Zu Ende gedacht?
Warum Europa im Wettbewerb mit China strategisch denken sollte
Der amerikanische Präsident Donald Trump (li.) traf den chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping, um mit ihm über die Themen Handel, Lieferketten und Zölle, aber auch über die Taiwan-Frage zu sprechen.
© ZUMA Press Wire/Imago
Warum Europa eine neue China-Strategie braucht
Donald Trumps Reise nach China zeigt deutlich, dass die Vereinigten Staaten ihre Vorstellung von wirtschaftlicher Entkopplung korrigieren. Eine wichtige Botschaft dieser Reise ist: Die Weltwirtschaft lässt sich nicht mehr sauber entflechten, Handel ist kein beliebiger politischer Spielball. Das hat nun sogar ein eingefleischter Merkantilist wie Trump erkannt - und als Faustpfand brachte er einige seiner bedeutendsten Wirtschaftslenker gleich mit. In China traf diese Form der „Augenhöhe“ auf fruchtbaren Boden. Für Europa ist es eine Lehrstunde im Umgang mit China, Umgang mit Abhängigkeiten und globalen Märkten.
Die Vorstellung vom vollständigen „Decoupling“, der wirtschaftlichen Entkopplung Chinas mit dem Ziel einer Zweiteilung technologischer Kreisläufe, war immer eine politische Illusion. Zu eng sind Lieferketten, Kapitalströme, Absatzmärkte und technologische Wertschöpfung miteinander verflochten. Die Weltwirtschaft funktioniert längst entlang globaler Netzwerke, nicht mehr entlang nationaler Grenzen.
Pragmatischer Umgang mit gegenseitigen Abhängigkeiten
Der Wettbewerb zwischen den USA und China wird die wirtschaftliche Ordnung des 21. Jahrhunderts prägen. Aber bereits die Entscheidung vieler Mittelmächte für ein De-Risking statt einem vollständigen Decoupling, demonstriert die Anerkennung wirtschaftlicher Realitäten. Die Verringerung von Abhängigkeiten ist das erklärte Ziel - es ist die pragmatische Antwort auf globale wirtschaftliche Verflechtung.
Unternehmen haben diese Realität verstanden. Sie haben ihre Produktion diversifiziert, Lieferketten regionalisiert und Risiken verteilt - ein praktischer Beitrag zu mehr wirtschaftlicher Resilienz und zur Kompensation von Standortnachteilen hier. Sie haben sich keinesfalls vollständig aus China zurückgezogen. Im Gegenteil haben sie lokalisiert, ihre Fabriken zum Teil dort angesiedelt. Zu groß bleibt der Markt, zu relevant die industrielle Infrastruktur, zu bedeutend die Nähe zu technologischer Innovation. Der Treiber ihrer Entscheidungen ist nicht Ideologie, sondern Ökonomie. Wer im globalen Wettbewerb bestehen will, kann es sich nicht leisten, ganze Wirtschaftsräume politisch abzuschreiben. Wer Wohlstand mehren will, kann sich nicht von allen Abhängigkeiten frei machen. Sie sind zu einem gewissen Teil unabänderlich.
Auch Xi Jinping denkt wirtschaftliche Entwicklung nicht kurzfristig, sondern entlang langfristiger Macht- und Technologieinteressen. Industriepolitik, Rohstoffsicherung, Technologieförderung und Infrastruktur folgen einer erkennbaren strategischen Linie. Dahinter steht unverkennbar sein Blick auf Zeit und Staatlichkeit.
Während westliche Demokratien meist in Legislaturperioden denken, plant China stärker entlang langfristiger Kontinuitäten. Das macht autoritäre Systeme nicht überlegen, wie Robert Habeck das einst andeutete - es verschafft ihnen in einzelnen Politikfeldern strukturelle strategische Vorteile.
Ein aktuelles Zitat aus prominentem Mund genau betrachten und auf seinen ökonomischen Gehalt prüfen: Das wollen wir mit unserer Reihe „Zu Ende gedacht?“ Wir analysieren regelmäßig, welche Botschaften Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft senden – und welche Schlussfolgerungen sich daraus ziehen lassen.
Werte allein reichen nicht: Europas Antwort auf China
Aber: Strategisches Denken ist kein Privileg autoritärer Systeme. Auch Demokratien können langfristig agieren - dort, wo wirtschaftliche und geopolitische Interessen sowie Fragen strategischer Resilienz über Wahlperioden hinausreichen. Gerade in der Weltwirtschaft könnte Europa strategische Handlungsfähigkeit beweisen.
Die europäische Politik definiert sich stark über Werteorientierung, Regulierung und Ausgleich. Das ist Ausdruck ihrer politischen Kultur - und ein zivilisatorischer Fortschritt für das Zusammenleben der Menschen. Doch Werte ersetzen keine Strategie. Und Regulierung schafft keine wirtschaftliche Dynamik im globalen Wettbewerb.
Im Verhältnis zu China zeigt sich diese Unwucht besonders deutlich. Einerseits möchte Europa Abhängigkeiten reduzieren, andererseits von den Vorteilen globaler Märkte profitieren. Einerseits spricht man von technologischer Souveränität, andererseits fehlen oft die industriepolitischen Instrumente, um sie tatsächlich aufzubauen.
Es zeigt sich ein eigentümlicher Zustand: Europa erkennt die geopolitische Realität - reagiert darauf aber eher administrativ. Dabei könnte dieser Besuch von Trump neue Spielfelder eröffnen. Die einfachen Freund-Feind-Schablonen scheinen unpassend. Der Wettbewerb der Großmächte kann fortbestehen - und dennoch bleiben wirtschaftliche Austauschbeziehungen erhalten. Das ist die Logik der sogenannten „Koopetition“, einer Mischung aus Kooperation und Wettbewerb, die auch für die Beziehung zu China wertvoll sein kann.
Europas Zukunftsfragen: Welche Industrien sichern unseren Wohlstand?
Auch in einer geopolitisch dominierten Welt bleibt Raum für Werte - nur die Regeln des globalen Miteinanders werden neu gemischt. Niemand muss sich verleugnen und seinen zivilisatorischen Stand aufgeben. Die Voraussetzung, um als Mit-Akteur auf- und ernstgenommen zu werden ist strategische Klarheit. Welche Technologien wollen wir beherrschen? Welche Industrien sichern unseren Wohlstand, also unsere europäische Wettbewerbsfähigkeit? Welche Abhängigkeiten sind akzeptabel - und welche nicht? Wie definieren wir unsere Partnerschaften? Und: Wie sieht unsere Zukunft aus? Was ist unsere Vision? Eine Aufgabe für die EU, der sie sich stellen sollte.
Denn eine Welt, in der autoritäre Systeme langfristige Industriepolitik betreiben, während Demokratien vor allem Krisen verwalten, würde auf Dauer nicht nur ökonomische Kräfteverhältnisse verändern. Sondern auch politische.
Wirtschaftliche Realität ist selten binär. Und strategische Klugheit beginnt oft dort, wo einfache Freund-Feind-Erzählungen enden.
Oder anders gesagt: Werteorientierung ersetzt keine Strategie. Aber ohne Strategie werden selbst starke Werte irgendwann defensiv.
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