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Alois Glück Kolloquium
Wie steht es um den Zusammenhalt der Gesellschaft?

Autorin/Autor: Silke Franke

Das bisherige Sommerkolloquium der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum und der Hanns-Seidel-Stiftung firmierte zum ersten Mal unter der neuen Bezeichnung „Alois-Glück-Kolloquium“ und hält damit eine Persönlichkeit in Ehren, mit der beide Institutionen eng verbunden waren.

 

Silke Franke, HSS-Referatsleiterin für Umwelt und Energie, Städte, Ländlicher Raum, begrüßte die Gäste des Alois Glück Kolloquiums.

Silke Franke, HSS-Referatsleiterin für Umwelt und Energie, Städte, Ländlicher Raum, begrüßte die Gäste des Alois Glück Kolloquiums.

© HSS

Die Fachtagung  knüpft an den Leitgedanken von Alois Glück, ehemaliger stellvertretender Vorsitzender Hanns-Seidel-Stiftung und Landtagspräsident sowie Ehrenmitglied der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum, an. Mitveranstalter Prof. Dr. Holger Magel, Ehrenpräsident der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum, stellte der Tagung eine Fragestellung voran, die Alois Glück am Herzen lag und die aktueller nicht sein könnte: 

"Wir Veranstalter sind in Sorge um den Zusammenhalt, um ein manchmal kontroverses - oder wie Alois Glück sagte - konfrontatives, aber letztlich konstruktiv-vertrauensvolles Miteinander, was zum Aufbau unserer nun 75-jährigen Demokratie geführt hat." 

 

Wie ist es um den Zusammenhalt unserer Gesellschaft bestellt – um das Verhältnis von Stadt und Land, um die Dialogfähigkeit trotz unterschiedlicher Interessenspositionen, die Diskussion mit betroffenen Akteuren auf Augenhöhe und die Partizipation von Bürgern?

Gruppenbild mit Dame (v.li.): Arne Lorz, Hauptabteilungsleiter Stadtentwicklungsplanung der Landeshauptstadt München, der Ebersberger Landrat Robert Niedergesäß, der ehemalige Bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein, HSS-Referatsleiterin Silke Franke, Tobias Reiß, MdL, Erster Vizepräsident des Bayerischen Landtags und Holger Magel, Ehrenpräsident der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum.

Gruppenbild mit Dame (v.li.): Arne Lorz, Hauptabteilungsleiter Stadtentwicklungsplanung der Landeshauptstadt München, der Ebersberger Landrat Robert Niedergesäß, der ehemalige Bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein, HSS-Referatsleiterin Silke Franke, Tobias Reiß, MdL, Erster Vizepräsident des Bayerischen Landtags und Holger Magel, Ehrenpräsident der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum.

© HSS

Das sagt die Wissenschaft

Der Politikwissenschaftler Lukas Haffert von der Universität Genf ist bekannt als Autor des Buchs „Stadt Land Frust – eine politische Vermessung“. Er hat sich Ergebnisse der vergangenen Bundestagswahlen von 2013 bis 2025 in den Wahlkreisen angeschaut und stellt tatsächlich eine zunehmende Polarisierung fest. Grüne und Linke sind demnach mittlerweile eindeutig städtische Parteien, die Union und die AfD eher ländliche. Womit erklärt sich der wachsende Anteil der AfD-Wähler? Die Behauptung, dass ländliche Räume abgehängt seien, mag für die USA oder für Frankreich zutreffen, stellt Haffert fest, nicht aber für Deutschland. Ausschlaggebender als materielle Indikatoren sind für ihn die "gefühlten" Indikatoren, die in ein "Wir“ und „die Anderen" spalten. Dabei geht es um Einstellungsunterschiede (abweichende Haltung zu Themen wie Gender, Migration, und Klimaschutz), ungleiche Repräsentation (das Gefühl, nicht berücksichtigt zu werden oder dass andere über einen bestimmen) und Identität (das Gefühl, dass der ländliche Lebensstil und die Leistungen nicht anerkannt werden oder dass harte Arbeit keinen Respekt mehr bekommt).

 

 „Wie können wir die Menschen dafür gewinnen, die Anstrengungen der notwendigen Veränderungen anzunehmen? . . . Die richtige Kommunikation spielt eine überragende Rolle. “ 

Alois Glück im Kolloquium 2021 „Im Zeichen einer Zeitenwende“

 

“Diese Verbitterung, so Haffert“, lässt sich durch mehr Geld und Programme allein nicht auffangen, sondern eher durch mehr Präsenz vor Ort und durch „Selbstwirksamkeit“. Die Bedeutung der kommunalen Selbstverwaltung dürfe nicht unterschätzt werden, genauso wenig ein reges Vereinsleben oder der Lokalteil in Zeitungen.

 

"Uns alle hier verbindet das Vermächtnis von Alois Glück. Er war ein Friedenstifter und Vordenker“, so Tobias Reiß, MdL, Vizepräsident des Bayerischen Landtags.

"Uns alle hier verbindet das Vermächtnis von Alois Glück. Er war ein Friedenstifter und Vordenker“, so Tobias Reiß, MdL, Vizepräsident des Bayerischen Landtags.

Das sagen die Kommunalpolitiker

Es gibt gute Gründe, warum es sinnvoll ist, als Gemeinde mit den Nachbarn in der Region zusammenzuarbeiten, denn vereint kann man Ressourcen sparen und Kräfte bündeln. Außerdem gibt es ohnehin Entwicklungen, die sich über Gemeindegrenzen auswirken und einer gemeinsamen Lösung bedürfen. Dies gilt insbesondere für die Landeshauptstadt München und ihr Umland: Man denke da an den Druck auf dem Wohnungsmarkt, die sich zuspitzende Verkehrsproblematik oder sich immer stärker beanspruchten Freiräume. Doch der Weg von der bloßen Kooperationsabsicht bis zur tatsächlichen Zusammenarbeit ist weit. 

Denn für die Verantwortlichen in den Kommunen gilt es sich einigen heiklen Fragen zu stellen, etwa“ „Was habe ich davon, was andere“, „Wer übernimmt wofür Verantwortung und kümmert sich“ oder „Bin ich überhaupt bereit, lokale Entscheidungen an eine gemeinsame regionale Ebene abzugeben“? 

 „Unsere größte Schwäche ist, dass der Bevölkerung immer nur Probleme vermittelt werden. Die Menschen brauchen aber Zukunftsprojekte, für die es sich lohnt, sich anzustrengen.“ 

Alois Glück im Rahmen des Kolloquiums 2010 „Zukunftsfähig bleiben“

Dies weiß insbesondere Dr. Stefanie Bock. Die Expertin vom Deutschen Institut für Urbanistik hat viele Beteiligungsprojekte begleitetet und rät dazu, zunächst Regeln und Mandate zu klären. Noch wichtiger ist es ihrer Erfahrung nach, möglichst rasch von der Theorie zu Projekten zu kommen und Vertrauen aufzubauen. 

Arne Lorz, Hauptabteilungsleiter Stadtentwicklungsplanung der Landeshauptstadt München, und die Landräte Christoph Göbel (München) und Robert Niedergesäß (Ebersberg) sind sich einig: „Inzwischen ist die ‚Region München‘ in den Köpfen angekommen. Kooperationen – etwa Zusammenschlüsse, Zweckverbände und interkommunale Allianzen – sind auf dem Vormarsch“. Inzwischen könne man gemeinsam Themen und Projekte anpacken, „weil man sich versteht und keine Angst hat, über den Tisch gezogen zu werden.“

Das sagt die Staatsregierung

„Demokratie braucht Menschen, die mitmachen. Bürgerbeteiligung ist ein wertvolles Gut, das es zu pflegen gilt.“

Dr. Günther Beckstein, ehem. Bayerischer Ministerpräsident, Leiter des Runden Tisches Bürgerbeteiligung

Die Staatsregierung hatte einen Runden Tisch initiiert, der die Bürgerbeteiligung in Bayern überprüfen soll. Geleitet wird dieser vom ehemaligen Ministerpräsidenten Dr. Günther Beckstein. „Wir sollen Bilanz ziehen und Vorschläge sammeln, wie sich angesichts widersprüchlicher oder leerlaufender Prozesse die Formate effizienter und schlagkräftiger gestalten lassen“, erklärt er die Aufgabe der Regierung. Handlungsbedarf sieht er bei Infrastrukturplanungen, die sich mittlerweile seit Jahrzenten dahinziehen. Ein weiterer Fall sind mehrere, parallel initiierte Bürgerbegehren zu ein- und demselben Vorhaben. Auch bei den aktuellen Krankenhausplanungen seien Vorschläge für transparentere und objektivere Abläufe gefragt. Nicht abgeneigt ist er der Idee einer Anlaufstelle auf Landesebene, die die Bürgerbeteiligung von Ämtern und Kommunen informativ berät und unterstützt. 

 

Das Publikum folgte interessiert den Ausführungen des Podiums.

Das Publikum folgte interessiert den Ausführungen des Podiums.

© HSS

Das zeigen Modellbeispiele

Wie man Menschen im Sinne von Alois Glück zusammenbringen und für schwierige Projekte gewinnen kann, zeigten zwei Beispiele. 

Ein Ziel der elf Gemeinden südlich von Passau, die sich zur „ILE Rott & Inn“ zusammengetan haben ist es, gemeinsam mit den Landwirten die regionale Wertschöpfung voranzubringen. Unterstützt wurden sie dabei von Dr. Ursula Diepolder. In professionell moderierten Prozessen gelang es, Landwirte und Gemeinden näher zu bringen und gemeinsame Aktionen zu starten, die sowohl Biobauern wie auch konventionelle Landwirte einbanden. So wurden Klima-Paten für „Klima-Landwirte“ gesucht, die Äpfel der wiederbelebten Streuobstwiesen werden als regional erzeugter Apfelmost vermarktet und ein „Speed-Dating“ hat Landwirte und Gastwirte vernetzt. 

 „Am Anfang war die Atmosphäre vergiftet, aber es hat eine ‘Entgiftung’ stattgefunden. Wir haben gemeinsam erreicht, dass man sich gegenseitig zuhört.“ 

Alois Glück im Jahr 2019 zu seiner Rolle als Moderator des Runden Tisches Artenschutz und Naturschutz in Bayern

Das regelmäßig stattfindende Dialog-Forum gibt Raum für emotionale Aussprachen, vor allem aber auch für gemeinsame Projekte, die nicht nur die Wertschöpfung, sondern auch die Sichtbarkeit und Wertschätzung erhöhen.

Ein weiteres überzeugendes Beispiel waren die Beiträge der Wissenschaftlerinnen der Technischen Universität München, Paula Erber und Katharina Dropmann, die gezeigt haben, wie man mit modernen Beteiligungsformen und Online Tools zu einer „Positivplanung“ in der Energiewende gelangen kann: Gemeinsam mit den Bürgern werden mögliche Standorte für Windräder oder PV-Anlagen vorgeschlagen. 

So freute sich Mitveranstalter Magel zum Schluss: „Das hätte Alois Glück mit Sicherheit fasziniert. So kann durch hochintensive Partizipation ein gemeinsamer Stolz entstehen, der die Gesellschaft befriedet und zusammenhält.“

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Leiterin: Silke Franke
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