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IN2030 Summer University 2026:
Die Zukunft Europas bis 2040

Autorin/Autor: Dr. Michael Martin Richter

Wie kann Europa die digitale Transformation, geopolitische Krisen und das eigene Wirtschaftswachstum bis 2040 erfolgreich gestalten? Beim Konferenzauftakt der IN2030 Summer University 2026 in Oxford diskutierten Delegierte, unter anderem aus dem Vereinigten Königreich, Belgien, Tschechien und Polen, über eine neue europäische Sicherheitsarchitektur, globale KI-Governance und zukunftsfähige Energiemärkte. Der exklusive Veranstaltungsbericht liefert die wichtigsten strategischen Kernbotschaften für die Zukunft unseres Kontinents.

Eine große Gruppe, von circa 40 Teilnehmern, steht vor dem Eingang des historischen Konferenzgebäudes.

Die Agenda war vielseitig: Neben kontroversen Diskussionen gab es auch gemeinsame Positionen. Alle Teilnehmenden teilten ihre Vision für Europa 2040 und legten drei Arbeitsschwerpunkte für das kommende Jahr fest.

1. Einordnung: Globale Superzyklen und die Zukunft Europas bis 2040

Die Eröffnungsrede las die jüngere Geschichte wie ein Buch mit Kapiteln. Die Jahrzehnte des Kalten Krieges stünden für Gefahr, die Jahre zwischen 1990 und 2015 für Aufbruch. Das Kapitel, das 2015 begonnen habe, sei historisch ungewöhnlich, weil es beides zugleich enthalte: vermutlich die spannendste Phase, die Menschen je erlebt haben, und zugleich die gefährlichste seit 1945. Als Beleg für die Aufwärtsseite dienten Forschungsergebnisse aus Oxford, von der Fusion mit positiver Energiebilanz über Kunststoffe aus atmosphärischem CO₂ bis zu Quantencomputern, die ohne physische Verbindung miteinander kommunizieren.

Als eigentliche Treiber gelten fünf Superzyklen, die derzeit zusammenfallen: ein geopolitischer, ein wirtschaftlicher, ein demografischer, ein klimatischer und ein technologischer Zyklus, welche die digitale Transformation in Europa maßgeblich prägen. Einzelne Führungsfiguren seien deren Ausdruck und nicht deren Ursache; die Turbulenz endet demnach nicht mit einem Personalwechsel. 

Die Hanns-Seidel-Stiftung setzte zu Beginn drei Akzente, die über beide Tage hinweg wiederkehrten. Erstens die Verbindung von Tradition und Technologie als Grundhaltung der Mitte-rechts-Parteien: ein gesundes Verhältnis zur Vergangenheit, ohne zu glauben, jedes Problem lasse sich durch Zurückdrehen der Uhr lösen, und Offenheit für die Zukunft ohne Utopismus. Zweitens die Untrennbarkeit von Technologie, Wirtschaft und Verteidigung, denn wer die Verteidigung isoliert betrachtet, steht sofort vor der Frage ihrer Finanzierung und ihrer Innovationsfähigkeit. Drittens die Synergie mittlerer Mächte, weil keines der vertretenen Länder diese Aufgaben allein bewältigt.

2. Europäische Sicherheit und Verteidigungspolitik: Am politischen Willen entscheidet es sich

Russische Aktivitäten beschränken sich längst nicht mehr auf die Ukraine. Berichtet wurde von dauerhafter Präsenz im Ärmelkanal, von regelmäßigen Tests der NATO und von U-Boot-Bewegungen in der Nähe von Seekabeln und Pipelines. Allein im Juli begleitete die Royal Navy an 21 Tagen russische Aktivitäten in britischen Gewässern und im Atlantik; die Zahl der Einsätze zur Beobachtung russischer Schiffe stieg binnen sieben Monaten um rund ein Viertel. Ebenso offen fiel das Urteil über die eigenen Kräfte aus: Zeitweise waren in diesem Jahr nur drei von sechs Luftverteidigungszerstörern einsatzbereit.

Im Mittelpunkt stand die Beschaffungsarithmetik. Aufträge brauchen etwa drei Jahre, was heute bestellt wird, steht also gegen 2029 zur Verfügung, während die amerikanische Regierung in Europa bereits abrüstet. Deshalb war nicht von Lastenteilung die Rede, sondern von Lastenverschiebung: Die konventionelle Verteidigung wird zur primär europäischen und zur nachrangig amerikanischen Aufgabe. Abgezogen werden dabei nicht nur Mittel, sondern Fähigkeiten, die kein Mitgliedstaat allein ersetzen kann, etwa schnelle Eingreifkräfte, Satelliten, Aufklärung und Doktrin. Hinzu kommt ein Paradox: Je mehr Geld zur Verfügung steht, desto nationaler wird es ausgegeben.

Die NATO-Zusage von 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts sei finanziell nicht unterlegt, hieß es, ebenso wenig das Zwischenziel von drei Prozent bis 2030. Ein Staat, der die nationale Sicherheit zur ersten Pflicht erkläre, könne sie nicht aus dem finanzieren, was nach allen anderen Prioritäten übrig bleibe. Als Bausteine einer von unten wachsenden Verteidigungsunion wurden die militärische Mobilität, ein Programm über 150 Mrd. Euro für strategische Enabler und ein Verteidigungskommissar genannt; offen bleibe, wie die Beistandsklausel operationalisiert wird. Hybride Angriffe schließlich gelten in der russischen Doktrin nicht als Vorstufe zum Krieg, sondern als dessen Phase null. Bleiben spürbare Gegenkosten aus, setzen sie sich fort und weiten sich aus.

Aus der Runde kam der Einwand, Fähigkeit ohne Willen sei wertlos. Diskutiert wurden grenzüberschreitende Jugend- und Resilienzprogramme, die mit Anreizen statt mit Zwang arbeiten. Zugleich wurde eine deutliche Hinwendung jüngerer Jahrgänge zu geopolitischen Fragen beobachtet, und auch die Rückkehr zur Wehrpflicht fand Zustimmung. Als Vorbild galten die nordischen Staaten, die ihren Bürgern  offen sagen, dass ein Pass nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten mit sich bringt.

Kernbotschaften

  • Die fünf Themenfelder lassen sich nicht mehr getrennt voneinander steuern. Worauf es in den kommenden Jahren ankommt, sind ihre Wechselwirkungen.
  • Nicht die Lagebeurteilung ist das Problem, sondern Zeit und politischer Wille. Beschaffungszyklen von etwa drei Jahren treffen auf einen amerikanischen Rückzug, der bereits begonnen hat.
  • Die Ukraine erschien durchgehend als Fähigkeitsträger, nicht als Empfänger. Ihre Einbindung in die europäische Sicherheitsarchitektur liegt im ureigenen europäischen Interesse.
  • Europas Wachstumsschwäche ist überwiegend hausgemacht. Kapital, Talent und Forschung sind reichlich vorhanden; ungelöst bleiben Skalierung, Energiekosten und die Zersplitterung des Binnenmarkts.
  • Eine internationale Verständigung über KI-Governance gilt als die größte Einzelaufgabe. So jedenfalls das Ergebnis des Abschlussplenums, das dafür den transatlantischen Wertedialog an den Anfang stellte.

3. Transatlantische Partnerschaft und Geopolitik: neu ordnen statt reparieren

In der amerikanischen Sicherheitsstrategie steht Europa an vierter Stelle, nach der westlichen Hemisphäre, Asien und dem Nahen Osten. Das hat handfeste Folgen: Die Bestände an Raketen und Abfangsystemen sind endlich, und was im Nahen Osten verbraucht wird, steht Europa nicht mehr zur Verfügung. Im Zweifel können die USA also gar nicht liefern, was Europa bei ihnen beschaffen will. Die jüngsten Strategiedokumente wurden in Oxford auch nicht als vorübergehende Stimmung gesehen, sondern als feste Linie, auf die Europa eine eigene Antwort finden muss. Bindende Beschränkung bleibt die Abhängigkeit. Aufklärung, nachrichtendienstliche Zuarbeit und die Instandhaltung nuklearer Fähigkeiten liegen weiterhin in amerikanischer Hand. Als Druckpunkt beschrieben wurde der Hohe Norden: In der Arktis nehmen chinesische wie russische Aktivitäten zu, und zwischen Island und Großbritannien wurde deutlich mehr russische U-Boot-Aktivität registriert. Dort verläuft der Zugang zum Atlantik, und dort liegen die physischen Verbindungen nach Nordamerika.

Bei aller Rhetorik funktioniere die institutionelle Ebene weiter; der nachrichtendienstliche Austausch sei nie abgerissen. Als produktiver Weg wurde die Zusammenarbeit zwischen den Parlamenten und der Wirtschaft auf beiden Seiten des Atlantiks empfohlen. Bemerkenswert war ein Gegenstandpunkt zur verbreiteten Bedrohungsperspektive: Russland sei strukturell schwach. Die Infrastruktur in Sibirien, die Klimafolgen und der demografische Rückgang wirkten kumulativ, Sanktionen ließen sich umgehen, eine Bevölkerung aber nicht ersetzen. Solche Systeme verfielen nicht allmählich, sondern über Nacht. Für den Zeithorizont ergibt sich daraus ein unbequemer Schluss: Die Phase größter Verwundbarkeit ist nicht 2030, sondern jetzt.

4. Wirtschaft: die Diagnose liegt vor, es hapert an der Umsetzung

Europas Problem sei nicht die Analyse, sondern die Umsetzung von Berichten und Aktionsplänen. Der Draghi-Bericht von September 2024 führt rund 70 Prozent der Pro-Kopf-Lücke gegenüber den USA auf die geringere Produktivität zurück. Für Deutschland wurde ein Produktivitätswachstum von 0,3 Prozent im vergangenen Jahr Lohnsteigerungen von 4,5 Prozent gegenüber gestellt. Dahinter steht ein über viele Jahre gewachsenes Missverhältnis und nicht das Ergebnis einer einzelnen Legislaturperiode: eine Volkswirtschaft, die mehr verteilt, als sie erwirtschaftet.

Besonders deutlich zeigt sich die wirtschaftliche Schwäche beim Skalieren. Zwischen 2008 und 2021 überschritten 147 in Europa gegründete Unternehmen eine Bewertung von einer Milliarde US-Dollar; 40 von ihnen wanderten später ab. Keine Neugründung der vergangenen 50 Jahre erreichte eine Marktkapitalisierung von 100 Mrd. Euro. Kapital ist vorhanden, es arbeitet nur nicht: Die EU-Haushalte sparten 2022 rund 1,39 Bio. Euro gegenüber etwa 840 Mrd. Euro in den USA, halten davon aber ein Drittel in Bargeld und Einlagen, verglichen mit rund elf Prozent jenseits des Atlantiks, und nur fünf Prozent in börsennotierten Aktien gegenüber 31 Prozent in den USA. Energie wurde durchweg als Produktionsfaktor behandelt: Strom kostet in Europa das Zwei- bis Dreifache, Gas das Vier- bis Fünffache der amerikanischen Preise.

Die Vereinfachungsagenda in der EU gilt als echter Richtungswechsel, der jedoch nicht tief genug greift: 25 Prozent weniger Verwaltungslasten, 35 Prozent für kleine und mittlere Unternehmen bis 2029, zwölf Omnibus-Pakete und rund 18 Mrd. Euro an behaupteten Einsparungen. Jedes Paket arbeitet innerhalb einer Generaldirektion, während die Unternehmen Regulierung als Gesamtkosten erleben. Auch der Binnenmarkt sei nur auf dem Papier real: Der Export nach Asien könne einfacher sein als der Verkauf ins Nachbarland, und zwischen nationaler und europäischer Abwicklungsbehörde stehen 54 Verfahrensschritte. Politisch grundiert wurde all dies mit einer Jugendarbeitslosigkeit von 15,5 Prozent im Juni, in mehreren Mitgliedstaaten über 20 Prozent, bei gleichzeitigem Arbeitskräftemangel.

Im britisch-europäischen Verhältnis betonten mehrere Redner die wechselseitige Abhängigkeit. Für die Spezialversicherungsmärkte in der Schifffahrt und in der Exportabsicherung gibt es in der Union keine Entsprechung, und Finanzdienstleistungen blieben aus den Austrittsverhandlungen ausgeklammert, weil kein Freihandelsabkommen weltweit ein solches Kapitel enthält. Beide Seiten verlieren dieselben Notierungen an New York und Asien. Der eigentliche Wettbewerb, so der Tenor, verläuft zwischen Europa auf der einen und Amerika und Asien auf der anderen Seite.

5. Regionales Wirtschaftswachstum: Potenziale abseits der Metropolen

Großbritannien gilt als das amstärksten zentralisierte Land der entwickelten Welt. Der Risikoaufschlag zwischen einer Investition in eine englische Provinzstadt und einer Investition in London entspreche dem Abstand zwischen britischen und nigerianischen Staatsanleihen, obwohl diese Städte zusammen die Einwohnerzahl Londons erreichen. Das Argument für Dezentralisierung stützte sich auf implizites Wissen: Welche beruflichen Qualifikationen ein Ort braucht, lässt sich zentral nicht entscheiden. Voraussetzung sei der Wiederaufbau von Verwaltungskapazität vor Ort.

Regionale Entwicklung wurde ausdrücklich nicht als Nullsummenspiel verstanden. Eine Hauptstadt, die unbegrenzt wächst, zahlt selbst den Preis in Gestalt von Infrastrukturkosten, Wohnkosten und Verdrängung. Wichtiger als die Schlagzeilenzahl des Bruttoinlandsprodukts sei die Produktivität, denn ein Land kann makroökonomisch wachsen, während altindustrielle und ländliche Räume zurückbleiben. Zwei Relativierungen hielten dem Optimismus stand. Die Demografie wirkt nicht kurzfristig; selbst sofort steigende Geburtenraten erreichen den Arbeitsmarkt erst gegen Ende der 2040er Jahre. Und Innovationen wie die KI erzeugt von sich aus keine Produktivität: Der Engpass liegt in der Fähigkeit des Managements, sie aufzunehmen, nicht im Kapital und nicht in der Technologie.

Am schwierigsten ist die politische Legitimität. Schöpferische Zerstörung ist real, doch die Zerstörung kommt zuerst und der Aufbau später; in dieser Lücke entsteht Ressentiment. Die soziale Marktwirtschaft solle ein Netz bieten, aus dem heraus ein Wechsel möglich ist, und nicht jede bestehende Struktur schützen.

6. Energiepolitik: Kostenehrlichkeit, Marktinstrumente und Versorgungssicherheit

Die Leitfrage lautete, ob saubere Energie zugleich günstige Energie sein kann. Die Antwort fiel bejahend aus, allerdings mit einem Zusatz, den beide Seiten ungern aussprechen. Die Industriestrompreise gehören zu den höchsten der entwickelten Welt. Wind und Sonne sind an der Grenze kostenlos, die Infrastruktur und die Systemkosten sind es nicht: Backup für windstille und dunkle Perioden, dazu neue Netze von entlegenen Küsten zu den Verbrauchszentren. Dieser Zielkonflikt ist im Übrigen kein Spezifikum der erneuerbaren Energien. Gas bringt Importabhängigkeit mit sich, die Kernkraft hohen Kapitalbedarf und eine Geschichte von Kostenüberschreitungen.

Empfohlen wurden marktbasierte Instrumente statt Verbote. Der Emissionshandel gilt als technologieneutraler Weg, dem Verbrenner- und Heizungsverbote ebenso unterlegen seien wie eine schuldenfinanzierte Dauersubvention; die CO₂-Einnahmen sollten an Industrie und Haushalte zurückfließen. Ein erheblicher Teil der möglichen Einsparung liege ohnehin nicht in der Frage, ob transformiert wird, sondern wie gebaut wird: schnellere Planung, zonale statt einheitlicher Netzpreise, Verzicht auf Erdverkabelung und die Ansiedlung neuer Erzeugung dort, wo Netz und Nachfrage bereits vorhanden sind. Bei der Lastenverteilung erschien die Entlastung der Industrie als der rationalere Weg, weil Haushalte nicht abwandern können und Betriebsschließungen den Staat Steuern kosten und Sozialausgaben verursachen. Teurer Industriestrom gefährde überdies Investitionen in Rechenzentren und KI.

 Besonders heftig wurde kritisiert, dass der Aspekt der Sicherheit nahezu komplett gefehlt hat. In Mittel- und Osteuropa ist die Diversifizierung der Versorgung das Hauptargument, das Netz gilt als kritische Infrastruktur und Offshore-Wind wird parteiübergreifend getragen. Wo Energiepolitik als Sicherheitspolitik verstanden wird, finden große Investitionen Zustimmung von links wie von rechts. Je weiter man sich von der ukrainischen Grenze entfernt, desto geringer fällt die wahrgenommene Gefahr aus.

7. Künstliche Intelligenz: Anwendung, internationaler Wettbewerb und KI-Regulierung

Die Verbreitung läuft schneller, als die Institutionen sich anpassen. Der Anteil britischer Unternehmen ab zehn Beschäftigten, die KI einsetzen, stieg von zwölf Prozent im Jahr 2023 auf rund 35 Prozent; etwa 56 Prozent der befragten Firmen berichten von Produktivitätsgewinnen. Nüchtern fiel die Beschreibung der Wettbewerbsposition aus: Spitzenmodelle sind fast ausschließlich amerikanisch oder chinesisch, Rechenleistung wird zur nächsten Handelsware, und Rechenzentrumsinvestitionen in vergleichbarer Größenordnung finden in Europa nicht statt.

Die Beschränkungen in Europa seien hausgemacht. Talent ist reichlich vorhanden und im amerikanischen Technologiesektor überrepräsentiert, das Kapital liegt in niedrig verzinsten Einlagen, die Wagniskapitalquote der Pensionsvermögen beträgt einen kleinen Bruchteil der amerikanischen, und die Energiekosten sind zu hoch. Da der Rückstand in Monaten und nicht in Jahren gemessen werde, sei eine Führungsrolle bei der Anwendung nach wie vor möglich. Als stärkstes europäisches Angebot wurde „human-centred AI“ formuliert: Schutz der Daten, ein Mensch in der Entscheidungskette und der Einzelne statt des Unternehmens im Mittelpunkt, vorgetragen als glaubwürdige Alternative und nicht als Führungsanspruch. Am dringlichsten erschien aus der Runde die Bindung der Talente. Wer heute seine Ausbildung abschließt, träume zuerst von Amerika; Europa müsse ein guter Arbeitsort werden und nicht nur ein angenehmer Wohnort.

8. Demografischer Wandel: Gesellschaftliche Folgen für die nächste Generation“

Die demografische Veränderung ist die schnellste seit dem Schwarzen Tod. Europa dürfte in den kommenden 24 Jahren von rund acht auf sechs Prozent der Weltbevölkerung fallen, Afrika von 18 auf 25 Prozent steigen. Die Weltbevölkerung erreicht ihren Höhepunkt bei etwa zehn Milliarden, von denen etwa vier von zehn Menschen Afrikaner sein werden, während China von 1,4 Milliarden auf rund 800 Millionen zurückgeht. Daraus wurde die Entwicklungspolitik als Instrument abgeleitet, um den Migrationsdruck langfristig zu dämpfen.

Innenpolitisch wirkt die Demografie längst. Das Versprechen von Arbeit, Wohneigentum und gesicherter Altersvorsorge trägt für viele Jüngere nicht mehr, und die Arithmetik ist unbarmherzig: Bei der letzten britischen Unterhauswahl lag das Alter, ab dem jemand eher zur Mitte-rechts-Partei neigte, bei 64 Jahren. Über der alten sozioökonomischen Konfliktlinie liegt inzwischen eine bildungsbezogene. Auf der einen Seite steht eine mobile Gruppe von 25 bis 30 Prozent mit erworbener statt zugeschriebener Identität, auf der anderen Menschen, für die Heimat, Beruf und gewachsene Bindungen identitätsstiftend sind und die Veränderungen in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld als Verlust von Sicherheit und Kontrolle erfahren. Als Treiber des Backlash wurde die Verlagerung von Macht weg von gewählten Politikern hin zu Expertengremien, Regulierern und Gerichten benannt. Mehrheitswahlsysteme sind dabei exponierter: Bei einer jüngeren Wahl wurden aus 34 Prozent der Stimmen über 60 Prozent der Mandate.

Als Motto für die eigene politische Familie fiel das Wort von der „resilience through reinvention“. Die Fähigkeit zur ständigen Erneuerung gehöre der Mitte-rechts, die Veränderung nicht abwehrt, sondern selbst gestaltet, und nicht den Progressiven.

9. Kontroversen im Ideas Network 2030: Wo der Saal geteilter Meinung war

Der Bericht wäre unvollständig, wenn er die Veranstaltung als durchgehend einvernehmlich darstellte. Vier Differenzen wurden offen ausgetragen.

  • Unbemannte Systeme. Ein Speaker war der Meinung, dass billige Systeme teure zerstören würden, und dass die ukrainische Drohnenkompetenz Europas wichtigste Lernquelle sei. Dagegen wurde gehalten, dass weiterhin die Masse entscheidet, dass Gegenmittel mit Sicherheit kommen und dass die Systeme bei niedrigen Temperaturen und schlechter Sicht versagen und weniger präzise sind als behauptet. Die Warnung lautete, sich von der Technologie nicht verführen zu lassen.
  • Klimaziele. Auf der einen Seite stand die Position, die Kosten offen zu benennen und über Marktinstrumente zu senken, am Ziel selbst aber festzuhalten. Auf der anderen Seite die Forderung nach einer Überprüfung des Zeitpfades, nach mehr Kernkraft und, für eine längere Übergangszeit, nach Gas - bei weniger Erneuerbaren. Dazu gehört ein Parteiprüfprozess, der das Ziel für 2050 aufgegeben hat, ohne eine Alternative zu benennen.
  • KI-Regulierung. Vertreten wurde, neues Recht sei weitgehend entbehrlich: Wer KI reguliere, reguliere ihre alltäglichen Wirkungen, und das Völkerrecht gelte online wie offline. Der Druck für einen neuen Vertrag entspringe teils dem Wunsch nach einem Platz an einem neu geschaffenen Tisch. Dem stand die Bewertung des Abschlussplenums gegenüber, wonach ein internationaler Governance-Rahmen die größte Einzelfrage überhaupt darstellt.
  • Das britisch-europäische Verhältnis. Dem Argument der wechselseitigen Abhängigkeit wurde entgegengehalten, der gegenwärtige Neustart laufe auf die Übernahme von Regeln ohne Mitsprache hinaus; der Zugangspreis zum europäischen Beschaffungsinstrument gilt manchen als bewusst prohibitiv. Strittig blieb außerdem, ob Sanktionen ein wirksamer Hebel bleiben oder die Gegenseite in eine engere Allianz mit China treiben.

10. Konkrete Vorschläge aus den Sitzungen

Die folgenden Vorschläge kamen aus dem Teilnehmerkreis. Sie geben nicht die Position der Veranstalter wieder, markieren aber, woran im Netzwerk weitergearbeitet werden kann.

  • Ein Europäischer Sicherheitsrat, der nach der Ratifikation durch 15 Staaten in Kraft tritt, dem Vereinigten Königreich, der Ukraine und Norwegen offensteht und mit qualifizierter Mehrheit entscheidet.
  • Ein Verteidigungspakt mit der Ukraine samt einer gemeinsamen Eingreiftruppe aus je 50.000 ukrainischen und europäischen Soldaten, gestützt auf 800.000 Soldaten mit Gefechtserfahrung.
  • Die gemeinsame Finanzierung strategischer Enabler und die wechselseitige Öffnung der Rüstungsmärkte; als Schlüsselschritt gilt die deutsch-französische Öffnung.
  • Die Operationalisierung der Beistandsklausel (Artikel 42 Absatz 7 EU-Vertrag, wonach die Mitgliedstaaten einem angegriffenen Mitgliedstaat Beistand schulden): wer tagt, wer entscheidet und zulasten welcher Haushaltslinien.Die Rückführung der CO₂-Einnahmen an Industrie und Haushalte als Investitionskapital, statt sie in allgemeinen Haushalten zu vereinnahmen.
  • Eine europäische Konföderation unter Einbeziehung der Ukraine, Norwegens und des Vereinigten Königreichs, mit Marktzugang für Waren und gemeinsamer Verteidigung.

11. Ausblick: Die Vision 2040 für Europa gestalten

Für das kommende Jahr benannten die Veranstalter drei Arbeitsschwerpunkte: Verteidigung und Sicherheit mit Blick auf europäische Prioritäten und die transatlantische Partnerschaft, Wirtschaft und Handel mit Blick auf Dezentralisierung und Wachstum sowie die digitale Transformation mit Blick auf eine internationale KI-Governance. Die Ergebnisse sollen in weitere Veranstaltungen und Politikpartnerschaften einfließen und sich zu einer Vision 2040 verdichten; parallel öffnet sich das Netzwerk für Mitglieder. Bemerkenswert war die Form der Dokumentation: Sämtliche Sitzungen standen auf einer eigens mit KI entwickelten Plattform als Entwurfszusammenfassungen zur Kommentierung bereit. 

Aus der Runde kam die Anregung, künftig regionale Perspektiven stärker einzubeziehen, insbesondere Afrika, und alternative Allianzen bis in den pazifischen Raum in den Blick zu nehmen. Als am wenigsten bearbeitete Säule wurde die Demografie benannt.

Für die Hanns-Seidel-Stiftung liegt der Mehrwert des Austauschs  vor allem darin, den Dialog zwischen dem Vereinigten Königreich und Kontinentaleuropa fortzuführen. Die Veranstaltung hat gezeigt, wie eng britische und kontinentale Problemlagen inzwischen zusammenlaufen, bei den Energiekosten ebenso wie bei den Kapitalmärkten, der Verteidigungsbeschaffung und der Bindung junger Menschen. Sie hat ebenso gezeigt, wie tragfähig die Idee einer Synergie mittlerer Mächte ist, sobald sie an konkreten Vorhaben ansetzt. Die tragende Haltung dafür bleibt die eingangs formulierte Verbindung von Tradition und Technologie.

Die zentrale Erkenntnis der beiden Tage lässt sich auf einen Gedanken herunterbrechen: Europa sichert seine Zukunft nicht, indem es Veränderungen aufzuhalten versucht, sondern indem es sie schneller und besser gestaltet als andere.

Anmerkung: Für die gesamte Veranstaltung galt die Chatham House Rule; die Ausführungen sind deshalb keiner speziellen Person und keiner Organisation zugeordnet.

Kontakt

Leiter: Dr. Michael Martin Richter
Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland
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