Print logo
Zur Hauptnavigation springen Zum Hauptinhalt springen

C-Level-Gespräch
Mobilitätsindustrie: systemrelevant und zukunftsfest

Autorin/Autor: Dr. Claudia Schlembach
, Antonia Disselkamp

Als Schlüsselindustrie ist sie eine tragende Säule der Wirtschaft. Mit ihren Produkten, vor allem dem Auto, schafft sie die Voraussetzung für individuelle Mobilität und damit auch für Freiheit und wirtschaftliche Entwicklung.

Doch wie zukunftsfest ist dieser zentrale Standortfaktor in Zeiten globaler Umbrüche und kann die Branche ihre Potentiale aktivieren und den vielfältigen Herausforderungen gerecht werden? 

Das war das Thema des Online-C-Level-Gesprächs der Hanns-Seidel-Stiftung am 5. Dezember 2025. Unter der Moderation von Prof. Dr. Diane Robers diskutierten unser Vorsitzender Markus Ferber, MdEP, der Vorstandsvorsitzende der Knorr-Bremse AG, Marc Llistosella und Prof. Dr. Allister Loder von der TU München. In dem Gespräch ging es nicht nur um Risiken, sondern um einen echten Aufbruch. 

Prof. Loder bezeichnet das Auto als „Erreichbarkeits-Generator“. Es ist ein zentrales Instrument, das individuelle Mobilität, Zugang zu Chancen und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht – und damit Freiheit und wirtschaftliche Entwicklung unterstützt.

Prof. Loder bezeichnet das Auto als „Erreichbarkeits-Generator“. Es ist ein zentrales Instrument, das individuelle Mobilität, Zugang zu Chancen und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht – und damit Freiheit und wirtschaftliche Entwicklung unterstützt.

Photocreo Bednarek/AdobeStock

Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit

Der erste Schritt zu neuer Stärke ist in Sicht der Experten eine Analyse, die mit Mythen aufräumt. Llistosella lieferte einen harten Realitätscheck: Der Niedergang der Textilindustrie müsse Warnung genug sein, da auch die Automobilindustrie bereits 240.000 Arbeitsplätze verloren habe. Überraschend war sein Befund zu den Kosten: Nicht die viel diskutierten Energiepreise seien der Haupttreiber. Tatsächlich machen diese bei Knorr-Bremse nur etwa 1,8 Prozent aus. Stattdessen seien es Lohnkosten und Bürokratie. Dass Europa dennoch auf einer starken Basis steht, ordnete Prof. Dr. Allister Loder ein: Deutschland ist im Kern ein „hochproduktives Fertigungsland“. Die Prozesse sind exzellent, die Substanz ist da – es fehlt nicht am Können, sondern an den richtigen Weichenstellungen für Investitionen.

Rahmenbedingungen für Pioniere: Technologie vor Dokumentation

Um den europäischen Pioniergeist wiederzubeleben, braucht es, auch da bestand Einigkeit, weniger Verwaltung und mehr Mut. Markus Ferber brachte das europäische Dilemma mit dem wohl stärksten Bild des Abends auf den Punkt: „Die Amerikaner sind nicht mit Aktenordnern auf den Mond geflogen, sondern mit Technologie.“ Er kritisierte scharf, dass der „Green Deal“ Unternehmen oft in die Dokumentation zwingt, statt Innovation zu fördern. Ferber plädierte für echte Technologieoffenheit und nannte folgendes Beispiel: „Es darf nicht sein, dass Windkraftanlagen abgeregelt werden, anstatt sie pragmatisch für die Wasserstoffproduktion zu nutzen, nur weil regulatorische Details im Weg stehen. Die Industrie benötigt Verlässlichkeit statt eines ständigen Wechsels der Strategien – nur so werden Investitionen am Standort wieder attraktiv.“

Strategien für die Zukunft verbinden

Beim Blick nach vorn empfahl Prof. Dr. Allister Loder, kleinteilige Denkweisen aufzugeben. Statt Fördergelder nach dem „Gießkannenprinzip“ zu verteilen, forderte er einen „Apollo-Moment“: Innovationszentren müssen geschaffen werden, die technologische Durchbrüche erzwingen. Als leuchtendes Vorbild nannten sowohl er als auch Llistosella den Standort München, wo das Zusammenwirken der TU München mit der UnternehmerTUM eine „Global City“ geschaffen hat, die Talente und Kapital international anzieht. Ferber weitete diese Perspektive: „Wettbewerbsfähigkeit beweist sich auf den Weltmärkten. Deshalb sind neue Handelsabkommen, etwa mit Indien oder Indonesien, der Schlüssel, um die deutsche Exportstärke auch künftig zu sichern.“

Der Faktor Mensch: Bildung und Mindset

Zukunft wird von Menschen gestaltet: Hier sehen die Experten den größten Hebel. Llistosella betonte die Rolle der Mathematik: Sie sei keine bloße Naturwissenschaft, sondern die „Sprache der digitalen Welt“; wer sie nicht beherrsche, könne Algorithmen nicht verstehen. Loder knüpfte an und monierte, dass die Universitäten zunehmend Lücken schließen müssen, um die Studierenden fit für diese Aufgaben zu machen. 

Neben dem reinen Wissen forderte die Runde auch einen kulturellen Wandel. Während in China 40 Prozent der Absolventen führen und gestalten wollen, ist dieser Wille hierzulande gering ausgeprägt. Es gilt daher, eine Kultur des „Fail Fast“ zu etablieren – den Mut, Dinge auszuprobieren und Fehler als Lernchance zu begreifen. Ferber komplettierte dieses Anforderungsprofil: In einer vernetzten Welt entscheidet neben technischer Exzellenz vor allem interkulturelle Kompetenz über den Erfolg.

Fazit: Substanz nutzen, Zöpfe abschneiden

Das Resümee der Runde ist ein motivierender Appell an das „unternehmerische Denken und Handeln“, wie es Moderatorin Prof. Dr. Diane Robers formulierte. Es herrscht kein Mangel an Potenzial, sondern an Umsetzungswillen. Die Experten waren sich einig, dass Deutschland über das Wissen und die Infrastruktur verfügt, um systemrelevant zu bleiben. Doch um diese Stärke auf die Straße zu bringen, braucht es den von Ferber geforderten Mut, „alte Zöpfe abzuschneiden“. Wenn Pragmatismus über Ideologie gestellt wird und wir uns technologisch entfesseln, bleibt Europa nicht nur wettbewerbsfähig, sondern globaler Taktgeber der Mobilität.

Aufzeichnung des Gesprächs

Kontakt

Leiterin: Dr. Claudia Schlembach
Wirtschaft und Finanzen
Leiterin
Telefon: 
Fax: 
Werkstudentin: Antonia Disselkamp
Wirtschaft und Finanzen
Werkstudentin