Ein Jahr Pontifikat
Zwischen Friedensruf und Realpolitik: Wer ist Papst Leo XIV.?
Papst Leo XIV. steht seit einem Jahr der katholischen Kirche vor. Während seiner kurzen Amtszeit hat er bereits Stellung gegenüber Trumps Politik bezogen. Hier empfängt er die Päpstliche Schweizergarde.
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Frontalangriff des amerikanischen Präsidenten auf Leo XIV.
Mit einem Frontalangriff auf seinen Landsmann sorgte der US-Präsident erneut dafür, dass Leos hartnäckige Aufrufe zum Frieden auf einmal weithin beachtet werden. Trump wirft dem Papst vor, mit seinen Aussagen zum Iran-Krieg „viele Katholiken und viele Menschen“ zu gefährden. Erst vor wenigen Wochen hatte der US-Präsident erklärt, der Papst verharmlose die Atomwaffen des Iran, sei „schwach“ in der Kriminalitätsbekämpfung und „furchtbar“ in Sachen Außenpolitik. Trump sagte deutlich, er sei „kein Fan von Papst Leo“, den er als „liberale“ Person bezeichnete. Als Premierministerin Giorgia Meloni das Wort ergriff, um den Papst zu verteidigen, fiel auch sie in den Stand der Ungnädigen: Einst als „fantastisch“ von Trump gelobt, bezeichnete er sie nun als „mutlos“.
Auch wenn sich der Papst nur widerstrebend in die Rolle des Trump-Antagonisten fügt, so hat er doch die Herausforderung angenommen. Mit der ruhigen Hartnäckigkeit, die ihn kennzeichnet, weist er auf das Leiden der Unschuldigen im Iran und im Libanon hin, fordert Friedensverhandlungen statt Bomben und mahnt die Beachtung des Völkerrechts an.
Papst Leo hält am entwaffnenden Frieden fest
Frieden – das war der erste Akzent, mit dem Leo am 8. Mai des vergangenen Jahres ins neue Amt gestartet ist. Zwar ist sein Friedensbegriff ein christlicher, an die Auferstehung Jesu geknüpft; doch der Ruf nach einem „unbewaffneten und entwaffnenden Frieden“ weiß auch um seine politische Sprengkraft. Ein simpler Pazifist ist dieser Papst nicht. Gesprächsweise räumt er zum Beispiel ohne Weiteres ein, dass die Ukraine selbstverständlich das Recht habe, sich zu bewaffnen, um dem russischen Aggressor entgegenzutreten. Dem Vorgänger Franziskus (2013-25) wäre so etwas nicht über die Lippen gekommen.
Doch derartige realpolitischen Anflüge hindern Leo nicht daran, am utopischen Potential der Rede vom Frieden festzuhalten. „Als Hirte kann ich nicht für den Krieg sein“, führte er im April gegenüber Journalisten bei der Rückkehr von einer Afrikareise aus. „Die Frage ist nicht, ob sich ein Regime ändert oder nicht. Die Frage ist, wie wir die Werte fördern, an die wir glauben, ohne den Tod so vieler Unschuldiger.“
Afrikareise des Papstes: Keine Angst vor autokratischen Systemen
In Afrika hat der Papst das Thema Frieden in ganz unterschiedlichen Kontexten durchbuchstabiert: in Algerien als Religionsfrieden zwischen Christen und Muslimen, in Kamerun, das von einem Konflikt zwischen der französisch- und der englischsprachigen Bevölkerung zerrissen wird, als gesellschaftliches Ideal. Klar wurde bei dieser Reise übrigens auch, dass Leo keine Berührungsängste mit autokratischen Regimen hat: Auch im Beisein korrupter oder verbrecherischer politischer Eliten fand er zu deutlichen Worten, ohne dabei das diplomatische Parkett zu verlassen.
In Leos Beharren auf dem Friedensthema liegt für sein Pontifikat ein starkes Potential. Der Vatikan könnte als Ort für die Anbahnung oder Durchführung von Friedensverhandlungen in Frage kommen; vielleicht wird der Amerikaner auf dem Stuhl des Petrus eines Tages sogar als erster Papst mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Das Thema Frieden könnte ihm auf längere Sicht sogar eine Einladung nach Peking einbringen, etwas, wovon die Päpste jahrzehntelang nur träumen konnten.
Leos Soziallehre im Zeitalter der KI
Frieden also als der erste Akzent dieses Pontifikats. Einen weiteren Akzent hat Papst Leo durch seine Namenswahl gesetzt: Er bezieht sich damit auf Leo XIII. (1810-1903), der mit der Enzyklika „Rerum novarum“ zum Vater der katholischen Soziallehre wurde. In einer Reihe verstreuter Äußerungen hat der vierzehnte Leo eine Aktualisierung dieser Soziallehre für die Jetztzeit skizziert, vor allem angesichts der Herausforderung durch KI. So richtig hat er diesen Anspruch aber noch nicht eingelöst. Das mag auch daran liegen, dass der Vorgänger Franziskus mit seinen pointierten, oft provokanten Formulierungen (berühmtes Beispiel: „Diese Wirtschaft tötet“) auf diesem Feld einen besonders langen Schatten wirft, aus dem herauszutreten dem bedächtigeren Nachfolger schwerfällt.
Keine Antritts-Enzyklika: Papst Leo XIV. wirkt durch Kurz-Interviews und Auslandsreisen
Ungewöhnlich ist, dass Leo XIV. im ersten Jahr noch keine Programmschrift, keine Antritts-Enzyklika vorgelegt hat. Das wirkt so, als wolle dieser Papst weniger durch Schriften wirken – wodurch aber sonst? Die Antwort ist doppelt. Zum einen setzt Leo Kurz-Interviews, die er meist an Dienstagabenden in Castelgandolfo in der Nähe von Rom gibt, bewusst ein, um zu aktuellen Vorgängen Position zu beziehen. Es war in einem dieser Statements, dass er Trumps Drohungen, die iranische Zivilisation zu zerstören, „inakzeptabel“ nannte. Zum anderen will er durch Auslandsreisen wirken, ein Instrument, das vor allem sein polnischer Vorgänger Johannes Paul II. (1978-2005) meisterhaft zu nutzen verstand. Durch diese Reisen stößt das Oberhaupt der katholischen Kirche mit seinen Anliegen, auch mit seinen politischen Botschaften, medial auf starke Resonanz.
Symbolpolitik mit klaren Prioritäten
Dass Leo auf der Klaviatur der Symbolpolitik zu spielen versteht, zeigt sich zum Beispiel an der Tatsache, dass er zu den 250-Jahr-Feiern der US-Unabhängigkeit trotz Einladung durch US-Vizepräsident Vance nicht nach Washington reisen wird, sondern . . . auf die Flüchtlingsinsel Lampedusa. Oder daraus, dass er einem Besuch in seiner US-Heimat mit ziemlicher Sicherheit eine Visite in Lateinamerika, wo er (in Peru) lange als Missionar gewirkt hat, vorschalten wird. Man kann im Übrigen davon ausgehen, dass Leo XIV. in absehbarer Zeit vor der UNO und vor dem Europaparlament auftreten wird.
Kircheninterne Priorität: Einheit
Wir haben den neuen Papst bisher vor allem durch die politische Brille betrachtet; nun soll auch noch eine Einordnung seiner kircheninternen Haltung versucht werden. Das Schlüsselwort in dieser Hinsicht heißt Einheit: Es ergibt sich aus seinem Wahlspruch „In illo uno unum“ (In dem Einen – gemeint ist Christus – sind wir eins). Das ist ein Zitat des hl. Augustinus; Leo gehört dem Orden an, der sich auf diesen Kirchenlehrer der Spätantike bezieht. Viel stärker als sein Vorgänger Franziskus, der sich sogar einmal zu der Bemerkung hinreißen ließ, er habe „keine Angst vor einem Schisma“, fühlt sich Leo XIV. der Einheit der katholischen Kirche verpflichtet. Das geht so weit, dass er den schismatisch orientierten Piusbrüdern sogar einen Dialog über die unterschiedlichen Grade der Verbindlichkeit von Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) anbot, ein erstaunliches Zugeständnis für einen Papst, der gleichzeitig bei jeder Mittwochsaudienz ebendiese Konzilstexte als visionär und wegweisend rühmt.
Leos Vorbehalte gegenüber dem Synodalen Weg
Leos Bemühen um Einheit ist es auch zu verdanken, dass er das synodale Experiment, das Franziskus u.a. mit Blick auf den deutschen katholischen Reformprozess namens „Synodaler Weg“ aus der Taufe gehoben hatte, fortzusetzen verspricht. Die eigentliche vatikanische Weltsynode ist zwar seit Oktober 2024 formell vorüber, doch jetzt geht es um die Umsetzung einer langen und einigermaßen disparaten Beschlussliste. Leo hat zu erkennen gegeben, dass er darauf achten will, dass das multiforme Gespräch der Weltkirche mit sich selbst nicht auf Abwege gerät.
Dem deutschen „Synodalen Weg“ und den damit verbundenen Reformideen gegenüber scheint er, auch wenn er das freundlicher formuliert als der Vorgänger, einiges Misstrauen zu hegen. Angesprochen auf Segensfeiern für homosexuelle Paare, wie die Deutsche Bischofskonferenz sie genau während der „Sedisvakanz“, also in der papstlosen Zeit des vergangenen Jahres, genehmigt hat, erklärte er, man müsse doch „verstehen, dass die Einheit oder Spaltung der Kirche sich nicht um sexuelle Fragen drehen sollte“, andere Fragen seien doch „viel größer und wichtiger“. Da hört man eine deutliche Fassungslosigkeit über die seltsamen Deutschen heraus.
Die Autoren:
Silke Schmitt studierte Soziologie, Medien und Kommunikationswissenschaften in Marburg und Rom. 2013 absolvierte sie ihren Master in "Experten für Politik und internationale Beziehungen" an der Universität LUMSA. Als Journalistin arbeitete sie in der deutschen Sektion von Radio Vatikan und bei der Nachrichtenagentur KNA. Seit 2021 leitet sie das Büro der Hanns Seidel Stiftung Italien/Vatikan in Rom.
Stefan von Kempis studierte Geschichte und Theologie in Bonn, Freiburg und Paris sowie Islamwissenschaften in Rom und Kairo. Er leitet das deutschsprachige Programm von Vatican News und Radio Vatikan. Sein Buch über Papst Leo XIV. stand 2025 mehrere Wochen lang auf der Spiegel-Beststellerliste.
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Journalist Leiter des deutschsprachigen Programms von Vatican News und Radio Vatikan