Starke Frauen – Starkes Handwerk
Pelz mit Pepp
Constanze Saam gehört mit ihrem Beruf zu den letzten ihrer Art. Als Kürschnermeisterin betreibt sie ein fast ausgestorbenes Handwerk: Sie verarbeitet Pelze zu Kleidung.
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HSS: Frau Saam, Sie sind selbstständige Kürschnermeisterin und die letzte ihrer Art in München. Da es deutschlandweit keinen einzigen Auszubildenden in diesem Beruf derzeit gibt, wird das vermutlich so bleiben. Was hat Sie dazu gebracht, Kürschnerin zu werden?
Constanze Saam: Mein Vater führte ein Pelzgeschäft und 1978 habe ich dort meine Lehre begonnen – das lag mir sozusagen im Blut. Zehn Jahre später besuchte ich die Meisterklasse; 1988 war das letzte Jahr, in dem es in München eine Meisterklasse für Kürschner gab. Das ist traurig, denn als Kürschner kann man wunderbar kreativ arbeiten. Das gibt es heute nur noch selten. Vor allem, wenn man sich selbstständig macht, wie ich es getan habe. Mir war schon immer wichtig, dass ich mein eigener Chef bin. Und mir war es ebenso wichtig, dass ich umweltbewusst und nachhaltig arbeiten kann.
Was meinen Sie mit nachhaltig?
Echte Pelze, ob als Mantel, Jacke oder Mütze, werden oft über Generationen weitergegeben. Sie haben eine sehr lange Lebensdauer, weil sie ein hochwertiges Naturmaterial sind. Natürlich kann man sie auch verändern oder neugestalten. Ein alter Mantel lässt sich etwa zu einer modernen Jacke umarbeiten. Genau das ist meine Aufgabe als Kürschnerin. Das Umarbeiten von Erbstücken ist mein Hauptgeschäft. Auf diese Weise wird ein Pelz zu einem echten Familienstück, etwas, das nicht nach fünfmaligem Tragen in einem überfüllten Altkleidercontainer landet, sondern das man wertschätzt und pflegt. Das ist für mich echte Nachhaltigkeit. Leider ist dieses Verständnis von Nachhaltigkeit in den Köpfen vieler Menschen noch nicht angekommen.
Constanze Saams Vater führte ein Pelzgeschäft, 1978 hat sie dort ihre Lehre als Kürschnerin begonnen. Heute führt sie ihr eigenes Geschäft.
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Letztlich war es eben ein Tier, das in diesem Pelz steckte. Die Kampagnen der Tierschutzorganisationen sind unübersehbar, viele würden sich mit Pelz nicht mehr nach draußen trauen. Verstehen Sie das?
Es ist schade und auch wenig durchdacht, dass Pelz so abwertend betrachtet wird. Das hat viele Gründe. Greenpeace hat vor Jahren ein Robbenbaby auf ein Plakat gesetzt und klargemacht, dass das Tier für Kleidung stirbt. Das ist völliger Nonsens, da die Robbenbabys ein Übergangsfell haben, was sie vor Kälte schützt, bis sie genug Fettreserven haben, um ins Wasser zu können. Dann fällt das Flaumhaar aus und sie bekommen das typische Robbenfell. Seehund wurde sowohl in der Pelz- wie in der Schuhindustrie verarbeitet. Es ist heute geschützt und für die Pelzverarbeitung irrelevant. Nerz dagegen wird noch verwendet – ich persönlich trage keinen. Aber es gibt Farmen, in denen diese Tiere nach höchstem Standard gehalten werden und nicht wie dargestellt in jämmerlich engen Käfigen. Saga in Skandinavien, auch nordamerikanische Farmen sind beispielsweise sehr vorbildlich. Das sieht man dem Fell auch an. Nur ein Tier, dem es gut ging, hat auch ein schönes Fell.
Aber trotzdem bleibt das ungute Gefühl, dass ein Tier für meine Jacke sterben muss . . .
Richtig. Für viele Dinge in unserem Alltag müssen Tiere sterben. Wenn ich Felle aus der Pelztierzucht verarbeiten soll, dann kommen für mich, wie gesagt, nur Felle aus kontrollierter Zucht in Frage. Für mich ist die richtige Alternative unser Label Weprefur. Das bedeutet: Weprefur verarbeitet ausschließlich Felle, die aus der Hegejagd oder der Schädlingsbekämpfung in Europa stammen – und die auch hier, also regional, weiterverarbeitet werden. Da wir den Lebensraum der Tiere in unseren Wäldern immer mehr einschränken, müssen im Jahr allein ca. 400.000 Füchse gejagt werden. Dazu kommen Waschbär, Nutria und Bisam, um das ökologische und biologische Gleichgewicht zu erhalten und invasive Gruppen zu beschränken. Von diesen gejagten Tieren werden höchstens 10% im Pelzhandel genutzt. Der Rest wird vergraben oder verbrannt. Und da frage ich zurück: Ist das wirklich nachhaltig?
Pelz ist kein Statussymbol mehr, die Nachfrage ist gering . . .
Ja, das stimmt, heute gelten andere Dinge als Statussymbole - etwa das neueste Handy oder die Fernreise. Doch auf den Anschein von Pelz wollen viele dennoch nicht verzichten und kaufen Fake-fur-Produkte, meist aus China. Das kann ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen.Andererseits sieht man jetzt im Winter viele Lammfelljacken. Das ist gesellschaftlich akzeptiert, da das Fleisch gegessen wird. Übrigens gilt das Gleiche auch für Kanin.
Sie planen den Ruhestand. Wenn in München eine junge Frau die Fuchsjacke ihrer Oma umarbeiten lassen will, ist niemand mehr da, der das kann. Da geht Handwerkskunst verloren. Was kann man tun?
Das stimmt leider. Deshalb stehe ich - auch in meiner Funktion als Obermeisterin der Kürschner-Innung - in Kontakt mit den Schneidern. Es wäre für beide Gewerke ein großer Gewinn, gemeinsame Berufsschulklassen zu haben. Vielleicht ergibt sich daraus irgendwann die Möglichkeit für eine gemeinsame Ausbildung. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Wir werden sehen, was sich entwickelt - langweilig wird mir jedenfalls nicht.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Saam.
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