Klima und Wasser
Wiedervernässung: Klimaschutz durch Moorbodenschutz
Typisch für das Donaumoos: viele lange, schmale Parzellen.
Silke Franke/HSS
Das (altbayerische) Donaumoos liegt im Dreieck zwischen Ingolstadt, Neuburg a.d. Donau und Pöttmes. Das größte Niedermoor Bayerns wurde vor rund 200 Jahren trockengelegt und urbar gemacht. Seitdem wird das Gebiet maßgeblich landwirtschaftlich genutzt. Angebaut werden z.B. Kartoffeln, Mais, Getreide und Gemüse. Doch gleichzeitig gingen wertvolle Funktionen des Moores verloren, nämlich Hochwasserschutz, Erosionsschutz und Klimaschutz.
Heute leben im Bayerischen Donaumoos 15.000 Menschen. Die typische Siedlungsform ist das sogenannte „Straßendorf“, denn die Hauptstraße zieht sich kilometerlang schnurgerade durch den Ort.
Silke Franke/HSS
Die Folgen des Klimawandels sind unterdessen immer stärker zu spüren, auch Bayern steht unter Klimastress, wie Ministerpräsident Dr. Markus Söder in seiner Regierungserklärung „Klimaland Bayern“ vom 21. Juli 2021 deutlich machte. Maßnahmen der Anpassung, aber auch der Vorbeugung seien dringend geboten.
Und hier rücken die Moore als natürliche CO2-Speicher in den Fokus. „Aber“, erklärt Söder in dem Papier weiter, „das Potenzial, CO2 aus der Atmosphäre zu nehmen und es zu binden, schwindet durch Trockenlegungen“. Als Beispiel führt er das Donaumoos auf. Hier würden jährlich bis zu zwei Zentimeter Moorboden verschwinden, wodurch rund 400.000 Tonnen Treibhausgase freigesetzt würden. Grund genug, ein engagiertes Renaturierungsprogramm aufzulegen.
Hoch- und Niedermoore – Entstehung und Funktionen
Entstehung von Moorflächen
Einst gab es in Norddeutschland und am Alpenrand in Süddeutschland riesige Moorflächen. Sie haben sich größtenteils nach dem Ende der letzten Eiszeit entwickelt (vor 12.000 Jahren). Moore wachsen extrem langsam, etwa nur ein Millimeter pro Jahr. Um eine ein Meter mächtige Schicht zu erhalten, braucht es also etwa 1.000 Jahre.
Moore entstehen da, wo es nass ist. Bei einem Hochmoor kommt das Überangebot an Wasser „von oben“ durch viel Niederschlag, bei einem Niedermoor „von unten“, wie es z.B. in Flussniederungen der Fall ist, bei anstehendem Grundwasser oder durch Verlandung eines Sees.
Moorkultivierung
Mittlerweile sind über 90 Prozent der einstigen Moorflächen in Deutschland sind so verschwunden bzw. „tot“. Sie wurden vor allem im 18. und 19. Jahrhundert in groß angelegten Entwässerungs- und Kultivierungsprojekten zerstört, auch die Not des Zweiten Weltkriegs war ein Treiber dieser Entwicklung. Moore wurden als Ödland angesehen, das für die Bevölkerung „urbar“ gemachten werden sollte. Die Trockenlegung machte den Weg frei für die land- und forstwirtschaftliche Nutzung und die Ansiedlung von Menschen. Auch der Torfabbau war stets eine willkommene Rohstoff- und Einkommensquelle, da sich das Material u.a. als Brennstoff und Einstreu für Viehställe nutzen ließ.
Artenschutz im Moor
Dabei sind Moore, insbesondere Niedermoore, sehr artenreich. Hier kommen spezielle Tier- und Pflanzenarten vor, die sich an diesen extremen Lebensraum angepasst haben. Sie sind entsprechend selten oder sogar vom Aussterben bedroht. Ein Beispiel sind Wiesenbrüter, wie der Große Brachvogel, der Kiebitz oder das Braunkehlchen. Diese brauchen offene, weite Landschaften.
Bedeutung von Mooren für den Klimaschutz
Ein Moor ist im natürlichen Zustand wassergesättigt, es kann bis zu 95 % aus Wasser bestehen. Durch den permanent hohen Wasserstand befindet sich kein Sauerstoff im Boden. Abgestorbene Pflanzenteile werden daher nicht vollständig zersetzt. Die überschüssige Biomasse wird als Torf eingelagert. Der in den Pflanzen enthaltene Kohlenstoff wird somit langfristig gebunden. Daher gelten Moore als natürliche „Kohlenstoffsenken“. Sie speichern sogar mehr Kohlenstoff als jedes andere Ökosystem.
Werden sie jedoch entwässert, kommt der über Jahrtausende im Torf gebundene Kohlenstoff mit Sauerstoff in Berührung und oxidiert. Dabei werden klimaschädliche Treibhausgase freigesetzt. Außerdem sackt der Torfboden zusammen, seine Filter- und Pufferfunktion geht verloren.
Moor als Hochwasserschutz
Moore speichern Wasser. Torf ist extrem quellfähig und die im Moor verbreiteten Moose können Wasser wie Schwämme aufnehmen. Große Niederschlagsmengen werden dadurch abgepuffert. Das Wasser – natürlich gefiltert – wird nach und nach wieder abgegeben. Moore sind daher als natürlicher Hochwasserschutz wichtig.
Mathilde Ahle zeigt einer Exkursionsgruppe am Moosberg die Stelle, an der Ministerpräsident Dr. Söder das Moorschutz-Konzept „verkündete“.
Silke Franke/HSS
Zielvorgabe ist, bis zum Jahr 2040 in Bayern insgesamt 55.000 Hektar Moorböden zu sanieren und wiederzuvernässen. Auch das Donaumoos ist betroffen. Mathilde Ahle ist Bürgermeisterin der Gemeinde Langenmosen und erinnert sich an das für sie denkwürdige Ereignis: Auf der nahe gelegenen Anhöhe Moosberg versammelten sich am 4. Mai 2021 Ministerpräsident Dr. Markus Söder, Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber, Umweltminister Thorsten Glauber sowie der LBV-Vorsitzender Dr. Norbert Schäffer und der damalige BBV-Präsident Walter Heidl für einen Ortstermin. „Alle waren sie da. Es war ein unglaublicher Rummel mit vielen Pressevertretern, aber skeptischen Landwirten. Vom Moosberg aus hat der Ministerpräsident das Konzept für das Donaumoos verkündet“. Demnach stellt der Freistaat Bayern für einen Zehnjahreszeitraum insgesamt 200 Millionen Euro bereit, um 2.000 ha den Klima- und Moorbodenschutz voranzubringen (das Gebiet des Donaumooses umfasst insgesamt etwa 12.000 ha).
Die Ziele sollen im Wesentlichen durch Grundwassermanagement und eine Umstellung der Bewirtschaftung erreicht werden. Realisierbare Wege sollen dabei zusammen mit den Eigentümern, Bürgern und den Kommunen gefunden werden.
Die frühere Kreisbäuerin Ahle findet es „sehr, sehr gut, dass dadurch etwas vorangeht.“ Die Folgen der Starkniederschläge in diesem Jahr hätten deutlich gezeigt, dass etwas getan werden müsse.
Blick vom Moosberg auf das Donaumoos und das Projektgebiet, in dem Wiedervernässung und Nutzungsalternativen erprobt werden.
Silke Franke/HSS
Ein einzigartiges Experiment
‚Wiedervernässung im Donaumoos‘ klingt einfach und doch ist es ein einzigartiges Experiment. So gilt es wasser- und naturschutzrechtliche Genehmigungsverfahren zu berücksichtigen und ökologische wie technische Grundlagen zu klären. So stellt sich die Frage, welche konkreten Flächen und Maßnahmen überhaupt in Frage kommen, um den Grundwasserstand dauerhaft wieder zu erhöhen, so dass eine klimawirksame Wiedervernässung gegeben ist - und das, ohne benachbarte Grundstücke negativ zu beeinflussen.
Für die Flächenauswahl spielen Aspekte, wie hydrologische Abgrenzbarkeit, Torfmächtigkeit, Wasserverfügbarkeit, Nähe zu Siedlungsstrukturen eine Rolle. Geeignete Maßnahmen können z.B. sein: Die Kappung der Drainagen, um ihre Entwässerungsfunktion zu unterbinden, eventuell verstärkt durch Staubauwerke an Gräben, oder die oberflächliche Verrieselung von Wasser in Hanglagen und Senken.
Bei einer Anhebung des Wasserstands sind außerdem meist mehrere Grundstückseigentümer betroffen. Und die müssen alle für das Vorhaben gewonnen werden – und das freiwillig. Denn es gilt der Grundsatz „Freiwilligkeit vor Ordnungsrecht“. Die Zusagen im Eigentumspakt sollen eingehalten werden. Der Freistaat bemüht sich, Grundstücke zu erwerben und Landwirte zum Tausch anzubieten, doch die geeigneten Flächen und Partner zu finden, dauert meist seine Zeit.
Akzeptanz gewinnen
Für ein Vorankommen ist die Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit vor Ort das A und O. Betroffene und mögliche Projektpartner gilt es umfassend zu informieren und zu beraten und ihre Fragen und Bedürfnisse zu berücksichtigen. Der Donaumoos-Zweckverband, ein Zusammenschluss der betroffenen Kommunen, steuert die Vernetzung der Projekte. Ihm zu Seite steht das „Donaumoos-Team“ mit Ansprechpartner der vier Fachverwaltungen, die ihre Kernkompetenzen einbringen (Amt für Ländliche Entwicklung, Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Wasserwirtschaftsverwaltung, Sachgebiet Naturschutz der Regierung von Oberbayern).
„Miteinander reden ist ganz wichtig“, bestätigt Monika Hirl, stellvertretende Abteilungsleiterin im Amt für Ländliche Entwicklung Oberbayern. Ihre Erfahrung: Einige, v.a. jüngere, zeigten sich sogar begeistert von der Vorstellung, etwas Neues auszuprobieren und würden auch eigene Ideen einbringen, so ihre Erfahrung. Doch „wenn nur ein einziger Flächenbesitzer nicht mitzieht, kann das ganze Vorhaben kippen“, so Hirl weiter.
Eine moorverträgliche landwirtschaftliche Nutzung soll weiterhin möglich sein.
Silke Franke/HSS
Innovationen aus dem Moor
Um Landwirten eine Perspektive für eine moorschonende, standortangepasste Bewirtschaftung vorschlagen zu können, werden Nutzungsalternativen erprobt, die sich mit einer Teil- oder Wiedervernässung kombinieren lassen (siehe Projekt „MOORuse“). Hier kommen Paludikulturen ins Spiel, also Pflanzen, die in Mooren wachsen und Nässe gut vertragen, wie z.B. Schilf, Rohrkolben, Rohrglanzgras und Großseggen.
Im Donaumoos wird bereits eifrig getestet: welche Pflanzen eignen sich an dem Standort und wie kann man sie einsetzen? „V.a. Rohrglanzgras und Segge sind für uns sehr interessant“, verrät Michael Hafner, Geschäftsführer des Donaumoos-Zweckverbands: „obwohl die Pflanzen abgeerntet werden, schaffen sie es, den so wertvollen Moorboden stellenweise wiederaufzubauen“. Ein positiver Klimabeitrag! Das Interesse, solche Moorfasern einzusetzen, ist groß. So habe sich bereits ein Automobilzulieferer gemeldet, der nun mit dem Zweckverband an Alternativen für Kunststoffprodukte forscht. Ein weiteres Beispiel ist die Gmunder Papierfabrik, die in „Moor-Postkarten“ bis zu 30 % Rohrglanzgras beigemischt hat. Und in der Bauwirtschaft könnten gepressten Trockenbauplatten zum Einsatz kommen – hier sollen noch bautechnische Tests laufen.
Michael Hafner, Geschäftsführer Donaumoos Zweckverband, zeigt eine Trockenbauplatte.
Silke Franke/HSS
Es geht um mehr: Wie sieht eine lebenswerte, nachhaltige und klimafeste Zukunft aus?
Die Betroffenheit der Landwirte und der Bewohner bei der Umsetzung unterschiedlicher Szenarien zum Moorbodenschutz ist erheblich. Sie leisten einen Beitrag für die Gesellschaft. Die Staatsregierung hat am 27. Juni 2023 daher beschlossen, dass Klimaschutz durch Moorbodenschutz als „weit überwiegendes öffentliches Interesse“ eingestuft wird. „Dadurch können die Kosten von Maßnahmen mit bis zu 100 Prozent finanziert werden.“
Ohnehin geht es um mehr als die 2.000 Hektar wiedervernässten Moorboden, “nämlich um die Transformation und Resilienz einer Region“, so Monika Hirl. Das ganze Instrumentarium der Ländlichen Entwicklung steht dabei zur Verfügung, wie es auch in den zurückliegenden Jahren schon intensiv genutzt wurde. Ob die Maßnahmen zum Hochwasserschutz in der einen Gemeinde, die bereits stark von Sturzfluten getroffen wurde, oder der gemeinschaftlich betriebene Dorfladen in einem anderen Gemeindeteil vom Typ „Straßendorf“, dem eine Ortsmitte mit Treffpunkt für die engagierten Bürger gefehlt hat.
Ein weiteres, aktuelles Beispiel sind zwölf Gemeinden, die eine gemeinsame Entwicklungsstrategie erarbeiten wollen („ILE Donaumoos“). In einem ersten Schritt haben sich die Gemeinden einen Überblick über Chancen und Knackpunkte in verschiedenen Handlungsbereichen verschafft. Derzeit werden nach einem Zufallsprinzip Bürger ausgewählt, die einen möglichst repräsentativen Querschnitt abbilden – ähnlich zur bewährten Methode der „Bürgerräte“. Sie sollen in einem Bürgergremium jeweils ihre Gemeinde vertreten und ihre Sicht einbringen. Denn eine Frage, geht schließlich jeden etwas an: Wie sieht eine lebenswerte, nachhaltige und klimafeste Zukunft im Donaumoos aus?
So zeigt es sich: Aller Anfang ist schwer. Das Donaumoos-Vorhaben braucht Pioniergeist und Zusammenarbeit. Aber es bietet tolle Chancen. Das Engagement vor Ort ist auch ein Einsatz für die Gesellschaft.
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