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Interview ehrenamtliches Engagement: Kultur und Musik
Auf einen Schlag 2000 Menschen glücklich machen

In unserer Interview-Reihe zum ehrenamtlichen Engagement sprechen wir mit Menschen, die sich aktiv in die Gesellschaft einbringen. Sei es der Rettungsdienst, die Münchner Tafel oder Deutsch-Unterricht für Geflüchtete: Das Ehrenamt hat viele Gesichter. In diesem Teil sprechen wir mit Felix Pietsch, der zusammen mit einer Gruppe Freunde ein gemeinnütziges Festival organisierte und so die junge Musikszene im Münchner Norden mitgestaltete.

  • Die Organisation eines Festivals bietet Jugendlichen Freiraum, um sich auszuprobieren und Neues zu lernen.
  • Kostenlose Kulturveranstaltungen fördern den sozialen Austausch und Toleranz.
  • Gerade im Bereich Veranstaltungen ist es wichtig, ein zuverlässiges Team zu haben und auf das Vertrauen der Partner setzen zu können.
Felix Pietsch war vier Jahre lang Teil des Organisationsteams des gemeinnützigen Festivals Seequency.

Felix Pietsch war vier Jahre lang Teil des Organisationsteams des gemeinnützigen Festivals Seequency.

Juliane Haerendel; HSS; Seequency

Felix Pietsch hat zusammen mit rund 15 anderen Jugendlichen mehrere jahrelang ein großes Festival organisiert, das viele tausend Besucher anlockte – und das alles ehrenamtlich. Das „Seequency“ war für die Musikfans aus München und auch darüber hinaus eine feste Institution. Zusätzlich war es den Organisatoren wichtig, ein kostenloses Kulturangebot für die Jugend zu organisieren, bei dem sich jeder unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Hautfarbe wohlfühlen kann. Neben Abitur und Ausbildung traf sich Felix Pietsch in seiner Freizeit mit dem örtlichen Bürgermeister, verhandelte mit dem Ordnungsamt und diskutierte mit den Managern der Bands. In unserem Interview erzählt er, was in antrieb und an welche persönlichen Erfahrungen er sich aus dieser Zeit besonders erinnern kann.

Jedes Jahr traten sieben verschiedene Bands aus dem Raum München auf. So sollten vor allem lokale Künstler gefördert werden.

Jedes Jahr traten sieben verschiedene Bands aus dem Raum München auf. So sollten vor allem lokale Künstler gefördert werden.

Juliane Haerendel; HSS; Seequency

HSS: Wie sind Sie dazu gekommen, ehrenamtlich ein ganzes Festival zu organisieren? Was ist Ihre Motivation gewesen?

Mich hatte ein Freund eingeladen mal mit zu einem Planungstreffen zu kommen und das hat mir total Spaß gemacht. Die Möglichkeit so eine Veranstaltung für andere zu organisieren, das ist eine tolle Chance. Das hat nicht jeder. Außerdem habe ich dadurch auch etwas über Veranstaltungsmanagement gelernt, was mich schon immer sehr interessiert hat.

HSS: Wie viel Zeit haben Sie in Ihr Ehrenamt investiert?

Also zu Beginn der Planungsphase vielleicht zwei bis drei Stunden in der Woche. Aber je näher die Veranstaltung rückte, desto mehr: Kurz vor dem eigentlichen Festival traf man sich quasi täglich für ein paar Stunden. Und dann nahm natürlich das Event selbst Zeit in Anspruch, mit Auf- und Abbau war ich das ganze Wochenende von morgens bis abends eingespannt.

HSS: Wie sieht die Planungsphase einer solchen Veranstaltung aus? Was waren Ihre Aufgaben?

Sie sieht zunächst einmal stressig aus. [lacht] Man muss sehr viel innerhalb kürzester Zeit machen, irgendwo brennt’s immer, gerade in so einem kleinen Team. Meine Aufgaben waren sehr unterschiedlich: In einem Jahr war ich beispielsweise nur Plenarleiter, sprich habe mich um die Kommunikation im Team untereinander gekümmert und die Treffen vorbereitet und moderiert. Dann habe ich auch mal die Logistik erledigt, also Bierbänke und Bauzäune und solche Sachen organisiert. Security war auch immer ein großes Thema. Und im letzten Jahr war ich quasi Projektleiter, sprich habe alles so ein bisschen gemacht und habe dafür gesorgt, dass jeder seine Informationen hat und seine Aufgaben erledigt.

Das Seequency Festival

2006 entstand die Idee: Eine Gruppe Jugendlicher aus Garching und Umgebung veranstalteten als Projekt zusammen mit dem Jugendbürgerhaus Profil in Garching ein kleines Musikfestival. Das OpenAir am Garchinger See war geboren. Im Laufe der Jahre wurde dieses OpenAir zu einem renommierten Festival mit mehreren Bühnen und Genres, das jährlich bis zu 4000 Besucher anzog. Mit 10 Jahren Erfahrung entschied sich das Team dann 2017 eine neue Richtung einzuschlagen und erstmals – mit neuem Konzept – das Seequency zu veranstalten. Ein Festival, das lokalen Münchener Bands eine Bühne bietet, für jeden zugänglich ist und selbstständig von Jugendlichen – in Zusammenarbeit mit dem Jugendbürgerhaus Profil und der Stadt Garching – organisiert wird. Entspannte Atmosphäre, Aufklärung in pädagogischer, sozialer und umweltbewusster Hinsicht und Plattform für unbekanntere Künstler. Diese Jahr musste das Team sich dann schweren Herzens dazu entscheiden, das Seequency nicht mehr weiterzuführen.

Zusätzlich zur Musik, war ein vielfältiges Rahmenprogramm und ein breit gefächertes Angebot an Essensständen geboten.

Zusätzlich zur Musik, war ein vielfältiges Rahmenprogramm und ein breit gefächertes Angebot an Essensständen geboten.

Juliane Haerendel; HSS; Seequency

HSS: Welche Probleme gab es?

Leider gab es auch unzuverlässige Leute. Dadurch, dass die Arbeit ehrenamtlich ist, möchte selten jemand Aufgabe erledigen, die keinen Spaß machen, sondern nur nervig sind. Das gehört aber auch dazu. Solche Sachen sind dann manchmal bis zum letzten Moment liegengeblieben oder alle an einer Person hängengeblieben. Außerdem wird man manchmal von außen nicht richtig ernst genommen, gerade wenn das ganze Planungsteam noch so jung ist.

HSS: Das Seequency oder früher OpenAir am Garchinger See wird mit dem Begriff „Jugendkulturarbeit“ betitelt. Wieso das? Worin liegt der Mehrwert solcher Projekte?

Auf der einen Seite gibt es einen Mehrwert für das Planungsteam: Wir hatten mehr oder weniger freie Hand mit diesem Festival. Wir konnten das Konzept frei entwickeln, die Bands aussuchen und so weiter. Alles wurde eigenständig er- und bearbeitet. Dementsprechend viel Verantwortung haben wir übernommen und sind daran gewachsen. Gleichzeitig hatten wir einen sicheren Raum, in dem wir uns ausprobieren und Neues lernen konnten und so die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren, die uns interessieren.

Auf der anderen Seite haben natürlich die Besucher auch einen Mehrwert. Gerade bei uns in der Gegend gibt es keine vergleichbaren Veranstaltungen. Uns war es auch immer wichtig, kostenlos zu bleiben, damit auch wirklich jeder kommen kann, der möchte. Zusätzlich haben wir auf unserem Gelände immer auch Stände von NGOs oder Beratungsorganisationen für Jugendliche gehabt, um auch so einen gewissen bildungstechnischen oder politischen Mehrwert zu haben.

Während der Jahre entstanden innerhalb des Organisationsteams enge Freundschaften, die auch nach Ende des Festivals weiter bestehen.

Während der Jahre entstanden innerhalb des Organisationsteams enge Freundschaften, die auch nach Ende des Festivals weiter bestehen.

Juliane Haerendel; HSS; Seequency

HSS: Was war das schönste Erlebnis während Ihres freiwilligen Engagements?

Immer das Pizza essen danach. Da konnte man mit dem Team gemeinsam nochmal rekapitulieren, was gut und nicht so gut gelaufen ist. Wenn man da abends in der Runde sitzt und zwar völlig fertig ist vom Wochenende, aber auch weiß, man hat ordentlich was geleistet. Es ist einfach ein gutes Gefühl, das geschafft zu haben.

HSS: Wie haben Sie von Ihrem Ehrenamt profitiert? Was haben Sie für Ihre Zukunft gelernt?

Ich habe gemerkt, dass es mir total Spaß macht, Veranstaltungen zu organisieren und deswegen habe ich jetzt eine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann begonnen. Außerdem habe ich vor, ebenfalls in diesem Bereich zu studieren, nachdem ich meine Ausbildung beendet habe.

HSS: Wobei benötigen Sie Unterstützung, um ihr Ehrenamt gut erfüllen zu können?

Ganz wichtig ist die gegenseitige Unterstützung im Team. Jeder muss motiviert und engagiert sein, sonst funktioniert es nicht. Deswegen haben wir auch immer zu Beginn jeder Planungsphase ein sogenanntes Konzeptwochenende veranstaltet: Da haben wir uns ein Wochenende in einer Hütte auf dem Land eingeschlossen und das grobe Konzept für das Festival entworfen, mit dem jeder zufrieden war und an dem jeder ein Jahr lang fleißig mitarbeiten wollte.

HSS: Haben Sie einen Wunsch im Bezug auf ihr ehrenamtliches Engagement im Bereich Kultur und Musik?

Wir hatten total Glück, weil wir nie wirklich ein Problem mit Unterstützung oder Anerkennung hatten. Zu einem hatten wir drei Pädagogen, die uns zwar unseren Spielraum gelassen haben, aber auch immer zur Stelle waren, wenn wir Hilfe benötigt haben. Und zum anderen hatten wir einen guten Rückhalt in der Stadt Garching, die uns auch finanziell großzügig unterstützt hat. Ohne diese beiden Stützen, wäre es unmöglich gewesen, solche erfolgreichen Festivals zu veranstalten. Ich habe von anderen ähnlichen Projekten gehört und da gab es allein schon Schwierigkeiten ein Bankkonto anzulegen.

HSS: Herr Pietsch, vielen Dank für das Gespräch!

 

Das Interview führte Juliane Haerendel.

In unserem Themenportal Ehrenamt finden Sie weitere vielfältige Informationen rund um's Thema freiwilliges Engagement.

Kontakt
Leiter: Thomas Reiner
ZA 1: Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
Leiter:  Thomas Reiner
Telefon: 089 1258-500
E-Mail: Reiner-T@hss.de