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Interview mit Diplom-Psychologe und Bestsellerautor Rolf Schmiel
„Kindern Lust aufs analoge Leben machen“

Autorin/Autor: Anne Wildermann

Fachleute warnen vor digitaler Dauerbeschallung. Ein Experte macht deutlich, warum gerade kleine analoge Momente große Wirkung entfalten. Ein Mindestalter bei Kindern und Jugendlichen bei der Nutzung von Social Media sieht er dagegen kritisch. Im Interview erklärt er, wie Kinder Schritt für Schritt zurück zum echten Erleben begleitet werden können.

Diplom-Psychologe und Bestsellerautor Rolf Schmiel

©Magdalena Possert

HSS: Die Leopoldina hat in diesem Sommer 2025 ein Diskussionspapier mit dem Titel ,Soziale Medien und die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen‘ veröffentlicht, in dem eine Altersgrenze beziehungsweise ein Mindestalter für Kinder und Jugendliche für Social Media in Deutschland empfohlen wird. Konkret: ab 13 Jahre. Ein paar Zahlen aus dem Papier: 70 Prozent der zehn- bis 17-Jährigen nutzen soziale Medien täglich, im Durchschnitt zweieinhalb Stunden pro Schultag und knapp vier Stunden am Wochenende.

Warum halten Sie eine Altersgrenze beziehungsweise ein Mindestalter für realitätsfern?

Rolf Schmiel: Das ist immer davon abhängig, inwiefern das von irgendjemandem geprüft oder das Verbot durchgezogen werden soll. Natürlich ist es hilfreich, wenn Gremien eine Empfehlung herausgeben und damit das Thema sensibilisiert wird. Aber zu glauben, dass wir das eigentliche Problem dahinter nur annähernd gelöst bekommen, ist absolut realitätsfern. Schon gar nicht, weil wir ähnliche Diskussionen vor ungefähr 40 Jahren zum Thema ,Fernsehen‘ hatten und wieder 40 Jahre davor wahrscheinlich zum Thema ,Groschenromane‘. Es gibt immer wieder Medienwelten, die als Indikator für mögliche ungünstige Entwicklungen bei Kindern gesehen werden – da ist auch was Wahres dran. 

HSS: Können Sie den Punkt ,realitätsfern‘ etwas verdeutlichen?

Rolf Schmiel: Wenn ein politisches Gremium entscheidet, dass Social Media erst ab 13 Jahren erlaubt ist: Wie soll verhindert werden, dass ein 12-Jähriger trotzdem auf Instagram surft? Oder ein 10-Jähriger auf TikTok? Was passiert mit dem Kind, das sich die Inhalte trotz des Verbots anguckt? Wie viel Aufwand kann für eine Kontrollfunktion aufgewandt werden? Ist es nicht sinnvoller, diesen Aufwand für sinnvolle pädagogische Maßnahmen zu betreiben?
Ein Beispiel aus dem Internet: Wenn es um Pornografie geht, erscheint die Frage auf der Webseite ,Bist du älter als 18 Jahre oder jünger?‘. Sobald die Person anklickt ,Ich bin älter als 18 Jahre‘ hat sie freien Zugriff auf alles, was dort gezeigt wird. Wenn es eine ähnliche konsequenzenfreie Kontrolle für Social Media gibt, wird sie niemanden davon abhalten, auf der entsprechenden Plattform aktiv zu sein. 
Die Forderungen und Lösungen reichen von pädagogischen Fragen bis hin zu Unterstützung der Eltern: Die Flucht in die sozialen Medien ist nur eine Form von Eskapismus (Anmerkung der Redaktion: Realitäts- oder Wirklichkeitsflucht)

HSS: Wo liegt Ihrer Ansicht nach das Problem? Bei den Eltern? Bei uns als Gesellschaft? Bei den Schulen, bei den Lehrern? Bei den Social-Media-Plattformen selbst? 

Rolf Schmiel: Plattformen haben natürlich eine Verantwortung, weil sie bestimmte Dinge zur Verfügung stellen – und sie nutzen diese Verantwortung nicht. Es ist ein Fakt, dass sie dem Jugendschutz nicht nachkommen. Denn es gibt nach wie vor Inhalte, in denen Kinder gemobbt werden, in denen Hass verbreitet wird oder das Versenden von pornografischen Bildern möglich ist. 
Auf der anderen Seite zeigt sich, dass es in unserer heutigen Gesellschaft kein ausreichendes Interesse gibt, in Bildung und Soziales zu investieren. Gleichzeitig ist in vielen Bereichen auch eine Wohlstandsverwahrlosung der Kinder festzustellen. Das heißt: Eltern, die Doppelverdiener sind, denen es wirtschaftlich gut geht, haben nicht die Kraft und die Zeit, sich um ihre Kinder zu kümmern, sodass sich der Nachwuchs in Social Media hineinflüchtet. 
Es ist ein Dreiklang aus: Das Medium selbst hat Verantwortung, der es nicht gerecht wird, weil es nicht einer staatlichen Struktur unterliegt. Dann eine gesellschaftlich-politische Relevanz mit nicht ausreichendem Fokus auf Bildung und Soziales sowie eine Überforderung der Eltern. Letztere sind teilweise mit ihrem eigenen Leben so überfordert, dass sie nicht für ihre Kinder die Ansprechpartner sind, die sie sein müssten, damit der Nachwuchs psychisch gesund erzogen wird.

HSS: Was raten Sie Eltern, damit ihre Kinder ein gesundes Nutzungsverhalten mit Social Media haben?

Rolf Schmiel: Erstens: Schauen Sie sich Ihr eigenes Verhalten an. Eltern, die ihren Kindern sagen, dass sie das Handy weglegen sollen und dabei ihr eigenes in der Hand haben – das funktioniert nicht. Seien Sie ein Vorbild in dem, was Sie fordern! 
Zweitens: Nutzen Sie weder Social Media noch digitale Endgeräte als Babysitter-Ersatz. Ein Hinweis ist für mich immer, dass Dinge nicht gut laufen, wenn Kinder ungefragt im Restaurant einfach das iPad vor die Nase gesetzt bekommen, damit die Eltern eine ruhige Minute haben. Damit schubsen Eltern ihre Kinder eher in die Social-Media-Falle hinein, als dass sie es verhindern.
Drittens: Nehmen Sie sich Zeit für Ihre Kinder – aber sorgen Sie auch dafür, dass Sie in dieser Zeit selber konzentriert und kraftvoll sind. Kinderbetreuung ist keine Sache, die man nebenbei macht. Unternehmen Sie etwas mit Ihren Kindern, bei denen sowohl die Kinder als auch Sie Spaß daran haben – damit das Leben in der echten Welt, mindestens genauso spannend ist wie im Social-Media-Life.

HSS: Das Papier zeigt auch Positives: Beispielsweise haben Kinder und Jugendliche über Social Media Zugang zu politischer Bildung wie die Inhalte der Seidel-Stiftung, bekommen Inspiration, erweitern ihren Horizont, es gibt mehr soziale Teilhabe für Minderheiten wie LGBTQ+ (Englisch für: lesbisch, schwul, bisexuell, transgeschlechtlich, nicht-heterosexuell, nicht cisgender und + für weitere Identitäten und Orientierungen), Menschen mit Behinderung oder mit diversen kulturellen Hintergründen, und auch Austausch zwischen Gleichaltrigen.

Wie gelingt es künftig, dass die positiven Effekte überwiegen?

Rolf Schmiel: Es ist schön, dass diese positiven Effekte wahrgenommen werden. Zu hoffen, dass sie mehr werden, ist meiner Ansicht nach wieder Wunschdenken. Es liegt daran, wie gut Kinder lernen, bestimmte Medien für sich zu nutzen. Da reicht es nicht, im Politikunterricht drei, vier Schulstunden über soziale Medien gesprochen zu haben, sondern sich regelmäßig mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Vor allem, dass Eltern die Kraft und die Zeit haben, für ihre Kinder da zu sein. Umso mehr Kinder, die jünger als 13 Jahre alt sind, Lust haben, eine gute Zeit mit ihren Eltern zu verbringen, desto besser ist ihr Umgang mit den sozialen Medien. Eine frühe Prägung im Grundschulalter, die Lust aufs analoge Leben macht, ist wichtig. 

HSS: Die Wissenschaftler der Leopoldina schreiben auch von ,suchtartiger Nutzung'. Ab wann würden Sie bei Kindern und Jugendlichen von einem problematischen, sogar krankhaften Verhalten sprechen?

Rolf Schmiel: Das ist hoch individuell, weil es eine sehr große Alters- und Bildungsspanne gibt. Suchtverhalten bei einem 8-Jährigen beginnt anders als bei einem 18-Jährigen. Wenn es regelmäßig Tage bei Kindern gibt, in denen Social Media keine Rolle spielt, ist es noch gesund. Man kann es daran messen: Gibt es Dinge, die den Kindern noch mehr Freude machen, womit sie noch mehr Zeit verbringen als mit Social Media? Dann muss man sich keine Sorgen machen. 
Sobald Social Media auf Platz eins ist – in Qualität und Quantität – beginnt suchtähnliches Verhalten. Das ist wie bei allen nicht-substanzorientierten Süchten gleichermaßen. Sobald mir Online-Zocken wichtiger ist als alles andere, sobald Arbeit nur das Einzige ist, was interessiert oder der Alkohol das Leben bestimmt, und es kein Gegengewicht gibt, das stärker ist, dann ist der Weg in die Sucht gegeben.

HSS: Was müsste sich politisch, pädagogisch oder gesellschaftlich ändern, damit künftige Generationen von Kindern und Jugendlichen gesünder mit sozialen Medien aufwachsen?

Rolf Schmiel: Nehmt die Kinder und ihre Bedürfnisse endlich ernst! Wenn mehr Geld in Bildung und Soziales investiert wird und der Fokus auf Durchschnittsfamilien liegen würde, dann haben spätere Generationen eine Chance. Es muss mehr Lehrer, mehr Sozialarbeiter und mehr Kinder- und Jugendpsychologen geben. Aber solange wir nur darüber reden und dafür keine Ressourcen zur Verfügung stellen, treten wir die Zukunft unserer Kinder mit Füßen. 
Ein Beispiel: Wenn es einem Jugendlichen psychisch nicht gutgeht, bekommt er nur zeitnah schnelle Hilfe, wenn er Selbstmordgedanken äußert. In anderen Fällen warten Familien sechs bis neun Monate, bis ihr Kind psychische Unterstützung in Form einer Therapie bekommt. Solange das die Lebensrealität ist, müssen wir uns nicht wundern, dass Kinder und Jugendliche in die Social-Media-Welt abrutschen und das nachhaltig negative Konsequenzen hat.

Zur Person

Diplom-Psychologe und Bestsellerautor Rolf Schmiel lebt in Köln und hat seinen Abschluss an der Ruhr-Universität Bochum gemacht. Der 52-Jährige tritt als Keynote-Speaker bei internationalen Konferenzen auf, wird für Radio- und TV-Beiträge als Experte befragt und hat einen eigenen Podcast namens „Psychohacks – Leichter durchs Leben“. Im März 2017 präsentierte er mit der Moderatorin Ruth Moschner die vierteilige TV-Sendung „So tickt der Mensch“ auf Sat1.
Des Weiteren ist Schmiel als Autor tätig. Sein aktuelles Sachbuch „Toxic Jobs“ ist 2024 im ZS-Verlag erschienen.

Erfahren Sie mehr zum Thema „Social Media-Altersgrenze bei Kindern und Jugendlichen“ in unserer neuen Ausgabe des „politicus“, der Anfang Dezember erscheint. 

Alle „politicus“-Ausgaben auf einen Blick

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Redakteurin: Anne Wildermann
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