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Warum Menschen AfD wählen: Migration, Statusangst und wirtschaftliche Unsicherheit
Demonstration gegen die AfD auf dem Hamburger Rathausmarkt Anfang des Jahres.
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Dr. Benjamin Hahn, Referatsleiter Verfassung, Europäische Integration, Innere Sicherheit bei der HSS
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Die AfD-Wählerschaft und ihre Motive
HSS: Herr Dr. Hahn, die AfD hat bei der Bundestagswahl stark zugelegt. Warum lohnt es sich, genauer hinzuschauen, wer diese Partei wählt – und aus welchen Gründen?
In Deutschland vollzieht sich eine Entwicklung, die wir bei vielen europäischen Nachbarländern schon länger beobachten: Parteien am rechten Rand sind nicht mehr nur kurzfristige Protestphänomene am Rand des Parteiensystems. Sie haben sich zu einem Teil der etablierten politischen Landschaft entwickelt – mit einer festen Stammwählerschaft, aber auch mit der Fähigkeit, Wähler anderer Parteien und frühere Nichtwähler zu mobilisieren.
Deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen, wer diese Parteien wählt und aus welchen Motiven – gerade mit Blick auf die AfD-Wählerschaft in Deutschland. Denn nur wenn wir verstehen, welche Motive hinter dieser Wahlentscheidung stehen, lässt sich beantworten, wie diese Wähler wieder in die politische Mitte zurückgeholt werden können.
Die AfD im Parteiensystem: mehr als ein Protestphänomen
HSS: Migration ist in Ihrer Analyse das wichtigste Wahlmotiv der AfD-Wählerschaft. Gleichzeitig spielen wirtschaftliche Unsicherheit und Statusangst eine große Rolle. Warum lässt sich beides nicht getrennt voneinander betrachten?
Die Umfragen zeigen klar, dass beide Motive – Migrationsskepsis und Statusangst – eine zentrale Rolle bei der Wahlentscheidung für Rechtsaußenparteien spielen. Neuere Forschungsansätze wie die von Philip Manow betonen, dass man diese Motive nicht getrennt betrachten sollte: Kulturelle und ökonomische Verunsicherung greifen in der Wahrnehmung vieler Wähler ineinander. Migration wird dann nicht nur als kulturelle Herausforderung verstanden, sondern auch als Verteilungsfrage im Sozialstaat.
Gerade in einem ausgebauten Wohlfahrtsstaat kann der Eindruck entstehen, dass Menschen, die lange gearbeitet und Beiträge geleistet haben, mit neu Zugewanderten unmittelbar gleichgestellt werden. Ob diese Wahrnehmung im Einzelfall empirisch zutrifft, ist dabei weniger entscheidend als die politische Wirkung dieses Gerechtigkeitsempfindens. Rechtsaußenparteien greifen genau diese Verbindung von kultureller Abgrenzung und sozialer Statusangst auf und übersetzen sie in die Erzählung, dass „die eigenen Leute“ zu kurz kämen.
Strukturwandel und AfD-Zuspruch in Ost- und Westdeutschland
HSS: In Ihrer Analyse wird deutlich: Die AfD ist nicht nur im Osten stark, sondern gewinnt auch in bestimmten westdeutschen Regionen hinzu – besonders dort, wo Industrie und Strukturwandel eine Rolle spielen. Außerdem erreicht sie überdurchschnittlich viele Männer, Menschen mittleren Alters und frühere Nichtwähler. Welche dieser Entwicklungen sollten die Politik besonders aufmerksam machen?
Die Politik sollte diese Entwicklungen nicht als getrennte Problemkomplexe begreifen, sondern sie aufeinander beziehen. Es sollte aufhorchen lassen, dass die AfD mittlerweile nicht nur dort stark ist, wo sie schon lange hohe Zustimmung hat, sondern auch in westdeutschen Regionen mit industrieller Prägung deutlich zulegt: Ein Hinweis darauf, dass es um mehr als Migration geht. Auch die Verunsicherung durch wirtschaftliche Transformation, Abstiegsängste und das Gefühl, gesellschaftlich nicht mehr ausreichend repräsentiert zu sein, spielt eine wichtige Rolle für das Wahlverhalten vieler AfD-Wähler. Eine restriktivere Migrationspolitik allein wird deshalb kaum ausreichen, um überzeugte AfD-Wähler wieder an die politische Mitte zu binden. Dafür müssen auch Fragen des Sozialstaats, der wirtschaftlichen Sicherheit und der regionalen Daseinsvorsorge stärker in den Blick genommen werden – insbesondere in Regionen, die vom Strukturwandel besonders betroffen sind.
Dr. Benjamin Hahn leitet das Referat Verfassung, Europäische Integration und Innere Sicherheit der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung.
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