Print logo
Zur Hauptnavigation springen Zum Hauptinhalt springen

Vor 70 Jahren – Deutschlands Beitritt zur NATO
Vom Frontstaat zum Rückgrat

Autorin/Autor: Andrea Rotter, M.A.

Vor 70 Jahren trat Deutschland der NATO bei – ein Meilenstein auf dem Weg zur Souveränität und Westintegration. Heute steht das Land vor der Aufgabe, mehr Verantwortung für die Sicherheit Europas zu übernehmen.

Das NATO-Monument in Brüssel

Das NATO-Hauptquartier (auf dem Bild das NATO-Monument) in Brüssel ist die oberste Kommandozentrale der Allianz. Dort ist der Sitz des Generalsekretärs, zudem sind hier die höchsten politischen und militärischen Führungsgremien untergebracht.

Copyright: misu/AdobeStock

Am 6. Mai 1955 trat die junge Bundesrepublik Deutschland, nur wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, der Nordatlantischen Allianz bei und ebnete somit den Weg zu Souveränität und Westintegration. War die Bundesrepublik während des Kalten Krieges noch als potentieller Frontstaat auf die Solidarität der Alliierten im Falle einer Auseinandersetzung mit der Sowjetunion angewiesen, ist es heute hingegen Deutschland, das einen entscheidenden Beitrag zum Schutz unserer Verbündeten leisten muss.

 

„Ich danke im Namen der Bundesregierung und im Namen des deutschen Volkes den im Atlantikrat vereinigten Mächten dafür, dass sie Deutschland auf den Weg in die Gemeinschaft der freien Nationen geleitet haben und dass sie mit uns zusammen sich zum Ziel gesetzt haben, Deutschland in Freiheit und Frieden wieder zu vereinigen.

Deutschland wird in der Gemeinschaft der freien Völker ein fähiger und zuverlässiger Partner sein. In dieser Gemeinschaft wollen wir alle unsere Kräfte darauf verwenden, dass die menschliche Freiheit und die menschliche Würde erhalten bleiben. Diese hohen Ziele werden Deutschland leiten, wenn es von nun an darangeht, zusammen mit den hier vertretenen Völkern seine Verantwortung für die Erhaltung des Friedens in der Welt zu übernehmen.“

Konrad Adenauer, 9. Mai 1955, Rede in Paris anlässlich der Aufnahme der Bundesrepublik Deutschland in die NATO

 

Mit diesen Worten würdigte Bundeskanzler Konrad Adenauer den Beitritt der 1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland in die Nordatlantische Allianz. Die bedingungslose Kapitulation des Dritten Reichs und die verheerenden Folgen des Zweiten Weltkriegs lagen erst wenige Jahre zurück, als Deutschland am 6. Mai 1955 als 15. Mitglied der NATO aufgenommen wurde. Vorausgegangen war das Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft in der französischen Nationalversammlung im August 1954, die die Schaffung einer europäischen Armee unter deutscher Beteiligung sowie das Ende des Besatzungsstatuts und die Wiederherstellung der deutschen Souveränität vorgesehen hätte.

Während Frankreich eine deutsche Wiederbewaffnung ablehnte, drängten die USA und Großbritannien vor dem Hintergrund der zunehmenden Spannungen im Ost-West-Konflikt auf eine militärische Eingliederung Deutschlands in das westliche Bündnissystem. In der Folge wurden im Oktober 1954 die Pariser Verträge unterzeichnet, die die Grundlage für Deutschlands NATO-Beitritt bildeten. Einerseits beendeten die Verträge das Besatzungsstatut – bis auf einige alliierte Vorbehaltsrechte – und verliehen der Bundesrepublik Souveränität in inneren und äußeren Angelegenheiten. Andererseits schufen sie die rechtliche Basis für die Aufstellung eigener Streitkräfte, in Verbindung mit dem Beitritt Deutschlands zur Westeuropäischen Union (WEU). Im Juni 1955 wurde schließlich Theodor Blank zum ersten Bundesminister für Verteidigung ernannt, im November folgte die Gründung der Bundeswehr. Deutschlands Souveränität und Sicherheit waren und sind seit jeher also eng mit dem Verteidigungsbündnis verbunden, innerhalb dessen seine territoriale Unversehrtheit als potentieller Frontstaat im Kalten Krieg jahrzehntelang von der Bündnissolidarität der NATO-Partner abhing.

Notwendige Europäisierung der NATO

Russlands völkerrechtswidriger Angriffskrieg gegen die Ukraine markiert die schwerwiegendste Bedrohung für die Sicherheit Deutschlands und Europas seit dem Ende des Kalten Krieges – und führt die existentielle Bedeutung der NATO eindrucksvoll vor Augen.

Gleichzeitig schürt die US-Administration – noch deutlicher als während der ersten Amtszeit von Präsident Trump – erhebliche Zweifel an der transatlantischen Sicherheitspartnerschaft: sei es durch kaum erfüllbare Forderungen nach Verteidigungsausgaben in Höhe von fünf Prozent des BIP, irritierende Äußerungen über mögliche Annexionsbestrebungen gegenüber den NATO-Partnern Dänemark und Kanada oder bislang einseitige Friedenspläne zur Beendigung des Ukraine-Kriegs, die aus ukrainischer Sicht einem Diktatfrieden gleichkämen und ohne jede europäische Mitsprache verhandelt werden.

Zwar tragen die USA nach wie vor mehr als 60 % der aggregierten Verteidigungsausgaben des Verteidigungsbündnisses, dem inzwischen 32 Staaten angehören, und stellen wesentliche militärische Fähigkeiten zur Verfügung, die von europäischen Partnern vorerst nicht ersetzt werden können. Doch stellt US-Verteidigungsminister Pete Hegseth klar: Die Zeit, in der die Vereinigten Staaten der alleinige Garant für die Sicherheit Europas waren, ist vorbei. 

Angesichts der sich seit Jahren abzeichnenden strategischen Schwerpunktverlagerung der USA in den Indo-Pazifik kommt diese Botschaft nicht überraschend. Doch im Kontext bröckelnder transatlantischer Beziehungen und der existenziellen Bedrohung durch Russland stellt sie Europa vor erhebliche sicherheitspolitische Herausforderungen.

Während sich Expertinnen und Experten uneins sind, ob die NATO kurz vor dem Ende steht oder ob man Washington zumindest als stillen Teilhaber in einer „ruhenden NATO“ weiterhin an die europäische Sicherheit binden könnte, ist unbestritten, dass die Allianz und kollektive Verteidigung in Zukunft deutlich europäischer werden müssen, will man sie bewahren – finanziell, konzeptionell und operativ. Hierfür ist Deutschland unabdingbar. 

Deutschlands Wandel und historische Verantwortung innerhalb der NATO

Schon seit geraumer Zeit drängen Deutschlands Bündnispartner darauf, dass Berlin seine wirtschaftliche Stärke in eine verantwortungsvollere Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik übersetzt. Trotz berechtigter Kritik an den bislang unzureichenden Verteidigungsausgaben und erheblichen militärischen Fähigkeitslücken der Bundeswehr hat sich die Bundesrepublik in den vergangenen  Jahren zunehmend zu einem wichtigen Rückgrat der kollektiven Verteidigung entwickelt. Sei es im Rahmen von NATO-Stabilisierungsmissionen im Kosovo oder zur Verstärkung der NATO-Ostflanke, wie etwa durch die permanente Stationierung einer Brigade in Litauen – Deutschland scheut sich nicht länger davor, Verantwortung für die Sicherheit und Verteidigung seiner Partner zu übernehmen. 

Allerdings liegt noch ein weiter und beschwerlicher Weg vor der Bundesrepublik, um die Erwartungen der Partner zu erfüllen und einen möglichen Rückzug der USA aus der Allianz auf europäischer Ebene zumindest ansatzweise kompensieren zu können. Nach der teilweise unerfüllten Zeitenwende der letzten Bundesregierung, die mit dem Sondervermögen für die Bundeswehr zwar eine wichtige Weichenstellung vollzogen hatte, aber in der Umsetzung unzureichend war, ist es an der nächsten Bundesregierung, das sich womöglich rasch schließende Zeitfenster zu nutzen, um die NATO und die europäische Sicherheit auf die russische Bedrohung und eine zunehmend post-amerikanische Allianz vorzubereiten. Mit der Reform der Schuldenbremse, die Verteidigungsausgaben über ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts davon ausnimmt, ist die finanzielle Grundlage für die Ausstattung und Modernisierung der Bundeswehr geschaffen. Doch braucht es mehr als nur Geld, um Deutschland auf mehr Verantwortung innerhalb der NATO vorzubereiten – vom Fähigkeitsausbau bis hin zu politischem Willen und dem Bewusstsein innerhalb der Bevölkerung, die die NATO mehrheitlich zwar als alternativlos für die eigene Sicherheit anerkennt, aber mit Blick auf konkrete Maßnahmen zur Unterstützung der Partner zurückhaltender reagiert. 

Deutschland ist mit und innerhalb der NATO an seinen Aufgaben gewachsen. Die sicherheitspolitischen Bedrohungen und die historische Verantwortung verlangen von Deutschland, zu einer tragenden Säule einer europäischeren NATO zu werden – für die Sicherheit des eigenen Landes, der Partner sowie, um einer NATO-skeptischen US-Administration den Wert der Allianz zu demonstrieren.

Kontakt

Leiterin: Andrea Rotter, M.A.
Außen- und Sicherheitspolitik
Leiterin
Telefon: 
Fax: 
E-Mail: