Print logo
Zur Hauptnavigation springen Zum Hauptinhalt springen

Zu Ende gedacht?
Mitbestimmung ist kein Störfaktor

Autorin/Autor: Dr. Claudia Schlembach

Tesla-Chef Elon Musk warnt vor den Gewerkschaften – und stellt damit ein Grundprinzip der deutschen Wirtschaftsordnung infrage. Doch Mitbestimmung ist kein Störfaktor, sondern ein Erfolgsmodell der sozialen Marktwirtschaft. Gefährlich wird es erst, wenn sie politisch instrumentalisiert wird.

 

Elon Musk in der Produktionsshalle seines Tesla-Werks in Grünheide, Brandenburg

Elon Musk, Gründer des Elektroautoherstellers Tesla, bei der Eröffnung der Fabrik in Grünheide, Brandenburg. Er geriet in die Kritik, weil er vor der Betriebsratswahl im Tesla-Werk Grünheide (Brandenburg) davor warnte, dass ein stärkerer Einfluss der Gewerkschaft den geplanten Ausbau der Fabrik gefährden könnte.

© Political-Moments/Imago

„Die Dinge werden sicherlich schwieriger, wenn es sozusagen externe Organisationen gibt (gemeint sind Gewerkschaften, Anm. der Redaktion), die Tesla in die falsche Richtung drängen."

Elon Musk, Gründer des amerikanischen Elektroautoherstellers Tesla

 

Dieses Zitat fiel vor wenigen Tagen vor der Betriebsratswahl im Tesla-Werk Grünheide (Brandenburg), als Firmenchef Elon Musk die Mitarbeitenden in einer Videobotschaft davor warnte, dass ein stärkerer Einfluss der Gewerkschaft IG Metall den Betrieb „in die falsche Richtung drängen“ und den geplanten Ausbau der Fabrik gefährden könnte.

Elon Musk, Gründer des amerikanischen Elektroautoherstellers Tesla, äußert damit eine Sicht, die in Deutschland zunächst irritiert: Gewerkschaften und Betriebsräte als Hemmschuh?

Der Kern dieser Aussage, ist ökonomischer Natur: Es geht um Effizienz versus Beteiligung, Geschwindigkeit versus Stabilität. Das offenbart ein wirtschaftliches Weltbild, in dem Mitbestimmung als Behinderung gilt – nicht als Bestandteil einer stabilen Ordnung. Um diese kulturelle Trennlinie zu verstehen, lohnt ein Blick über den Atlantik.

In den USA existiert Arbeit weitgehend als individualisiertes Vertragsverhältnis. Gewerkschaften sind schwach, der Kündigungsschutz ist gering, Mitbestimmung ist selten. Unternehmen treffen Entscheidungen weitgehend hierarchisch, Arbeitnehmer reagieren. Dieses System kann kurzfristig Flexibilität erzeugen, gleichzeitig aber hohe Fluktuation, geringe Bindung und Einkommensungleichheit. Kurzfristige Effizienz entsteht, langfristige Stabilität leidet.

Ein aktuelles Zitat aus prominentem Mund genau betrachten und auf seinen ökonomischen Gehalt prüfen: Das wollen wir mit unserer Reihe „Zu Ende gedacht?“ Wir analysieren regelmäßig, welche Botschaften Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft senden – und welche Schlussfolgerungen sich daraus ziehen lassen.

Ein aktuelles Zitat aus prominentem Mund genau betrachten und auf seinen ökonomischen Gehalt prüfen: Das wollen wir mit unserer Reihe „Zu Ende gedacht?“ Wir analysieren regelmäßig, welche Botschaften Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft senden – und welche Schlussfolgerungen sich daraus ziehen lassen.

Kooperation statt Kettensäge

Deutschland hat nach 1945 eine andere Antwort gefunden. Die soziale Marktwirtschaft versteht Wettbewerb nicht als Selbstzweck, sondern als eingebettet in soziale Stabilität. Betriebsräte, Tarifautonomie, Mitbestimmung im Aufsichtsrat – das sind institutionelle Mechanismen, um Konfliktkosten zu reduzieren und langfristige Planbarkeit herzustellen. 

Intelligente Führung hat längst verstanden, dass die Einbindung der Mitarbeitenden nicht nur innovative Potentiale hebt, sondern deren Bereitschaft erhöht, kritische Transformationsphasen gemeinsam zu tragen.

Die Musk´sche „Kettensäge-Attitüde“ passt nicht in unser Wirtschaftssystem. Das ist weniger eine ideologische, als eine systemische Reaktion. In Hochlohnökonomien mit qualifizierten Belegschaften ist Koordination durch Beteiligung häufig produktiver als Koordination durch Anweisung.

Umso sensibler ist eine weitere Entwicklung, die noch klein ist, aber nicht ungesehen bleiben sollte: Wenn bei Betriebsratswahlen Listen auftreten, die faktisch parteipolitische Strategien verfolgen – teils mit Nähe zu extremistischen Parteien –, dann verschiebt sich die Logik der Mitbestimmung. Aus einem Instrument der Interessenskoordination wird ein Vehikel politischer Polarisierung. Der Verein „Zentrum“, der seit einigen Jahren wegen rechtsextremer Verbindungen in der Kritik steht, gehört dazu. Und die Mitglieder agieren nach einem bekannten Muster: den Finger in die Wunde halten und Emotionen bedienen. Lösungen werden nicht angeboten, Kompetenzen, etwa im Aushandeln von Verträgen sind nicht vorhanden. Die Gewerkschaft, der Betriebsrat selbst, wird als das Problem markiert. 

Das ist ökonomisch riskant. Sozialpartnerschaft funktioniert, weil sie auf Verlässlichkeit und gegenseitiger Anerkennung beruht. Wird sie parteipolitisch aufgeladen, steigen Konfliktkosten, Institutionen verlieren an Berechenbarkeit.

Mitbestimmung ist Stärke

Fakt ist, dass sich Gewerkschaften und Betriebsräte auf diese neuen Herausforderungen einstellen müssen. Nicht nur ihre Effizienz, sondern auch ihre Effektivität stehen unter Beschuss. Von Elon Musk und dem Verein „Zentrum“ beispielsweise. Und, auch das ist Teil dieser Partnerschaft: Die Unternehmenslenker sollten verinnerlichen, dass ihre eigentlichen Herausforderer nicht in der Belegschaft sitzen. Dort sitzt vielmehr das ökonomische und soziale Potential!

Zu Ende gedacht bedeutet das: Deutschland ist wirtschaftlich stark geworden, weil Mitbestimmung Konflikte institutionalisiert und nicht unterdrückt. Sie ist kein Relikt, kein Hemmschuh, keine „falsche Richtung“ – sondern ein ökonomisches Arrangement zur Stabilisierung von Betrieben, Märkten und letztlich der Gesellschaft. Wer Mitbestimmung schwächen will, will Macht. Nicht Effizienz.

Kontakt

Leiterin: Dr. Claudia Schlembach
Wirtschaft und Finanzen
Leiterin
Telefon: 
Fax: