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Im Gespräch mit . . . Prof. Klaus Holetschek
Soziale Marktwirtschaft unter Druck: Warum Leistung, Solidarität und Eigenverantwortung neu austariert werden müssen

Autorin/Autor: Katja Zirkel

Steigende Sozialausgaben, der demografische Wandel und die wirtschaftliche Schwäche setzen den Sozialstaat zunehmend unter Reformdruck. Im Interview spricht der neue Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung, Prof. Klaus Holetschek, über die Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft, das Leitbild einer solidarischen Leistungsgesellschaft und die Rolle politischer Bildung. Dabei wird deutlich: Soziale Sicherheit bleibt nur tragfähig, wenn Arbeit sich lohnt, Eigenverantwortung gestärkt und Solidarität verlässlich organisiert wird.

In Szene gesetzt: Prof. Klaus Holetschek, MdL.

In Szene gesetzt: Prof. Klaus Holetschek, MdL.

Thomas Plettenberg; HSS

HSS: „Arbeit und Leistung müssen sich lohnen“ – was bedeutet dieser Satz heute konkret für unsere Soziale Marktwirtschaft?

Prof. Klaus Holetschek: Die Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft wird wesentlich davon abhängen, ob es gelingt, den Ausgleich zwischen sozialer Absicherung und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit unter sich verändernden demografischen und ökonomischen Rahmenbedingungen zu erhalten. Denn steigende Sozialausgaben, wachsende Sozialversicherungsbeiträge und eine anhaltend schwache Wirtschaft stellen den deutschen Sozialstaat vor erhebliche Herausforderungen. Im Zentrum der Debatte steht die Frage, wie soziale Sicherheit langfristig finanziert werden kann, ohne Wachstum, Innovation und internationale Wettbewerbsfähigkeit zu beeinträchtigen. Dabei geht es nicht nur um finanzielle Nachhaltigkeit, sondern auch um ein grundlegendes Prinzip der Sozialen Marktwirtschaft: Arbeit und Leistung müssen sich lohnen. Nur wenn sich Erwerbstätigkeit und persönlicher Einsatz spürbar auszahlen, bleibt das Vertrauen in das System erhalten und die wirtschaftliche Dynamik gesichert. Gute und sichere Arbeit ist dabei der Schlüssel zu einem gelingenden und selbstbestimmten Leben, zu Teilhabe und sozialer Sicherheit, zu Vermögenaufbau, Wohlstand und einer auskömmlichen Rente im Alter. 

Die zentrale Herausforderung besteht nun darin, den Sozialstaat an veränderte Arbeitsbedingungen anzupassen, ohne Fehlanreize zu setzen. Denn nur durch eine enge Verbindung von sozialer Verantwortung, wirtschaftlicher Stärke und individueller Leistungsbereitschaft kann der Sozialstaat auch in einer sich wandelnden Arbeitswelt dauerhaft bestehen. 

 

HSS: Die sozialen Sicherungssysteme stehen unter hohem finanziellen Druck, zugleich braucht es sozialen Ausgleich. Wo verläuft aus Ihrer Sicht die richtige Balance zwischen Solidarität, Eigenverantwortung und wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit?

Prof. Klaus Holetschek: Wir stehen zum Ideal der „solidarischen Leistungsgesellschaft“, einem vom ehemaligen bayerischen Landtagspräsidenten Alois Glück geprägten Leitbild. Es verbindet individuelle Leistungsbereitschaft, Eigenverantwortung und wirtschaftliche Dynamik untrennbar mit sozialer Verantwortung und dem gesellschaftlichen Zusammenhalt. 

Die „solidarische Leistungsgesellschaft“ vereint das christliche Menschenbild mit dem Prinzip der Sozialen Marktwirtschaft. Das Konzept stützt sich auf vier Kernpunkte:

  • Verbindung von Leistung und Solidarität: Leistung und Wettbewerb werden als wichtige Antriebsfedern für wirtschaftlichen Erfolg angesehen, während Solidarität den gesellschaftlichen Zusammenhalt sichert.
  • Eigenverantwortung vor Staatshilfe: Das Leitbild fordert, dass Bürger zunächst selbst Verantwortung für ihr Leben und ihre Familie übernehmen. Erst wenn dies nicht möglich ist, greift die Solidargemeinschaft.
  • Chancengerechtigkeit: Der Staat soll dafür sorgen, dass jeder Mensch – unabhängig von seiner Herkunft – die besten Startbedingungen für Bildung und gesellschaftliche Teilhabe erhält.
  • Subsidiaritätsprinzip: Getreu dem Motto „So viel Freiheit wie möglich, so viel Staat wie nötig“ sollen kleinere Einheiten – wie Kommunen, Familien oder Vereine – Probleme selbst lösen, bevor staatliche Institutionen eingreifen.- 

Die solidarische Leistungsgesellschaft fordert und fördert den aktiven, eigenverantwortlichen und selbstbewussten Bürger und seine Bereitschaft, zur Verantwortungsübernahme. Unsere Überzeugung ist: Was die kleinere Einheit genauso gut oder besser kann, darf die größere nicht an sich ziehen. Wir setzen auf die Freiheit des Einzelnen, die Verantwortung für sich und die Seinen, die Hilfe zur Selbsthilfe und lassen niemanden alleine. Wer sich nicht selbst helfen kann, der kann sich auf die Solidargemeinschaft in unserem partnerschaftlichen Sozialstaat verlassen. Auch der hilfsbedürftige Mensch hat ein Recht auf Teilhabe und Schutz in Würde. Das ist das Versprechen des partnerschaftlichen Sozialstaats und der sorgenden Gesellschaft.

HSS: Sie sind neuer Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung und diskutieren auf dem Podium über Arbeit, Leistung und Sozialstaat. Welche Rolle kann politische Bildung dabei spielen, die Grundidee der Sozialen Marktwirtschaft wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken?

Prof. Klaus Holetschek: Politische Bildung spielt hierbei eine zentrale Rolle. Sie befähigt Bürger, die Soziale Marktwirtschaft zu verstehen, zu bewerten und aktiv mitzugestalten. Sie vermittelt das nötige Wissen über ökonomische Zusammenhänge, fördert das Bewusstsein für gesellschaftliche Zielkonflikte – etwa zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltschutz – und stärkt so die demokratische Urteilskraft. Wirtschaftliche und finanzielle Bildung sind Grundvoraussetzungen für ökonomische Mündigkeit.

Die Soziale Marktwirtschaft als Wirtschaftsordnung wird in Bayern – neben der Hanns-Seidel-Stiftung –primär von Schulen, staatlichen Bildungsträgern, Universitäten und Wirtschaftsverbänden vermittelt. 

Diskussionsveranstaltung „Arbeit und Leistung müssen sich lohnen! Das Leitbild unserer Sozialen Marktwirtschaft am Donnerstag, 16. Juli, von 16.00 - 17.30 Uhr im Konferenzzentrum der Hanns-Seidel-Stiftung

Das Sozialstaatsprinzip entwickelte sich aus dem gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Leitbild der Sozialen Marktwirtschaft. Das Prinzip, die Freiheit des Marktes mit dem Prinzip des sozialen Ausgleichs zu verbinden, hat Deutschland nicht nur jahrzehntelang geprägt, sondern auch prosperieren lassen. Das Erfolgsrezept lag dabei im geschickten Austarieren beider Maxime. Doch genau dieser Ausgleich wird in letzter Zeit intensiv diskutiert: Haben wir aktuell zu viel Sozialstaat und zu wenig wirtschaftliche Freiheit? Diese Frage steht im Zentrum der aktuellen Reformdebatte. Denn unsere sozialen Sicherungssysteme haben sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Im Jahr 2024 lag das Sozialbudget bei 1.345 Milliarden Euro. Die Kosten für den Vollzug sind hier noch nicht eingerechnet. Das ist knapp ein Drittel unserer gesamten Wertschöpfung in Form des Bruttoinlandsproduktes. Gleichzeitig sind die Arbeitskosten so hoch wie nie. So hat der Gesamtsozialversicherungsbeitrag bereits 2023 die wichtige Marke von 40 Prozent überschritten und liegt mittlerweile bei 42,3 Prozent. Und das in einer wirtschaftlich herausfordernden Lage: Drei Jahre in Folge Rezession.

Vor diesem Hintergrund fragen wir uns: Wie steht es um die Grundidee der Sozialen Marktwirtschaft? Wo liegt der richtige Ausgleich zwischen Wirtschaft und Sozialstaat – festgemacht an den Themen Kosten der Arbeit, Anreize für Mehrarbeit und Fachkräftemangel? Können wir uns die Sozialsysteme in der bisherigen Form noch leisten? Belasten diese unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit?

Es diskutieren der HSS-Vorsitzende Prof. Klaus Holetschek, Dr. Florian Dorn, MdB, Sozialministerin Ulrike Scharf, MdL, Sebastian Brehm, MdB a.D. Landesvorsitzender der Mittelstands-Union Bayern sowie Prof. Bernd Fitzenberger PhD, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Es moderiert Prof. Dr. Diane Robers, Leiterin der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der HSS.

Zur Anmeldung für die Veranstaltung: „Arbeit und Leistung müssen sich lohnen! Das Leitbild unserer Sozialen Marktwirtschaft“

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Redakteurin: Katja Zirkel
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