Podiumsdiskussion
Arbeit muss sich lohnen: Wie der Sozialstaat zukunftsfähig werden kann
Die Podiumsteilnehmer waren sich einig, dass der Sozialstaat nur durch eine enge Verbindung von sozialer Verantwortung, wirtschaftlicher Stärke und individueller Leistungsbereitschaft in einer sich wandelnden Arbeitswelt dauerhaft bestehen kann.
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Soziale Marktwirtschaft zwischen wirtschaftlicher Freiheit und sozialem Ausgleich
Der Sozialstaat ist untrennbar mit dem gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Leitbild der Sozialen Marktwirtschaft verbunden. „Sinn der Sozialen Marktwirtschaft ist es, das Prinzip der Freiheit auf dem Markt mit dem des sozialen Ausgleichs zu verbinden“, so Ludwig Erhard. Dieser Grundsatz hat Deutschland nicht nur jahrzehntelang geprägt, sondern auch prosperieren lassen. Das Erfolgsrezept lag dabei im geschickten Austarieren beider Maxime. Doch genau dieser Ausgleich wird in letzter Zeit intensiv diskutiert: Wie können wir Sozialstaat und Marktwirtschaft wieder in Balance bringen? Damit rücken die Finanzierung des Sozialstaats, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und wirksame Arbeitsanreize gleichermaßen in den Fokus.
Fakt ist: Die sozialen Sicherungssysteme haben sich in Deutschland in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Im Jahr 2025 lag das Sozialbudget bei rund 1,43 Billionen Euro. Die Kosten für den Vollzug sind hier noch nicht eingerechnet. Die Sozialleistungsquote belief sich auf knapp ein Drittel unserer gesamten Wertschöpfung in Form des Bruttoinlandsproduktes. Gleichzeitig sind die Arbeitskosten so hoch wie nie. So hat der Gesamtsozialversicherungsbeitrag bereits 2023 die wichtige Marke von 40 Prozent überschritten und liegt mittlerweile bei 42,3 Prozent. Damit wächst der Reformdruck auf die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme und auf den Wirtschaftsstandort Deutschland. Und das in einer wirtschaftlich herausfordernden Lage: drei Jahre in Folge Rezession. Die Staatsquote, das Verhältnis der Staatsausgaben zur Wirtschaftsleistung, liegt derzeit bei 51 Prozent. Bei einer Staatsquote von 50 Prozent fange der Sozialismus an, soll der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl einst gesagt haben.
Der HSS-Vorsitzende Klaus Holetschek, MdL, erinnerte an das Leitbild der solidarischen Leistungsgesellschaft und benannte als zentrale Herausforderung „den Sozialstaat an veränderte Arbeitsbedingungen anzupassen, ohne Fehlanreize zu setzen".
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Solidarische Leistungsgesellschaft: Rückbesinnung auf Bewährtes
Der Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung, Prof. Klaus Holetschek, MdL, rief das Ideal der „solidarischen Leistungsgesellschaft“ in Erinnerung, ein vom ehemaligen bayerischen Landtagspräsidenten Alois Glück geprägtes Leitbild. „Die Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft wird wesentlich davon abhängen, ob es gelingt, den Ausgleich unter sich verändernden demografischen und ökonomischen Rahmenbedingungen zu erhalten“, so Holetschek, der auch Vorsitzender der CSU-Landtagsfraktion ist. Als zentrale Herausforderung benannte er „den Sozialstaat an veränderte Arbeitsbedingungen anzupassen, ohne Fehlanreize zu setzen“. Denn nur durch eine enge Verbindung von sozialer Verantwortung, wirtschaftlicher Stärke und individueller Leistungsbereitschaft kann der Sozialstaat auch in einer sich wandelnden Arbeitswelt dauerhaft bestehen. Der HSS-Vorsitzende forderte mehr Eigenverantwortung und plädierte für eine Rückbesinnung auf die Grundlagen der Sozialen Marktwirtschaft gemäß der Katholischen Soziallehre.
Die bayerische Sozialministerin Ulrike Scharf, MdL, unterstrich in ihrem Impulsstatement: „Arbeit und Soziales sind zwei Seiten derselben Medaille. Sozial ist, was unseren Sozialstaat zukunftsfähig macht.“
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Arbeitsanreize schaffen: sozial ist, was Arbeit schafft
Die bayerische Sozialministerin Ulrike Scharf, MdL, betonte in ihrem Impulsbeitrag: „Arbeit und Soziales sind zwei Seiten derselben Medaille. Sozial ist, was unseren Sozialstaat zukunftsfähig macht.“ Auch unterstrich sie das Motto Ludwig Erhards: „So wenig Staat wie möglich und so viel Soziales wie nötig.“ Im Einklang mit den anderen Podiumsgästen, benannte sie als zentrale Stellschrauben, um Leistungsbereitschaft und Produktivität in Deutschland wieder zu stärken:
Mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt: wöchentliche statt tägliche Höchstarbeitszeit und Lockerung des Kündigungsschutzes für Topverdiener.
Bürokratieabbau und Digitalisierung: Modernisierung von Verwaltungsverfahren, weniger Nachweispflichten und schnellere Genehmigungen. Bayern schreitet derzeit mit dem Fünften Modernisierungsgesetz vorbildlich voran.
Arbeit und Leistung steuerlich stärker honorieren: kleinere und mittlere Einkommen entlasten, Mehrarbeit und Verantwortungsübernahme im Einkommen abbilden sowie steuerfreie Überstunden bei Vollzeitarbeit.
Aufgebautes Vermögen nicht über Gebühr zu besteuern: Entlastung bei der Erbschafts- und Schenkungssteuer, keine Vermögensteuer.
Mehr Leistungsgerechtigkeit: Grundsicherung statt Bürgergeld, Aktivieren statt Alimentieren, Sozialmissbrauch bekämpfen, denn „Solidarität ist keine Einbahnstraße“.
Die zentrale Botschaft: Eine leistungsfähige Gesellschaft benötigt Rahmenbedingungen, die Eigeninitiative fördern statt sie auszubremsen. Um das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates zu stärken, muss die Politik jetzt liefern. Die Bundesregierung hat mit dem jüngsten Reformpaket Durchsetzungsfähigkeit und Entscheidungskraft bewiesen. Die beschlossenen Gesetze entfalten jedoch erst ihre Wirkung, wenn sie konsequent umgesetzt und im Alltag angewendet werden.
„Wer mehr Leistung erwartet, muss die richtigen Anreize schaffen“, konstatierte Sebastian Brehm, MdB a.D., Steuerberater und Landesvorsitzender der Mittelstands-Union.
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Sebastian Brehm, MdB a.D., Steuerberater und Landesvorsitzender der Mittelstands-Union unterstrich: „Wer mehr Leistung erwartet, muss die richtigen Anreize schaffen“. Er plädierte für die Abschaffung der Erbschafts- und Schenkungssteuer und forderte eine „Steuerentlastung, die sich auszahlt: Mehr Netto, mehr Investitionen und mehr Zukunft für den Mittelstand“. Damit rückte er insbesondere die steuerliche Entlastung des Mittelstands und die Stärkung privater Investitionen in den Mittelpunkt.
Der IAB-Direktor, Prof. Bernd Fitzenberger PhD veranschaulichte anhand von Statistiken den Zielkonflikt zwischen Sozialleistungen und Arbeitsanreizen.
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Die beste Sozialpolitik ist Wachstumspolitik
Prof. Bernd Fitzenberger PhD, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, informierte in seinem Impulsvortrag über die Entwicklung von Wirtschaft und Arbeitsmarkt: „Deutschland hat ein Produktivitätsproblem, deshalb steigen die Lohnstückkosten“, so Fitzenberger. Seit fünf Jahren sinke die Wettbewerbsfähigkeit, seit drei Jahren bestehe eine Wirtschaftskrise, seit 2022 sei die Zahl der offenen Stellen stark zurückgegangen. Doch trotz Wirtschaftsschwäche zeigte sich 2025 eine sehr hohe Nichtbesetzungsquote für Fachkräfte, insbesondere in Land- und Forstwirtschaft, Baugewerbe sowie den übrigen personennahen Dienstleistungen. Der Fachkräftemangel bleibt damit trotz der schwachen Konjunktur eine zentrale Herausforderung für den deutschen Arbeitsmarkt.
Der Volkswirt führte weiter aus: „In Deutschland sind mehr Menschen denn je erwerbstätig. Eine Ausweitung der Arbeitszeit würde daher nach wie vor ein beträchtliches Potenzial zur Überwindung des Fachkräftemangels bieten.“ Hier gelte es die Mobilität im deutschen Arbeitsmarkt zu erhöhen, die Arbeitszeit vor allem bei Frauen und Älteren auszuweiten, vollzeitnahe Teilzeit durch bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu stärken und die vollzeitnahe Beschäftigung von Geringverdienenden durch passgenaue Reformen zu forcieren. Um den Sozialstaat zu stabilisieren, bräuchte es Wirtschaftswachstum und Mehrarbeit.
Dr. Florian Dorn, MdB und Mitglied des Finanzausschusses im Deutschen Bundestag sowie stv. Vorsitzender der Alterssicherungskommission (re.) unterstrich: „Arbeit und Sozialbeiträge müssen sich fürs Alter lohnen!“
Altersvorsorge reformieren: Arbeit und Sozialbeiträge müssen sich fürs Alter lohnen
Dr. Florian Dorn, MdB und Mitglied des Finanzausschusses im Deutschen Bundestag, unterstrich wie seine Vorredner: „Wer fleißig ist und mehr arbeitet, muss auch spürbar mehr im Geldbeutel haben.“ Er verwies in diesem Zusammenhang auf eine Studie zur Steuer- und Abgabenlast in Deutschland, die er 2023 als Referent am ifo Institut im Auftrag der Hanns-Seidel-Stiftung mitverfasst hat. Sein nach wie vor geltendes Resümee: „Die Entwicklung der Einkommen konnte in den vergangenen Jahren vielerorts mit steigenden Mieten und explodierenden Immobilienpreisen nicht mehr mithalten. Gerade bei jungen Menschen können Anreize zu mehr Arbeit verloren gehen, wenn Vermögensaufbau und der Erwerb eines Eigenheims durch eigene Leistung immer schwieriger werden.“ Die Höhe der Steuer- und Abgabenlast beeinflusst demnach nicht nur die Arbeitsanreize, sondern auch die Möglichkeiten zum privaten Vermögensaufbau.
In seiner Funktion als stellvertretender Vorsitzender der Alterssicherungskommission unterstrich er: „Arbeit und Sozialbeiträge müssen sich fürs Alter lohnen. Mehrarbeit und Beschäftigung müssen wachsen.“ Zur Stabilisierung der Altersvorsorge benannte er folgende der 33 Kommissions-Empfehlungen:
Das Renteneintrittsalter soll moderat angehoben und an die steigende Lebenserwartung gekoppelt werden.
Die sogenannte Rente mit 63 soll abgeschafft werden.
Minijobs sollen eingeschränkt werden.
Der „Nachhaltigkeitsfaktor“ soll ab 2031 wiedereingeführt werden und die jährliche Rentensteigerung dämpfen.
Eine obligatorische, gesetzliche Kapitalrente soll in der gesetzlichen Rentenversicherung nach schwedischem Vorbild für alle implementiert werden.
Die Empfehlungen verbinden damit eine Reform des Renteneintrittsalters, längere Erwerbstätigkeit und den Ausbau einer kapitalgedeckten Altersvorsorge.
Die bereits seit Januar 2026 in Kraft getretene „Aktivrente“ erlaubt es Menschen nach Erreichen der gesetzlichen Regelaltersgrenze sozialversicherungspflichtig weiterzuarbeiten und bis zu 2.000 Euro steuerfrei hinzuzuverdienen. Die Wirkung der Aktivrente wird gerade evaluiert.
Dorn bilanzierte: „Wir befinden uns auf dem richtigen Weg, aber wir haben noch Einiges vor uns.“
Die Expertinnen und Experten der Podiumsdiskussion waren (v.l.).: Prof. Bernd Fitzenberger PhD, HSS-Vorsitzender Prof. Holetschek, Sebastian Brehm, Staatsministerin Ulrike Scharf, Prof. Dr. Diane Robers, Dr. Florian Dorn.
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Fazit: Sozialstaat und Soziale Marktwirtschaft neu austarieren
Im Zentrum der Podiumsdiskussion stand die Frage, wie soziale Sicherheit langfristig finanziert werden kann, ohne Unternehmen, Innovation und internationale Wettbewerbsfähigkeit zu beeinträchtigen. Dabei ging es nicht nur um finanzielle Nachhaltigkeit, sondern auch um ein grundlegendes Prinzip der Sozialen Marktwirtschaft: Arbeit und Leistung müssen sich lohnen! Nur wenn sich Erwerbstätigkeit und persönlicher Einsatz spürbar auszahlen, bleibt das Vertrauen in das System erhalten und die wirtschaftliche Dynamik gesichert. Gute und sichere Arbeit ist dabei der Schlüssel zu einem gelingenden und selbstbestimmten Leben, zu Teilhabe und sozialer Sicherheit, zu Vermögensaufbau, Wohlstand und einer auskömmlichen Rente im Alter.
Entscheidend sind deshalb Rahmenbedingungen, die Arbeitsanreize stärken und zugleich die langfristige Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme gewährleisten.
Die Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft wird wesentlich davon abhängen, ob es gelingt, den Ausgleich zwischen sozialer Absicherung und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit unter sich verändernden demografischen und ökonomischen Rahmenbedingungen zu erhalten. Denn steigende Sozialausgaben, wachsende Sozialversicherungsbeiträge und eine schwache Konjunktur stellen den deutschen Sozialstaat vor erhebliche Herausforderungen.
In der Arbeitsmarkt-, Sozial- und Steuerpolitik werden nun die richtigen Weichen gestellt. Das beschlossene Reformpaket der Bundesregierung zielt darauf ab, die Wirtschaft zu beleben, die Bürger finanziell zu entlasten und die Sozialsysteme zu stabilisieren. Auf diesem Reformweg gilt es nun, mutig voranzuschreiten!
Aktuelle Analyse “Die Zukunft der Altersvorsorge in Deutschland”Interview mit dem HSS-Vorsitzenden Prof. Klaus Holetschek
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