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Im Gespräch mit . . . Mirjam Zadoff
„Nie wieder“ als demokratische Praxis: Erinnerungskultur zwischen historischer Verantwortung und politischer Gegenwart

Autorin/Autor: Katja Zirkel

Erinnerung ist für Prof. Mirjam Zadoff, Leiterin des NS-Dokumentationszentrums München, keine rückwärtsgewandte Übung, sondern eine Verpflichtung für die Gegenwart. Im HSS-Interview spricht sie über den Zusammenhang von Erinnerungskultur, Menschenfeindlichkeit und demokratischer Teilhabe – und darüber, warum eine zukunftsfähige Gedenkkultur unabhängig, inklusiv und politisch wach sein muss.

Mirjam Zadoff leitet das NS-Dokumentationszentrum in München seit 2018.

©NS-Dokumentationszentrum München

HSS: Frau Prof. Zadoff, Sie sagen: „Erinnerung ist nicht Vergangenheit – sie ist gelebte Verantwortung.“ Was bedeutet diese Verantwortung ganz konkret für unsere demokratische Gesellschaft heute?

Prof. Mirjam Zadoff: Das klingt leider einfacher, als es ist. Beginnen wir damit, dass wir als Gesellschaft jedwede gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ablehnen sollten: Antisemitismus, Rassismus, antimuslimischen Hass, Antifeminismus, Queerfeindlichkeit, Klassismus – die Liste ist lang. Damit tun wir uns schwer, und wir brauchen für diese Aufgabe viele Verbündete: gesellschaftliche Akteurinnen und Akteure, Institutionen, Netzwerke und Kooperationen. Wenn in der aktuell so fragilen Situation unseres demokratischen Gewebes von Seiten des Familienministeriums die Förderung von über 200 Projekten im Programm „Demokratie leben“ eingestellt wird, ist das erschreckend. Darunter sind Projekte gegen Antisemitismus und für Verständigung im Nahostkonflikt oder Jugendprojekte, Projekte, die eine Alternative zur extremen Rechten anbieten und Projekte, die jungen Menschen Lust auf demokratische Teilhabe machen. Ein Bekenntnis zu der Verantwortung, die aus der Erinnerung entwächst, würde bedeuten, die Förderung solcher Projekte nicht einzustellen, sondern auszubauen. Sonst bleibt die Erinnerung Lippenbekenntnis und Symbolpolitik. 

Veranstaltung mit Mirjam Zadoff am 28. April 2026 in München: „Demokratie braucht Erinnerung – Von der Notwendigkeit, Gedenken neu zu denken“.  Melden Sie sich jetzt an.

HSS: Zeitzeugen fehlen zunehmend, zugleich stellen jüngere Generationen neue Fragen an die Geschichte. Wie kann Erinnerungskultur so gestaltet werden, dass sie lebendig bleibt und auch künftig Menschen erreicht?

Prof. Mirjam Zadoff: Die Rolle der Zeitzeugen war eine vielfältige und hochkomplexe. Holocaustüberlebende forderten ab dem Moment, in dem der Krieg vorbei war, Gerechtigkeit ein, sammelten Zeugnisse und sagten aus in Kriegsverbrecherprozessen. Ihre Aufzeichnungen und Interviews wurden jedoch lange ignoriert. Erst in den 1980er Jahren wurden Zeitzeugen nach ihren Erfahrungen gefragt oder in Schulen eingeladen. Viele von ihnen lebten da schon nicht mehr, und waren mit ihrer Wut, Enttäuschung und ihrem Trauma allein geblieben. Es hatte keine gemeinsame, gesellschaftliche Trauer gegeben.

Heute stehen wir vor der Frage, wie wir als Gesellschaft mit diesem Erbe umgehen. Immer häufiger wird das Grundgesetz, werden die allgemeinen Menschenrechte in Frage gestellt. Es reicht jetzt nicht mehr, neue Fragen an die Geschichte zu stellen, es braucht auch ein aktives Engagement für eine Politik der Menschlichkeit. Und das ist immer schwieriger, je fragiler der demokratische Konsens wird.  

Die Texte von Überlebenden und Interviews mit ihnen, können ein Kompass sein, und wir sollten sie aus den Bücherregalen und Archiven der Rundfunkanstalten herausholen. Gerade weil viele dieser Aufzeichnungen sich ganz bewusst gegen jeden Versuch wehrten, Erinnerungskitsch oder Wohlfühlgedenken zu sein. Jüdische Überlebende, wie der Münchner Ernst Grube oder die Holländerin Chaja Polak, melden sich bis heute zu Wort, wenn es um aktuelle politische Fragen geht. Für sie ist das „nie wieder“ ein universalistischer Auftrag. Noch können wir ihnen zuhören. 

HSS: In einer Zeit wachsender gesellschaftlicher Spannungen und Polarisierung: Welche Rolle kann eine zukunftsgerichtete Erinnerungskultur dabei spielen, demokratischen Zusammenhalt zu stärken?

Prof. Mirjam Zadoff: Damit Erinnerungskultur kritische und mutige Arbeit machen kann, darf sie nicht in den Dienst der Politik gestellt werden, sondern muss unabhängig bleiben. Und sie braucht Offenheit für Kreativität. Lange Zeit haben wir Menschen immer nur davor gewarnt, dass die Demokratie fragil, der Nachkriegskonsens gefährdet sind. Aber das reicht nicht. Wir müssen auch positive Inhalte vermitteln, und Menschen einladen, gemeinsam darüber nachzudenken, wie wir zusammenleben, für welche Werte wir eintreten wollen. Dafür können wir Räume und inhaltlichen Anstoß bieten. Menschen jeden Alters und kulturellen wie religiösen Hintergrunds sollten sich eingeladen fühlen, Verantwortung zu übernehmen. Nur wenn Erinnerungskultur partizipativ und inklusiv von einer Mehrheit der Bevölkerung getragen wird, ist sie wirklich zukunftsfähig.

 

Am 28. April 2026, 17.30 Uhr, hält Prof. Mirjam Zadoff im NS-Dokumentationszentrum München den Vortrag “Demokratie braucht Erinnerung - Von der Notwendigkeit, Gedenken neu zu denken”.


„Demokratie braucht Erinnerung – Von der Notwendigkeit, Gedenken neu zu denken“.  Melden Sie sich jetzt an.

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