Produktion und Moderation von Inhalten für den Wahlkampf
Text, Foto, Video, Grafik: Es erfordert einiges an Know-how, das Social Web effizient für den Wahlkampf zu nutzen. Es muss allerdings nicht jedes Video wie ein professionelles Werbevideo produziert und geschnitten sein. Wer ein paar Grundregeln beachtet, kann sich relativ einfach im Social Web bewegen.
1. Zwischen Influencer und Pressemitteilung
Wer im Social Web präsent ist, muss sich an Spielregeln halten. Dies ist für Politiker/-innen ein schwieriger Spagat: Weder ein Foto des eigenen Mittagessens wie bei einem Influencer, noch eine 2000 Zeichen lange Pressemitteilung sind geeignet, um User zu einem Like, einem Kommentar oder zum Teilen des Inhalts zu bewegen.
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Themen, die im Netz gut funktionieren
- Humor
- Zuspitzung
- Provokation
- Überraschendes
Tätigkeitsberichte sind zwar als ein Anteil der Postings sinnvoll, aber kreative Beiträge, die eine Chance haben viral zu gehen, führen zu einen durchschlagenderen Erfolg im Wahlkampf.
Sehr gute Postings sind Journalisten gelungen, wie etwa die Aktion der Fernsehsendung „Quer“, die „Sechs Wege, Bayern aufzuteilen, kennen". Oder das Bayerische Digitalministerium, das mit einem Video das Online-Zugangsgesetz den Bürger/-innen näherbringen wollte, hat einen viralen Erfolg erzielt. Außerdem kann die „Gefühlte Wahrheit“ des SZ Magazins Anregungen bieten. In allen drei Fällen wurde auf Humor gesetzt.
Abzuraten ist davon, das Social Web dafür zu nutzen, um sich täglich selbst ablichten zu lassen mit den Menschen, die man getroffen hat. Für den User spannender ist es, wenn er durch die Brille des Politikers dessen Alltag wahrnimmt, also wenn nicht der Politiker mit auf dem Bild ist, sondern wenn dieser das Foto selbst gemacht hat und erklärt, was ihn mit diesem Event, diesem Thema oder diesem Ereignis verbindet. Ideal ist es außerdem, sich immer aus der Perspektive des Users zu überlegen, was ihm einen konkreten Mehrwert bietet.
2. Fünf Trends für Social Media-Inhalte
- Live-Streaming: Wichtige Anlässe können live gestreamt werden über Facebook oder Instagram. Dies schafft eine besondere Nähe zu den Zuschauern. Dies sollte man aber nicht überreizen.
- Visuelles wird immer wichtiger: Deshalb sollten Sie unbedingt in Bildern oder Kurzvideos denken. Ist kein Bildmaterial vorhanden, sollten Sie zumindest den Text auf einen grafischen Hintergrund kopieren.
- Die Story-Funktion ist inzwischen bei nahezu jeder Social Media-App vorhanden und wird gut genutzt. Hier können Sie sogar kleine Geschichten erzählen und Sie haben in mehreren Sequenzen die Möglichkeit, Ihre Botschaften zu platzieren. An Beliebtheit noch mehr übertroffen wird diese Funktion derzeit allerdings von kurzen Videoclips, den so genannten Reels.
- Authentizität wird wieder wichtiger. Zwar dominieren auf Instagram noch immer gestellte Hochglanzbilder von Influencern, allerdings gibt es auch einen gegenläufigen Trend (der unter anderem in der neuen App BeReal gegipfelt ist). Dies bedeutet, es braucht nicht unbedingt jeder Post einen Rahmen mit Partei-Logo. Eigene Schnappschüsse (in aber durchaus mindestens passabler Qualität) erzeugen oftmals sogar mehr Emotionen.
- Mehrere Posts je Thema: Das Social Web zersplittert wie das Fernsehprogramm in den 1980er Jahren mit Einführung des privaten Rundfunks. Deshalb sollte man rund um sein Wahlkampfthema durchaus mehrere Posts machen (aber nicht die identischen mehrfach veröffentlichen). Denn man kann nicht davon ausgehen, dass jeder das Posting immer gesehen hat.
3. Equipment für die Produktion
Für Kandidat/-innen genügt im Prinzip ein einziges Gadget: das Smartphone. Die Qualität der Fotos und Videos (sofern man den Zoom nicht nutzt) ist inzwischen in nicht zu dunklen Räumen absolut ausreichend für das Social Web. Dennoch besteht natürlich die Möglichkeit, den eigenen Auftritt zu professionalisieren.
Sinnvolle Anschaffungen
- Ein externes Mikrofon bietet sich vor allem an, wenn man im Freien wie ein zugeschalteter Korrespondent einer Nachrichtensendung seine Videoaufnahmen machen möchte. Ist es windig, ist der Ton sonst kaum zu gebrauchen. Neben einem klassischen Mikrofon kann auch ein Steckmikrofon für das Sakko oder die Bluse angeschafft werden.
- Ein Stativ für das Smartphone hilft zu vermeiden, dass die Videoaufnahmen wackeln.
- Wählt man einen dunklen Raum für seine Aufnahmen, bietet sich eine externe Lichtquelle an.
- Häufig genutzte Software-Programme für Videoschnitt sind Premiere von Adobe oder Final Cut Pro von Apple (nur für den Mac). Es gibt aber auch kostenfreie Programme (wie DaVinci Resolve). Da es häufig auf Schnelligkeit ankommt, kann man auch direkt am Smartphone (wie zum Beispiel mit iMovie am iPhone oder Canva) seine Beiträge schneiden und auch via Smartphone auf den Social-Media-Kanal hochladen.
Egal, welches Equipment man nutzt: Es ist immer hilfreich, sich insbesondere bei der Produktion von Videos Unterstützung durch das Wahlkampfteam zu holen. Allerdings zeigen viele Beispiele, dass insbesondere auf Instagram auch Selfie-Storys von den Usern akzeptiert werden (wenn der Inhalt im Vordergrund steht).
4. Neun häufige Fehler und wie man sie vermeidet
- Instagram setzt auf Hochkant-Fotos. Idealerweise fotografiert und filmt man seine Inhalte für die verschiedenen Kanäle daher im Hoch- und im Querformat.
- Der Tag war mit mehreren Terminen dicht vollgepackt. Am späten Abend setzt man sich noch vor den Laptop und postet Fotos vom ganzen Tag. Besser wäre es, direkt zwischen Terminen kurze Pausen zu nutzen, um möglichst aktuell zu sein.
- Kameraleute vom Fernsehen verspotten den Zoom als „Rentner-Wippe“. Dies sollte man auch mit dem Smartphone vermeiden, da die Bilder und Videos dann in der Regel unbrauchbar sind.
- Die Aufmerksamkeitsspanne im Social Web ist gering. Dies verleitet dazu, schnell zu sprechen. Das führt oftmals allerdings dazu, dass Passagen unverständlich werden oder man als weniger kompetent wahrgenommen wird.
- Man beschäftigt sich intensiv mit seinen Wahlkampfthemen, verfolgt den ganzen Tag die Nachrichten aus der Landes- und Bundespolitik – und hat damit einen immensen Wissensvorsprung gegenüber Bürger/-innen. Hier sollte man einen Schritt zurücktreten und vor der Aufnahme eines Videos überlegen, an welches Vorwissen man seitens der Wähler anknüpfen kann und was man lieber noch einmal erklären sollte.
- Das Urheberrecht wird missachtet. Wenn man ein nicht von einem selbst gemachtes Foto verwendet, kann man entweder auf lizenzfreie Fotos zurückgreifen oder muss den Urheber fragen, ob man dieses nutzen darf. Fotos in der Google-Bildersuche sind dagegen in der Regel urheberrechtlich geschützt.
- Das Persönlichkeitsrecht wird missachtet. Wenn man ein Foto mit mehreren Personen veröffentlicht, muss man vorher deren Einverständnis eingeholt haben (bei unter 18-Jährigen das der Erziehungsberechtigten). Es gibt allerdings Ausnahmen: Stellt sich jemand bereitwillig zum Gruppenfoto auf und wird kommuniziert, dass es für das Social Web ist, dann gilt diese Einwilligung als konkludent erteilt. Ist auf einem Volksfest beim Bieranstich jemand im Hintergrund nur klein zu erkennen, so gilt dieser als Beiwerk, da der Fokus auf der Anstichs-Zeremonie liegt.
- Der größte Fehler: Man setzt seinen Post ab und loggt sich anschließend aus. Soziale Netzwerke sind ein Dialogmedium. Hier erwarten die User (zu Recht), dass man auch als Politiker/-in dranbleibt und mitdiskutiert.
- Nach der Wahl tritt das Social Web in den Hintergrund. Bürger/-innen erwarten, dass man auch dann mit seinen Abgeordneten via sozialer Netzwerke in Kontakt treten kann, wenn sie gerade nicht im Wahlkampf sind. Dies bedeutet: Wer sich im Social Web engagiert, wirkt nur dann glaubwürdig, wenn er dieses nicht nur während des Wahlkampfs nutzt.
5. Sponsored Posts und Facebook-Events
Wenngleich persönliche kostenfreie Postings (organische Posts) auf dem eigenen Kanal authentischer wirken, so kann man sich doch überlegen, auch bezahlte Werbung via Social Media zu schalten. Es bietet sich hier an, diese auf die organischen Posts abzustimmen.
Wer eigene Veranstaltungen organisiert, kann insbesondere den Ankündigungen auf Facebook durch teilweise schon geringe Beträge im zweistelligen Bereich zu einer enormen Reichweite innerhalb der Zielgruppe des eigenen Stimmkreises verhelfen.
Auch ein kostenfrei angelegtes Facebook-Event kann hilfreich sein, seine eigene Veranstaltung publik zu machen. Insbesondere sollte man sein Wahlkampf-Team darauf hinweisen, dass diese neben einem selbst ihre Facebook-Bekannten zu dieser Veranstaltung einladen. Damit erreicht man relativ schnell und einfach eine Wahrnehmung bei mehreren tausend Bürger/-innen.
6. Krisenkommunikation im Social Web
Hassrede, Fake News, aber auch durchaus berechtigte Kritik – mit all dem muss man als Politiker/-in im Social Web umgehen. Was gegen das Gesetz verstößt, muss gelöscht werden. Ansonsten gilt es sich zu überlegen, ob man auf die Kommentare antwortet (und sie damit zum Teil aufwertet), diese ignoriert (was bei berechtigter Kritik das Feuer weiter entflammen kann) oder löscht (was im Netz schnell den Vorwurf von Zensur einbringt). Ein paar kritische Kommentare sollte jeder aushalten können; dies ist noch lange kein Shitstorm.
Regeln
- Krisenplan weit vor einer Krise festlegen
- Eine loyale Community aufbauen, die im Idealfall für einen kommentierend einspringt
- Ruhe bewahren (keine Kurzschlussreaktion)
- aber: proaktiv und schnell reagieren
- auf Augenhöhe kommunizieren
- Transparenz (Reaktion/Fehlerbehebung dokumentieren)
- angemessen und auf demselben Kanal reagieren/antworten
- Analyse betreiben (ggf. Fehler zugeben)
- das Gespräch suchen
- Fakten liefern
Ein Grundsatz gilt fast immer im Social Web: Die Mehrheit hält im Zweifel zu David statt zu Goliath, also dem Schwächeren. Dies sollte man bei seiner Krisenkommunikation immer im Hinterkopf behalten.
Über den Experten Markus Kaiser
Tim Neiertz
Markus Kaiser ist Professor für digitalen Journalismus, Medieninnovationen und Change Management in der Kommunikationsbranche an der Technischen Hochschule Nürnberg und Berater für Change Management, Kommunikation, Social Media, Innovationsmanagement und Leadership. In seiner Magisterarbeit an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg hat er sich mit „Die relative Bedeutung unterschiedlicher Medien für die Wahlkampfführung politischer Parteien“ beschäftigt. Von ihm erschienen sind unter anderem Bücher zu „Innovation in den Medien“, „Transforming Media“ und „Change Management im Public Sector“. Der gelernte Journalist hat sechs Jahre lang die Medienstandort-Agentur des Freistaats Bayern aufgebaut und geleitet. Neben seiner Professur ist Kaiser Lehrbeauftragter an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Ludwig-Maximilians-Universität München und Hochschule Ansbach.