Im Gespräch mit . . . Steffen Kudella zum Irankrieg
Alltag im Ausnahmezustand: Wie Jerusalem mit dem Krieg lebt
Israelis suchen Schutz in einem Luftschutzbunker in Jerusalem während eines iranischen Raketenangriffs.
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Steffen Kudella, Leiter des HSS-Projektbüros in Jerusalem, verbrachte viele Nächte auf einer Matratze im Luftschutzraum seiner Wohnung in Jerusalem.
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HSS: Wie erleben Sie in Jerusalem derzeit die unmittelbare Bedrohung durch die Angriffe von Iran und Hisbollah? Ist es überhaupt möglich, seinen alltäglichen Verpflichtungen nachzugehen?
Steffen Kudella: In den vergangenen Tagen blieb es in Jerusalem im Vergleich zu Tel Aviv oder dem Norden Israels vergleichsweise ruhig. Dennoch prägt der Krieg mit dem Iran und der Hisbollah unseren Alltag: Sirenen, Raketenalarme und strenge Sicherheitsvorkehrungen schränken die Bewegungsfreiheit erheblich ein. Ertönt ein Alarm, müssen wir innerhalb von 90 Sekunden Schutzräume erreichen. Das ist für viele Bewohner Jerusalems eine schwere nächtliche Prüfung, besonders für jene ohne privaten Luftschutzraum, für Menschen mit Behinderung oder Familien mit kleinen Kindern. Versammlungen von über 50 Personen sind seit Kriegsbeginn verboten, Schulen geschlossen. Entsprechend arbeitet das HSS-Team im Homeoffice, was kurzfristig gut machbar, langfristig jedoch ermüdend ist. Gleichzeitig öffnen Geschäfte wieder ihre Türen, Busse pendeln, jegliche Panik bleibt aus. In Jerusalem etabliert sich gerade eine eigentümliche „Kriegsroutine“.
Kaffeepause auf dem Balkon zwischen zwei Raketenangriffen
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HSS: Welche Folgen hat die aktuelle Eskalation aus Ihrer Sicht für die politische Stabilität Israels und für die Perspektiven auf eine diplomatische Lösung im Nahen Osten?
Steffen Kudella: Der Irankrieg lässt sich höchst unterschiedlich deuten: als erneute Eskalationswelle - ähnlich früheren und möglicherweise zukünftigen - oder als historischer Wendepunkt mit neuen Allianzen, etwa zwischen Israel und weiteren arabischen Staaten. 81% der Israelis insgesamt und 93% der jüdischen Israelis erachten den Krieg als gerechtfertigt. Kurzfristig festigt er die politische Stabilität Israels durch Geschlossenheit und Erfolge der Streitkräfte, die Zustimmungswerte für die Regierung sind deutlich gestiegen, im Herbst 2026 stehen planmäßig Neuwahlen an. Langfristige Ziele wie ein Regimewechsel im Iran bleiben jedoch unsicher.
Israels anhaltende Bedrohung durch Stellvertreterkräfte in der Region erschwert derzeit diplomatische Fortschritte im israelisch-palästinensischen Konflikt. Während sich dieser Konflikt vor allem um Fragen von Land, Identität und Ressourcen dreht, reicht der regionale Krieg mit dem Iran weit darüber hinaus. Die israelische Regierung ist überzeugt, dass ein dauerhaft stabiler Frieden im Nahen Osten nur möglich ist, wenn aggressive Regionalmächte eingedämmt werden - ein Ziel, das auch im Interesse großer Teile der israelischen Bevölkerung liegt.
Blick auf den palästinensisch geprägten Ostteil von Jerusalem.
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HSS: Was bedeutet die angespannte Lage in Nahost für das Zusammenleben in Jerusalem – also für die öffentliche Stimmung, Vertrauen und den Blick der Menschen auf die Zukunft?
Steffen Kudella: Jerusalem atmet scheinbar Normalität: Die Straßen sind belebt, Kinder spielen in den Alarmpausen draußen; 65% der Israelis blicken grundsätzlich optimistisch auf die langfristige Stabilität des Nahen Ostens. Doch diese Stimmung ist gespalten: Vier von zehn (38%) arabischen Israelis erwarten eine Verschlimmerung; zudem möchten 62% der Gesamtbevölkerung höchstens einen Monat Krieg aushalten. Erschöpfung, bei Israelis wie Palästinensern, greift um sich nach rund drei Wochen fast täglicher Alarme, schlafloser Nächte und geschlossener Schulen.
In den Palästinensischen Gebieten verschlechtert sich die humanitäre Lage weiter: Im Gazastreifen deutet sich eine gravierende Versorgungskrise an; im Westjordanland wird die Zunahme von Spannungen und Sicherheitsvorfällen verzeichnet. Internationale Akteure zeigen sich besorgt über die politische und territoriale Entwicklung, zumal der Irankrieg derzeit einen großen Teil der globalen Aufmerksamkeit bindet.
Während die öffentliche Kommunikation der israelischen Regierung zu Beginn des Kriegs vor allem auf einen Regimewechsel abzielte, hat sich dieser Fokus im Verlauf der Kämpfe spürbar verschoben. Inzwischen wird eingeräumt, dass dieses Ziel auf absehbare Zeit kaum zu erreichen sein dürfte - was bei Beobachtern Fragen darüber aufwirft, wie der Krieg enden könnte.
Steffen Kudella berichtet in der Online-Veranstaltung “Blick in die Welt: Israel” am Montag, 23. März 2026, um 19.30 Uhr über die Projektarbeit der HSS in Jerusalem in Zeiten des Irankriegs. Die Veranstaltung ist kostenfrei.
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