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Ein Spagat zwischen ehrgeizigen Zielen und Lebensrealitäten
Landräte am Limit

Autorin/Autor: Thomas Karmasin

Aus dem neuen politicus: Die Landrätinnen und Landräte in Bayern stehen unter Druck. Sie haben Verantwortung für funktionierende Krankenhäuser, Schulen, Busse und Straßen – zugleich für den sozialen Zusammenhalt vor Ort. Immer öfter müssen sie Aufgaben erfüllen, für die Geld, Personal und Planungssicherheit fehlen.

Dunkle Wolken am Horizont der Kommunen: Denkmalschutz ist auch eine Aufgabe der Landratsämter, die zugleich Untere Denkmalschutzbehörden sind. Im Bild die für Bruck namensgebende Amperbrücke, ein Baudenkmal nahe der Kirche St. Leonhard in der Kreisstadt Fürstenfeldbruck.

Robert Ruidl; ©; Adobe Stock

 

Artikel aus dem neuen politicus:

 

Zwischen steigenden Erwartungen und schwindenden Ressourcen drohen Landkreise zur Reparaturwerkstatt der Republik zu werden.

Ressourcen für Integration fehlen

Kaum ein Thema zeigt die Zerrissenheit zwischen Anspruch und Wirklichkeit so deutlich wie die Unterbringung Geflüchteter. Auch wenn die Zahlen zurückgegangen sind und die neue Bundesregierung die Migrationswende erfolgreich angestoßen hat: Die Kapazitäten sind erschöpft. Ressourcen für echte Integration fehlen.

“Landräte sind Krisenmanager und Blitzableiter.”

Thomas Karmasin

Auch bei Hochwasser ist das Landratsamt zuständig.

Animaflora PicsStock; ©; Adobe Stock

Vieles ist zu teuer

Knappe Finanzen sind das Leitmotiv der kommunalen Gegenwart. Die Personal- und Sozialausgaben steigen, gleichzeitig bricht die Steuerkraft vieler Gemeinden ein. Vieles ist viel zu teuer. In unseren Landkreisen dreht sich fast alles um die kritische Finanzlage. Im Jahr 2024 sind die kommunalen Ausgaben für Soziales im Vergleich zum Vorjahr mit einem Plus von 1,2 Milliarden Euro (plus 13 Prozent) stärker angestiegen als die kommunalen Steuereinnahmen mit einem Plus von 0,3 Milliarden Euro (plus 1,3 Prozent). Aber wer meint, beim Geld liege die Lösung, der irrt. Bürokratie, Aufgaben und Standards müssen abgebaut werden und das vor allem in der Sozialgesetzgebung.

Die Reform des Bürgergelds ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Investitionen in Schulen, Straßen oder Klimaschutz müssen verschoben werden, weil das Geld für das Nötigste gebraucht wird.

Kreisstraßen sind in der Zuständigkeit der Landratsämter. Der Germeringer Ortsteil Unterpfaffenhofen, der zum Landkreis Fürstenfeldbruck gehört.

unununius; ©HSS; Adobe Stock

Viele Landkreise steuern auf strukturelle Defizite zu. Förderprogramme helfen oft nicht, weil sie Eigenanteile erfordern, die kaum jemand stemmen kann. Es zeigt sich: Die Finanzbeziehungen zwischen Bund, Land und Kommunen müssen neu geordnet werden, sonst droht der Landkreisebene die Handlungsfähigkeit zu entgleiten. 

Ab 2026 gilt der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule. Was als familienpolitischer Fortschritt gedacht ist, wird vor Ort zur Bewährungsprobe. Es fehlen Fachkräfte, Räume, Zeit – und Geld. Die Landräte erleben täglich den Konflikt zwischen gesellschaftlicher Erwartung und kommunaler Realität. Eltern wollen verlässliche Betreuung, Lehrkräfte erwarten Unterstützung, der Staat verweist auf Förderprogramme. Am Ende müssen die Landkreise organisieren, koordinieren und erklären – und das unter enormem Druck.

Der Landkreis Fürstenfeldbruck ist auch einer der Gesellschafter der MVV GmbH, die den öffentlichen Personennahverkehr im Großraum München regelt.

R.S.; ©HSS; Adobe Stock

Zäher Fortschritt

Ob digitale Bürgerdienste, Online-Bauanträge oder vernetzte Schulen – die Digitalisierung der Verwaltung ist überfällig. Doch in der Praxis bleibt der Fortschritt zäh. Jeder Landkreis kämpft mit eigenen IT-Systemen, unterschiedlichen Zuständigkeiten und einem Fachkräftemangel, der Innovationen ausbremst. Förderprojekte helfen punktuell, schaffen aber selten dauerhafte Strukturen. Doch der digitale Staat funktioniert nur, wenn Bund und Land die Landkreise nicht als letztes Glied der Kette, sondern als Partner behandeln.

Ein Spagat, der kaum gelingt

Die Energiewende entscheidet sich nicht in Berlin, sondern in den Regionen. Ob Windrad, Nahwärme oder Solarfeld – die Landkreise sind die Orte, in denen konkrete Projekte entstehen. Doch viele Verfahrensvorschriften sind zu kompliziert, Vorgaben ändern sich ständig, Planer und Fachkräfte fehlen. Gleichzeitig steigt der Erwartungsdruck: Klimaschutz soll gerecht, sichtbar und bezahlbar sein. Landrätinnen und Landräte versuchen, den Ausgleich zu schaffen – zwischen ehrgeizigen Klimazielen und den Lebensrealitäten der Menschen. Es ist ein Spagat, der ohne verlässliche Rahmenbedingungen kaum gelingt.

Naturschutz ist eine der vielen Aufgaben der Landratsämter.

Abba; ©HSS; Adobe Stock

Asyl, Finanzen, Betreuung, Digitalisierung, Energie – jede dieser Aufgaben wäre schon Herausforderung genug. Die Landrätinnen und Landräte stehen zwischen Verantwortung und Überforderung, zwischen dem Wunsch zu gestalten und der Notwendigkeit zu improvisieren.

Sie sind Krisenmanager, Vermittler, Brückenbauer – und Blitzableiter für Entscheidungen, die anderswo getroffen werden. Trotzdem halten sie den Laden am Laufen. Ohne sie und ihre Verwaltungen würde in vielen Regionen nichts mehr funktionieren. Doch das darf keine Selbstverständlichkeit sein. Wer gleichwertige Lebensverhältnisse in ganz Bayern will, muss die Landkreise stärken – finanziell, personell und politisch. Denn sie sind es, die dafür sorgen, dass der Staat dort spürbar bleibt, wo er am meisten gebraucht wird: vor Ort, bei den Menschen.

Kontakt

Landrat von Fürstenfeldbruck und Präsident des Bayerischen Landkreistags: Thomas Karmasin
Extern
Landrat von Fürstenfeldbruck und Präsident des Bayerischen Landkreistags