Zu Ende gedacht?
Das Erbe der Republik
Die Grafik „Self-made versus geerbter Wohlstand bei Milliardären“ zeigt den Anteil der Milliardäre, deren Vermögen selbst erarbeitet ist (blau), im Vergleich zu jenen, die es geerbt haben (orange) – aufgeschlüsselt nach Ländern. Deutschland nimmt im internationalen Vergleich eine Sonderrolle ein: Hier stammt der überwiegende Teil des Milliardärsvermögens aus Erbschaften, nicht aus neu aufgebautem Unternehmertum.
© Bundeswirtschaftsministerium
Die nebenstehende Grafik zu zeigen, ist mutig, provokant und eine scheinbare Steilvorlage für die Erbschafts- und die Vermögenssteuer-Debatte. In einem Gutachten für Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche kamen das Beraterteam, bestehend aus Prof. Dr. Veronika Grimm, Prof. Dr. Justus Haucap, Prof. Dr. Stefan Kolev und Volker Wieland zu dem Ergebnis, dass das Milliardärsvermögen in Deutschland weitgehend vererbt wird. Demnach könnte man vermuten, dass 75% der Milliardäre „leistungslos“ Vermögen erben. Allein der Blick auf die Grafik löst den „Geld-Quellen-Suchreflex“ aus. Der greift um sich und überlagert den Aufbau einer Wirtschaftspolitik, die stattdessen Innovationen ermöglicht.
„Deutschland lebt vom Innovationsgeist der 50er, 60er und 70er Jahre.“
Stefan Koplev
2025 gab es nach einem Bericht von Oxfam 130 Milliardäre in Deutschland. Das scheint nicht wenig, vor allem, wenn man den Aussagen von Heidi Reichinneck folgen würde: „Jeder Milliardär stellt eine Bedrohung für unsere Demokratie dar. . . Tag für Tag missbrauchen sie ihren Einfluss, um Löhne zu drücken, Preise in die Höhe zu treiben und ihre Profite durch Investitionen abzusichern, die Menschen und Umwelt schaden.“ Diese Verunglimpfung heißt bildlich beschrieben: Wenn deren Gesamtvermögen, das laut Oxfam bei 625,4 Milliarden liegt, halbiert wird, was Heidi Reichinnek innerhalb von fünf Jahren anstrebt, ist der Haushalt entlastet, die Quellen sprudeln. In der Realität wird nichts sprudeln, denn das Vermögen ist nur bedingt liquide. Es steckt stattdessen in Maschinen, Forschungslaboren etc. Aber allein mit der Vorstellung könnte man – im Sinne der Umverteilung – endlich wieder die Diskussion über ein leistungsloses Grundeinkommen aufnehmen. All das ganz abgesehen davon, dass die Welt natürlich, vermeintlich eine Bessere wäre.
Die Grafik zeigt deutlich, dass diese Rechnung (zumindest) für Deutschland so nicht aufgehen wird. Warum? Nur jeder Vierte ist ein Self-Made-Milliardär. Während in Großbritannien, Tschechien, in Kanada und den Niederlanden nahezu alle durch ihren Geschäftsaufbau reich wurden, lebt Deutschland von der Substanz, vom „Innovationsgeist der 50er, 60er und 70er Jahre“, wie Kolev konstatiert.
Ein aktuelles Zitat aus prominentem Mund genau betrachten und auf seinen ökonomischen Gehalt prüfen: Das wollen wir mit unserer Reihe „Zu Ende gedacht?“ Wir analysieren regelmäßig, welche Botschaften Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft senden – und welche Schlussfolgerungen sich daraus ziehen lassen.
Ohne Mut kein Wohlstand
Das ist die Erkenntnis, die uns große Sorgen machen sollte und die wir vor allem aus dieser Grafik ableiten müssen. Denn wenn es nicht gelingt, die Risikobereitschaft der Menschen, ihren Spirit, ihre persönliche Stärke zu entfesseln, sich eigenverantwortlich in diesem System zu bewegen, zu gründen und Arbeitsplätze zu schaffen, dann ist das „Geschäftsmodell“ - oder sagen wir besser, die Hubble - von Heidi Reichinnek ganz schnell ein Auslaufmodell. Denn es geht weniger um persönlichen Reichtum als um Menschen, die noch Lust haben, am Standort Deutschland mit großem persönlichen Einsatz und unternehmerischem Handeln weiter zum Bruttoinlandsprodukt beizutragen. Das Streben nach Sicherheit, idealerweise im Schoß des Staates, nimmt leider zu. Vor allem die 15-24-Jährigen (43%) bevorzugen den Staat als Arbeitgeber, nur 40% einen Arbeitgeber in der freien Wirtschaft. Sie suchen Jobsicherheit und Work-Life-Balance. Inwieweit die gesellschaftliche Ächtung reicher Menschen, oder die Kampfansage gegen die Sozialpartnerschaft (à la Bärbel Bas) solche Verschiebungen mit bedingt, ist zu erforschen. Solche Transformationen haben viele Gründe, sie fordern das Geschäftsmodell der Sozialen Marktwirtschaft heraus. Dass der Gründergeist – einst eine sprudelnde Quelle von Innovationen – inzwischen nur noch schwach fließt und das Vermögen eher von den Erträgen früherer Jahre lebt, statt Neues zu schaffen, gibt Anlass zur Sorge.
Wir haben lange gut von und mit Siemens, Bosch, Lidl, Aldi, Würth, der I.K. Hoffmann-Gruppe und BMW gelebt. Sie können Vorbild sein, auch wenn den jungen Gründern nicht zwangsläufig der Aufbau eines Firmenimperiums vorschweben muss. Wohl aber braucht es eine Plattform, die unternehmerische Ideen ermöglicht und fördert Kolev: Deutschland braucht auch Millionäre, die „aus unternehmerischem Antrieb reich geworden sind“. Deutschland braucht alles, was Energie und Innovation bringt.
Natürlich darf man über eine Reform der Erbschaftssteuer sprechen. Aber der Geldsuchreflex ist ein trügerisches Gebilde. Er saugt Energie und lenkt ab von den eigentlichen Problemen, die unseren Wirtschaftsstandort bedrohen. Wenn es uns nicht gelingt, innovative Lösungen zu entwickeln und in Generationen zu denken – so, wie es viele Familienunternehmen tun, um den Wert ihres Schaffens zu bewahren –, dann gibt es keine wirtschaftliche Sicherheit. Allenfalls bleibt die Gewissheit, dass man in diesem Fall auch keine Angst mehr vor Milliardären haben muss. Denn die wären dann ebenfalls verschwunden, weil Erbe braucht sich auf, die echten Quellen sprudeln durch Wachstum.
Kontakt
Leiterin