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40 Jahre Schengen-Abkommen
Freiheit braucht Sicherheit

Autorin/Autor: Katja Zirkel

Offene Grenzen sind das Herzstück der EU – doch steigender Migrationsdruck und geopolitische Spannungen stellen das Schengen-System auf eine harte Probe. Im Interview erklärt HSS-Vorsitzender und Europaabgeordneter Markus Ferber, warum nur ein gemeinsamer Außengrenzschutz die Reisefreiheit in Europa langfristig sichern kann.

Polizeibeamte führen Kontrollen an der deutschen Grenze durch.

Am 14. Juni 1985 unterzeichneten Deutschland, Frankreich, Belgien, die Niederlande und Luxemburg das Schengen-Abkommen, das den Wegfall der Binnengrenzkontrollen und die Einführung des freien Personen- und Warenverkehrs in Europa einleitete. Heute finden wieder verstärkt Grenzkontrollen statt, um die Migration in die EU gezielt zu steuern.

© Steinsiek.ch/Imago

Seit 40 Jahren steht Schengen für ein Europa ohne Grenzen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Mit der Unterzeichnung des Schengener Abkommens am 14. Juni 1985 wurde der Weg frei für Reisefreiheit, Handel und wirtschaftlichen Austausch. Millionen Menschen und Waren passieren täglich ungehindert die Grenzen – das schafft Jobs, stärkt den Binnenmarkt und verbindet Regionen. Über die Zukunft dieses Erfolgsmodells haben wir mit unserem Vorsitzenden Markus Ferber, MdEP, gesprochen.

Markus Ferber, Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung und Abgeordneter des Europäischen Parlaments

Markus Ferber, Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung und Abgeordneter des Europäischen Parlaments

© Sebastian Buff

Herr Ferber, das Schengen-Abkommen steht für offene Binnengrenzen, freien Warenverkehr und Reisefreiheit in Europa – gleichzeitig erleben wir seit Jahren vermehrt temporäre Grenzkontrollen. Wie steht es um das Gleichgewicht zwischen Sicherheit, Migrationssteuerung und den Grundprinzipien von Schengen heute?

Markus Ferber: Das Schengen-Abkommen bleibt ein unverzichtbarer Kernbestandteil der europäischen Integration. Es ist die Grundlage dafür, dass die vier europäischen Grundfreiheiten – also der freie Warenverkehr, die Personenfreizügigkeit, die Dienstleistungsfreiheit und der Kapitalverkehr – innerhalb der EU nicht nur auf dem Papier stehen, sondern gelebte Realität sind. Ohne Schengen würde der europäische Binnenmarkt in seiner heutigen Form nicht funktionieren.

Gleichzeitig erleben wir, dass temporäre Grenzkontrollen in bestimmten Situationen notwendig werden. Diese Maßnahmen sind rechtlich zulässig und stellen Ausnahmen dar – aber sie zeigen auch, dass das europäische Asyl- und Migrationssystem derzeit nicht belastbar genug ist. Wenn es an den Außengrenzen nicht funktioniert, geraten die Binnengrenzen unter Druck.

Deshalb brauchen wir eine tragfähige, solidarische europäische Lösung. Nur wenn der Schutz der Außengrenzen funktioniert und Migration gesteuert wird, kann Schengen dauerhaft stabil bleiben. Ziel muss es sein, die Freizügigkeit im Schengen-Raum zu bewahren – bei gleichzeitiger Wahrung von Sicherheit und Ordnung.

Was sind die zentralen Herausforderungen für den europäischen Binnenraum heute?


Markus Ferber: Der europäische Binnenraum steht vor einer Vielzahl komplexer Herausforderungen. Dazu zählen insbesondere die illegale Migration, grenzüberschreitende Kriminalität sowie zunehmende geopolitische Spannungen – etwa durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Diese Entwicklungen stellen die Handlungsfähigkeit der Europäischen Union in einer zentralen Frage auf die Probe: Wie sichern wir offene Binnengrenzen, ohne auf Sicherheit und Ordnung zu verzichten?

Die Antwort liegt im Schutz der Außengrenzen. Er ist die conditio sine qua non, also die unerlässliche Voraussetzung für das Funktionieren des Schengenraums. Nur wenn wir die Außengrenzen effektiv schützen, können die Binnengrenzen offenbleiben – das ist der Grundgedanke hinter Schengen.

Dazu müssen die Mitgliedstaaten enger und verlässlicher zusammenarbeiten. Wir brauchen nicht nur Absichtserklärungen, sondern konkrete Maßnahmen: den gezielten Ausbau von Frontex, gemeinsame Standards für Grenzschutz und Asylverfahren sowie eine klare Verteilung von Zuständigkeiten. Europa darf sich in dieser Frage nicht weiter von kurzfristigen nationalen Alleingängen treiben lassen. Es geht um das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die europäische Handlungsfähigkeit – und um die Zukunft der offenen Grenzen in Europa.

Welche Reformen des Schengen-Raums halten Sie nach 40 Jahren für notwendig, um den Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger gerecht zu werden?


Markus Ferber: Nach vier Jahrzehnten Schengen ist es an der Zeit, die Regeln konsequenter anzuwenden und gezielt weiterzuentwickeln. Die Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger sind klar: Sie wollen offene Grenzen, aber gleichzeitig auch Sicherheit und Kontrolle. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, sind Reformen auf mehreren Ebenen notwendig.

Erstens brauchen wir eine stringentere Anwendung der bestehenden Schengen-Vorschriften, insbesondere im Bereich der Visa-Vergabe. Missbrauch – wie wir ihn etwa bei Visa-Erteilungen in einzelnen Mitgliedstaaten gesehen haben – untergräbt das Vertrauen in das gesamte System. Hier muss die EU einheitlicher und konsequenter agieren.

Zweitens müssen wir die Digitalisierung von Grenz- und Visaverfahren deutlich beschleunigen. Systeme wie das Entry/Exit-System oder das geplante ETIAS können helfen, Reiseströme effizienter und sicherer zu kontrollieren – ohne die Reisefreiheit unnötig einzuschränken.

Drittens ist mehr politische Verbindlichkeit beim Schutz der EU-Außengrenzen notwendig. Es reicht nicht, nur auf Frontex zu verweisen. Die Mitgliedstaaten müssen bereit sein, gemeinsame Standards umzusetzen und europäische Verantwortung tatsächlich zu übernehmen.

Und viertens braucht es klare und einheitliche Regeln für temporäre Binnengrenzkontrollen. Solche Maßnahmen dürfen nicht zum Dauerzustand werden. Es muss nachvollziehbar sein, wann, warum und wie lange sie zum Einsatz kommen.

 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Ferber.

 

Markus Ferber, MdEP, zum Schengen-Abkommen

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