Wie resilient ist die deutsche Gesellschaft?
„Alle sind gefordert!“
Interview mit Dr. Donya Gilan zum Thema „Resilienz“
Steigende Energiepreise, Belastungen infolge der Inflation, die größte Fluchtbewegung in Europa seit Ende des Zweiten Weltkrieges – der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und seine Folgen stellen sowohl die deutsche Politik als auch unsere Gesellschaft vor immense Herausforderungen. Meist fokussiert sich die öffentliche Debatte allerdings auf die Maßnahmen der Politik, um die negativen Konsequenzen des Krieges abzufedern. Die zentrale Rolle der Bevölkerung, mit den teils extremen Belastungen umzugehen und die Unterstützung für die Ukraine weiter mitzutragen, rückt hingegen oftmals in den Hintergrund. Zur Bewältigung der Vielzahl an Krisen braucht es Expertinnen und Experten zufolge „gesellschaftliche Resilienz“. Um zu klären, was sich hinter diesem Konzept verbirgt, sprechen wir mit Dr. Donya Gilan, Leiterin des Bereichs „Resilienz & Gesellschaft“ am Leibniz-Institut für Resilienzforschung (LIR) in Mainz.
Im Frühjahr 2023 veranstaltete die Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung ein geschlossenes Fachgespräch, um über die Herausforderungen im Zuge des Ukraine-Krieges und die Bedeutung von gesellschaftlicher Resilienz zu sprechen, bei dem auch Dr. Donya Gilan als Referentin zu Gast war.
Wolfgang Schnebel ; Dr. Donya Gilan
HSS: Frau Dr. Gilan, Sie forschen am Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz und leiten dort den Bereich „Resilienz & Gesellschaft“. Was kann man allgemein unter Resilienz und hier besonders unter „gesellschaftlicher Resilienz“ verstehen?
Dr. Donya Gilan: Unter dem Begriff Resilienz, der vom lateinischen Wort „resilire“ stammt, versteht man die Widerstandskraft von Systemen gegenüber Störungen. Ursprünglich kommt der Begriff aus der Physik und Materialkunde und bezeichnet die Eigenschaft hochelastischer Werkstoffe, nach jeder Druckeinwirkung wieder ihre ursprüngliche Form anzunehmen (z. B. Feder, Schwamm). In der Psychologie und Medizin wird darunter die Aufrechterhaltung oder Rückgewinnung der psychischen Widerstandsfähigkeit während oder nach stressvollen Lebensereignissen verstanden. Hier geht die Wissenschaft der Frage nach, wie Menschen auf Stresssituationen reagieren, weshalb es Unterschiede gibt und welche Faktoren Resilienz positiv beeinflussen.
Die gesellschaftliche bzw. kollektive Resilienz ist hingegen ein lückenhaftes, junges und immer noch wenig erforschtes Konzept. Die Fähigkeit eines Sozialsystems, Schocks und Stressfaktoren zu absorbieren und dabei gleichzeitig seine wesentlichen Strukturen und Funktionen beizubehalten, kommt einer möglichen Definition am nächsten.
Der Angriff Russlands auf die Ukraine markiert in vielerlei Hinsicht einen Wendepunkt, infolgedessen wir mit einer Vielzahl von Krisen konfrontiert sind. Hinzu kommt die Ungewissheit mit Blick auf die weitere Entwicklung des Krieges. Wie resilient ist die deutsche Gesellschaft demgegenüber Ihrer Meinung nach?
Die Beziehung zwischen Ungewissheit und der modernen Gesellschaft ist komplex. Grundsätzlich gilt: Unsicherheit dreht sich um Erwartungen. Klare, stabile gesellschaftliche Institutionen und Normen ermöglichen es dem Individuum, sichere Erwartungen mit Blick auf die Zukunft aufzubauen. Heute leben wir jedoch in einer Gesellschaft, in der Gewissheiten zu einem knappen Gut geworden sind, Ungewissheit hingegen zur alltäglichen Erfahrung vieler gehört.
Neben der Pandemie und der abstrakten Bedrohung einer Klimakrise führte der russische Angriffskrieg auf die Ukraine zu einer weiteren sozialen und wirtschaftlichen Belastung. Laut einer jüngsten Studie reagierte die deutsche Bevölkerung mit einem erheblichen Leidensdruck, welcher die Reaktionen während der stärksten Einschränkungen im Rahmen der Corona-Pandemie sogar übertraf. Aus der Studie geht auch hervor, dass die Furcht vor den Auswirkungen des Krieges mit einer schlechteren psychischen Gesundheit einhergeht. Insgesamt weisen Menschen mit einer erhöhten Anfälligkeit für eine schlechte psychische Gesundheit weniger gesundheitsfördernde Verhaltensweisen auf: So stehen mehr Bildschirmzeit, mehr Snacks und weniger körperliche Aktivität in einem Zusammenhang mit stärkeren Symptomen von Angstzuständen, Depressionen und Einsamkeit. Es lässt sich feststellen, dass Krisen sowie ihre Auswirkungen zur „neuen Normalität“ geworden sind und die resiliente Krisenbewältigung mehr denn je für das Individuum und die Gesellschaft eine zentrale Rolle einnimmt.
Gibt es innerhalb der Gesellschaft Unterschiede im Umgang mit diesen multiplen Krisen und der Fähigkeit, ihnen resilient begegnen zu können?
Neben genetischen Dispositionen und der Lernbiographie, die den Umgang mit Stress teilweise bestimmen, haben Menschen, die gut situiert sind, mehr gesellschaftliche Teilhabemöglichkeiten. Das fördert die Bildung von Resilienz, denn Teilhabe eröffnet den Zugang zu Ressourcen. Demgegenüber haben es Bevölkerungsgruppen mit Mehrfachbelastungen wie Alleinerziehende, Menschen mit Migrationshintergrund oder sozial Benachteiligte schwerer, ihre Resilienz aktiv zu stärken, da sie vielschichtigen Belastungen ausgesetzt sind.
Grundsätzlich wird Resilienz als dynamischer Prozess definiert, d. h. bereits gesammelte Erfahrungen mit Krisen wirken sich auf die individuelle Widerstandsfähigkeit aus. Während der Corona-Pandemie war es beispielsweise insbesondere für Kinder und Jugendliche schwierig, sich an die „neue Normalität“ zu gewöhnen, da ihre Handlungsschemata für Krisensituationen noch nicht ausreichend ausgebildet waren. Ältere besitzen in gewissen Bereichen hingegen mehr Strategien zur Krisenbewältigung. Zudem wurde bei ihnen ein höherer Erholungseffekt seit Anfang der Corona-Pandemie festgestellt. Der Grund liegt in der Lebenserfahrung. Sie haben schon einige gesellschaftliche und persönliche Krisen durchlebt.
Die gesellschaftliche Resilienz definiert sich als die Fähigkeit eines Sozialsystems, Schocks und Stressfaktoren zu absorbieren und dabei gleichzeitig seine wesentlichen Strukturen und Funktionen beizubehalten.
Welchen Beitrag kann folglich die Politik leisten, um die Resilienz einer Gesellschaft zu erhöhen?
Der Resilienzforscher Florian Roth prägte die beiden Begriffe „bounce back” und „bounce forward“. Das Ziel resilienzfördernder Maßnahmen sollte ihm zufolge weniger die Rückkehr in den Zustand vor einem gesellschaftlichen Schockereignis sein, sondern vielmehr eine fortschreitende Veränderung und zunehmende Anpassung an sich stetig wandelnde Umweltbedingungen. Im Sinne des „bounce forward“ ist ein System nach einer Krise leistungsfähiger und langlebiger.
Die Politik kann also einen Beitrag leisten, indem sie die in der Gesellschaft vorhandenen Ressourcen und Wissensbestände nutzt, diese ausbaut und insgesamt soziale Innovationen fördert. Durch regulatorische Vorgaben ist die Politik zudem in der Lage, essentielle Infrastrukturen zu stärken. Da komplexe Systemzusammenhänge vor einer Krise allerdings schwer vorhersehbar sind, sind alle Beteiligten gefordert: Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien, Kultur und die Bevölkerung. Gerade unsere Zivilgesellschaft hat eine besondere Fähigkeit zur Selbstorganisation, die von der Politik miteinbezogen werden sollte. Auf lange Sicht ist das wirksamste Mittel zur Resilienzsteigerung eine weitsichtige und nachhaltige Weiterentwicklung unserer Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme, die den Herausforderungen gerecht werden kann.
Solidarität und der soziale Zusammenhalt innerhalb einer Gesellschaft spielen offensichtlich eine wichtige Rolle. Haben Sie Vorschläge, wie diese von der Gesellschaft selbst und von der Politik gestärkt werden können?
Hier haben sich in vergangenen Krisen drei wirksame Ansätze herauskristallisiert: Zum einen nimmt institutionelles Vertrauen eine zentrale Rolle ein. Bei Vertrauen in die Institutionen werden diese als sinnstiftend und bedeutungsvoll wahrgenommen, wohingegen bei Misstrauen eine gegensätzliche Wirkung eintritt. Das bedeutet, es findet keine Stärkung der kollektiven Widerstandsfähigkeit statt, sondern eher eine Schwächung und mögliche Spaltung der Gesellschaft. Es ist also notwendig, institutionelles Vertrauen dort zu kultivieren bzw. wiederzugewinnen, wo Misstrauen in die Politik und die öffentlichen Institutionen besteht. Zum anderen gilt es, Möglichkeiten zum Zusammenkommen als Gemeinschaft, entweder in Person oder in den sozialen Medien, zu schaffen und zu fördern. Ein Beispiel wäre hier das Hashtag #BostonStrong nach dem Terror-Anschlag 2015 in Boston, der das Zusammengehörigkeitsgefühl der Bevölkerung zum Ausdruck brachte. Zuletzt kann es hilfreich sein, Resilienzvorbilder zu präsentieren, um in Krisenzeiten das Positive innerhalb einer Gesellschaft zu stärken und das Negative abzuschwächen. Diese Strategie wurde beispielsweise in der Corona-Pandemie durch Sichtbarmachung der Leistung von Personen des täglichen Lebens angewendet, die mit besonderen Herausforderungen in ihrem (Berufs-)Alltag konfrontiert waren, wie etwa Gesundheits- und Verkaufspersonal.
Eine besondere Rolle in Krisen nimmt politische Kommunikation ein. Welche Anforderungen muss diese unter dem Aspekt der Resilienz erfüllen?
Ein langfristiges und grundlegendes Ziel politischer Kommunikation muss der Aufbau von Vertrauen in staatliche Institutionen und die Steigerung ihrer Glaubwürdigkeit sein – auch und vor allem in Krisenzeiten. Erreicht werden kann dies durch offene Krisenkommunikation mit der Öffentlichkeit, den Medien und allen anderen Zielgruppen. In einer Krise ist es wichtig, die Meinungshoheit anzustreben und Präsenz zu zeigen. Wird offen und ehrlich über die Ursachen und Auswirkungen einer Krise berichtet, werden Informationen kanalisiert und die öffentliche Diskussion geleitet. So können negative Folgen einer Krise eventuell eingegrenzt oder sogar vermieden werden. Damit die politische Kommunikation erfolgreich ist, muss sie so weit wie möglich zielgruppenorientiert sein. Das bedeutet, dass man nicht alle Mitglieder einer Gesellschaft mit der gleichen Art der Kommunikation erreichen kann. Zudem gibt es Grundsätze der Krisenkommunikation, die dazu beitragen, Vertrauen und Glaubwürdigkeit zu erhalten. Darunter fallen beispielsweise:
- Schnelligkeit (aktiv und frühzeitig),
- Wahrhaftigkeit (sachlich, transparent und wahr),
- Verständlichkeit (kurz, einfach, unkompliziert und bildhaft) und
- Konsistenz (einheitlich, koordiniert und kontinuierlich).
Wirksam ist vor allem eine proaktive Kommunikation, die die direkten und indirekten Ursachen und Auswirkungen der Krise anspricht, Verantwortung übernimmt und dies anhand von Handlungen zur Krisenbewältigung verdeutlicht.
Am Ende ist es wichtig, die Reaktion auf die Krise zu analysieren, Defizite zu erkennen und bei Bedarf Strukturen und Verfahren (darunter auch Frühwarnsysteme) weiterzuentwickeln. Krisen können somit auch dazu beitragen, die kollektive Resilienz zu stärken und auf die nächste Ungewissheit vorzubereiten.
Herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Dr. Gilan!
Das Interview führten Maria Geyer und Andrea Rotter
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