenia Inspiration und Vorbild zugleich. In Kenia gilt sie vielen als „Grande Dame“ der Politik. Kein Wunder, dass sie von der Bevölkerung so bezeichnet wird.
Setzt sich für mehr Frauen in der kenianischen Politik ein: Autorin und Politikerin Martha Karua.
©Veronika Wetzel/HSS
Karua hat gezeigt, dass man als Frau in der kenianischen Politik Erfolg haben kann, gesehen wird und vor allem viel bewirken kann. Sie war von 2005 bis 2009 Justizministerin, später Präsidentschaftskandidatin der „National Rainbow Coalition – Kenya“. Die Politikerin kandidiert erneut für das höchste Amt im Staat – für das Oppositionsbündnis, das gerade entsteht. Die Wahlen in Kenia sollen 2027 stattfinden.
Stolz darauf, eine „Binti“ zu sein
Diese 15 Frauen sind Teil eines insgesamt 25-köpfigen Buchclubs, der sich dreimal im Jahr trifft und über ausgewählte Sachbücher diskutiert, von und über Politikerinnen und namhafte weibliche Führungspersonen wie die ehemalige First Lady der USA Michelle Obama – oder eben über Karuas aktuelles Werk „Against the Tide“.
Dieser Club ist Teil des Projekts „Binti Uongozoni“ (Kiswahili: „Tochter in Führung“), welches die HSS im Jahr 2018 ins Leben gerufen hat. Ziel ist es, mehr Frauen in politische Ämter zu bringen – sei es auf lokaler, regionaler oder internationaler Ebene. Seit der Gründung vor acht Jahren hat das Netzwerk rund 40 Frauen als Mitglieder gewonnen, die den Kern dieser Initiative ausmachen und die sich stolz als „Binti“ bezeichnen.
Wofür steht „Binti Uongozoni“? Für einen fachlichen wie persönlichen Austausch. Die Frauen berichten von Erfolgen und Rückschlägen im politischen Alltag, unterstützen sich bei Wahlkämpfen und ermutigen andere, selbst Verantwortung zu übernehmen.
Beziehungen und Vertrauen aufbauen
Ursprünglich war das Projekt als Führungskräfte-Training konzipiert worden. Es vermittelte politisches Basiswissen wie „Was macht eine Demokratie aus?“, „Wie präsentiere ich mich als Politikerin in der Öffentlichkeit?“ und es bot Rhetorikkurse an. Doch der Ansatz blieb hinter den Erwartungen zurück – denn es hat etwas gefehlt: Während früher nur Inhalte im Vordergrund standen, sollen nun soziale Strukturen entstehen. Erst Beziehungen und Vertrauen aufbauen, und dann geht es um Inhalte.
Unabhängigkeit und Unterstützung
Mit der Kampagne „hss wirkt“ wollen wir unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Auslandsbüros sichtbarer machen und zeigen, welche Projekte wir erfolgreich umgesetzt haben und welche noch laufen.
© Julia Ehrenreich
Eine Binti, die am Buchclub-Treffen teilnimmt.
©Veronika Wetzel/HSS
Aus diesem Grund orientierte sich das örtliche HSS-Auslandsbüro am kenianischen Modell der sogenannten Chama-Gruppen. „Chama“ bedeutet auf Kiswahili schlicht „Gruppe“. Gemeint sind informelle Frauennetzwerke, in denen regelmäßig Geld gesammelt wird. Die Mitglieder zahlen feste Beiträge ein; über die Verwendung der angesparten Summe entscheidet die Gruppe gemeinsam. Ausgezahlt wird das Geld etwa an Frauen, die ein Kind bekommen haben, umziehen müssen oder Angehörige pflegen – oder gerade einen Verlust erlitten haben. Manchmal werden statt Geld auch alltägliche Dinge gesammelt: Babykleidung, Geschirr, Stühle oder Haushaltsgegenstände, die für eine neue Lebenssituation gebraucht werden.
Dieses Prinzip der gemeinschaftlicher Selbsthilfe hat in Kenia eine lange Tradition. Es beruht auf der Vorstellung, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt dort entsteht, wo viele gemeinsam Verantwortung übernehmen und Lasten teilen. Auf dieser kulturell verankerten Praxis baut auch „Binti Uongozini“ auf – allerdings mit einem politischen Ziel.
Damaris, HSS-Mitarbeiterin und Genderprogrammleiterin, nimmt den Preis für „Binti Uongozini“ 2022 entgegen.
©HSS
Seit seiner Gründung hat das Projekt viel erreicht: zahlreiche „Bintis“ haben politische Mandate, diplomatische Funktionen oder leitende Positionen in staatlichen Institutionen übernommen. Eine von ihnen ist Bina Maseno. Die 35-Jährige hat „Badili Africa“ gegründet, eine Organisation, die sich für die politische Partizipation von Frauen einsetzt – insbesondere in Slums, auf dem Land und in Bildungseinrichtungen wie Universitäten.
Maseno gehört „Binti Uongozini“ seit 2018 an. Für sie ist die Initiative vor allem ein Ort für offenen Austausch: „Viele von uns leiten eine NGO oder sind politisch aktiv. In solchen Positionen kann man sich Verletzlichkeit nicht leisten.“ Wer Schwäche zeige, mache sich angreifbar. Besonders wichtig ist ihr der langfristige Ansatz der HSS-Initiative: „Trainings und Workshops enden oft nach ein paar Tagen – und dann steht man wieder allein da. Mit „Binti“ ist eine Gemeinschaft entstanden, in der wir uns gegenseitig stärken und vor allem regelmäßig sehen.“ Das Ergebnis: Diese langfristige Begleitung schafft, was punktuelle Schulungen nicht leisten: politische Resilienz und langfristige Netzwerke.
Andere „Bintis“ arbeiten heute als stellvertretende kenianische Botschafterin in China oder arbeiten mit dem Büro des kenianischen Präsidenten William Ruto, der auch gleichzeitig UDA-Parteichef ist (United Democratic Alliance).
Preis für Diversität gewonnen
Aber nicht nur interne Veranstaltungen wie den Buchclub gibt es, sondern auch öffentliche. Im Rahmen der jährlichen Themenwoche „Gender Based Violence“ in Kenia machte „Binti“ im Dezember 2024 auf Themen wie den Anstieg häuslicher Gewalt gegen Frauen aufmerksam.
Was für ein großartiger Erfolg „Binti Uongozini“ für Kenia und seine Netzwerkerinnen ist, beweist die Preisverleihung bei den „National Diversity and Inclusion Awards & Recognition Kenya“, bei der das Projekt den zweiten Platz der Kategorie „Diversität und Inklusion“ für Gleichberechtigung gewonnen hat.
Mehr politische Überzeugungsarbeit
Zwar ist die politische Teilhabe von Frauen in Kenia gesetzlich verankert – denn die Verfassung schreibt vor, dass kein öffentliches Gremium zu mehr als zwei Dritteln aus einem Geschlecht bestehen darf – doch die Realität sieht anders aus. In der „National Assembly“ (das Kenianische Parlament besteht aus zwei Kammern) liegt der Frauenanteil bei nur 19 Prozent, im Senat bei rund 27 Prozent.
Allerding verändert die gesetzliche Quote allein keine Machtverhältnisse. Für „Binti Uongozini“ heißt das: Es muss noch viel mehr politische Überzeugungsarbeit geleistet werden.
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