C-Level-Talk der Hanns-Seidel-Stiftung
Anlagenbau und industrielle KI: Wie Bayern und Europa wettbewerbsfähig bleiben
Beim C-Level-Gespräch der HSS diskutierten der HSS-Vorsitzende Markus Ferber, MdEP, und Serkan Sen, CFO & Senior Vice President bei Linde Engineering, über industrielle KI, Wasserstoff, Technologieneutralität und den politischen Rahmen für einen starken Industriestandort Bayern und Europa. Auf diesem Bild ist ein Kuka-Industrieroboter in der KI-Forschungshalle der Universität Augsburg zu sehen.
© Bihlmayerfotografie/Imago
Anlagenbau und industrielle KI als Motoren der Transformation
Serkan Sen schilderte eindrucksvoll die globale Realität von Linde Engineering, einem Unternehmen mit über 140-jähriger Geschichte. Trotz der starken Verwurzelung in Pullach und massiver Investitionen am Standort Schalchen verdeutlichte er den enormen Anpassungsdruck im internationalen Anlagenbau: Zwei Drittel des Auftragseingangs und Umsatzes stammen derzeit aus Nordamerika. Pragmatische Anreize wie Steuergutschriften lösen dort Milliardeninvestitionen in blauen Wasserstoff aus. Dem harten Wettbewerb, insbesondere aus China, müsse man mit technologischer „Schlagdistanz“ begegnen. Sen plädierte dabei für einen mutigen Umgang mit der Konkurrenz: Statt sich zu verweigern, solle man über Gemeinschaftsunternehmen nach europäischer Façon nachdenken und die eigenen Stärken – Verlässlichkeit und Qualität – ausspielen.
Ein besonderer Fokus Sens lag auf der industriellen KI im Anlagenbau als „große Chance für die Produktivitätssteigerung“. Er verdeutlichte die Dringlichkeit anhand der bestehenden Produktivitätslücke: Während die Produktivität im deutschen Anlagenbau seit mindestens zehn Jahren stagniert, sind im selben Zeitraum die Lohn- und Standortkosten kontinuierlich gestiegen. Linde Engineering setzt KI-Technologien bereits heute ein, um Steuerungsparameter in chemischen Großanlagen in Echtzeit zu optimieren. Für ihn ist Künstliche Intelligenz nicht nur ein Werkzeug zur Gewinnoptimierung, sondern eine ökonomische Notwendigkeit, um diese steigenden Kosten durch Effizienzsprünge auszugleichen.
Darüber hinaus sieht er darin die Möglichkeit, innovative Berufsfelder zu etablieren und das theoretische Wissen junger Talente direkt in greifbare, reale Anwendungen zu überführen. Trotz Sorgen über die Abwanderung von Fachkräften ins Silicon Valley betonte er die Attraktivität Bayerns und die Stärke des deutschen Mittelstands, der etwa bei der Anwendung von Hochleistungschips für Industrieroboter weltweit führend sei.
Ferbers Vision für 2030: Serkan Sen verfolgt das Ziel, Linde als weltweit führenden Anlagenbauer und das führende Industriegasunternehmen zu festigen. Seine kühnste Vision reicht dabei über die Erdatmosphäre hinaus: Bis 2030 möchte er, dass Linde die erste Prozessanlage auf dem Mond errichtet hat.
„In Bayern dahoam, in der Welt zu Hause. Unser Rückgrat für die weltweite Wettbewerbsfähigkeit ist ein starker EU-Binnenmarkt als gemeinsamer Heimatmarkt.“
Serkan Sen, CFO Linde Engineering
Politischer Gestaltungsrahmen: europäische Wettbewerbsfähigkeit durch Technologieneutralität und Standardisierung
Markus Ferber, MdEP, unterstrich die Notwendigkeit, den europäischen Wirtschaftsraum aktiver zu schützen und gleichzeitig attraktiver für Investitionen zu machen. Ein zentraler Hebel sei hierbei die Vollendung der Kapitalmarktunion, um die Fragmentierung der europäischen Finanzplätze zu überwinden. Als Diplomingenieur hob er zudem die Bedeutung von Standardisierung hervor – eine europäische Stärke, die bereits am GSM-Standard gezeigt hat, dass Europa weltweit gültige Normen setzen kann.
Ein entscheidender Punkt in Ferbers Argumentation war die Sicherung der Rohstoffsouveränität. Da Europa ein rohstoffarmer Kontinent ist, müsse der Zugang zu strategischen Ressourcen proaktiv gesichert werden. Er verwies auf Erfolge wie das Freihandelsabkommen mit Australien, mahnte jedoch an, auch die Afrikapolitik neu zu denken und den Dialog mit Partnern wie der Ukraine zu intensivieren, um den Zugriff auf Rohstoffe nicht allein anderen Mächten zu überlassen.
In der Energiepolitik plädierte Ferber für strikte Technologieneutralität beim Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft als Schlüsselthema für Industrie, Anlagenbau und Klimaziele. Statt sich ideologisch auf „grünen“ Wasserstoff zu verengen, müsse man in der Übergangsphase alle Wasserstoffarten nutzen, um Emissionen sofort zu senken und die Industriezentren über den Ausbau von Gasnetzen und Kooperationen, etwa mit Afrika, sicher zu versorgen. Ein wichtiger politischer Erfolg sei zudem die Entlastung des Anlagenbaus im Rahmen des EU AI Acts durch die Herausnahme der Maschinenrichtlinie, was doppelte Regulierung vermeidet.
Markus Ferbers Vision für 2030: Europa soll wieder stärker vom Geist des Ermöglichens geprägt sein. Bis zum Ende des Jahrzehnts solle der bürokratische Ballast konsequent abgeworfen sein, damit Unternehmen wieder Kapazitäten für produktive Bereiche statt nur für Compliance haben. Er sieht die Chance, durch neue technologische Durchbrüche bei der Energieversorgung – wie etwa innovative Fusionsprojekte in München – den Standort Bayern und Europa wieder wettbewerbsfähig zu machen und den Klimazielen Rechnung zu tragen.
„Wir müssen uns entideologisieren und technologische Chancen zur Anwendung bringen. Ein Ruck muss durch Deutschland gehen.“
Markus Ferber, MdEP, HSS-Vorsitzender
Forschung, Mittelstand und junge Talente als Standortfaktoren
Prof. Dr. Diane Robers, die durch die Diskussion führte, ordnete die Themen in den Kontext der aktuellen Transformationsherausforderungen ein. Sie betonte, dass Wettbewerbsfähigkeit eng mit der Innovationskraft und der Ausbildung von jungen Talenten verknüpft ist. Robers hob hervor, dass gerade die systemische Verbindung von Spitzenforschung, wie sie an den Universitäten wie der TU München oder der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg stattfindet, und der praktischen Umsetzung im starken bayerischen Mittelstand gute Zukunftsperspektiven für die Region bieten kann.
Fazit: mit Pioniergeist, industrieller KI und weniger Ballast in die Zukunft
Der C-Level-Talk machte deutlich, dass Bayern und Europa über das notwendige Kapital, den technologischen Schatz hochwertiger Daten und vor allem über das notwendige technische Know-how und die Ingenieurskunst verfügen, um den Wandel erfolgreich zu gestalten. Voraussetzung ist jedoch ein enges Zusammenspiel von Politik und Wirtschaft: weg von bürokratischen Hemmnissen, hin zu einem Klima der Entfesselung. Wenn es gelingt, den Unternehmergeist zu fördern und Innovationen wie KI im Anlagenbau und Wasserstoff in der Industrie konsequent zu nutzen, wird der Anlagenbau auch im Jahr 2030 der entscheidende Motor für Wohlstand und Fortschritt sein können.
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