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Vierter Runder Tisch Asyl- und Migrationspolitik
Wie kann die Integrationswende gelingen?

Autorin/Autor: Dr. Susanne Schmid

Wenn wir über die Integration Geflüchteter sprechen, müssen wir auch die Erwartungen der aufnehmenden Gesellschaft thematisieren. Denn Integration kann auf Dauer nur gelingen, wenn sie auf Gegenseitigkeit beruht. Eine erfolgreiche Integrationspolitik verbindet deshalb Unterstützung mit Eigenverantwortung, Chancen mit klaren Regeln und Offenheit mit dem Anspruch auf Zusammenhalt.

Gute Sprachkenntnisse, wie sie die Lehrerin auf diesem Bild den jungen Flüchtlingen vermittelt,  sind der Schlüssel zu einer gelungenen Integration.

Gute Sprachkenntnisse, wie sie die Lehrerin auf diesem Bild den jungen Flüchtlingen vermittelt, sind der Schlüssel zu einer gelungenen Integration.

© Frank Gärtner / Adobe Stock; © Frank Gärtner / Adobe Stock

Die Hanns-Seidel-Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus Politik, Wissenschaft und Verwaltung Handlungsoptionen für eine umsetzbare, weitsichtige und zukunftsfeste Asyl- und Migrationspolitik zu erarbeiten. Dazu gehört die Etablierung eines „Runden Tisches Asyl- und Migrationspolitik“. Die Auftaktveranstaltung befasste sich im Juli 2025 eingehend mit den kurz-, mittel- und langfristigen Handlungsoptionen hin zu einer umsetzbaren und zukunftsfesten Asylpolitik. Der erste Runde Tisch behandelte im September 2025 die Frage, wie man irreguläre Migration nach Deutschland und Europa wirksamer steuern und begrenzen kann. Der zweite Runde Tisch lotete im November 2025 die Reformoptionen im Asyl-, Aufenthalts- und Staatsangehörigkeitsrecht aus. Der dritte Runde Tisch thematisierte im Januar 2026 die Bemessung von Leistungs- und Integrationsgrenzen am Beispiel Bayerns. Der vierte Runde Tisch Asyl- und Migrationspolitik widmet sich schließlich im Oktober dem Thema „Die Integrationswende: Desintegration überwinden, Zugehörigkeit schaffen“. 

Integrationswende heißt Erwartungen der Aufnahmegesellschaft verbindlich einzufordern

Dr. Josef Widmann, Hauptgeschäftsführer der Hanns-Seidel-Stiftung betonte in seiner Begrüßung: 

„Als Hanns-Seidel-Stiftung ist es unser Anspruch, gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern und dafür zu sorgen, dass aus dem bloßen Nebeneinander ein echtes Miteinander wird. Mein dringender Appell lautet daher: Lassen wir auf eine gelungene Migrationswende eine erfolgreiche Integrationswende folgen.“ 

In Deutschland lebten im Jahr 2025 über vier Millionen Menschen, die aus Gründen von Flucht, Vertreibung oder auf der Suche nach internationalem Schutz eingewandert sind. Daraus erwächst eine Verantwortung des Staates. „Doch Schutz zu gewähren, bedeutet nicht, auf Erwartungen an Integration zu verzichten“, so Widmann. 

Gelungene Integration herauszustellen und von Fällen der Desintegration klar abzugrenzen, forderte der Integrationsbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung, Karl Straub, MdL. Er identifizierte vier Prioritätsbereiche der Integrationspolitik: (1) Sprache und Bildung, (2) Zugang zu Arbeit und wirtschaftliche Eigenständigkeit, (3) psychosoziale Unterstützung und (4) konsequente Durchsetzung des Aufenthaltsrechts. Straub bekräftigte den Grundsatz „Fordern und Fördern“ und empfahl die Prüfung verbindlicher Integrationsvereinbarungen, um gegenseitige Pflichten und Erwartungen zwischen Neuankommenden und der Aufnahmegesellschaft zu dokumentieren. Auch verlangte er verlässliche Bundesmittel für Sprachförderung und schnellere, besser aufeinander abgestimmte Verfahren für Ausbildung und Beschäftigung sowie eine ehrliche Erfolgskontrolle des Übergangsmanagements. 

Migrationssteuerung als Voraussetzung für Integration

Der Staatssekretär im Bundesministerium des Innern, Sebastian Wüste, unterstrich, dass die Begrenzung von Zuzügen eine notwendige Voraussetzung für effektive Integration sei, und berichtete, dass die Asylerstanträge 2026 um 36% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum (Jan-Sep) zurückgegangen seien und Deutschland nur noch an vierter Stelle der Hauptaufnahmeländer von Asylsuchenden in der EU stünde (nach Frankreich, Italien und Spanien). Der Staatssekretär informierte über die Reform der Integrationskurse, indem Ressourcen auf Menschen mit realistischer Bleibeperspektive konzentriert und Testverfahren zur Reduzierung von Betrug verbessert würden. Er hob Pläne hervor, die Inhalte der Orientierungskurse zu überarbeiten, um Demokratie, deutsche Geschichte und die Ablehnung von Antisemitismus stärker zu betonen, sowie die Islamismus-Prävention durch Beratungsgremien und die Deutsche Islamkonferenz zu stärken.

Offene und faktenbasierte Diskussion bestehender Problemlagen

Prof. Dr. Ruud Koopmans vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung zeigte auf, dass Gewaltdelikte in bestimmten Migrantengruppen aus bestimmten Kulturregionen konzentriert seien und kein einheitliches Migrationsphänomen darstellen. Er kritisierte Lücken in der Polizeilichen Kriminalstatistik, die eine systematische Analyse nach Migrationshintergrund verhindern würden, und forderte bessere bundesweite Daten. Um Trendanalysen zu optimieren, schlug er vor, den Migrationshintergrund oder zusätzliche Staatsangehörigkeiten von der Polizei, beispielsweise bei der Übergabe an die Staatsanwaltschaften oder durch Registerabfragen erfassen zu lassen. Angesichts beobachteter Gruppendifferenzen empfahl er kultur- und herkunftsspezifische Gewaltprävention in der Sozialarbeit, Jugendhilfe und Polizeiarbeit. 

Darauf eingehend, erläuterte Dr. Simon Schmaus vom Kriminalistischen Institut des Bundeskriminalamts die praktischen Grenzen, den Migrationshintergrund bei polizeilichem Erstkontakt hinzuzufügen, weil solche Attribute nicht in Pässen stünden und ihre Erhebung durch Einsatzkräfte vor Ort zusätzlichen operativen Aufwand und statistische Unsicherheiten brächten. Auch warnte er, dass die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) Verdächtige erst dann erfassen würde, wenn Fälle von der Polizei an die Staatsanwaltschaft übergeben würden, und sie daher eine zeitlich verzerrte Datenquelle sei. Er berichtete von rund 156.335 tatverdächtigen Zuwanderern im Jahr 2024 in der PKS und stellte fest, dass nicht-deutsche Tatverdächtige eine deutlich höhere Tatverdächtigenquote (8%) im Vergleich zu ihrem Bevölkerungsanteil (4%) aufweisen würden als Deutsche. Bestimmte Deliktarten, wie Beförderungserschleichung, Diebstahl, Körperverletzung und Betrug zeigten mit 12% besonders hohe Anteile von tatverdächtigen Zuwanderern, obwohl die absoluten Zahlen je nach Straftat variieren. Schmaus führt die Überrepräsentation teilweise auf Demografie (jünger, mehr Männer), sozioökonomische Belastungen, Konzentration in Asylunterkünften, traumatische Erfahrungen und kriminelle Subgruppen einschließlich Mehrfachtätern zurück. Hauptherkunftsländer der meisten tatverdächtigen Zuwanderer waren 2024 Syrien (21%), Afghanistan (10%), die Maghreb-Staaten (9%) und Georgien (3%). Der Experte merkte an, dass etwa 70.051 Zuwanderer in der PKS als Opfer registriert seien, wobei über 20% dieser Vorfälle in Asylunterkünften stattfänden. 

Empirische Erkenntnisse zum Demokratieverständnis und zu Desintegrationsrisiken bei Geflüchteten präsentierte Prof. Dr. Sonja Haug von der OTH Regensburg. Sie konstatierte, dass in bestimmten Geflüchtetengruppen eine erhöhte Akzeptanz von Geschlechterungleichheit und ein eingeschränktes Verständnis demokratischer Strukturen vorlag, was deren Rekrutierung durch extremistische Organisationen begünstigen könnte. Sie dokumentierte eine höhere Prävalenz antisemitischer Vorstellungen unter den befragten Geflüchteten aus Syrien, Irak und Afghanistan in ihrer Befragungsstichprobe und betonte, dass diese Muster bereits früh in Migrationsverläufen aufträten. Haug betonte daher die Bedeutung von politischer Bildung, Jugendsozialarbeit, gezielter Prävention und Integrationsinfrastrukturen zur Minderung von Risiken.

Integrationswende als Wende im Umgang mit Desintegration

Wenn wir über die Integration geflüchteter Menschen sprechen, sollten wir auch die Risiken von Desintegration in den Blick nehmen. Bereits im Herkunftsland und auf der Flucht können Asylsuchende Gewalt erfahren haben. Zusätzlich bedeutet Flucht den Verlust vertrauter sozialer Netzwerke, beruflicher Perspektiven und kultureller Orientierung. Im Aufnahmeland müssen diese Bezüge unter oft schwierigen Bedingungen neu aufgebaut werden. Prof. em. Dr. Thomas Elbert von der Universität Konstanz sprach daher über Ausmaß und Folgen psychischer Belastungen bei Geflüchteten. Er informierte, dass wiederholte Traumata die Gehirnarchitektur verändern und Hyperreaktivität, Flashbacks und reduzierte Arbeitsgedächtnisleistung erzeugen würden, was Spracherwerb und soziale Integration behindere. Er empfahl daher, alle Schutzsuchenden mit einem kurzen 13-item Screening zu erfassen und Personen in den „Gelb“- und „Rot“-Bereichen zur Beratung bzw. psychotherapeutischen Versorgung zu triagieren. Gleichzeitig warnte er, dass die derzeitige Psychotherapiekapazität unzureichend wäre, sollten viele Neuankommende Rot-Level-Versorgung benötigen und plädierte dafür, peer-geleitete Unterstützung als teilweise kompensatorischen Ansatz zu skalieren.

Die Schlüsselfrage der Expertenrunde lautete: Wie erkennen wir Desintegrationsprozesse frühzeitig – und wie verhindern wir, dass aus sozialer Distanz dauerhafte gesellschaftliche Entkopplung wird? Ein erfolgreiches Praxisbeispiel bot die von Ahmad Mansour 2017 gegründete Initiative „MIND prevention“. Evelyn Shkolnikova skizzierte die Präventionsarbeit der Initiative in Schulen, Gefängnissen und digitalen Umgebungen mit Schwerpunkt auf dialogischen Workshops, klaren normativen Positionen gegen Antisemitismus und Extremismus sowie engen Forschungspartnerschaften. Auch beschrieb sie ein hybrides Präventionsmodell: Präsenzworkshops und Lehrkräftefortbildungen plus digitale Trendanalysen und Gegennarrative, um früh in Radikalisierungsverläufe einzugreifen. Ihre Beobachtungen aus der Praxis alarmierten: steigende Impulsivität und Jugendgewalt, wachsende Identitätskonflikte und immer frühere Radikalisierungsverläufe. Auch berichtete Shkolnikova von überlasteten Lehrkräften und einer wachsenden Diskrepanz zwischen Schullehrplänen und der digitalen Realität Heranwachsender. Sie plädierte dafür, Jugendliche ernst zu nehmen und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen.

Fazit

Eine Integrationswende muss auch eine Wende im Umgang mit Desintegration sein: Wir sollten nicht erst reagieren, wenn soziale Isolation, Segregation oder Radikalisierung bereits verfestigt sind. Wir müssen Risikofaktoren frühzeitig erkennen, Präventionsansätze stärken und zugleich klare Erwartungen an individuelle Mitwirkung formulieren. 

Um Desintegration zu überwinden, bedarf es besserer Datengrundlagen und einer ehrlichen, faktenbasierten Diskussion bestehender Problemlagen. Mit Blick auf die Polizeiliche Kriminalstatistik wäre angesichts beobachteter Gruppendifferenzen eine systematische Analyse nach Migrationshintergrund oder zusätzliche Staatsangehörigkeiten wünschenswert. Da die seelische Gesundheit den Integrationserfolg stark beeinflusst, wäre ein psychologisches Screening von Geflüchteten hilfreich.

Eine Integrationswende bedeutet auch, die Erwartungen der aufnehmenden Gesellschaft wieder klar auszusprechen und verbindlich einzufordern. Ein Baustein hierfür können Integrationsvereinbarungen sein. Diese sollen Zugewanderte durch vertraglich fixierte Pflichten und Anreize stärker in die Verantwortung nehmen und so die Integration in Gesellschaft und Arbeitsmarkt fördern. In einigen europäischen Staaten wie Frankreich, Dänemark, Österreich, Italien und der Schweiz sind Integrationsvereinbarungen bereits Bestandteil der Einwanderungs- und Migrationspolitik. Die amtierende Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag ebenfalls auf die Einführung verpflichtender Integrationsvereinbarungen verständigt.

Die Migrations- und Integrationspolitik ist einer der stärksten Treiber politischer Polarisierung. Die politische Antwort darauf kann nur lauten: die Sorgen der Bevölkerung ernst nehmen und schneller ins Handeln kommen.

Vierter Runder Tisch Asyl- und Migrationspolitik 

Der vierte Runde Tisch Asyl- und Migrationspolitik befasste sich am 21. Oktober 2026 mit dem Thema „Die Integrationswende: Desintegration überwinden, Zugehörigkeit schaffen“

Die Referierenden waren:

- Dr. Josef Widmann, Hauptgeschäftsführer der Hanns-Seidel-Stiftung

- Sebastian Wüste, Staatssekretär im Bundesministerium des Innern

- Karl Straub, MdL, Integrationsbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung

- Prof. Dr. Ruud Koopmans, Professor für Soziologie und Migrationsforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin und Direktor der Forschungsabteilung „Migration, Integration, Transnationalisierung“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB)

- Prof. Dr. Sonja Haug, Fakultät für Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technische Hochschule (OTH) Regensburg

- Prof. em. Dr. Thomas Elbert, Professor für Klinische Psychologie und Neuropsychologie an der Universität Konstanz 

- Dr. Simon Schmaus, Teamleiter des Think Tanks Kriminalitätsentwicklung im Kriminalistischen Institut des Bundeskriminalamts

- Evelyn Shkolnikova, Mansour-Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention (MIND prevention) 

Kontakt

Leiterin: Dr. Susanne Schmid
Gesellschaftliche Entwicklung, Migration, Integration
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