Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026
AfD wird stärkste Kraft – was folgt jetzt?
Ulrich Siegmund, Mitte, Spitzenkandidat der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, auf dem Weg zur Bundespressekonferenz. Die AfD wird stärkste Kraft, verfehlt jedoch die absolute Mehrheit. Nun richtet sich der Blick auf die künftige Regierungsbildung im Land.
© Andreas Gora/Imago
Kaum eine Landtagswahl in Deutschland ist in den vergangenen Jahren mit so viel Aufmerksamkeit beobachtet worden wie die in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026. Dies lag vor allem an der Tatsache, dass der Ausgang einen Wendepunkt in der politischen Geschichte Deutschlands markieren könnte: Würde es der AfD erstmals gelingen, die absolute Mehrheit der Mandate in einem Landesparlament zu holen? Könnte diese rechtspopulistische und zum Teil rechtsextreme Partei die neue Landesregierung stellen? Welche Auswirkungen hätte dies auf die Politik in Deutschland und die demokratische Ordnung in unserem Land?
Im Mittelpunkt dieser Analyse stehen das Wahlergebnis, die wichtigsten Wahlmotive und Umfragedaten sowie die Frage nach möglichen Mehrheiten und der künftigen Regierungsbildung.
Der Weg zur Landtagswahl: der scheinbar unaufhaltsame Aufstieg der AfD
Nach der letzten Landtagswahl im Jahr 2021 wurde die Landesregierung von CDU, SPD und FDP gestellt. Bei dieser Landtagswahl rund drei Monate vor der Bundestagswahl konnte die CDU deutlich zulegen, die AfD verlor erstmals in einem ostdeutschen Bundesland Stimmen. Ministerpräsident wurde wieder der populäre Reiner Haseloff (CDU), der die Landesregierung seit 2011 angeführt hatte und der gegen den Bundestrend ein überzeugendes Ergebnis für die CDU holen konnte. Dieser übergab das Amt am 26. Januar 2026 an Sven Schulze, seit 2021 Wirtschaftsminister in der Landesregierung. Damit sollte schon Monate vor der Landtagswahl ein reibungsloser Übergang demonstriert und Schulze als Regierungschef über die Landtagswahl hinaus positioniert werden. Eine Fortsetzung der bisherigen Koalition schien aber im Vorfeld unwahrscheinlich: Die FDP landete in den Umfragen kontinuierlich unter der 5%-Marke und selbst die SPD lag zumeist nur knapp darüber. Die Grünen und das BSW lagen ebenfalls darunter, aber nur so knapp, dass ein Einzug ins Parlament nicht unmöglich erschien. Von interessierter Seite wurde sogar eine Kampagne für die Wahl von SPD und Grünen geführt, um diese sicher über der 5%-Hürde und damit als Koalitionspartner gegen die AfD im Parlament zu haben (Campact: „Strategisch wählen gegen die AfD“). Ein sicherer Einzug ins Parlament wurde nur den Kandidaten der CDU (allerdings mit Werten weit unter ihrem letzten Ergebnis von 37,1%) und der Linken prognostiziert, die auf ein besseres Ergebnis als die 11% der letzten Wahl hoffen konnten. Klarer Spitzenreiter war die AfD, die ihr Ergebnis von 20,8% in den letzten Umfragen fast verdoppeln konnte. Zusätzliche Popularität erfuhr ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund durch eine Ausgabe des Magazins „Der Spiegel“ (Nr. 34 vom 14.8.2026) mit der Titelstory „Der gefährlichste Mann Deutschlands“. Die Frage war nicht, ob sie stärkste Partei werden, sondern ob es für eine alleinige Mehrheit reichen würde oder ob ihr eine andere Partei dabei helfen müsste – was das BSW auch signalisiert hatte.
Umfragen und politische Stimmung vor der Landtagswahl
Deutlich war auch, dass die Wahl nicht nur von landespolitischen Faktoren entschieden werden würde. Die Kritik an der Bundesregierung und die schlechte Stimmung im Land haben sich dabei sicher ausgewirkt. Laut dem Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen zeigten sich Ende Juli 2026 54% der Deutschen unzufrieden damit, wie die Demokratie in Deutschland funktioniert – im Osten waren es sogar 64%. Immerhin gelang dem neuen Ministerpräsidenten Schulze ein fast kontinuierlicher Anstieg seiner Beliebtheitswerte. Die Landesregierung war zwar (Stand Ende Juli 2026 laut Infratest dimap) nur bei 29% beliebt, aber das lag immerhin noch deutlich über den Werten für die Bundesregierung zur selben Zeit. Trotz des demoskopischen Rückstandes zur AfD waren weiterhin in Sachsen-Anhalt insgesamt 43% der Meinung, die nächste Landesregierung solle von der CDU angeführt werden.
Zu den Spitzenkandidaten und der Einschätzung der Landesregierung gab es kurz vor der Wahl leicht abweichende demoskopische Resultate: Laut Infratest dimap (veröffentlicht am 26.8.2026) lag der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund bei der Zufriedenheit mit 37% vor dem CDU-Spitzenkandidaten und Ministerpräsidenten Sven Schulze mit 30%. Die AfD wurde mit 42%, die CDU mit 22% geschätzt. Bei der Frage nach einer hypothetischen Direktwahl des Ministerpräsidenten gaben auch 41% an, für Schulze stimmen zu wollen gegenüber 39% für Siegmund. Eine CDU-geführte Landesregierung unter Unterstützung durch die Linke wurde in dieser Umfrage von 59% als weniger gut oder schlecht bewertet.
Eine Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen kurz danach (veröffentlicht am 28.8.2026) kam zu etwas anderen Werten: Da lag Schulze bei der Frage nach dem gewünschten Ministerpräsidenten mit 48% vor Siegmund mit 32%; eine CDU-geführte Landesregierung bevorzugten 50% gegenüber 35% für eine AfD-Regierung. Hier wurde die AfD nur noch mit 40% und die CDU mit 23% geschätzt. Eine CDU-geführte Minderheitsregierung mit Unterstützung durch die Linke fanden insgesamt 36% gut, aber sogar 57% der CDU-Anhänger. Eine AfD-Minderheitsregierung wurde hingegen mehrheitlich von 56% abgelehnt.
Eine weitere Umfrage des INSA-Instituts schätzte am 2. September 2026 die AfD hingegen auf 43% und die CDU auf 22%. Hier wurde der AfD-Spitzenkandidat Siegmund wieder deutlich vor dem CDU-Kandidaten Schulze in der hypothetischen Direktwahlfrage gesehen. Laut INSA lag Siegmund in allen Altersgruppen unter 70 Jahren vorn.
Wahlkampfthemen und Kompetenzwerte der Parteien
Kurz vor der Wahl lag die AfD in den Umfragen deutlich vorn und hatte einen populären Spitzenkandidaten. Diese hohen Werte für die Partei schienen mit nahendem Wahltermin stabil, auch wenn sich die demoskopischen Institute nicht ganz einig waren. Die CDU hatte einen Spitzenkandidaten, der aufholen konnte, aber keinen starken Amtsbonus in die Waagschale werfen konnte. Die wichtigsten Themen waren laut Forschungsgruppe Wahlen Wirtschaft (22%) vor Bildung/Schule und Arbeitslosigkeit (jeweils 17%), Preise/Kosten (13%) und AfD/Rechte, Zuwanderung/Integration und Infrastruktur (jeweils 11%). Der AfD wurden in dieser Umfrage genauso hohe Kompetenzwerte im Bereich Wirtschaft zugeschrieben wie der CDU (27%), beim Thema Arbeitsplätze lag die CDU mit 30% vor der AfD mit 23%. Die AfD lag hingegen im Bereich Schule/Bildung vor der CDU (23% zu 21%), ebenso bei Flucht/Asyl (36% zu 17%). Da der Wahlkampf stark von wirtschaftlichen Themen dominiert war, hätte dies ein leichter Vorteil für die CDU sein können.
Landtagswahl Sachsen-Anhalt 2026: Wahlergebnis und Sitzverteilung
Das Ergebnis wurde mit Spannung erwartet: Zwar leben nur etwa 2,1 Millionen Menschen in Sachsen-Anhalt, etwa 1,7 Millionen waren wahlberechtigt (Bürger ab 18 Jahren, die seit mindestens 3 Monaten im Land leben) - das entsprechen etwa 2,5% der gesamtdeutschen Bevölkerung. Angesichts der politischen Umstände konnte jedes Ergebnis einer überdurchschnittlichen Aufmerksamkeit sicher sein. Gewählt wurde in 41 Wahlkreisen mit jeweils einer Wahlkreis- und Landesstimme.
Die AfD konnte ihren positiven Trend bei den Umfragen bestätigen: Sie wurde mit 43,8% klar stärkste Partei und konnte ihr Ergebnis verdoppeln. Die CDU halbierte ihr Ergebnis mit 17,2% und lag damit noch deutlich unter dem von den letzten Umfragen prognostizierten Wert. Die Linke blieb mit 8,6% ebenfalls deutlich hinter den Prognosen. Die SPD kam – wie vorausgesagt auf 9,3%, während die Grünen mit 8,9% die Prognosen klar übertrafen. Das BSW schaffte mit 5,3% knapp den Einzug in den Landtag. Die FDP und die anderen Parteien blieben unter der 5%-Hürde. Die Wahlbeteiligung war mit 77,8% deutlich höher und lag sogar noch leicht über der bei der Bundestagswahl 2025.
Im neuen Landtag mit insgesamt 83 Abgeordneten stellt die AfD mit 39 Mandaten die größte Fraktion, hat aber keine eigene Regierungsmehrheit. Von den insgesamt 41 Direktmandaten holte sie 38, die restlichen drei gingen an die Linke. Die CDU holte – wie die anderen erfolgreichen Parteien – kein einziges Direktmandat. Bei der Landtagswahl 2021 hatte die CDU 40 Direktmandate geholt, die AfD eines. Die CDU ist mit 15 Mandaten die zweitstärkste Fraktion, SPD, Linke und Grüne haben jeweils acht Mandate. Das BSW zieht mit fünf Abgeordneten in den Landtag ein und wäre theoretisch sowohl als Mehrheitsbeschaffer für eine breite Anti-AfD-Regierung als auch für eine von der AfD gestellte Regierung denkbar. Damit verfehlte die AfD trotz ihres deutlichen Wahlsiegs die absolute Mehrheit im Landtag, während die Frage nach möglichen Regierungsmehrheiten offenblieb.
Das Wahlergebnis ist auch Ausdruck der rückläufigen Kompetenzvermutung für die Regierungspartei CDU im Land. In allen von Infratest dimap abgefragten Feldern wurden der AfD höhere Werte zugeschrieben als der CDU, vor allem in der Kriminalitätsbekämpfung (40% zu 23%) und der Asyl- und Flüchtlingspolitik (38% zu 16%), aber auch im Bereich Wirtschaft (30% zu 28%) und Arbeitsplätze (29% zu 25%) sowie soziale Gerechtigkeit (29% zu 12%) und Friedenssicherung (29% zu 18%). Die für die gesamte Wählerschaft wichtigsten Themenfelder waren soziale Sicherheit (25%), Frieden in Europa 17%, Wirtschaft 15% und Innere Sicherheit 13%. Die AfD, die noch nie regiert hatte, wies also einen deutlichen Kompetenzvorsprung gegenüber der langjährigen Regierungspartei CDU auf.
Wählergruppen: Alter, Geschlecht, Bildung und Beruf
Die Wählerschaften der Parteien wiesen ähnliche Eigenschaften auf wie bei den letzten Landtagswahlen: Bei der CDU war wieder der Anteil bei den Frauen höher (19% bei den Wählerinnen gegenüber 15% bei den Männern), während die AfD wie üblich deutlich mehr Stimmen bei den Männern holte (50% zu 39%). Beim BSW fällt der deutlich höhere Frauenanteil auf (6% zu 4%). Beim Alter zeigt sich bei der CDU die bekannte Verteilung – die besten Werte bei den Senioren (30% bei den über 70-Jährigen), aber weit unter 20% bei den unter 59-Jährigen und nur 5% bei den 18-24-jährigen Wählern. Die AfD holte ihre schwächsten Ergebnisse bei den Senioren (31% bei den über 70-Jährigen), aber 52% in den mittleren Jahrgängen und 41% bei den jüngsten Wählern. Auch die Linke konnte mit 15% ihre besten Werte in dieser Altersgruppe holen.
In der Gruppe mit formal hoher Bildung holten wie üblich die Grünen mit 16% ihr bestes Resultat, während die AfD dort nur auf 30% kam. Umgekehrt holte die AfD in der Gruppe mit formal mittlerer und niedriger Bildung ihre besten Werte (52% und 57%) und landete dort deutlich vor der CDU (jeweils 16%). Dies spiegelt sich auch in der Verteilung der Berufe wider: Unter den Arbeitern war die AfD mit 59% klar stärkste Partei weit vor CDU (9%), Linke (7%) und SPD sowie BSW mit jeweils 6%. Auch bei den Angestellten lag sie mit 46% vorn (CDU und Grüne jeweils 12%) ebenso wie bei den Selbständigen mit 52% (CDU 18%, Grüne 14%). Nur bei den Rentnern war der Vorsprung der AfD vor der CDU geringer (38% zu 26%). Unter den Wählern, die ihre finanzielle Lage als schlecht bezeichneten, haben 65% für die AfD gestimmt.
Wählerwanderung bei der Landtagswahl 2026 in Sachsen-Anhalt
Die Wählerwanderungsbilanz zeigt ein ähnliches Bild wie bei den anderen Wahlen der vergangenen Monate: Laut Infratest dimap hat die CDU zwar auch minimal von der zusätzlichen Mobilisierung profitiert und 30.000 Stimmen aus dem Lager der Nichtwähler geholt, aber ansonsten an alle anderen Parteien verloren – darunter 83.000 Stimmen an die AfD. Umgekehrt hat die AfD aus allen Richtungen gewonnen, darunter 170.000 Stimmen von den Nichtwählern. Auch das BSW konnte Stimmen aus verschiedenen Richtungen holen, darunter 15.000 von der Linken, 12.000 von der CDU und 11.000 von den Nichtwählern. Taktisches Wahlverhalten hat offenbar eine gewisse Rolle gespielt – zugunsten von SPD und Grünen, aber auch zugunsten des BSW.
Regierungsbildung nach der Wahl: Welche Mehrheiten sind möglich?
Bei dieser Landtagswahl hat die AfD einerseits profitiert von der schlechten Bewertung der Bundesregierung durch die Wählerinnen und Wähler. Zusätzlich hat sie sich als ostdeutsche Protestpartei profiliert, was sie medial gut ausbreiten konnte. Die versuchte Stigmatisierung des Spitzenkandidaten Siegmund als „gefährlichsten Mann Deutschlands“ hat ihr eher geholfen und zusätzliche Popularität gebracht. Der CDU-Spitzenkandidat Schulze hatte zwar keine schlechten Werte, konnte aber wegen seiner kurzen Amtszeit keinen wirklichen Amtsbonus aufbauen. Interessant wird die künftige Rolle des BSW als Königsmacher: Ihr Einzug ins Parlament hat der Partei und ihrer Gründerin noch einmal einen Aufwind gebracht, nachdem in der Woche zuvor die BSW-Fraktion in Thüringen zerfallen war und die Partei vor der Spaltung stand. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob die AfD mit Unterstützung durch das BSW eine Regierung bilden kann oder ob sich eine Regierung auf der Basis der demokratischen Parteien in Sachsen-Anhalt erhalten kann.
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