Im Interview
„Diplomatie ist kein Job für Einzelkämpfer“
Der Diplomat Dr. Dennis Kumetat durchlief das Auswahlverfahren für den höheren Dienst im Auswärtigen Amt.
© Auswärtiges Amt
HSS: Herr Dr. Kumetat, wie wird man eigentlich Diplomat im höheren Auswärtigen Dienst?
Dr. Dennis Kumetat: Um sich für den höheren Dienst im Auswärtigen Amt zu bewerben, braucht man zunächst einen Masterabschluss oder ein gleichwertiges Studium – also auch Staatsexamen oder vergleichbare internationale Abschlüsse. Wichtig dabei: Der Abschluss muss in Deutschland anerkannt sein, das heißt, es braucht eine sogenannte Äquivalenzbescheinigung. Gerade bei Auslandsmaster-Programmen gibt es da manchmal Schwierigkeiten, zum Beispiel, wenn keine Abschlussarbeit geschrieben wurde oder die Credit Points nicht ausreichen. Dann kann eine Bewerbung aus formalen Gründen scheitern – das ist natürlich frustrierend, gerade für eigentlich gut qualifizierte Bewerberinnen und Bewerber.
Der Bewerbungszeitraum für den höheren Dienst ist einmal im Jahr, aktuell noch bis Ende Juli geöffnet. Dann gehen in der Regel zwischen 1.500 und 2.000 Bewerbungen ein. Davon sollte man sich aber nicht abschrecken lassen. Das Verfahren ist zwar anspruchsvoll, aber man kann es mit entsprechender Vorbereitung schaffen.
Nach Sichtung der Unterlagen und bei Vorliegen der formalen Einstellungsvoraussetzungen (deutsche Staatsangehörigkeit und gleichwertiger Masterabschluss zum Zeitpunkt der Einstellung) folgt eine Einladung für das schriftliche Auswahlverfahren im Spätsommer, das mittlerweile ortsunabhängig online durchgeführt wird. Es enthält Multiple-Choice-Tests und eine politische Analyse in Textform – der einzige Fließtext im Verfahren. Dort zählt nicht nur Inhalt, sondern auch Struktur, Argumentation und Rechtschreibung.
Wer unter den besten rund 100 bis 200 Bewerbern ist, wird zum mündlichen Auswahlverfahren eingeladen – eine Art Assessment Center in der Akademie in Berlin-Tegel. Dort geht es weniger um Wissen oder Gesinnung, sondern um Kompetenzen: Teamfähigkeit, Führungswille, Belastbarkeit, Verständnis für politische Zusammenhänge und auch die Fähigkeit, mit Kritik umzugehen. Wichtig ist: Die Bewerber stehen an diesem Tag nicht in direkter Konkurrenz zueinander – jede Person wird individuell bewertet. Ich vergleiche das immer gerne mit dem Turnen: jeder
Kandidat kriegt einen individuellen Score von allen Kommissionsmitgliedern aus ganz vielen Einzelscores errechnet.
HSS: Welche Studienfächer sind gefragt?
Dr. Dennis Kumetat: Alle Fachrichtungen sind willkommen, solange die formalen Voraussetzungen erfüllt sind. Wir freuen uns gerade über die Vielfalt. In vielen Attaché-Crews finden sich zum Beispiel Mediziner, Mathematiker, Sprachwissenschaftler oder Soziologen. Was wir aber auch immer brauchen sind natürlich Wirtschaftswissenschaftler, Politologinnen und Juristinnen. Auch das Alter ist breit gefächert – von Mitte 20 bis über 40. Es gibt keine Bonuspunkte für bestimmte Studiengänge oder Universitäten; alle müssen sich dem gleichen Verfahren stellen. Entscheidend sind Interesse an Menschen, Politik, Ausland und Kommunikationsfähigkeit – sowie die Bereitschaft, lebenslang zu lernen und kollegial „anzupacken“, wenn es notwendig ist, um die Dinge – von ganz klein bis ziemlich groß – zum Erfolg zu führen.
HSS: Wie wichtig ist dabei Flexibilität?
Dr. Dennis Kumetat: Sehr wichtig. Unser Alleinstellungsmerkmal im Auswärtigen Amt ist das Generalisten- und Rotationsprinzip. Wer sagt, „Ich bin Spezialist für, sagen wir mal, Nahost oder Zentralasien, und will mein ganzes Berufsleben nur das machen“, für den ist der Auswärtige Dienst wahrscheinlich nicht das Richtige. Man sollte bereit sein, sich immer wieder auf neue Themen und Regionen einzulassen – oft auch in sehr unterschiedlichem politischem und gesellschaftlichem Umfeld. Und das fördern wir auch gerade in den ersten zehn Berufsjahren. Da sollen Sie ganz verschiedene Bereiche kennenlernen.
HSS: Was hat Sie persönlich motiviert, in den höheren Auswärtigen Dienst zu gehen?
Dr. Dennis Kumetat: Mich hat die Mischung aus In- und Ausland gereizt. Ich wollte etwas machen, das mich auch immer wieder nach Deutschland zurückführt – im Gegensatz zu reinen Expat-Karrieren. Die Möglichkeit, Politik mitzugestalten, ist nach wie vor sehr spannend für mich – nicht nur zu analysieren, sondern auf der Macherseite zu sein. Und ich empfinde es als großes Privileg, Zugang zu interessanten Menschen aus unterschiedlichsten Bereichen zu haben – besonders im Ausland.
HSS: Wie unterscheidet sich Ihre aktuelle Tätigkeit in der Zentrale in Berlin von der Arbeit an einer Auslandsvertretung?
Dr. Dennis Kumetat: In der Zentrale ist man näher dran an politischen Entscheidungen und an der strategischen Steuerung. Die Arbeit hier hat mehr klassischen Behördencharakter, aber auch viele Gestaltungsmöglichkeiten – gerade jetzt, wo wir im Bereich Personalmarketing und -gewinnung, in dem ich momentan tätig bin, vieles neu aufbauen. Das unterscheidet sich natürlich von der Arbeit an einer Botschaft, wo man stärker in konkreten bilateralen oder multilateralen Projekten eingebunden ist.
HSS: Sie waren zuletzt in Kairo tätig. Was hat diesen Posten ausgezeichnet?
Dr. Dennis Kumetat: Ich war fast sieben Jahre in Ägypten, zunächst als politischer Referent mit Zuständigkeit für Außenpolitik und die Arabische Liga, später als Leiter des Regionalen Deutschlandzentrums und Sprecher des Auswärtigen Amts für die Arabische Welt. Ägypten ist diplomatisch ein „Powerhouse“ der Region. Die Ausbildung zum Diplomaten in Ägypten ist sehr anspruchsvoll, was sich im Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen vor Ort positiv bemerkbar macht. Es war immer eine Freude, mit ihnen über politische Fragen zu diskutieren. Auch die Vielfalt der Themen – von Nahostpolitik über Migration bis hin zu Afrika-Politik – war beeindruckend. Als regionaler Sprecher konnte ich den großen arabischen Medienhäusern – auf Arabisch – Interviews zur deutschen Außenpolitik geben; das war ein echtes Highlight.
HSS: Wie geht man in der Diplomatie mit unterschiedlichen politischen und kulturellen Wertesystemen um?
Dr. Dennis Kumetat: Wichtig ist, sich klarzumachen, dass man Vertreter der Bundesregierung ist – auch als Privatperson im Gastland. Es geht darum, deutsche Interessen realistisch, diskret und mit Gespür zu vertreten. Nicht jede Gesprächssituation eignet sich für Kritik, und kaum ein Thema lässt sich nachhaltig mit der Holzhammer-Methode lösen. Gerade bei Wertekonflikten hilft oft nur ein sachlicher Austausch mit der Bereitschaft, am Ende auch einmal festzustellen: Wir sind nicht einer Meinung. Diplomatie bedeutet nicht, sofort Meinungen zu ändern, sondern Gesprächsfähigkeit zu erhalten.
Herr Dr. Kumetat, vielen Dank für das Gespräch.
Dr. Dennis Kumetat gehört seit 2011 dem höheren Auswärtigen Dienst an und ist derzeit stellvertretender Referatsleiter für Personalgewinnung im Auswärtigen Amt mit einem Schwerpunkt auf Personalkommunikation und Arbeitgebermarke. Vorher leitete der unter anderem das Regionale Deutschlandzentrum in Kairo und war regionaler Sprecher des AA in der MENA-Region und hatte weitere Verwendungen in Berlin und in Doha/Katar.