HSS-Dialogprogramm in Luxemburg für jüngere Führungskräfte
Europas „Nummer drei“
Mit Parlamentspräsident Claude Wiseler (dritter von rechts) in der luxemburgischen Abgeordnetenkammer
©Timon Ostermeier/HSS
Robert Schuman gilt gemeinhin als der Übervater der Europäischen Union, wie wir sie heute kennen. Als französischer Außenminister entwarf er in einer Rede eine Idee der europäischen Integration, die als „Schuman-Plan“ in die Geschichte einging. Schuman personifiziert nicht nur wegen seiner zukunftsweisenden Rede die europäische Einigungsgeschichte. Sie drückt sich auch in seiner Biografie aus. Geboren in Luxemburg, lernte der junge Schuman im Elternhaus nicht Französisch, sondern „Luxemburgisch“, jene eigenwillige Sprache, die erst in den vergangenen Jahren kodifiziert wurde und einen an Mitteldeutsch mit französischen Elementen erinnert.
Mit seiner Geschichte und Lage als Grenzregion zwischen Frankreich und Deutschland hat das Großherzogtum Luxemburg enge kulturelle Verflechtungen mit beiden Nachbarländern. Auch wirtschaftlich: Noch heute fahren viele Luxemburger und Diplomaten zum Einkaufen in das nahe gelegene Trier über die Grenze. Kein Wunder, dass Luxemburg als Europas „Nummer drei“ gilt.
Seit Kriegsende hat sich das Großherzogtum zu einem wichtigen Finanzplatz in Europa entwickelt – dank eines „steueroptimierten“ Wirtschaftsmodels. Zudem sind mehr als 10.000 EU-Beamte sind im beschaulichen Großherzogtum tätig. Warum ausgerechnet in Luxemburg?
Mit dem Vizepräsidenten des EuGH Thomas von Danwitz (zweiter von links) im Europäischen Gerichtshof in Luxemburg
©Timon Ostermeier/HSS
Gunst der Stunde ergriffen
Luxemburg als einer von drei offiziellen EU-Sitzen lässt sich vor allem mit Zufall und Geistesgegenwart der Luxemburger erklären. Als Mitinitiator der Gemeinschaft für Kohle und Stahl („Montanunion“) ist das kleine Luxemburg – mit seinen gerademal 680.000 Einwohnern – eines der sechs Gründungsmitglieder der Europäischen Union. Aber wie es ausgerechnet zu Luxemburg als institutionellen Sitz neben Brüssel (Kommission und Rat) und Straßburg (Parlament) kam, darüber gehen die Erzählungen auseinander. Für die Luxemburger sei es von Anfang an klar gewesen, dass die Montanunion mit einem Gericht ausgestattet werden müsse – so haben sie die Gunst der Stunde ergriffen, sagen die einen.
Die andere Erzählung hebt pragmatische Erwägungen hervor: Die neue Montanunion brauchte kurzfristig Räumlichkeiten, die Luxemburg schnell bieten konnte. Luxemburg nahm aber auch eine neutrale Mittlerrolle zwischen den zwei „Erbfeinden“ Frankreich und Deutschland ein. Gerade nach dem Zweiten Weltkrieg war es eine Kompromisslösung, dass der Gerichtshof sowie eine „Hohe Behörde“ eben nicht in Bonn oder Paris angesiedelt wurden. Erst später zog die „Hohe Behörde“ als „Kommission“ nach Brüssel um; einige Außenstellen verblieben wie der Gerichtshof in Luxemburg. Mit der Zeit kamen weitere Institutionen wie die Europäische Investitionsbank und der Rechnungshof hinzu.
Bergbau im Weltall
„Luxemburg hat haushalts- und innenpolitisch ähnliche Debatten wie Deutschland“, sagt Maurice Bauer von der Chrëschtlech-Sozial Vollekspartei Luxemburg (CSV). Zwar hat das Land einen starken Boom durch die Finanzwirtschaft erlebt, aber Renten, Wohnraum und Lebenshaltungskosten sind auch hier umstrittene Themen. Der luxemburgische Finanzplatz hängt zudem stark von den USA ab.
Aber Zukunftstechnologien bieten dem Land eine Perspektive: Es hat einen traditionell starken Sektor für den Bau von Satelliten und Kommunikationsdienstleistern. Diese werden auch militärisch immer wichtiger. Weitere Wachstumssektoren sind Drohnen und Firmen im Bereich „Space Mining“ – der zukünftige Bergbau im Weltall.
Arbeitsmigration ist für das Land, das ebenfalls unter einem starken demografischen Rückgang leidet, seit jeher ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor. Das sind nicht nur die Pendler aus Deutschland und Frankreich. Luxemburg bemühte sich in der Vergangenheit stark um Zuwanderung und schloss einst – ähnlich wie Deutschland mit der Türkei – ein Gastarbeiterabkommen mit Portugal. Wenig überraschend ist, dass Portugiesisch nach den drei Amtssprachen (Luxemburgisch, Französisch und Deutsch) die meistgesprochene Sprache ist. Ohnehin: Luxemburg ist so international, dass nur rund ein Viertel seiner Einwohner noch gebürtige Luxemburger sind. „Wir brauchen die Zuwanderung“, sagt auch Parlamentspräsident Claude Wiseler, der mit einer Portugiesin verheiratet ist.
Tatsächlich sind Sprachen und Internationalität die größte Stärke des Landes. Das luxemburgische Hochschulwesen fordert von seinen Studenten, dass sie einen Teil ihres Studiums im Ausland verbringen. Viele von ihnen schlagen danach internationale Karrieren ein.
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