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75 Jahre später: Kann Schumans Vision Europas Wirtschaft noch inspirieren?
"Unvollendet, aber wegweisend"

Autorin/Autor: Angela Ostlender

Vor 75 Jahren legte Robert Schuman den Grundstein für die Europäische Union. Seine Vision eines vereinten Europas, das auf wirtschaftlicher Zusammenarbeit als Mittel zur Sicherung eines dauerhaften Friedens aufbaut, hat sich seitdem zu einem der ehrgeizigsten politischen und wirtschaftlichen Projekte der Welt entwickelt.

Schumans Idee, geboren aus den Trümmern des Krieges, bestach durch ihre Einfachheit und ihren Ehrgeiz: dauerhaften Frieden durch wirtschaftliche Interdependenz zu sichern und gemeinsame Industrien unter supranationale Kontrolle zu stellen, um Krieg nicht nur undenkbar, sondern auch materiell unmöglich zu machen. Heute, 75 Jahre später, steht Europa vor tiefgreifenden Fragen über seine zukünftige Ausrichtung und seine Anpassung an eine zunehmend komplexe geopolitische Realität.

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Eine Union unter Druck: Schumans Erbe neu bewerten

Die EU muss große wirtschaftliche und strategische Herausforderungen meistern: Handelsspannungen mit den Vereinigten Staaten, dringende Forderungen nach höheren Verteidigungsausgaben und die wirtschaftlichen Folgen des ökologischen Wandels. Diese Belastungen geben Anlass zu einer zeitgemäßen Reflexion darüber, ob Schumans Prinzipien der Einheit, Solidarität und Vertiefung der Zusammenarbeit noch einen gangbaren Weg in die Zukunft bieten.

Auf einer Konferenz zum 75. Jahrestag der Schuman-Erklärung, die gemeinsam vom Brüsseler Büro der Hanns-Seidel-Stiftung, der Association Parlementaire Européenne (APE) und der SME-Union der Europäischen Volkspartei (EVP) organisiert wurde, trafen sich Mitglieder des Europäischen Parlaments, Politikexperten sowie Vertreter von Institutionen und Zivilgesellschaft in Straßburg, um die anhaltende Relevanz von Schumans Vision zu erörtern. Die Diskussion wurde von APE- Geschäftsführer Matteo Angeli moderiert.

Kooperation durch Institutionen

Zu den Rednern gehörte der Europaabgeordnete der Südtiroler Volkspartei (SVP), Herbert Dorfmann, Mitglied des Ausschusses für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung und des Unterausschusses für Steuerfragen und Präsident der APE. Dorfmann erinnerte daran, dass das multilaterale System unter Druck steht – nicht nur im Handel oder der Sicherheit, sondern auch im institutionellen Gefüge der globalen Ordnung. Schumans Methode, die konkrete Zusammenarbeit und gemeinsame Regeln setzt, sei daher aktueller denn je.

Wie Jean-Dominique Giuliani, Präsident der Robert-Schuman-Stiftung, betonte, war Schumans Ansatz nicht nur idealistisch, sondern zutiefst pragmatisch: Kooperation durch konkrete Projekte – die sogenannte „Solidarität der Tatsachen“ – war der Kern seiner Methode. Diese Prinzipien bilden bis heute das Fundament des Binnenmarkts, der europäischen Rechtsgemeinschaft und des institutionellen Zusammenhalts.

Doch diese Errungenschaften sind keine Selbstläufer. Giuliani mahnte, dass es politischen Willen und gemeinsames Engagement braucht, um die europäische Idee am Leben zu erhalten und weiterzuentwickeln. In einer Zeit, in der die globale Ordnungspolitik unter Druck stehe und der Multilateralismus zunehmend in Frage gestellt werde, müsse sich die EU nicht nur prinzipiell, sondern auch politisch erneut zu diesem Erbe bekennen.

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Wirtschaftliche Zusammenarbeit statt Protektionismus

Mit Blick auf die wirtschaftliche Dimension, warnte der rumänische Europaabgeordnete Iuliu Winkler, stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für internationalen Handel und erster Vizepräsident von SME Europe, vor zunehmendem Protektionismus, insbesondere angesichts der US-Handelspolitik unter Donald Trump. Damit die EU angesichts globaler Schocks widerstandsfähig bleibe, müsse sie ihren Binnenmarkt vollenden und sich als verlässliche, regelbasierte Wirtschaftsmacht etablieren.

Die französische Europaabgeordnete und APE-Vizepräsidentin Fabienne Keller, Mitglied des Parlamentspräsidiums und der Quästoren, des Haushaltsausschusses sowie des Ausschusses für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres, betonte die bisher maßvolle Reaktion der EU auf die amerikanischen Zölle: strategisch zurückhaltend, aber entschlossen in der Verteidigung europäischer Interessen. Gleichzeitig plädierte sie für einen soliden Arbeitnehmerschutz, fairen Wettbewerb und langfristige Investitionen in die europäische Industrie. Resilienz bedeute nicht nur die Sicherung von Märkten, sondern auch die Stärkung der Menschen.

Auch das Thema Landwirtschaft kam zur Sprache: Winkler verteidigte das in einigen Mitgliedstaaten umstrittene EU-Mercosur-Abkommen mit konkreten Zahlen, welche die Vorteile für europäische Landwirte deutlich machten, und plädierte für offene, aber selbstbestimmte Handelspolitik mit klaren Standards und Schutzmechanismen.

Verteidigung als neue Dimension der Integration

Für den Europaabgeordneten Markus Ferber (CSU), Koordinator der EVP-Fraktion im Ausschuss für Wirtschaft und Währung, Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung und Vizepräsident der APE, liegt die Relevanz von Schumans Vermächtnis in der institutionellen Logik: Zusammenarbeit braucht Strukturen. Der Einbezug Deutschlands als gleichberechtigter Partner nach dem Zweiten Weltkrieg sei bis heute Vorbild für europäische Gleichberechtigung – unabhängig von Größe, Wirtschaftskraft oder Beitrittsdatum.

„Wenn wir Frieden wollen, müssen wir in der Lage sein, uns zu verteidigen – und das geht nur gemeinsam.“  (Markus Ferber, MdEP)

Vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs warb Ferber für ein neues sicherheitspolitisches Paradigma: Europas Verteidigung müsse europäisch gedacht und organisiert werden – nach dem Vorbild der Montanunion. Gemeinsame Forschung, Rüstungsbeschaffung und industrielle Koordination sollen Effizienz, technologische Souveränität und militärische Handlungsfähigkeit sichern.

Dabei forderte Ferber, auch neutrale Staaten wie Österreich über den EU-Haushalt solidarisch einzubinden und betonte: „Wenn wir Frieden wollen, müssen wir in der Lage sein, uns zu verteidigen – und das geht nur gemeinsam.“ Das Prinzip der „gleichen Rechte und Pflichten“ – unabhängig von Größe, Wirtschaftskraft oder Beitrittsdatum müsse auch heute der Leitgedanke europäischer Integration bleiben.

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Die Frage der Finanzierung

Mit einem Haushalt, der derzeit knapp ein Prozent des BIP der EU ausmacht, besteht ein eklatantes Missverhältnis zwischen den Ambitionen der EU und den ihr zur Verfügung stehenden Ressourcen.

Markus Ferber und weitere Redner forderten neue Eigenmittel, wie beispielsweise EU-weite Abgaben, um die Abhängigkeit von nationalen Beiträgen zu verringern und die langfristige finanzielle Nachhaltigkeit zu gewährleisten. Auch die gemeinsame Kreditaufnahme wurde diskutiert, wobei der Schwerpunkt klar auf strategischen, zukunftsorientierten Investitionen lag. Die CDU/CSU lehnt eine EU-Verschuldung grundsätzlich ab. Die Teilnehmer betonten außerdem kritische Defizite in der europäischen Infrastruktur, wie beispielsweise im Militärtransport und im grenzüberschreitenden Schienenverkehr, als potenzielle Schwachstellen in künftigen Konfliktszenarien.

Europäische Identität und gesellschaftlicher Zusammenhalt

Neben wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Fragen wurde auch das kulturelle und soziale Fundament Europas thematisiert. 

Fabienne Keller erinnerte an Schumans Ziel, nicht nur Märkte, sondern auch Menschen zu vereinen. Programme für Bildung, Kultur und gesellschaftliche Teilhabe seien unverzichtbar für Vertrauen und Zusammenhalt: von Erasmus-Austauschprogrammen bis hin zu Infrastrukturprojekten wie dem symbolträchtigen Bahnhof Gustave Eiffel in Budapest.

Fazit: Schumans Vision - unvollendet, aber wegweisend

Die Konferenz machte deutlich, dass Schumans Vision kein historisches Relikt ist, sondern ein strategischer Bauplan für die Zukunft – aktueller denn je. Ihre Grundlogik von wirtschaftlicher Interdependenz, geteilter Souveränität und starken Institutionen bleibt auch im 21. Jahrhundert Europas beste Antwort auf Fragmentierung, Populismus und globale Rivalitäten.

Die EU kann nur souverän, resilient und handlungsfähig bleiben, wenn sie ihre institutionellen Grundlagen stärkt und ihre Ambitionen gemeinsam finanziert und gestaltet – offen, aber nicht naiv, ehrgeizig, aber verantwortungsbewusst, souverän, aber solidarisch. Kurz: Sie muss erneuert werden, um den heutigen Realitäten gerecht zu werden.

Schumans Vision ist also nicht überholt, sie ist unvollendet. Robert Schuman gab Europa eine Methode, keine fertige Lösung. Die EU steht nun vor der Aufgabe, diese Methode weiterzudenken.

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Programm Managerin: Angela Ostlender
Europäischer Dialog
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