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Portraits jüdischer Persönlichkeiten
Gesichter unseres Landes: Henry A. Kissinger

Wir feiern 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland und Bayern und würdigen den essentiellen Beitrag, den jüdische Persönlichkeiten für die Geschichte, Kultur, Wissenschaft und Wesensart unseres Landes geleistet haben. Heute im Portrait: Henry A. Kissinger – Politikwissenschaftler, US-Außenminister und erster Franz Josef Strauß-Preisträger der Hanns-Seidel-Stiftung.

Als das in der orthodoxen jüdischen Gemeinde Fürth verankerte Ehepaar Louis und Paula (geb. Stern) Kissinger am 27. Mai 1923 die Geburt von Heinz Alfred anzeigt (ein Jahr später wird Bruder Walter zur Welt kommen), kann noch niemand ahnen, dass ihr Erstgeborener später zu einem der einflussreichsten Außenpolitiker der Supermacht USA aufsteigen würde. Bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten wachsen Heinz und Walter wohlbehütet in gutbürgerlichen Verhältnissen einer respektierten und intakten Familie auf, haben neben der Schule Klavierunterricht, sind Mitglieder im orthodox-jüdischen Jugendbund Esra und betreiben Sport – Heinz vor allem Fußball. Seinem damaligen Verein, der Spielvereinigung Fürth, ist er bis heute als treuer Fan verbunden.

Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger in einer Diskussionsrunde (2019).

Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger in einer Diskussionsrunde (2019).

Ron Przysucha; (CC0); Wikimedia Commons

Auswanderung in die USA

Die unbeschwerte Jugendzeit endet abrupt im April 1933 als wenige Wochen nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler Louis Kissinger seine Anstellung als Gymnasiallehrer verliert und zwangsbeurlaubt wird. Die Radikalisierung des Antisemitismus in den folgenden Monaten (auch Heinz und Walter müssen die öffentliche Schule verlassen), insbesondere die massiven zusätzlichen Einschränkungen der Lebensmöglichkeiten von Juden durch die sogenannten „Nürnberger Gesetze“, veranlassen die Familie Kissinger schließlich, Deutschland im September 1938 in Richtung USA zu verlassen. Ihr neues Domizil in New York befindet sich zunächst in der Bronx. Zwei Jahre später ziehen sie in das deutsch-jüdisch geprägte Viertel Washington Heights an der nördlichen Spitze Manhattans um, wo Heinz, der sich nun Henry nennt, und Walter die George Washington High School besuchen und am Gemeindeleben der von Immigranten gegründeten orthodoxen K’hal Adath Jeshurun Gemeinde teilnehmen. (Bemerkenswert ist, dass der nur ein Jahr jüngere Walter Kissinger, der in den USA später als erfolgreicher Unternehmer reüssierte und im Mai 2021 im Alter von 96 Jahren starb, bereits wenige Monate nach der Ankunft in den USA im Jahr 1938 ein akzentfreies „Amerikanisch“ spricht, während Henry Kissinger seinen „deutschen“ Akzent im Englischen bis heute beibehalten hat.)

Nach seinem High School-Abschluss im Jahr 1941 wechselt Henry an das City College New York, wird aber im Februar 1943, nachdem er die US-amerikanische Staatsbürgerschaft erworben hat, zu den Streitkräften eingezogen. Dort, so sein Biograph Robert D. Schulzinger, wird nicht nur erstmals sein geniales Denken in strategischen Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik deutlich, sondern es kommt auch zu der schicksalhaften Begegnung mit dem ebenfalls deutschstämmigen Fritz G.A. Kraemer, der später als einflussreicher Geostratege im US-Verteidigungsministerium Kissingers Mentor wird.

Militärdienst und Beginn der wissenschaftlichen Karriere

Als Mitglied der US-Streitkräfte wird Kissinger Mitte 1944 nach Deutschland versetzt, wo er bis über das Kriegsende hinaus zwar stationiert bleiben muss, allerdings durch Kraemers Einfluss Mitglied des Armee-Geheimdienstes werden und Offiziere unterrichten kann.

Nach seiner Rückkehr in die USA im Jahr 1947 nimmt Kissingers akademische Karriere rasant Fahrt auf, nachdem Kraemer seinem Protegé Kontakte zur Harvard University eröffnet. Bereits drei Jahre nach seinem Wechsel an die Eliteuniversität präsentiert der erst 27-jährige Kissinger eine 400-Seiten-„Senior Thesis“ mit dem Titel „The Meaning of History: Reflections of Spengler, Toynbee, and Kant“ – eine scharfsinnige Analyse im Schnittfeld von Philosophie, Geschichte und Internationaler Politik.
Wenige Jahre später folgt die brillante Dissertation „A World Restored: Metternich, Castlereagh, and the Problems of Peace 1812-1822“, die in Fachkreisen heute noch als herausragendes historisches Standardwerk gilt. Diese Forschungsergebnisse bilden nicht nur die Grundlage für Kissingers Karriere in Harvard, wo er als Professor für Politikwissenschaft lehrt und zum Direktor des dortigen Center for International Affairs aufsteigt, sondern sie machen auch einflussreiche Akteure im außen- und sicherheitspolitischen Establishment der USA auf den jungen akademischen „Rising Star“ aufmerksam, wodurch dieser sukzessive zum Berater einschlägiger Einrichtungen und Persönlichkeiten avanciert.

Außenminister unter Präsident Nixon

Der entscheidende Karrieresprung erfolgt, als der republikanische Kandidat Richard Nixon im November 1968 zum Präsidenten der USA gewählt wird und Kissinger als National Security Adviser ins Weiße Haus nach Washington holt. Seine primäre Aufgabe besteht darin, eine „gesichtswahrende“ Beendigung des das Ansehen der USA in der Welt massiv beschädigenden Vietnam-Krieges herbeizuführen. Eng damit verbunden ist die Herausforderung, die Position der Vereinigten Staaten im weltpolitischen Dreieck Washington – Moskau – Peking zu stärken, was Kissinger durch eine politische Instrumentalisierung des ideologischen und machtpolitischen Konfliktes zwischen der Volksrepublik China und der Sowjetunion meisterhaft initiiert. Weil Peking den „Sowjetimperialismus“ damals als bedrohlicher ansieht als den „kapitalistischen Imperialismus“, gelingt Kissinger durch bilaterale Geheimdiplomatie eine strategische Verbesserung der Beziehungen zu China. Diese machtpolitische Veränderung mündet gleichzeitig in ein neues Verhältnis Washingtons zu Moskau, weil im Kreml die Bedeutung der USA durch deren neue strategische Partnerschaft zu Peking erheblich gewachsen war.

Friedensnobelpreis für Geheimdiplomatie

Kissingers Bemühungen zur Beendigung des Krieges in Indochina sind bis heute nicht unumstritten: Zwar wird er 1973 zusammen mit dem nordvietnamesischen Politiker Le Duc Tho, mit dem er monatelange Geheimverhandlungen in Paris geführt hatte, mit dem Friedensnobelpreis geehrt, allerdings stößt diese Auszeichnung auch auf Kritik, weil damals ungeachtet der von Kissinger bewerkstelligten Unterzeichnung eines Waffenstillstandsabkommens die Kampfhandlungen nicht nur noch nicht beendet, sondern wegen der Zerstörung nordvietnamesischer Nachschublinien sogar auf Kambodscha ausgeweitet worden waren.

Im September 1973 wird Kissinger als Außenminister der Vereinigten Staaten vereidigt. Dieses Amt übt er nach dem Rücktritt Präsident Nixons auch unter dessen republikanischem Nachfolger Gerald Ford aus. Als Chefdiplomat der USA agiert Kissinger in diesen Jahren insbesondere als Vermittler zwischen den Konflikt-Parteien im Nahost-Konflikt und als Architekt Strategischer Rüstungskontrolle und Abrüstung zwischen den USA und der Sowjetunion. Mit dem Wechsel von Gerald Ford zum Demokraten Jimmy Carter im Januar 1977 scheidet Kissinger schließlich aus der aktiven Politik aus und gründet in New York die Denkfabrik „Kissinger Associates“, die Beratung in strategischen Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik anbietet.

Henry Kissinger wird im Jahr 1996 der Franz Josef Strauß-Preis verliehen.

Henry Kissinger wird im Jahr 1996 der Franz Josef Strauß-Preis verliehen.

ACSP, Ph S HSS: 208/10

Ehrung mit dem Franz Josef Strauß-Preis der HSS

Knapp zwei Jahrzehnte später würdigt die Hanns-Seidel-Stiftung das akademische, politische und diplomatische Oeuvre Kissingers, indem sie den gebürtigen Fürther als ersten Träger des Franz Josef Strauß-Preises ehrt, der sich als Wissenschaftler, Politiker und Diplomat um Frieden, Freiheit, Demokratie, internationale Völkerverständigung und die Durchsetzung der Menschenrechte stark gemacht habe.
In der Münchner Residenz bedankt sich der Preisträger 1996 mit einer beeindruckenden Rede zur weltpolitischen Lage im Allgemeinen und zu den transatlantischen Beziehungen im Besonderen, die er auf Deutsch so beginnt:

„Es bedeutet für mich viel, in meinem Heimatland geehrt zu werden – und mit einem Preis ausgezeichnet zu werden, der den Namen meines Freundes Franz Josef Strauß trägt.“

Autor: Prof. Dr. Reinhard Meier-Walser ist Honorarprofessor für Internationale Politik an der Universität Regensburg. Er leitete bis Mai 2021 die Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung. 

Franz Josef Strauß-Preis 1996. Dokumentation der Preisverleihung an Dr. Henry A. Kissinger am 21. Januar 1996. München: Hanns-Seidel-Stiftung 1996 (Sonderausgabe der „Politischen Studien“).

Evi Kurz: Die Kissinger-Saga. Fürth: Edition Time Line Film 2007.

Robert D. Schulzinger: Henry Kissinger – Doctor of Diplomacy. New York: Columbia University Press 1989.

Weitere Porträts: Gesichter unseres Landes

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