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Zu Ende gedacht?
Steigende Benzinpreise: Folge mangelnder Resilienz?

Autorin/Autor: Dr. Claudia Schlembach

Kaum steigen die Spritpreise, ist schnell von „Abzocke“ die Rede und der Ruf nach dem Staat laut. Doch was, wenn hohe Preise nicht vor allem Gier anzeigen, sondern politische Fehlentscheidungen, strukturelle Abhängigkeiten und mangelnde Resilienz? In unserer Rubrik „Zu Ende gedacht?“ hinterfragen wir, ob Politik Symptome bekämpft, statt Ursachen zu beheben.

Preistafel einer Shell Autobahntankstelle mit hohen Kraftstoffpreisen. Wenn die Spritpreise anziehen, dominiert oft sofort ein bekanntes Muster: der Vorwurf der „Abzocke" und der Ruf nach dem Staat. Dabei könnten hohe Preise weniger auf moralisches Fehlverhalten hindeuten als auf politische Versäumnisse, strukturelle Verwundbarkeit und fehlende Resilienz. In unserer Serie „Zu Ende gedacht?" hinterfragen wir deshalb, ob die Politik die Ursachen angeht – oder lediglich deren Folgen abfedert.

Preistafel einer Shell Autobahntankstelle mit hohen Kraftstoffpreisen. Wenn die Spritpreise anziehen, dominiert oft sofort ein bekanntes Muster: der Vorwurf der „Abzocke" und der Ruf nach dem Staat. Dabei könnten hohe Preise weniger auf moralisches Fehlverhalten hindeuten als auf politische Versäumnisse, strukturelle Verwundbarkeit und fehlende Resilienz. In unserer Serie „Zu Ende gedacht?" hinterfragen wir deshalb, ob die Politik die Ursachen angeht – oder lediglich deren Folgen abfedert.

© Bihlmayerfotografie/Imago

„Also es darf da jetzt keine Abzocke geben, und da muss Politik natürlich auch handeln und muss da klar und konsequent vorgehen.“
Lars Klingbeil, SPD, Vizekanzler und Bundesfinanzminister, März 2026

 

Zwischen Preisschock und politischem Reflex

Manchmal genügt ein Blick auf den Tankanzeiger: Kaum steigt der Preis, setzt ein Reflex ein: Medien alarmieren, Verbraucher klagen, Politiker wollen handeln, ja sprechen gar - wie jüngst Vizekanzler Lars Klingbeil - von “Abzocke”. Diskutiert werden dann Subventionen, Preisbremsen, Entlastungspakete. Aktuell werden sogar wieder Überlegungen wie ein Tankdeckel in die Debatte eingebracht. Der Zyklus ist vertraut: Wirtschaft stabilisieren, Bürger beruhigen. Doch Stabilisierung ist nicht dasselbe wie Resilienz.

Der Krieg im Nahen Osten und die Taktik des Iran treiben in einer hoch vernetzten Welt die Sorge vor neuer Ölknappheit – und damit die Energiepreise hoch. In einer Marktwirtschaft ist ein steigender Preis zunächst kein Fehlverhalten. Preise sind Informationssysteme. Sie signalisieren Knappheit, lenken Ressourcen effizienter und treiben Innovationen an. Die Analyse zeigt: Verwundbar sind wir vor allem dort, wo wir von Energieträgern oder Rohstoffen abhängig sind, die sich nicht schnell ersetzen lassen – oder aus Sicht der Politik gar nicht ersetzt werden sollen.

Wenn Energie teurer wird, beginnt laut Lehrbuch genau das: Unternehmen investieren in Effizienz, Haushalte reduzieren ihren Verbrauch, neue Technologien werden interessant. Natürlich funktioniert dieser Mechanismus nicht immer sofort. Märkte reagieren träge, Anpassungen brauchen Zeit, und nicht jeder theoretische Mechanismus aus dem Lehrbuch entfaltet sich in der Realität reibungsfrei.

Mit Subventionen strukturelle Probleme des Staates lösen?

 

Dann kann sich der Staat gefordert sehen, lenkend einzugreifen. Entscheidend ist jedoch, worauf solche Eingriffe abzielen: ob sie lediglich die Symptome einer Knappheit abfedern oder ob sie die strukturellen Ursachen in den Blick nehmen. Staatliche Eingriffe neigen gerne dazu, zur Dauerlösung zu werden.

Die Energiepolitik liefert dafür ein prägnantes Beispiel. Der Ausstieg aus der Kernenergie, die Förderung bestimmter Energieträger und der zeitweise Verzicht auf Technologieoffenheit haben die Struktur des Marktes verändert. Politisch folgen diese Entscheidungen gesellschaftlicher Legitimation und Sicherheitsüberlegungen – ökonomisch aber erhöhen sie die Sensibilität des Systems für Preisschocks. Wenn anschließend steigende Preise durch Subventionen abgefedert werden, entsteht ein doppelter Eingriff: Zunächst wird der Markt gezielt verändert, anschließend versucht die Politik, die Folgen dieser Veränderung zu kompensieren. Subventionen werden so zum Instrument, politische Entscheidungen nachträglich zu stabilisieren. Denn klar ist, dass in Deutschland die Weichen so gestellt wurden, dass Energie teuer ist.

 

Ein aktuelles Zitat aus prominentem Mund genau betrachten und auf seinen ökonomischen Gehalt prüfen: Das wollen wir mit unserer Reihe „Zu Ende gedacht?“ Wir analysieren regelmäßig, welche Botschaften Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft senden – und welche Schlussfolgerungen sich daraus ziehen lassen.

Ein aktuelles Zitat aus prominentem Mund genau betrachten und auf seinen ökonomischen Gehalt prüfen: Das wollen wir mit unserer Reihe „Zu Ende gedacht?“ Wir analysieren regelmäßig, welche Botschaften Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft senden – und welche Schlussfolgerungen sich daraus ziehen lassen.

Resilienz entsteht nicht durch staatliche Entlastung

Resilienz entsteht anders: durch Diversifizierung, technologische Anpassung und robuste Strukturen – durch Maßnahmen also, die Knappheit dauerhaft entschärfen, statt ihre Folgen nur temporär zu kompensieren. Dazu gehört auch eine gewisse Offenheit gegenüber den Bürgern. Wenn Energiepreise steigen, ist es nicht zwingend Aufgabe des Staates, jede Belastung auszugleichen. Seine Rolle besteht eher darin, funktionierenden Wettbewerb zu sichern und Missbrauch zu verhindern – nicht aber darin, Preissignale dauerhaft zu neutralisieren.

Was der Staat nicht tun sollte, ist den Bürgern und Unternehmen zu suggerieren, er könne die Auswirkungen geopolitischer Verwerfungen dauerhaft ausgleichen. Niemand kann sagen, wann die nächste Krise ausbricht und unsere Abhängigkeiten wieder blank legt. Die Verringerung von Abhängigkeiten ist ein Marathon. Strukturreformen entfalten ihre Wirkung oft erst nach Jahren, kosten Zeit und politische Zustimmung und sind häufig konfliktträchtig. Für Regierungen sind kurzfristige Eingriffe daher rational – für die langfristige Stabilität eines Systems nicht immer.

Historisch zeigen Krisen, dass gerade unter Druck die großen wirtschaftspolitischen Entscheidungen entstehen: die soziale Marktwirtschaft nach dem Krieg, energiepolitische Neuorientierungen nach den Ölkrisen der siebziger Jahre oder der europäische Binnenmarkt in Zeiten globaler Umbrüche. Krisen schaffen ein seltenes Gut: politischen Druck für strukturelle Reformen. Doch kurzfristige Stabilisierung absorbiert diesen Druck oft, bevor er zu grundlegenden Veränderungen führt.

Vielleicht liegt genau darin die zentrale Herausforderung moderner Wirtschaftspolitik. Wohlstandsgesellschaften haben eine beeindruckende Fähigkeit entwickelt, Schocks schnell zu neutralisieren. Resilienz entsteht jedoch nur, wenn die Reaktion auf die Preissignale nachhaltig strukturell ist. 

Fazit

Preise mögen unbequem sein. Aber sie sind die Sprache der Knappheit. Wer sie dauerhaft übertönt, riskiert, dass das eigentliche Problem ungehört bleibt – und dass die nächste Krise uns wieder genauso überrascht wie die letzte.

 

Kontakt

Leiterin: Dr. Claudia Schlembach
Wirtschaft und Finanzen
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