Bei den „Rome-Based Agencies”
Globale Ernährungsunsicherheit fordert internationale Verantwortung
Vor dem Hintergrund des steigenden Hungers in der Welt führte die „AG Sicher” der Hanns-Seidel-Stiftung eine Delegationsreise durch, um die Vereinten Nationen zur globalen Ernährungssituation, Prognosen sowie möglichen Lösungen zu konsultieren. Die drei UN-Organisationen World Food Programm (WFP), Food and Agriculture Organization (FAO) und International Fund for Agricultural Development (IFAD) teilen ihr Wissen untereinander und verfügen über finanzielle und technische Expertise im Bereich der Ernährungssicherheit. Die drei sogenannten „Rome-Based Agencies” mit ihrem Hauptsitz in der italienischen Hauptstadt bieten zudem international angesehene Foren, um politische Fragen in Zusammenhang mit Ernährungssicherheit, Landwirtschaft und Entwicklung zu diskutieren.
Welche Lernerfahrungen haben wir aus den Gesprächen mit den Ernährungsorganisationen der Vereinten Nationen gezogen?
In Rom ließ sich die Delegation der Hanns-Seidel-Stiftung zur weltweiten Situation der Ernährungssicherheit briefen.
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1: Konflikte, Klimawandel und Inflation treiben globale Ernährungsunsicherheit
Das World Food Programm erläutert, dass die gestiegene Ernährungsunsicherheit vor allem auf drei Faktoren zurückzuführen ist: Konflikte, Klimawandel und Inflation. Dabei bleibt die Corona-Pandemie der weltweit stärkste Treiber für gestiegene Nahrungsmittelpreise: Seit Beginn der Pandemie sind in 40 Ländern die Nahrungsmittelpreise um mehr als 50 Prozent gestiegen, in fünf Ländern sogar um mehr als 500 Prozent.
Verstärkt wird die die Nahrungsmittelkrise durch die zunehmende Zahl bewaffneter Konflikte: Ukraine, Sudan und Israel/Palästina sind unter den prominentesten Beispielen für diese Entwicklung. Aber auch Wetterkatastrophen, bedingt durch den Klimawandel, führen maßgeblich zu Vertreibung und dem Verlust von Ackerland. Allein im Jahr 2022 mussten rund 31,8 Millionen Menschen wegen Wetterkatastrophen ihre Heimat verlassen.
In den vergangenen Jahren ist also die Zahl derer, die chronischem Hunger ausgesetzt sind, explosionsartig gestiegen: 783 Millionen Menschen weltweit sind betroffen, Tendenz steigend. Betroffen sind nicht nur Menschen in den ärmsten Regionen der Welt, denn auch Länder mit mittlerem Einkommen, etwa die Türkei, verzeichnen einen Anwuchs derer, die unter Ernährungsunsicherheit leiden.
Der Mittelbedarf für humanitäre Hilfe ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen.
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2: Die Finanzierungslücke für humanitäre Hilfe wird die Situation verschärfen
Neben der steigenden Zahl der Betroffenen steigt auch der Mittelbedarf in der humanitären Hilfe. Gleichzeitig verzeichnen mittlerweile auch wohlhabende Länder höhere Ausgaben, um Nahrungsmittelpreise zu subventionieren oder um negative Auswirkungen von Krieg und Klimawandel im eigenen Land abzufedern. Als Ergebnis stagniert oder verringert sich gar die finanzielle Unterstützung vieler traditioneller Geberländer in der humanitären Hilfe. Durch den wachsenden Bedarf und sinkende Unterstützung entsteht eine klaffende Finanzierungslücke in der humanitären Hilfe.
Die Priorisierung nationaler Interessen ist hier jedoch nur augenscheinlich rational, denn die Konsequenzen fehlender humanitärer Intervention sind grenzübergreifend fatal. Konkret bedeutet das: Können die internationalen Organisationen die humanitären Bedarfe zukünftig schlechter decken und steigt gleichzeitig die Zahl derer, die akuter Nahrungsmittelunsicherheit ausgesetzt sind, dann steuern arme Regionen auf einen Hunger-Kollaps zu. Den betroffenen Menschen bleibt somit meist nur die Flucht. Im Vergleich zu den Jahren 2015/2016, in denen es ja bereits weltweit zu großen Fluchbewegungen gekommen war, sind diesmal bis zu vier mal so viele Menschen von Hunger betroffen.
Gemeinsames Handeln ist gefordert: Die internationale Gemeinschaft muss sich dem Thema Ernährungssicherheit geschlossen und mit Nachdruck stellen.
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3: Es darf keine Müdigkeit entstehen, international Verantwortung zu übernehmen
Die skizzierte Situation lässt deutlich erkennen, welche Entwicklung bevorsteht, sollte sich die internationale Gemeinschaft nicht der Bekämpfung der Ursachen der Ernährungsunsicherheit widmen. Die internationale Gemeinschaft ist deshalb gefordert, zweierlei zu tun: Einerseits müssen ausreichend Gelder für humanitäre Hilfe bereitgestellt werden, um eine Verschlechterung globaler Ernährungssicherheit zu vermeiden. Andererseits darf der politische Wille nicht ermüden, die Ursachen von Ernährungsunsicherheit zu bekämpfen.
Hier sind die geopolitischen Schwergewichte in der Pflicht, dem Klimawandel schneller und effektiver entgegenzuwirken, sowie Kriege und Konflikte zu schlichten bzw. präventiv zu vermitteln. Auch weitere Investitionen in eine Verbesserung der Lebensbedingungen in Entwicklungsländern sind essentiell. Werden diese Bereiche nicht bearbeitet, steigt die Zahl derer, die Hunger leiden, und mittelfristig damit auch die Zahl der Binnenflüchtlinge und international Fliehender.
4: Die Potenziale von Wissen und Technik müssen besser vernetzt werden
Um die Frage der Ernährungssicherheit langfristig und nachhaltig zu bearbeiten, muss bislang ungenutztes Potential besser genutzt werden. Konkrete Wege zeigt das World Food Programm am Beispiel des Münchner Innovation Accelerators auf, der die Bedeutung von Technik und Innovation als Waffe gegen Hunger demonstriert. In zahlreichen Fällen sei die nötige Technik bereits in einem anderen Wirtschaftssektor entwickelt; es fehle lediglich der Wissenstransfer in den Bereich der Landwirtschaft, meint Dominik Heinrich, Director of Innovation des WFP.
Interdisziplinärer Wissenstransfer ist für eine Problemlösung entscheidend. Die stv. Generalsekretärin der CSU und Mitglied der Hanns-Seidel-Stiftung, Tanja Schorer-Dremel, MdL, brachte in Rom die bayerische Perspektive auf das Problem der weltweiten Ernährungsunsicherheit ein.
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Um Innovationssprünge in der Landwirtschaft zu ermöglichen, arbeitet der Accelerator beispielsweise mit großen Tech- und Raumfahrtkonzernen zusammen. Gelingt im Anschluss der Wissens- und Fähigkeitstransfer in die Landwirtschaft, könnten Technik und Innovation schnell exponentielles Wachstum der Produktion möglich machen – auch in Entwicklungsländern. Die bessere Vernetzung von Technik und Wissen beschränkt sich hier nicht auf Anbau und Produktion. Auch sogenannte „Nachernteverluste“, die in Entwicklungsländern bis zu einem Drittel des Ernteertrags ausmachen, können so reduziert werden. Für dieses Ergebnis müssen in der internationalen Zusammenarbeit weiterhin Netzwerke geknüpft und der Wissensaustausch vorangetrieben werden.
Fazit
Der Austausch mit den „Rome-Based Agencies“ hat klar gezeigt, dass politischer Wille zur Ursachenbekämpfung und verbessertes Verständnis der Verlinkung von Kontexten dringend geboten sind, um die prekäre Situation von Ernährungssicherheit zu bearbeiten. Ohne einen Kurswechsel der internationalen Gemeinschaft steuern besonders betroffene Regionen auf einen Hunger-Kollaps zu. Durch den schieren Umfang der global wachsenden Ernährungsunsicherheit stehen wir kurz davor, dass solche regionalen Katastrophen erneut zur globalen Krise anwachsen.
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