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Ainringer Ostertage 2026 der Bayerischen Polizei
Europas Sicherheit unter Druck: Wie hybride Bedrohungen Staat und Gesellschaft herausfordern

Autorin/Autor: Benjamin Bobbe

Hybride Angriffe verändern Europas Sicherheitslage grundlegend. Die Ainringer Ostertage zeigten, wie eng militärische, digitale und gesellschaftliche Gefahren inzwischen miteinander verknüpft sind – und warum Resilienz zur zentralen sicherheitspolitischen Leitkategorie wird.

 

Zum vollständigen Artikel: Hybride Bedrohungen in Europa: Sicherheit in Deutschland

In seiner Ansprache betonte der bayerische Innenminister Joachim Herrmann, MdL, (hinten rechts) den Willen der bayerischen Staatsregierung, auf neue Bedrohungslagen entschlossen zu reagieren.

© HSS

Komplexe Bedrohungslagen verlangen entschlossenes staatliches Handeln

Die sicherheitspolitische Lage Europas ist zunehmend durch hybride Bedrohungen geprägt, die gezielt unterhalb der Schwelle offener militärischer Gewalt ansetzen und dabei staatliche Strukturen ebenso wie gesellschaftlichen Zusammenhalt adressieren. Vor diesem Hintergrund standen die Ainringer Ostertage 2026 im Fortbildungsinstitut der Bayerischen Polizei unter dem Leitthema „Europa im Fadenkreuz – Sicherheit in Zeiten hybrider Bedrohungen“. Die traditionsreiche Konferenz, die von der Bayerischen Polizei organisiert und von der Hanns-Seidel-Stiftung unterstützt wurde, bot erneut eine hochrangige Plattform für den Austausch zwischen Sicherheitsbehörden, Politik, Wissenschaft und internationalen Partnern. 

Bereits in seiner Eröffnungsansprache betonte der bayerische Innenminister Joachim Herrmann, MdL, den klaren Handlungswillen und die Fähigkeit der bayerischen Staatsregierung, auf neue Bedrohungslagen entschlossen zu reagieren. Am Beispiel der Drohnenabwehr machte er deutlich, dass sicherheitspolitische Antworten mit der Dynamik technologischer Entwicklungen Schritt halten müssten. Für überbordende Bürokratie und langwierige Abstimmungsprozesse sei angesichts der aktuellen Lage kein Raum: „Die Dinge werden besprochen, und dann wird es auch so gemacht.“

Vor diesem Hintergrund setzt die Arbeit der Hanns-Seidel-Stiftung gezielt an. Als international tätige politische Stiftung bringt sie ihre Expertise an der Schnittstelle von Sicherheit, Governance und internationaler Zusammenarbeit in den Diskurs ein. Insbesondere die Projektarbeit der Stiftung in der Ukraine und der Republik Moldau zeigt, wie hybride Bedrohungen konkret wirken – und wie staatliche und gesellschaftliche Resilienz unter realen Bedingungen gestärkt werden kann. Der Transfer dieser Erfahrungen in Formate wie die Ainringer Ostertage ist ein zentraler Beitrag der Stiftung zur sicherheitspolitischen Debatte in Deutschland und Europa.

Geopolitischer Kontext und sicherheitspolitische Zeitenwende

Im Zentrum der Tagung stand die Erkenntnis, dass sich das sicherheitspolitische Umfeld Europas nachhaltig verändert hat. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine wirkt dabei als Katalysator einer Entwicklung, in der klassische militärische Bedrohungen zunehmend mit hybriden Formen der Einflussnahme verschränkt sind. Cyberangriffe, Desinformation, Sabotage kritischer Infrastruktur und gezielte Einflussoperationen bilden heute ein komplexes Bedrohungsgefüge, das staatliche Handlungsfähigkeit ebenso herausfordert wie die Resilienz offener Gesellschaften. 

Europas Verwundbarkeit im Zeitalter hybrider Konflikte

Der erste Konferenztag stellte die Wechselwirkungen von Geopolitik und nationaler Sicherheit in den Mittelpunkt. Bereits der Auftaktvortrag zur sicherheitspolitischen Bedeutung des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine verdeutlichte, dass sich Europa in einer nachhaltigen „Zeitenwende“ befindet, die sicherheitspolitische Paradigmen grundlegend verändert hat.

Darauf aufbauend wurden die Grundlagen hybrider Kriegsführung analysiert – von Instrumenten und Techniken bis hin zu strategischen Zielsetzungen. Deutlich wurde, dass hybride Bedrohungen nicht isoliert auftreten, sondern als Teil moderner Konfliktführung gezielt auf die Schwächung staatlicher Handlungsfähigkeit und gesellschaftlicher Resilienz abzielen. Hybride Kriegsführung ist Teil eines breiten Instrumentariums an militärischen und nichtmilitärischen Mitteln und fester Bestandteil der russischen außenpolitischen Denkweise und der Militärdoktrin. In diesem Zusammenhang wurde auch die zunehmende Nutzung sogenannter Low-Level-Agents oder „Wegwerfagenten“ thematisiert, die im Auftrag russischer Akteure für Sabotagehandlungen oder vorbereitende Operationen in Europa eingesetzt werden. Diese Form der operativen Auslagerung erhöht die Komplexität der Gefahrenabwehr erheblich und stellt Sicherheitsbehörden vor neue Herausforderungen.

Zugleich wurde auf eine weitere Dimension hybrider Bedrohungen hingewiesen: die gezielte Wirtschafts- und Technologiespionage. Insbesondere im wissenschaftlichen Bereich wurde die Problematik thematisiert, dass einzelne Gastwissenschaftler aus China in sensiblen Forschungsfeldern eingesetzt werden, um technologisches Know-how zu gewinnen und in staatliche oder militärische Strukturen in China zurückzuführen. Diese Form der Einflussnahme bewegt sich häufig im Graubereich legitimer Kooperation und stellt Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Sicherheitsbehörden gleichermaßen vor komplexe Abwägungs- und Schutzfragen.

Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Lage in der Republik Moldau, die als Partnerland der Hanns-Seidel-Stiftung exemplarisch für die Verwundbarkeit europäischer Staaten gegenüber hybriden Einflussoperationen steht. Vorgestellt wurde exemplarisch, mit welchen ganzheitlichen Maßnahmen das kleine Land auf die Herausforderungen reagiert. 

Hybride Bedrohungen als operative Sicherheitsanforderung

Der zweite Konferenztag richtete den Blick auf konkrete Zielbereiche hybrider Bedrohungen. Im Fokus standen Angriffe auf kritische Infrastruktur, die als zentrale Verwundbarkeit moderner Gesellschaften gelten. Auch internationale Beispiele unterstrichen die Notwendigkeit integrierter nationaler Sicherheitsansätze.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der transnationalen Zusammenarbeit, insbesondere im Bereich Cybercrime. Die Beiträge machten deutlich, dass effektive Gefahrenabwehr nur durch enge Kooperation zwischen nationalen und internationalen Akteuren gelingen kann.

Im Spannungsfeld zwischen innerer und äußerer Sicherheit wurde zudem die Rolle Deutschlands als NATO-Drehscheibe beleuchtet. Dabei wurde hervorgehoben, dass auch Polizeibehörden zunehmend in sicherheitspolitische Gesamtstrategien eingebunden sind und im Krisen- und Verteidigungsfall eine zentrale Rolle einnehmen. Ergänzt wurde dies durch Einblicke in die zivil-militärische Zusammenarbeit (CIMIC), insbesondere mit Blick auf Erfahrungen aus der Ukraine.

Ein praxisorientierter Höhepunkt war die Vorstellung des Drohnenkompetenz- und -abwehrzentrums der Bayerischen Polizei, bei der auch konkrete Einsatzmittel präsentiert wurden. Die Polizisten veranschaulichten eindrücklich die wachsende Bedeutung unbemannter Systeme - sowohl als Bedrohung als auch als Instrument moderner Gefahrenabwehr. 

Resilienz als strategische Leitkategorie

Der dritte Konferenztag stellte die Frage in den Mittelpunkt, wie die nationale und internationale Resilienz gegenüber hybriden Bedrohungen gestärkt werden kann. Im Fokus standdie Zusammenarbeit von Polizei und Nachrichtendiensten im Rahmen einer widerstandsfähigen Sicherheitsarchitektur.

Die Diskussionen machten deutlich, dass Resilienz weit über klassische Sicherheitsstrukturen hinausgeht: Sie umfasst staatliche Institutionen ebenso wie gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit, Informationsräume und die Fähigkeit zur strategischen Kommunikation. Gerade in Zeiten gezielter Desinformation und kognitiver Einflussnahme kommt der Stärkung demokratischer Strukturen eine zentrale Bedeutung zu.

Die Ainringer Ostertage verdeutlichten damit eindrucksvoll, dass die Antwort auf hybride Bedrohungen nicht allein in technischen oder operativen Maßnahmen liegt. Gefordert ist vielmehr ein integrierter Ansatz, der sicherheitspolitische, gesellschaftliche und politische Dimensionen zusammenführt. Der intensive Austausch hat gezeigt, dass hierfür sowohl strategische Klarheit als auch enge Kooperation erforderlich sind – national wie international.

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Leiter: Benjamin Bobbe
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