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Sommerkolloquium mit hochkarätiger Besetzung
Wassergerechtigkeit – Umgang mit einem knappen Gut

Autor: Silke Franke

In Europa haben sich die Temperaturen schneller erhöht als im globalen Durchschnitt. Es wird wärmer und trockener. Was passiert, wenn das Wasser knapp wird - mit der Landwirtschaft, Industrie und Energieversorgung, aber auch mit der Natur? Selbst hier in Deutschland sind wir zu einem sparsamen Umgang mit Wasser aufgefordert. Wir merken auf einmal wieder, wie wichtig das "blaue Gold" ist, es ist unser Lebenselixier.

Konflikte um das Wasser können zwischen den verschiedenen Nutzern entflammen, die um den Zugang zu Wasser konkurrieren, zwischen „wasserreicheren“ und „wasserärmeren“ Regionen entstehen oder im Zuge der Anpassungs- und Vorsorgemaßnahmen vorgebracht werden, die Betroffene in der Stadt oder auf dem Land umsetzen müssen. Tatsächlich gab es in den vergangenen zehn Jahren mehr juristische Auseinandersetzung um das Wasser als in den zehn Jahren davor, wie das Recherchenetzwerk Correctiv ermittelte.

Auch Ministerpräsident Markus Söder hat am 21. Juni 2023 im Rahmen des Runden Tisches Wasser mit Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber und Umweltminister Thorsten Glauber von "Friede ums Wasser" gesprochen und hält einen kontinuierlichen Diskussionsprozess für notwendig, um zu einem effizienteren Wasserumgang zu kommen. Genau das war auch Anliegen des gemeinsamen Sommerkolloquiums der Akademie für Politik und Zeitgeschehen und der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum zum Thema „Wassergerechtigkeit“, zu dem die beiden Veranstalter eine hochkarätige Besetzung gewinnen konnten.

Gruppenfoto mit einem Teil der Experten, Hier: Prof. Dr. Auerswald, Prof. Dr. Drewes, Prof. Dr. Magel, Dr. Thimet, Felßner, Franke, Braun, Prof. Dr. Grambow, Bäuml

Gruppenfoto mit einem Teil der Experten, Hier: Prof. Dr. Auerswald, Prof. Dr. Drewes, Prof. Dr. Magel, Dr. Thimet, Felßner, Franke, Braun, Prof. Dr. Grambow, Bäuml

VKU

Die Schicksalsstunde der Wasserwirtschaft

Wo Wasser fehlt, fehlt es an Lebensgrundlage. Der Zugang zu sauberem Wasser ist daher ein UN-Menschenrecht – wenn auch erst seit dem Jahr 2010, wie der Eichstätter Theologe und Umweltethiker Prof. Dr. Martin Schneider in seiner Einführung anmerkte. Deutschland gilt als wasserreiches Land. Dennoch muss Prof. Dr. Martin Grambow, Leiter der Abteilung Wasser und Geologie im Bayerischen Umweltministerium, feststellen: „Wir erleben eine Schicksalsstunde der Wasserwirtschaft. Die Grundwasserstände sinken wesentlich schneller als selbst das pessimistischste Szenario prognostiziert hatte“. Dazu komme der „Zeitfaktor“, denn wenn sich die Trockenheit im Boden ausgebreitet habe, könne es Jahre dauern, bis sich die Situation wieder normalisiert habe.

Dr. Juliane Thimet, stellvertretende Geschäftsführerin des Bayerischen Gemeindetags, betont: „Grundwasser ist das blaue Gold.“

Dr. Juliane Thimet, stellvertretende Geschäftsführerin des Bayerischen Gemeindetags, betont: „Grundwasser ist das blaue Gold.“

Silke Franke

Das blaue Gold hüten

Gunnar Braun vom Verband Kommunaler Unternehmen sieht die Wasserinfrastruktur in Bayern gut ausgebaut, „quantitativ wie qualitativ“. Die Bereitstellung von sauberem Trinkwasser – wie auch die ordnungsgemäße Abwasserentsorgung - gehört bei uns zu den kommunalen Pflichtaufgaben der Daseinsvorsorge und liegen damit in öffentlicher Hand. „Und das ist auch gut so“, betonte Dr. Juliane Thimet. Die Wasserjuristin und stellvertretende Geschäftsführerin des Bayerischen Gemeindetags warnt vor den Bestrebungen großer Handelsketten, sich ebenso den direkten Zugriff auf die wertvolle Ressource sichern zu wollen, um Grundwasser als Mineralwasser in Flaschen verkaufen zu können. „Wasser ist ein Schatz und wenn das Grundwasser das blauen Gold ist, dann sollte das Tiefenwasser ein Tresor sein, der besonders behütet wird“ – mit diesem Vergleich versucht sie immer wieder den besonderen Stellenwert zu erklären. Sie fordert daher mehr Transparenz, denn ehe neue Brunnen erschlossen würden, sollten zunächst Fragen geklärt werden, wie: „Was brauchen wir an Wasser insgesamt, wo bekommen wir es her, wie verteilen wir es?“ Das Grundwasser muss vor Verschmutzung geschützt werden, wie dies durch Wasserschutzgebiete und die Düngemittelverordnung vorgesehen ist, wie auch vor Übernutzung. In ihren Augen wäre hier auch an den Einsatz von Wasserzählern zu denken, um ein genaueres Bild über die Entnahme zu erhalten, und sofern die Einnahmen für den Schutz des Grundwassers verwendet würden, könne sie sich auch ein „Wasserentnahmegeld“ vorstellen, den derzeit diskutiertem „Wassercent“.

Facetten der Wassergerechtigkeit

Was bedeutet Wassergerechtigkeit konkret? Prof. Dr. Holger Magel (Ehrenpräsident der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum) erinnerte hier an die vier Gerechtigkeitsdimensionen, die er mit Kollegen im Rahmen der Enquete-Kommission entwickelt hatte. Schlagzeilen in Bayern wie „Wasserkraftbetreiber oder Fischzüchter. Wer hat Vorrang, wenn das Wasser nicht mehr reicht?“ (7.7.2023, in BR 24) veranschaulichen für ihn die Frage der Verteilungsgerechtigkeit. Eine Chancengerechtigkeit wiederum könnte über Anpassungsmaßnahmen hergestellt werden. Wenn Lobbygruppen versuchten, sich im Landesentwicklungsprogramm besondere Rechte bei der Grundwassernutzung zu sichern, sei das ein Beispiel für Verfahrensgerechtigkeit. Wenn es dabei gar an das Tiefengrundwasser gehe, betreffe das die Generationengerechtigkeit, da dieses Wasser sich nur extrem langsam erneuert.

Diesen vier Gerechtigkeitsdimensionen fügten Grambow und Schneider noch eine weitere hinzu, die „Gerechtigkeit interspezies“, das heißt zwischen Mensch und Umwelt. Was damit gemeint ist? Der Ökologie mehr Raum zu geben und die Selbstregulierung der Natur zuzulassen, etwa durch Moorrenaturierung.

Bauernverbandspräsident Günther Felßner bei seinem Statement, rechts daneben Ehrenpräsident Magel (Bayerische Akademie Ländlicher Raum): „Wir brauchen frische Ideen für die Flächennutzung.“

Bauernverbandspräsident Günther Felßner bei seinem Statement, rechts daneben Ehrenpräsident Magel (Bayerische Akademie Ländlicher Raum): „Wir brauchen frische Ideen für die Flächennutzung.“

Silke Franke

Neue Landschafts-Leitbilder

Ein Umdenken ist erforderlich. In der Nachkriegszeit galt es, die Nahrungsmittelproduktion anzukurbeln und die Landschaft für die Mechanisierung der Landwirtschaft anzupassen. Hecken und Mulden wurden entfernt, Entwässerungsgräben angelegt und Bäche begradigt. „Man hat versucht, das Wasser regelrecht aus der Landschaft herauszupressen, das war damals die vorherrschende Kulturaufgabe“, meint dazu Norbert Bäuml von der Bayerischen Verwaltung für Ländliche Entwicklung. Heute stellt sich die Situation anders dar: „Wir haben nicht mehr die gleichmäßigen Niederschläge, sondern mehr Extreme, und wir sehen, dass mit dem Wasser, das abgeleitet wird, auch der Humus und wichtige Mineral- und Nähstoffe verloren gehen“. Aufgabe sei nun vielmehr, gesunde Bodenstrukturen zu ermöglichen und das Wasser in der Landschaft zu halten. Genau daran arbeiten Landwirte, Gemeinden und die Verwaltung für Ländliche Entwicklung in immer mehr Projekten vor Ort unter dem Programmtitel Boden.ständig. Die „Praxisplattform für Boden und Gewässerschutz“ sammelt und bündelt die Erfahrungen.

Auch Günther Felßner, Präsident des Bayerischen Bauernverbandes bestätigt: „Die Land- und Forstwirtschaft rückt zunehmend in den Fokus von Zielsetzungen, ob beim Thema Ernährungssicherung, erneuerbare Energien, ob für Klima- oder Ressourcenschutz. Es geht darum, uns resilient aufzustellen“. Für ihn könne es aber nicht die Lösung sein, Umweltauswirkungen zu externalisieren und virtuelles Wasser zu importieren. Deutschland müsse es vielmehr gelingen, die genannten Ziele zuallererst möglichst auf den eigenen Flächen zu realisieren. Dies gehe aber nur mit frischen Ideen für eine multifunktionale Flächennutzung, so der Verbandspräsident. Beispiele für eine solche kombinierte Nutzungen finden sich etwa bei Agroforstsystemen

„Städte sind vom Klimawandel besonders betroffen.“ – Prof. Dr. Stephan Pauleit

„Städte sind vom Klimawandel besonders betroffen.“ – Prof. Dr. Stephan Pauleit

Silke Franke

Grünkennwerte für die Stadt?

Nicht nur auf dem Land, auch in der Stadt muss sich einiges ändern. Städtische Bereiche sind hochverdichtet, das Regenwasser kann auf Dächern, Straßen und Plätzen nicht versickern. Stattdessen fließt es größtenteils in die Kanalisation. Im Durchschnitt benötigen wir in Deutschland pro Tag und pro Kopf 120 - 150 Liter Wasser. „Das entspricht rechnerisch einem durchschnittlichen Niederschlag, der pro Tag auf eine Fläche von 50 Quadratmeter fällt“, weiß der Weihenstephaner Professor Dr. Karl Auerswald und rechnet weiter: „Im Durchschnitt ist pro Kopf auch eine Fläche von etwa 270 Quadratmeter versiegelt – hier entsorgen wir das Wasser quasi ungenutzt“. Er fordert daher einen intelligenteren Umgang mit Wasser.

In der Stadt tragen versiegelte Böden, dichte Bebauung und fehlende Vegetation zur Bildung von Hitzeinseln bei, die die Problematik verstärken. Als wirkungsvolles Mittel zur Regulierung des Stadtklimas gilt die „grüne Infrastruktur“: Grünflächen, etwa Baumreihen, Frischluftschneisen und Parks, lockern die bebauten Strukturen auf und regulieren durch die Verdunstungsfeuchtigkeit die Temperatur. Doch auch Bäume brauchen Platz, um eine gesunde Baumkrone und ein entsprechendes Wurzelwerk entwickelt zu können, wie Prof. Dr. Stephan Pauleit, Experte für Landschaftsentwicklung erläuterte. Wo es bislang Parkplätze gibt, müsste mehr Platz für Bäume geschaffen werden. Seine Forderung lautet daher: „Wir müssen neu über Planung in der Stadt nachdenken, womöglich auch ‚Grünkennwerte‘ einsetzen und die Flächenversiegelung einschränken“. Statt zuerst die Wohn- und Geschäftskomplexe, dann den Verkehr und andere Infrastrukturen zu planen und erst zum Schluss auf den verbleibenden Flächen Grünelemente einzubauen, sollte vielmehr alles von Anfang an gemeinsam bedacht werden.

Das Prinzip der „Schwammstadt“ erklärte Dr. Andreas Rimböck vom Landesamt für Umwelt

Das Prinzip der „Schwammstadt“ erklärte Dr. Andreas Rimböck vom Landesamt für Umwelt

He Gao

Schwammstädte mit eigenem Wasserkreislauf

“Zur grünen Infrastruktur gehört auch die blaue Infrastruktur: jeder Tropfen, der versickert, mildert Sturzflutabflüsse und stärkt unser Grundwasser!“ ergänzte Dr. Andreas Rimböck, Leiter der Abteilung Wasserbau, Hochwasserschutz, Gewässerschutz im Bayerischen Landesamt für Umwelt. Der Boden muss auch in der Stadt Wasser speichern können. Dazu braucht es z.B. wasserdurchlässige Beläge, Sickermulden, Rigolen und Regenspeicher. Dieses Wasser steht dann wiederum Grünanlagen, Bäumen, grünen Fassaden und Gründächern zur Verfügung, die das Klima ausgleichen und die Artenvielfalt erhöhen. „So entsteht ein eigener Wasserkreislauf, das ist das Prinzip der Schwammstadt. Die lässt sich nur realisieren, wenn die Fachplanungen zusammenarbeiten“, so der Experte weiter.

Bewässerungsmanagement der Zukunft

Eine weitere Möglichkeit des intelligenteren Umgangs mit Wasser zeigte Prof. Dr. Jörg Drewes von der TU München auf: In Unterfranken läuft derzeit ein Pilotprojekt, bei dem Wissenschaftler und betroffene Akteure vor Ort genau ermitteln, wer welchen Wasserbedarf hat, welche Arten der Wasserversorgung und - das ist neu- der Wiederverwertung möglich sind, um eine bedarfsgerechte Bewässerung in der Stadt und in der Landwirtschaft zu entwickeln. Dafür wird ein dichtes Netz an Messstellen aufgebaut, um die Prozesse über die Datenerfassung zielgenau steuern und bewerten zu können – ‚Bewässerungsmanagement via Internet of Things‘, nannte es Drewes schmunzelnd.

Weitere Informationen finden Sie auf der Seite der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum.

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