80. Jahrestag der Befreiung des KZs Dachau
„Der Mensch kann sich entscheiden – zum Guten oder zum Bösen“
Charlotte Knobloch ist Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. 1985 wurde sie erstmals in dieses Amt gewählt. Seitdem führt sie die größte jüdische Gemeinde in Deutschland und setzt sich für die Belange der jüdischen Gemeinschaft ein. Sie wurde am 29. Oktober 1932 in München geboren.
Im Mai 1945, zum Ende des Zweiten Weltkriegs, war sie zwölf Jahre alt, hat also die Zeit des Nationalsozialismus und die Kriegsjahre bewusst erlebt. Von 1942 bis zur Befreiung vom Nationalsozialismus im Mai 1945 lebte sie versteckt auf dem Bauernhof der Familie einer ehemaligen Hausangestellten in Franken, wohin sie ihr Vater, der Rechtsanwalt Fritz Neuland, gebracht hatte, um sie vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu schützen. Dieses Erlebnis hat sie tief geprägt und ist zentral für ihre Erinnerungen an diese Zeit.
Frau Knobloch, Sie waren zwölf Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg endete. Wenn Sie heute – 80 Jahre später – auf diesen historischen Moment zurückblicken: Wie haben Sie das Kriegsende damals als jüdisches Kind erlebt? Und inwiefern hat dieses prägende Erlebnis Ihr späteres Engagement für das jüdische Leben in Deutschland beeinflusst?
Es war eine Befreiung! Endlich hatten die Angst und die Verstellung ein Ende! Ich lebte ja seit 1942 unter falscher Identität bei Kreszentia „Zenzi“ Hummel, einer ehemaligen Hausangestellten meines Onkels, und ihrer Familie auf einem Bauernhof im fränkischen Arberg. Für die Dorfgemeinschaft war ich Lotte Hummel, das uneheliche Kind von Zenzi – und die ließ damals diese vermeintliche Schande, die man ihr boshaft angedichtet hatte, auf sich sitzen, um mich zu retten.
Außer der Familie Hummel wusste nur noch der katholische Pfarrer über meine wahre Identität Bescheid. Er versteckte mich in den letzten Kriegstagen zusammen mit polnischen Zwangsarbeitern in einem unterirdischen Gang, weil er befürchtete, dass SS-Truppen auf dem Rückzug mich quasi in letzter Minute entdecken könnten. Das hätte meinen Tod bedeutet. Als ich schließlich aus unserem Versteck herausdurfte, sah ich schon die amerikanischen Soldaten mit ihren Panzern durch das Dorf fahren. Dabei verteilten sie Süßigkeiten und Kaugummi an die Kinder. Viel wichtiger aber war mir, dass ich endlich wieder „Charlotte Neuland“ sein durfte. Das habe ich gleich den verdutzten Kindern um mich herum erzählt, die natürlich erst einmal gar nichts verstanden haben.
Die Erlebnisse der Ausgrenzung und Verfolgung in meiner Kindheit prägen meine Arbeit bis heute vor allem in drei Punkten.
Erstens: Wir dürfen diese Zeit nicht vergessen. Denn auf dem Versprechen „Nie wieder!“ wurde unsere demokratische Bundesrepublik errichtet. Erinnern und Gedenken sind ihr Fundament.
Zweitens: Der Einsatz für die jüdische Gemeinschaft ist immer auch ein Einsatz für die Demokratie und den Rechtsstaat. Denn nur in einem demokratischen Staat können jüdische Menschen weitgehend frei und sicher leben. Wenn jüdisches Leben bedroht ist, ist auch die Demokratie in Gefahr.
Deshalb beobachten die Zeitzeugen die aktuelle Entwicklung mit größter Sorge. Seit dem 7. Oktober 2023 ist der Judenhass, den es ja immer gab, förmlich explodiert, und seit der letzten Bundestagswahl sitzt eine rechtsextreme, antisemitische Partei als zweitstärkste Kraft im Deutschen Bundestag. Das ist eine gefährliche Entwicklung – für jüdische Menschen und für unsere Demokratie.
Drittens habe ich am eigenen Leib erlebt: Der Mensch kann sich entscheiden – zum Guten oder zum Bösen. Es liegt an jedem einzelnen. Jeder kann mit seiner Wahl den entscheidenden Unterschied machen – im Ernstfall den Unterschied zwischen Leben und Tod. Die Mehrheit der Menschen hat sich damals für das Böse entschieden. Sie haben weggeschaut, sind mitgelaufen und haben mitgemacht, als Deutschland den Kontinent in einen verheerenden Krieg gestürzt und das singuläre Menschheitsverbrechen des Holocaust begangen hat.
Aber es gab auch Menschen wie Zenzi Hummel und ihre Familie, die sich ihre Menschlichkeit in finsterster Zeit bewahrt und sich bewusst dafür entschieden haben, obwohl sie damit ihr eigenes Leben in Gefahr brachten. Leider waren es viel zu wenige.
Als Zeitzeugin und Überlebende der Schoah: Was bedeutet der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau für Sie persönlich – und wie erinnern Sie sich an diesen Ort der Grausamkeit und des Leidens?
Mir ist das Gedenken in der KZ-Gedenkstätte Dachau sehr wichtig. Nicht nur heuer mit dem besonderen Jahrestag. Dazu gibt es jedes Jahr ein Gedenken an der jüdischen Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers. Ein besonderes Anliegen ist es mir, dass Jugendliche und junge Erwachsene daran teilnehmen, damit sie den Stab der Erinnerung von den Zeitzeugen übernehmen und weitertragen.
An den Ort selbst habe ich aus meiner Kindheit keine Erinnerung, aber natürlich erinnere ich mich, dass der Name für Schrecken und fürchterliche Grausamkeit stand. Wer aus Dachau wiederkehrte, war nicht mehr derselbe und kam als ein gebrochener Mensch zurück.
Sie setzen sich seit Jahrzehnten mit großem Nachdruck für Erinnerungskultur und Aufklärung ein. Wie hat sich Ihrer Meinung nach der gesellschaftliche Umgang mit der NS-Zeit und der Verantwortung für den Holocaust im Laufe der vergangenen 80 Jahre gewandelt – und wo sehen Sie Fortschritte, wo Rückschritte?
Nach dem Krieg gab es eine lange Zeit des Schweigens und Verdrängens – auf Seiten der Täter wie der Opfer.
Die Täter haben verdrängt. Und wir Überlebende wollten unsere Kinder nicht mit den fürchterlichen Erinnerungen belasten. Erst mit den Frankfurter Auschwitz-Prozessen (1963-1965) kam eine bewusste Auseinandersetzung in Gang.
Dazu hat dann die Ausstrahlung der Fernsehserie „Holocaust“ 1979 einen besonderen Anstoß gegeben. Sie hat den Menschen die Entwicklung zum Holocaust und dieses Menschheitsverbrechen sozusagen in die Wohnzimmer getragen. Die Opfer bekamen Gesichter und eine Lebensgeschichte. Das waren Menschen, die auf brutalste Weise aus ihrem Leben gerissen worden sind. Das hatten die meisten Zuschauer bis dahin nie so wahrgenommen. Nun haben sie mit dieser Familie Weiss mitgefühlt.
Mehr und mehr Überlebende haben in der Folge angefangen, ihre Geschichten zu erzählen – und sie fanden Gehör, stießen auf Interesse.
Insgesamt hat sich in den letzten 80 Jahren eine vielfältige Erinnerungskultur entwickelt, die von der bedeutenden Arbeit der Gedenkstätten und wissenschaftlicher Institutionen über Bildungs- und Schulprojekte bis hin zu lokalen Initiativen, die die Erinnerung und das Gedenken vor Ort pflegen, reicht.
Dieser Erinnerungskultur steht immer schon ein großer Teil der Gesellschaft gegenüber, der einen „Schlussstrich“ ziehen und nichts mehr von der Vergangenheit hören will.
Eine massive Gefahr stellt die AfD dar, die seit zehn Jahren auf allen Ebenen in unsere Parlamente eingezogen ist und nun als zweitstärkste Kraft im Deutschen Bundestag sitzt. Sie greift unsere Erinnerungskultur bewusst an und verhöhnt die Opfer. Das zeigt sich nicht nur in öffentlichen Äußerungen, sondern auch in konkreten Maßnahmen und dem Einfluss, den sie über ihre Präsenz in parlamentarischen und anderen Gremien bereits jetzt bewusst für ihre geschichtsrevisionistische Agenda einsetzt.
Als Überlebende der Schoah und eine der bedeutendsten Stimmen des jüdischen Lebens in Deutschland: Was möchten Sie der jungen Generation mit auf den Weg geben – gerade in einer Zeit, in der Zeitzeugen rar werden und antisemitische Tendenzen wieder zunehmen?
- Setzt Euch ein für Euer Land und schätzt es wert.
- Übernehmt Verantwortung für die Menschenwürde und für unsere demokratische, pluralistische Gesellschaft.
- Vergesst nicht, was war – damit das nie wieder geschieht.
- Und lasst Euch von niemandem sagen, wen Ihr zu lieben und wen Ihr zu hassen habt.
Vor dem Hintergrund wachsender gesellschaftlicher Spannungen, zunehmenden Antisemitismus und internationaler Konflikte: Was bereitet Ihnen derzeit die größte Sorge – 80 Jahre nach Kriegsende? Und wo sehen Sie dennoch Hoffnung für die Zukunft jüdischen Lebens in Europa?
Die größte Sorge bereitet mir der massive, auch gewaltbereite Judenhass, der den jüdischen Menschen entgegenschlägt: von rechts, von links, aus der muslimischen Community, aus der vermeintlich liberalen Kunst- und Kulturszene, an den Universitäten; auch in bürgerlichen Kreisen sind judenfeindliche Ressentiments wieder salonfähig. In der analogen wie in der digitalen Welt. Jüdische Menschen haben wieder Angst wie seit der Zeit des Nationalsozialismus nicht mehr.
Was macht mir Hoffnung? Derzeit wenig. Die Politik hat bislang kein geeignetes Mittel gefunden und auch keine umfassende Strategie entwickelt, die wirksam helfen könnte. Es gibt bei den Verantwortlichen sicher den Willen, etwas gegen diesen Judenhass zu unternehmen – aber in der Realität, mit der jüdische Menschen im Alltag konfrontiert sind, wirkt er sich bislang nicht aus.
Aber wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben. Es hilft nur weiterzumachen, sich einzusetzen für jüdisches Leben und für die Demokratie. Ich zähle auf die jungen Menschen sowohl in unseren jüdischen Gemeinden als auch in der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft. Mit ihnen erlebe ich immer wieder Begegnungen, die mir Zuversicht geben. Denn wir sind da und wir bleiben!
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Knobloch.
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