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Parlamentswahl in Serbien 2026
Ein Land vor dem politischen Neuanfang

Autorin/Autor: Dr. Klaus Fiesinger

Der Wahlsieg der Studentenliste bei der Parlamentswahl in Serbien markiert einen politischen Umbruch und das Ende der bisherigen Machtverhältnisse unter Aleksandar Vučić. Doch wie gelingt der demokratische Neuanfang, und welche Folgen hat der Regierungswechsel für Serbiens Verhältnis zur EU?

"Verdammt, ich habe voll Lust aufs Wählen!" - das steht auf einem Transparent der Studentenliste auf dem Slavija-Platz in Belgrad am 22. Oktober, zu der sich nach Schätzungen rund 150.000 Menschen versammelten.

"Verdammt, ich habe voll Lust aufs Wählen!" - das steht auf einem Transparent der Studentenliste auf dem Slavija-Platz in Belgrad am 22. Oktober, zu der sich nach Schätzungen rund 150.000 Menschen versammelten.

Bild: HSS

Schon im Vorfeld der Parlamentswahlen war klar, dass es am 25. Oktober  zu einem „Referendum“ für oder gegen den bisherigen Staatspräsidenten Aleksandar Vučić kommen würde, der kurz vor den Wahlen zurückgetreten war, um fortan, wie schon in den Jahren 2014 bis 2017, wieder als Ministerpräsident die Geschicke Serbiens zu leiten. Das Ergebnis der Parlamentswahlen hätte trotz mehrfacher Wahlmanipulation durch die seit 2012 regierende autokratische SNS-SPS Regierung unter  Aleksandar Vučić mit der absoluten Mehrheit der „Studentenliste“ nicht eindeutiger ausfallen können. Schnell wurde daher von internationaler Seite in den jeweiligen medialen Analysen ein direkter Bezug zu den Parlamentswahlen in Ungarn hergestellt, wo im Frühjahr dieses Jahres das „System Orban“ ebenfalls überraschend mit absoluter Mehrheit der bisherigen Opposition hinweggefegt worden war. 

Aber Serbien ist nicht Ungarn. Eindeutig ist der Sieg der „Studentenliste“, alles andere ist im Moment unklar und wird erst im Laufe der kommenden Monate transparent werden. Kann sich aus der Protestbewegung eine parlamentarische Partei formieren und wer wird die neue Regierung anführen, nachdem es bisher keinen politischen  „Leader“ wie zum Beispiel in Ungarn gibt? Wie wird sich die neue Regierung gegenüber der EU positionieren? Können die stagnierenden EU-Verhandlungen endlich fortgesetzt werden? 

Ein Regime zu stürzen, ist das eine;  Regierungsverantwortung übernehmen und Staat und Gesellschaft Serbiens in einen rechtsstaatlich verankerten demokratischen Neubeginn zu  führen, das andere. 

Zwei Jahre voller Herzblut und Energie: Mit unermüdlichen Einsatz steckten Studierende das gesamte Land an. Ob zu Fuß oder auf dem Fahrrad – sie zogen von Ort zu Ort, suchten das direkte Gespräch und trugen ihre Botschaft mitten in die Bevölkerung. Auf ihrem Protestbanner prangte die Zeile eines bekannten serbischen Popsongs, die ihr Motto perfekt auf den Punkt bringt: „Wenn das Herz nicht brennt, ist alles unmöglich“

Zwei Jahre voller Herzblut und Energie: Mit unermüdlichen Einsatz steckten Studierende das gesamte Land an. Ob zu Fuß oder auf dem Fahrrad – sie zogen von Ort zu Ort, suchten das direkte Gespräch und trugen ihre Botschaft mitten in die Bevölkerung. Auf ihrem Protestbanner prangte die Zeile eines bekannten serbischen Popsongs, die ihr Motto perfekt auf den Punkt bringt: „Wenn das Herz nicht brennt, ist alles unmöglich“

Bild: HSS

Hintergrund: Studentenproteste und politische Krise in Serbien

Am 25. Oktober wurden in Serbien vorgezogene Parlamentswahlen abgehalten, bei denen die oppositionelle Studentenliste „Die Studenten siegen“ die absolute Mehrheit der Sitze gewann. Die Studentenliste gewann mindestens eine halbe Million Stimmen mehr als die zweitplatzierte Liste um die bis dato regierende Serbische Fortschrittspartei (SNS) des bisherigen Staatspräsidenten Aleksandar Vučić.

Ende September 2026 war Aleksandar Vučić vorzeitig von seinem Amt1 zurückgetreten und hatte die Amtsgeschäfte an die Parlamentspräsidentin Ana Brnabić (SNS) übergeben, die die Funktion des Staatsoberhaupts nun interimsweise  ausübt – dies laut Verfassung für maximal 90 Tage. Offen bleibt derzeit die genaue Terminierung der Präsidentschafts- und etwaiger Kommunalwahlen im Nachgang der Parlamentswahlen.

Die vorgezogenen Parlamentswahlen fanden vor dem Hintergrund einer extrem polarisierten Gesellschaft statt, die sich seit zwei Jahren in einer tiefen politischen Krise befindet. Landesweite Studenten- und Bürgerproteste hatten sich nach dem tragischen Einsturz des Bahnhofsvordachs mit 16 Toten im November 2024 in der nordserbischen Stadt Novi Sad (Hauptstadt der autonomen Provinz Vojvodina) entfaltet.

Da viele Menschen davon ausgingen, dass der tragische Unfall auf schwere systemische Korruption beim Umbau des Bahnhofs zurückzuführen war, forderten die Studierenden die vollständige Offenlegung aller Bauunterlagen sowie die strafrechtliche Verfolgung der Verantwortlichen. Ihren Protesten schlossen sich landesweit breite Teile der Gesellschaft an. Laut „Transparency International“ ist  Serbien das drittkorrupteste Land Europas, nach Russland und Weissrussland. 

Die Demonstrationen hielten seit Ende 2024 an. Ab Mitte 2025 kristallisierte sich die Forderung der Protestierenden nach vorgezogenen Parlamentswahlen heraus, nachdem die zuständigen Institutionen ihrer Ansicht nach nicht auf ihre Forderungen reagiert hatten.  Experten sehen in den Protesten auch einen Ausdruck der über Jahre gewachsenen Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Die Kritik richtet sich vor allem gegen die zunehmende Schwächung der Rechtsstaatlichkeit, weit verbreitete Korruption, politische Einflussnahme auf die Justiz und Einschränkungen der Medienfreiheit. Auf diese Missstände weist auch die Europäische Kommission in ihren jährlichen Erweiterungsberichten immer wieder hin.

Bei der Parlamentswahl standen insgesamt 18 verschiedene Listen zur Wahl; die Umfragen sahen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der SNS und der klar dominierenden Oppositionskraft, der Studentenliste, voraus. 

Die Parlamentswahlen stellten die seit 2012 regierende SNS mit ihrem Parteivorsitzenden  Aleksandar Vučić vor ihre bislang größte Bewährungsprobe, da sie sich einer aus einer Protestbewegung hervorgegangenen, ideologisch heterogenen, aber unerschrockenen und dynamischen Studentenbewegung als Herausforderer gegenübersah. Die Studentenliste wurde in einem basisdemokratischen Prozess bestimmt und umfasst – anders als der Name suggeriert – nicht in erster Linie Studierende, sondern Wissenschaftler, Universitätsprofessoren, Ärzte und Künstler. Sie hat zwar einen Spitzenkandidaten, den  Kardiologen Professor Dr. Ilija Srdanović; dieser ist jedoch kein „Anführer“ im klassischen Sinne parlamentarisch-parteilicher Strukturen. Nachdem prognostiziert worden war, dass die Parlamentswahlen den Charakter eines Referendums „für oder gegen das Regime Vučić“ annehmen würden,  ist es der Studentenliste gelungen, ein breites Bündnis aus etablierten Oppositionsparteien, Bewegungen und lokalen Initiativen mit dem Ziel eines Regierungswechsels hinter sich zu vereinen, die darauf verzichteten, eigene Kandidaten für die Wahl aufzustellen2.

Auf dem Protestbanner der Studentenliste prangte die Zeile eines bekannten serbischen Popsongs, der ihr Motto perfekt auf den Punkt bringt: „Wenn das Herz nicht brennt, ist alles unmöglich“.

Auf dem Protestbanner der Studentenliste prangte die Zeile eines bekannten serbischen Popsongs, der ihr Motto perfekt auf den Punkt bringt: „Wenn das Herz nicht brennt, ist alles unmöglich“.

Bild: HSS

Parlamentswahl 2026: Ergebnisse und Reaktionen

Der bisherige Staatspräsident Vučić und Spitzenkandidat der SNS wandte sich kurz nach Schließung der Wahllokale am Abend des 25. Oktober 2026 an die Öffentlichkeit und räumte die Wahlniederlage der SNS ein: „Wir haben diese Wahl ganz klar verloren, gewonnen hat die studentische Blockade-Liste“, verkündete er live aus der Parteizentrale. Er bezeichnete das Wahlergebnis als „Legitimierung einer Revolution“, die mit direkter Schützenhilfe diverser europäischer Staaten sowie des US-amerikanischen Deep-State herbeigeführt worden sei. Vučić fügte hinzu: „Ich gratuliere ihnen, obwohl sie die Handlanger für die Drecksarbeit sind, die sich jemand ausgedacht hat, um einen souveränen Staat zu stürzen.“3

Laut den seit 29. Oktober  vorliegenden finalen Ergebnissen der Nationalen Wahlkommission4 kam die Studentenliste auf 53,04 Prozent der Stimmen, was 141 Mandate und die absolute Mehrheit der Gesamtzahl der Abgeordneten im Nationalparlament (250) ausmacht, das Wahlbündnis der SNS „Aleksandar Vučić – Vereintes Serbien“ dagegen auf 38,97 Prozent der Stimmen mit 103 Sitzen  im serbischen Nationalparlament, der Skupština. 

Gemäß der vorläufigen Mandatsverteilung gehen die verbleibenden sechs Mandate an vier  Minderheitenparteien, die aus der Sperrklausel von drei Prozent ausgeschlossen sind: „Allianz der Vojvodina Ungarn – Dr. Bálint Pásztor“ (zwei Mandate), „Albanische Koalition“ (zwei Mandate), Koalition der Demokratischen Partei von Sandžak (SDP) und Montenegrinische demokratische Partei (CDP): „Rasim Ljajić – Menschlich“ (ein Mandat) und „SDA des Sandžak – Die Wächter des Sandžak“ (ein Mandat).

Die traditionellen Parteien erlitten eine schwere Niederlage: Die Koalition um die linkspopulistische Sozialistische Partei Serbiens (SPS): „Ivica Dačić – Faktor der Stabilität“, die bisher als kleinerer Koalitionspartner mit der SNS regierte, aber mit einer separaten Liste an den Wahlen teilnahm, kam auf 2,13 Prozent und wird zum ersten Mal seit ihrer Gründung 19905 und der Wiederherstellung des Mehrparteiensystems in Serbien nicht im Parlament vertreten sein. Die rechtsgerichtete oppositionelle Koalition, angeführt von der Neuen Demokratischen Partei Serbiens (NDSS): „Authentische Rechte – Dr. Miloš Jovanović – Mutig serbisch!“ gewann lediglich 0,89 Prozent der Stimmen und das einzige deklarativ wirklich proeuropäische Oppositionsbündnis der „Partei für Freiheit und Gerechtigkeit“ (SSP), der Partei „Serbien Zentrum“ (SRCE) und der „Bewegung Solidarität: „Europäisches Serbien – Marinika Tepić-Zdravko Ponoš, SSP, SRCE, Solidarnost, Samoodbrana, Oslobođenje“ blieb mit dem Ergebnis 0,28 Prozent  der Wählerstimmen ebenfalls weit unter der 3-Prozent-Hürde. 

Stimmung am Wahltag und höchste Wahlbeteiligung seit über 30 Jahren

Der Wahltag war durch lange Warteschlangen vor den Wahllokalen und von zahlreichen Zwischenfällen gekennzeichnet. Die Wahlbeteiligung erreichte nahezu 70 Prozent, die höchste Wahlbeteiligung seit 1992 und das Ergebnis einer intensiven Mobilisierung der Bürger als Folge der eklatanten gesellschaftspolitischen Veränderungen in den vergangenen zwei Jahren.

Lokale Wahlbeobachter, wie die serbische Wahlbeobachtungsgruppe CRTA, meldeten zahlreiche Unregelmäßigkeiten und gewaltsame Übergriffe und berichteten von mutmaßlichem Stimmenkauf und von Wahllokalen, die verspätet öffneten. 

Systematische Manipulationen in den Wahllokalen wurden weitgehend dadurch verhindert, dass sich eine große Anzahl von Wahlberechtigten direkt an der Durchführung und Kontrolle der Wahlen vor Ort beteiligte. Darüber hinaus war laut Angaben der Nationalen Wahlkommission vor der Wahl eine Rekordzahl an Beobachtern gemeldet: 26 inländische Verbände mit insgesamt 15.539 Beobachtern sowie 57 ausländische Organisationen und Verbände mit 637 Beobachtern[1].

Die von starken gesellschaftlichen und politischen Spannungen begleiteten Wahlen mit zahlreichen Protestkundgebungen zigtausender Aktivisten und Symphathisanten der Studentenliste und SNS-Gegendemonstrationen in den Tagen und Nächten vor der Wahl,  ließen berechtigte Zweifel an einem friedlichen Regierungswechsel aufkommen. Auch die verstärkte Polizeipräsenz in Belgrad am Abend des 25. Oktober deutete auf eine Eskalationsgefahr hin. Das schon früh am Wahlabend erfolgte Eingeständnis der deutlichen SNS-Niederlage durch Aleksandar Vučić kam daher für viele unerwartet.

Die Projektarbeit der Hanns-Seidel-Stiftung in Serbien

Die Hanns-Seidel-Stiftung (HSS) engagiert sich seit 2001 in Serbien für die Stärkung demokratischer Strukturen, Rechtsstaatlichkeit und europäischer Integration. Zentrale Arbeitsfelder sind die Förderung einer modernen, transparenten Verwaltung in staatlichen Behörden und Einrichtungen auf regionaler und nationaler Ebene, die politische Beteiligung der Zivilgesellschaft sowie der Schutz ethnischer Minderheiten.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Förderung junger Menschen und politischer Nachwuchskräfte sowie dem regionalen Dialog im Westbalkan. Gemeinsam mit staatlichen Institutionen, Universitäten und zivilgesellschaftlichen Organisationen führt die Stiftung Seminare, Fachkonferenzen, Beratungsmaßnahmen und Studienreisen durch. Damit unterstützt sie Serbien bei gesellschaftspolitischen Reformen und der Annäherung an europäische Standards.

Regierungsbildung in Serbien: Wie geht es weiter?

Die Fristen für die Konstituierung des neuen Parlaments beginnen mit der Bekanntgabe der endgültigen Wahlergebnisse, nach der die Nationale Wahlkommission die Mandate innerhalb von zehn Tagen per D'Hondt-Verfahren zuteilt. Die Nationale Wahlkommission hatte beschlossen, die Abstimmung an 53 Wahllokalen zu wiederholen, an denen die Ergebnisse nicht festgestellt werden konnten oder die Abstimmung annulliert wurde. Die Nachwahlen  fanden am 1. November statt. Auch hier wiederholte sich das Ergebnis der Wahlen vom 25. Oktober: nahezu 70% Wahlbeteiligung und eine absolute Merheit für die Studentenliste.   Spätestens 30 Tage nach Verkündung des endgültigen Ergebnisses muss die erste Sitzung des Parlaments einberufen werden, bei der die Nationalversammlung mit der Bestätigung von mindestens zwei Dritteln der Abgeordneten offiziell als konstituiert gilt. Ab diesem Zeitpunkt läuft eine 90-tägige Frist zur Bildung der neuen Regierung, für deren Wahl eine absolute Mehrheit von mindestens 126 Stimmen erforderlich ist. Nach den vorläufigen Ergebnissen der Nationalen Wahlkommission wird die Studentenliste die Regierung alleine bilden können, da sie die absolute Mehrheit der Mandate in der Nationalversammlung gewonnen hat.

Eine der Kundgebungen in Belgrad, auf dem Plakat steht „Straßenarbeiten: Wir reparieren Serbien“.

Eine der Kundgebungen in Belgrad, auf dem Plakat steht „Straßenarbeiten: Wir reparieren Serbien“.

Bild: HSS

Schwerpunkte der künftigen Regierung und Herausforderungen

Die großen Feierlichkeiten der Bürger auf den Straßen von Belgrad, Novi Sad und anderen Städten symbolisieren eine große Welle der Hoffnung, stellen die neue Führung jedoch gleichzeitig vor komplexe und dringende Aufgaben. Die Euphorie auf den Straßen hat die Messlatte für die Erwartungen der Menschen extrem hoch gelegt. Die größte Herausforderung für die neue Regierung wird darin bestehen, die „Kraft des Volkes“ in stabile und funktionierende Institutionen zu kanalisieren und gleichzeitig Frieden und Stabilität in der Gesellschaft zu bewahren. Dies dürfte keine leichte Aufgabe werden, hat  doch die bisherige Regierungspartei SNS über viele Jahre einen flächendeckenden Machtapparat aufgebaut , in dem entscheidende  Posten im öffentlichen Dienst oftmals nur an Parteimitglieder vergeben wurden.

Nachdem die Studentenliste keine Partei, sondern ein weltanschaulich heterogenes Sammelbecken  unterschiedlichster Formationen und Positionen darstellt, in dem auch nationalistische Tendenzen sichtbar sind, und diese zudem mehrheitlich aus Personen  aus dem akademischen Milieu besteht, die keine Politikerfahrung mitbringen, gilt es nun umso mehr, die bisherige Protestbewegung in ein funktionierendes politisches Gefüge zu überführen. Die Studentenliste muss nun Regierungsverantwortung übernehmen, staatliche Institutionen reorganisieren und demokratisieren,  sowie umsetzbare Reformkonzepte in den Bereichen Rechtsstaatlichkeit, Medien,  Außen- und Nachbarschaftspolitik, EU-Integration, Wirtschaft und Sozialpolitik ausarbeiten. 

Im Fokus: Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung

Im Fokus des politischen Handelns der Studentenliste steht die Normalisierung der rechtsstaatlichen Strukturen. Bereits im Wahlkampf hat die Studentenliste auf demokratischen Reformen und der Rückkehr des Staates in den Rahmen von Verfassungsmäßigkeit und Rechtmäßigkeit beharrt. Die neue Regierung unter der Führung der Studentenbewegung wird aller Voraussicht nach die Entpolitisierung der Institutionen und die Korruptionsbekämpfung  vorantreiben, um rechtsstaatliche Strukturen zu stärken. Mit ihrer Forderung nach Lustration, also der Überprüfung von Personen im Hinblick auf ihre Eignung für öffentliche Ämter, soll sichergestellt werden, dass Personen, die an Machtmissbrauch, Korruption oder politischen Rechtsverletzungen beteiligt waren, künftig keine öffentlichen Ämter mehr bekleiden können.

Serbien und die EU: Welche Folgen hat der Regierungswechsel?

Außenpolitische Themen spielten im Wahlkampf nur eine untergeordnete Rolle,  auch wenn sie im Wahlprogramm der Studentenliste aufgegriffen wurden.

In den westlichen EU-Mitgliedstaaten wächst nun die Hoffnung, dass Serbien die sogenannte Mehrvektorenpolitik – die gleichzeitige Zusammenarbeit mit unterschiedlichen internationalen Partnern –  von Aleksandar Vučić hinter sich lässt und sich künftig stärker an der EU orientiert. Diesen Wunsch brachten auch zahlreiche EU-Vertreter in ihren Glückwunschschreiben zum Ausdruck. EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos stellte der siegreichen Studentenliste bereits am Wahlabend eine enge Zusammenarbeit mit der neuen politischen Führung in Aussicht. Die wirtschaftlichen Beziehungen bilden dafür eine wichtige Grundlage: Die EU ist nach wie vor Serbiens wichtigster Handelspartner, wobei Deutschland eine besonders bedeutende Rolle spielt. Es wird jedoch erwartet, dass die neue Regierung ein unbequemer Partner für Brüssel wird.  Experten betonen, dass die außenpolitische Transformation Serbiens nur schrittweise und der Innenpolitik nachgeordnet erfolgen wird, da die rechtsstaatliche Konsolidierung Vorrang hat. Ermutigend ist das klare Versprechen im Wahlprogramm der Studentenliste: „Wir werden uns bemühen, den IBAR-Status (Interim Benchmarks Assessment Report, Voraussetzung für den Beginn der einzelnen Kapitel-Verhandlungen) durch bedeutende Fortschritte im Bereich Justiz und Grundrechte (…) zu erreichen“. Zur EU-Integration äußerten sich die Vertreter der Studentenliste dahingehend, dass die Prozesse, die bereits im Gange sind, intensiviert und beschleunigt werden müssten. 

Falls Serbien die EU-Mitgliedschaft angeboten wird, treffen jedoch die Bürgerinnen und Bürger die Entscheidung in einem Referendum  – allerdings erst dann, wenn die Mitgliedschaft zu einer wirklich konkreten und realistischen Möglichkeit für das Land wird. Das Engagement der Studentenliste für funktionierende Institutionen, verfassungsmäßige Rechte und Freiheiten, Menschen- und Minderheitenrechte sowie größere Investitionen in Bildung, Wissenschaft und Technologie steht im Einklang mit dem EU-Beitrittsprozess. Eine stärkere Annäherung an die EU dürfte allerdings nicht automatisch zu einer höheren Zustimmung innerhalb der serbischen Bevölkerung führen. Auch unter den Vertretern der Studentenbewegung ist die Skepsis gegenüber der EU groß. Ein wesentlicher Grund dafür ist der bisherige Umgang der EU mit Präsident Vučić. Zwar kritisierte die Europäische Kommission in ihren jährlichen Berichten wiederholt politische Missstände und blockierte weitgehend weitere Fortschritte in den Beitrittsverhandlungen. Nach Ansicht der bisherigen serbischen Opposition duldete die EU das politische System unter Vučić jedoch letztlich, um die Stabilität in der Region nicht zu gefährden.

Die Studentenliste trat unter der Stimmzettelnummer 3 an. Die Ziffer entwickelte sich dadurch rasch zu einem zentralen Symbol für die Unterstützung der Studentenbewegung und den politischen Wandel im Land. Auf dem Wahlplakat der Liste prangt der Slogan „Zaokruži pobedu“ (Wähle den Sieg/Kreuz den Sieg an). Das visuelle Wortspiel nutzt dabei eine Besonderheit der Schrift: Der kyrillische Anfangsbuchstabe „Z“ (З) ist grafisch identisch mit der Ziffer 3.

Die Studentenliste trat unter der Stimmzettelnummer 3 an. Die Ziffer entwickelte sich dadurch rasch zu einem zentralen Symbol für die Unterstützung der Studentenbewegung und den politischen Wandel im Land. Auf dem Wahlplakat der Liste prangt der Slogan „Zaokruži pobedu“ (Wähle den Sieg/Kreuz den Sieg an). Das visuelle Wortspiel nutzt dabei eine Besonderheit der Schrift: Der kyrillische Anfangsbuchstabe „Z“ (З) ist grafisch identisch mit der Ziffer 3.

Bild: HSS

Außenpolitik zwischen der EU, der Russischen Föderation und  der VR China

Die Beziehungen zu den Nachbarstaaten Kroatien, Bosnien und Herzegowina sowie Montenegro sollen nach dem Willen der Studentenliste entspannt und normalisiert, offene bilaterale Fragen nicht mehr für innenpolitische Zwecke instrumentalisiert werden. Außerdem sollen die außenpolitischen Beziehungen zu Ungarn, Griechenland, Frankreich und Italien vertieft werden. 

Keine Änderung der außenpolitischen Positionen soll es laut Wahlprogramm in der sogenannten Kosovo-Frage geben. Die Studentenliste betonte mehrfach, dass der staats- und völkerrechtliche Status des Kosovo durch die Verfassung der Republik Serbien definiert ist, nach der der Kosovo und Metochien integrale Bestandteile des Landes sind. So sei der Dialog über den Kosovo zwar fortzusetzen, aber die rechtliche und faktische Nichtanerkennung des Kosovo solle beibehalten werden. Im Wahlkampf sprach sich die Studentenliste zudem gegen die von der EU geforderten Sanktionen gegen Russland aus. Als Gründe nannte sie insbesondere Serbiens wirtschaftliche Abhängigkeit von Russland im Energiesektor sowie die historisch engen Beziehungen zwischen beiden Ländern. Auch die strategische Partnerschaft mit China soll weiter ausgebaut werden. Der Spitzenkandidat der Studentenliste, Professor Ilija Srdanović, betonte zudem, dass die serbische Bevölkerung über grundlegende außenpolitische Entscheidungen direkt mitbestimmen müsse.

Gemäß einer gerade erschienenen wissenschaftlichen Studie aus Belgrad, an der auch  ein Mitarbeiter der HSS-Partnerorganisation BFPE (Belgrad Fond for Political Excellence) beteiligt war, wird die serbische Außenpolitik ihre bisherige Zielrichtung beibehalten, jedoch nach neuen Regeln und mit neuer Methodik. Personalisierte Gipfeldiplomatie soll einer institutionellen, rechtlich geregelten, transparenten Vorgehensweise weichen, aber inhaltlich dürfte der bisherige Kurs gegenüber der Russischen Föderation, der VR China, den USA und der EU zunächst gleich bleiben.  

Das Ausmaß der politischen Teilnahme in Serbien ist seit zwei Jahren stark angestiegen, so dass sich eine große Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern informierte und sich direkt an der Durchführung und Kontrolle der Wahlen vor Ort beteiligte. Diese Hüterinnen des Wählerwillens und des demokratischen Prozesses engagierten sich in einem Wahllokal in Belgrad.

Das Ausmaß der politischen Teilnahme in Serbien ist seit zwei Jahren stark angestiegen, so dass sich eine große Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern informierte und sich direkt an der Durchführung und Kontrolle der Wahlen vor Ort beteiligte. Diese Hüterinnen des Wählerwillens und des demokratischen Prozesses engagierten sich in einem Wahllokal in Belgrad.

Bild: HSS

Politischer Neuanfang mit offenen Fragen

In der neuen politischen Führung Serbiens könnten schon bald erste Spannungen auftreten. Denn die Studentenliste vereint unterschiedliche politische und weltanschauliche Positionen. Im Wahlkampf hielt sie vor allem ein gemeinsames Ziel zusammen: das Ende des „Systems Vučić“, das für die Vereinnahmung staatlicher Institutionen durch politische Machtinteressen steht (englisch: State Capture).

Mit dem Wahlsieg ist dieses Ziel erreicht. Nun muss sich zeigen, ob die unterschiedlichen politischen Kräfte auch bei der künftigen Regierungsarbeit an einem Strang ziehen. Serbien steht vor einem politischen Neuanfang: Die Machtübergabe und die Bildung einer neuen Regierung stehen bevor, während bereits im Dezember die Präsidentschaftswahlen anstehen. Das Land befindet sich damit in einer Phase der politischen Neuorientierung.

 

Quellen:

[1] Die reguläre, volle zweite Amtszeit von Aleksandar Vučić als Präsident von Serbien hätte am 31. Mai 2027 abgelaufen. Laut Verfassung darf er nach zwei Amtszeiten nicht erneut als Präsident kandidieren.

[2] Der Verzicht auf Wahlteilnahme und die Unterstützung für die Studentenliste kamen von den parlamentarischen oppositionellen Parteien: Demokratische Partei (DS), Grün-Linke Front (ZLF), Ökologischer Aufstand, Neues Gesicht Serbiens, Volksbewegung Serbiens, Bewegung Freier Bürger (PSG), Bewegung zur Erneuerung des Königreichs Serbien (POKS), Serbische Erneuerungsbewegung (SPO). 

[3] www.rts.rs/lat/vesti/izbori-2026/6069583/aleksandar-vucic-izbori-2026-izgubili-smo-izbore.html

[4] Stand: 29.10.2026:  https://www.rik.parlament.gov.rs/542645/rezultati/

[5] Sie entstand durch den Zusammenschluss des Bundes der Kommunisten Serbiens und der Sozialistischen Allianz des arbeitenden Volkes Jugoslawiens. Der erste Vorsitzende der Partei war Slobodan Milošević.

[6] www.danas.rs/vesti/politika/posmatraci-domaci-strani-izbori-2026/

Kontakt

Projektleitung: Dr. Klaus Fiesinger
Serbien
Projektleitung