4. Media TLV Summit in München
Die eine Meinung gibt es nicht
Für einen Perspektivwechsel im Programm sorgte die Live-Aufzeichnung des Podcasts "Kaffee, extra schwarz" mit dem Psychologen und Autor Ahmad Mansour (li.) und BR-Journalist Oliver Mayer-Rüth (re.). Zu Gast war Volker Beck, Direktor der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (Mitte).
© HSS
„Zu sagen, es gäbe die eine Meinung, funktioniert einfach nicht.“ Für den jüdischen Gaming-Entwickler Yaar Harell ist genau das eine der zentralen Erkenntnisse des Media TLV Summit: die Vielfalt jüdischer und israelischer Perspektiven.
Damit bringt er zugleich auf den Punkt, was die Gründerinnen der Veranstaltungsreihe, Susanne Glass und Jenny Havemann, mit dem inzwischen vierten Mediengipfel erreichen wollen: einen Raum für Diskussion und unterschiedliche Sichtweisen schaffen.
„Wir müssen uns füreinander interessieren. Das heißt nicht, dass wir der gleichen Meinung sein müssen“, sagt Journalistin und Moderatorin Susanne Glass zur Eröffnung.
57 Stimmen, viele Perspektiven
Zwei Tage lang diskutierten 57 Speakerinnen und Speaker in München über Antisemitismus an Universitäten, jüdische Kunst und Kultur, Erinnerungskultur sowie die Frage, wie sich mediale Berichterstattung durch soziale Netzwerke verändert.
Über all diesen Themen stand eine grundlegende Frage: Warum ist jüdisches Leben in Europa noch immer bedroht?
„Wir als Stiftung sind unfassbar stolz, Gastgeber dieses Events sein zu dürfen – mit so vielen beeindruckenden Rednerinnen und Rednern und so vielen spannenden Gästen“, sagte HSS-Generalsekretär Dr. Stefan Ebner.
Auch die Biografie des Namensgebers der Stiftung sei dabei Verpflichtung: Hanns Seidel wurde während der nationalsozialistischen Herrschaft selbst verfolgt. Für die Stiftung sei dies ein zusätzlicher Auftrag, sich weiterhin intensiv mit Antisemitismus und der Verantwortung für die Demokratie auseinanderzusetzen.
„Wer steht für mich ein?“
Wie gegenwärtig diese Fragen sind, machte auch Katja Wildermuth, Intendantin des Bayerischen Rundfunks, deutlich.
Jüdische Gemeinschaften in Deutschland seien täglich mit Fragen konfrontiert, die für viele andere Menschen selbstverständlich erscheinen: Wo bin ich sicher, wenn ich eine Kippa trage? Wohin kann ich mit meinen Kindern gehen? Wem kann ich erzählen, dass ich jüdisch bin? Und wo gibt es geschützte Räume für offene Gespräche, Freundschaft und Trost?
Am Ende stehe die entscheidende Frage: „Wer steht für mich ein?“
Islam, Islamismus und die Frage staatlicher Neutralität
Für einen Perspektivwechsel im Programm sorgte die Live-Aufzeichnung des Podcasts „Kaffee, extra schwarz“ mit dem Psychologen und Autor Ahmad Mansour und BR-Journalist Oliver Mayer-Rüth. Zu Gast war Volker Beck, Direktor des Tikvah Instituts.
Die Diskussion drehte sich unter anderem um die Abgrenzung zwischen Islam und Islamismus sowie um die Frage, wie religiöse Neutralität im Staatsdienst aussehen sollte.
Beck verwies auf Religionsfreiheit und den Grundsatz der Nichtdiskriminierung. Der Staat erkenne an, dass auch Beamtinnen und Beamte religiöse Überzeugungen haben können. Nicht verhandelbar sei hingegen ihre Treue zu Verfassung und Rechtsordnung.
Mansour setzte einen anderen Schwerpunkt. Gerade in einer vielfältiger werdenden Gesellschaft müssten diejenigen, die den Rechtsstaat repräsentieren, aus seiner Sicht auch nach außen religiöse Neutralität vermitteln.
Die Debatte zeigte exemplarisch, was den Summit auszeichnete: unterschiedliche Positionen standen nebeneinander – ohne den Anspruch, am Ende eine einheitliche Antwort finden zu müssen.
Wie viel „Grau“ lässt sich vermitteln?
Auch die Filmemacherin und Juristin Paula Kweskin Weiss beschäftigte sich mit der Frage, wie komplexe gesellschaftliche Debatten erzählt werden können, ohne sie auf einfache Gegensätze zu reduzieren. Sie präsentierte ihren Film „In Protest“. Weiss ist Gründerin der Initiative „The 49%“, deren Name darauf verweist, dass Frauen weltweit aufgrund von Faktoren wie geschlechtsspezifischer Gewalt und selektiven Abtreibungen weniger als die Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen.
Ihr Film begleitet die bekannte israelische Aktivistin Moran Zell-Katzenstein. Ursprünglich sollte das Projekt internationale Frauenprotestbewegungen von Polen bis Brasilien dokumentieren. Doch dann rückten die Proteste in Israel immer stärker in den Mittelpunkt.
Zunächst richteten sie sich gegen die geplante Justizreform. Nach dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 veränderten sich Protestbewegung und gesellschaftliche Debatte grundlegend. Die Forderung nach der Freilassung der in Gaza festgehaltenen Geiseln rückte ins Zentrum.
Gerade diese Entwicklung sei im Schnitt des Films besonders herausfordernd gewesen, berichtete Weiss. Im internationalen Team seien immer wieder unterschiedliche Wahrnehmungen aufeinandergetroffen. Während aus dem Ausland die Forderung, alles für die Rückkehr der Geiseln zu tun, eindeutig erschienen sei, sei die Situation in Israel von politischen Konflikten, verlorenem Vertrauen und täglichen Verlusten geprägt gewesen.
„Das Grau ist es, was sich der Außenwelt schwer vermitteln lässt“, fasste Weiss zusammen.
Charlotte Knobloch: Erinnerung bleibt Verantwortung
Am späten Nachmittag betrat Charlotte Knobloch die Bühne. Die Holocaust-Überlebende und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern sprach über Erinnerungskultur und die Verantwortung nachfolgender Generationen.
Der Holocaust und die Kultur des Erinnerns gäben einen Werterahmen vor, aus dem sich spätere Generationen nicht einfach lösen könnten – und aus dem sie sich auch nicht lösen sollten, betonte Knobloch.
Zugleich warnte sie vor einer Zeit, in der immer weniger Holocaust-Überlebende selbst von ihren Erfahrungen berichten können. Dass das Verschwinden der Zeitzeugen mit einer politischen Erosion der Erinnerung zusammenfalle, sei kein Zufall.
„So schwer es sein wird, die Erinnerung an den Holocaust im wahrsten Sinne des Wortes lebendig zu halten, so wichtig bleibt es, diese Aufgabe anzugehen.“
Widerspruch, ohne das Gespräch zu beenden
Nach zwei Tagen, 57 Speakerinnen und Speakern und einem Programm zwischen Panels, Live-Podcast, Filmvorführung und Zeitzeuginnenrede blieb vor allem eine Erkenntnis: Die eine jüdische oder israelische Perspektive gibt es nicht.
Beim Media TLV Summit wurden gemeinsame Erfahrungen sichtbar, aber auch unterschiedliche Positionen. Es wurde nach Gemeinsamkeiten gesucht und zugleich über jene Punkte gesprochen, bei denen Einigkeit nicht möglich war.
Genau darin lag der Anspruch des Summits: einen Raum zu schaffen, in dem Widerspruch möglich ist, ohne dass er das Gespräch beendet.