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Förderpreis für junge Liedermacher - Beitrag von "Schall Magazin"
Mit Witz und Schmäh

Ein wichtiger Ansatz unseres Magazins ist, die Förderung junger Künstler mit zu unterstützen und deren weiteren Werdegang redaktionell zu begleiten. Unter anderen tun wir dies als langjähriges Mitglied in der unabhängigen Jury des von der Hanns-Seidel-Stiftung initiierten „Förderpreises für junge Liedermacher“.

Es gibt in der Unterhaltungsbranche unseres Landes viele renommierte Wettbewerbe, Preise, Auszeichnungen, doch hier geht es neben dem Preisgeld und der Ehre darum, sein Können auch vor einem großem Publikum unter Beweis zu stellen. Eingebettet in das traditionelle Festival „Lieder auf Banz“, das jährlich 9.000 Zuschauer anlockt, bietet dieser Preis jungen Talenten ein großes Podium und ebnete
erfolgreich die Wege für viele Karrieren: Rosenstolz, Caroline No, Bodo Wartke, Viva Voce, Roger Stein, Alex Diehl, Marcel Brell, Herbstbrüder, AMI Warning und Miss Allie heißen bisherige Preisträger.

Prof. Hans-Peter Niedermeier, verantwortlicher Koordinator der Hanns-Seidel-Stiftung, der seit vielen Jahren mit sehr viel persönlichem Engagement, Herzblut und Erfahrung wesentlich zur Reputation dieses Preises beiträgt, sagt zu dem kulturellen Engagement der Seidel-Stiftung: „Neben dem umfangreichen Bildungsauftrag, den wir ausführen, ist in unserer Satzung auch die Kulturpflege festgeschrieben. Anliegen
der Hanns-Seidel-Stiftung ist es, mit dem 1987 ins Leben gerufenen Nachwuchsförderpreis junge begabte Künstler darin zu bestärken, einen individuellen musikalischen Weg abseits vom Schlager- und Pop-Mainstream zu wagen und musikalische Besonderheiten im deutschen Sprachraum zu pflegen und den Künstlern ein Forum zu bieten. Den Preis sehen wir als Qualitätsmerkmal im Bereich der deutschsprachigen Liedermacherszene.“

Über 5.000 Bewerbungen wurden seit Bestehen des Preises eingesandt, in diesem Jahr  allein waren es knapp 150. Christin Henkel, Lennart Schilgen und Belle Fin heißen die Gewinner von 2019 und sie dürfen sich neben dem Preisgeld auch über den Auftritt neben etablierten Künstlern wie Wolfgang Niedecken, Süden II, Wolfgang Ambros, Hannes Ringelstetter, Dieter „Maschine“ Birr, Julia Neigel und vielen anderen freuen. SCHALL stellt die drei Preisträger vor.

Preisträgerin Christin Henkel mit ihrer "Band ohne Haare", Juri Kannheise, der sie auf dem Cello begleitet.

Preisträgerin Christin Henkel mit ihrer "Band ohne Haare", Juri Kannheise, der sie auf dem Cello begleitet.

Thomas König; Schall Magazin

CHRISTIN HENKEL

Den lateinischen Begriff, der ein alle gesellschaftliche Schichten betreffendes Phänomen beschreibt und der der Namensgeber des aktuellen Albums einer jungen, talentierten Musikerin und Sängerin ist, dürften die meisten gut kennen: „Prokrastination“, das unnötige Vertagen von Aufgaben, deren Fertigstellung später nur unter enormem Druck zustande kommt. Christin Henkel heißt diese Künstlerin, die seit
einigen Jahren am Klavier als Liedermacherin mit ihrer engelsgleichen Erscheinung, aber tiefschwarzem Humor quer durch unser Land tourt, um dabei die Quintessenz ihrer subtilen Alltagsbeobachtungen zum Besten zu geben.Einigen ist sie sicher bekannt als gern gesehener Gast vieler TV-Comedyformate von Nuhr, Nightwash bis Ladies Night. Und da Christinweiß, dass wir typischen Deutschen für alles
Neue irgendwie eine Schublade brauchen, benannte sie ihren eigenwilligen Genremix aus Klavierspiel, Kabarett und Chanson „Kla-Ka-Son“ – klavierkabarettistischer Chanson. Der Weg ihrer jungen Karriere führte sie zuerst von Meiningen nach Weimar, dort wurde sie klassisch am Musikgymnasium ausgebildet. Nach dem Abi ab nach Berlin. Motto: Mal gucken, was dort so geht. Aber für Christin ging dort nichts, noch nicht. Sie zog es weiter nach. Ein wichtiger Ansatz unseres Magazins ist, die Förderung junger Künstler mit zu unterstützen und deren weiteren Werdegang redaktionell zu begleiten. Unter anderen tun wir dies als langjähriges Mitglied in der unabhängigen Jury des von der Hanns-Seidel-Stiftung initiierten „Förderpreises für junge Liedermacher“.

Es gibt in der Unterhaltungsbranche unseres Landes viele renommierte Wettbewerbe, Preise, Auszeichnungen, doch hier geht es neben dem Preisgeld und der Ehre darum, sein Können auch vor einem großem Publikum unter Beweis zu stellen. Eingebettet in das traditionelle Festival „Lieder auf Banz“, das jährlich 9.000 Zuschauer anlockt, bietet dieser Preis jungen Talenten ein großes Podium und ebnete erfolgreich die Wege für viele Karrieren: Rosenstolz, Caroline No, Bodo Wartke, Viva Voce, Roger Stein, Alex Diehl, Marcel Brell, Herbstbrüder, AMI Warning und Miss Allie heißen bisherige Preisträger. München, wo an der Hochschule für Musik und Theater der lang und heiß ersehnte Platz Studiengang Filmkomposition auf sie wartete, den sie auch erfolgreich abschloss. Doch wie kommt man vom klassischen Film- und Kammermusikschreiben zum Klavierkabarett?
„Das war wohl ein ,Unfall‘. Ein Freund fragte mich vor einigen Jahren, ob ich Lust hätte, im Münchner Vereinsheim mal zwei, drei Lieder zu spielen. Ich hatte schon immer, auch während des Studiums, Lieder geschrieben, aber nur für Freunde zum Geburtstag oder so. An dem Abend merkte ich, dass das irgendwie ankommt. Und so ergab eins das andere“, erzählt Christin. „Ich bekam immer so viele Ideen durch die Alltagsbeobachtungen innerhalb meines Freundeskreises, die Themen für Songs gingen da nicht aus und es wurde nie langweilig“, ergänzt sie. „Ab 2015/16 habe ich das dann ausschließlich gemacht, bin auf Tour gegangen.“ Ob sich denn ihr Freundeskreis in ihren Liedern wiedererkennt, wollte ich wissen. Sie „verfremdet schon vieles“, aber enge Freude dürfen schon vorher bei den Texten mal drüberlesen. Wenn man sich Songs wie „#Hashtag“ , „Liebe mit 30“, „Erwachsen“, „Räuber Plautzenhotz“ oder „Birte“ anhört, findet man diese nicht nur brüllend komisch real, sondern sich (auch außerhalb besagten Freundeskreises) ganz bestimmt selbst wieder.

Welchen Song sie am liebsten mag? Spontan antwortetet sie „,Elternzeit‘ – da weiß ich, sehr selbst reflektierend, als Mama von zwei kleinen Kindern, was abgeht!“ Mit Bossa-Nova-mäßiger, melodiöser Leichtigkeit nimmt Christin Henkel selbstironisch, scharfsinnig, witzig ihre Generation unter die Lupe. Aber Achtung! Denn mit ihren Texten – und hier zitiere ich sehr gern, weil passender kann man es nicht ausdrücken, die Abendzeitung München – haut Christin Henkel dem Zuhörer „auf die Fresse. Ganz sanft“. Neben ihren Chansonprogrammen, filmmusikalischen Kammermusik- und Orchesterwerken, schrieb sie auch noch ihr 2017 erschienenes Buch „Juhu berühmt! Ach nee, doch nich’“ mit sehr viel Selbstironie über die Unwegsamkeiten ihres eigenen künstlerischen Weges. Nicht unerwähnt sein darf das Ausnahmetalent Juri Kannheiser, auch bekannt als die Band ohne Haare, der sie auf CD und live mit dem Cello begleitet.

Belle Fin bestehen nicht nur aus den Frontmännern Fabian Bachleitner und Robin Ullmann. Bei größeren Konzerten wird das eigentliche Quartett, Fabian Bachleitner, Robin Ullmann, Peter Engel (Kontrabass) und Matthias Ihrybauer (Ziehharmonika), noch von Julian Berann (Drums) und Paul Male (Gitarre) unterstützt.

Belle Fin bestehen nicht nur aus den Frontmännern Fabian Bachleitner und Robin Ullmann. Bei größeren Konzerten wird das eigentliche Quartett, Fabian Bachleitner, Robin Ullmann, Peter Engel (Kontrabass) und Matthias Ihrybauer (Ziehharmonika), noch von Julian Berann (Drums) und Paul Male (Gitarre) unterstützt.

Thomas König; Schall Magazin

Belle Fin

„Fremde soll man küssen“, okay, zugegeben, das ist gerade heutzutage eine etwas ungewöhnliche Herangehensweise zur ersten Kontaktaufnahme. Aber sie erregt Aufmerksamkeit. Erstes Ziel erreicht. Hinter diesem Satz steckt Belle Fin, eine junge österreichische Band, die geprägt von unterschiedlichen musikalischen Einflüssen aus Pop, Chanson, Jazz und Blues sich dem wienerisch gefärbten Liedgut verschrieben hat und sich diesem eigenen Angaben zufolge, „mit einer ordentlichen Portion Groove, Dreck und einem bübischen Grinsen“ nähert. Belle Fin bestehen aus langjährigen Freunden. Die zwei Frontmänner Robin Ullmann (Trompete und Gesang) und Fabian Bachleitner (Gesang und Gitarre) – beide ausgebildete Instrumental- und Gesangspädagogen – singen bereits seit zwölf Jahren miteinander und haben bis heute einen unverdrossenen Spaß an dem, was sie machen. „Vor knapp sechs Jahren haben wir uns entschlossen, Belle Fin zu gründen.

Wir wollten das Wienerische mit anderen, uns nahe stehenden Musikstilen kombinieren. Es geht um das Erzählen von Geschichten in Mundart, die zwar zwangsläufig Wien-bezogen sind, aber in der Ausführung sicher nicht so klassisch wie es die Wienerlied- Begriffserklärung vorgibt. Aber auch andere Einflüsse können wir nicht verneinen. Durch das Jazzstudium zeichnen sich natürlich sehr viele andere Referenzen ab. Auch Alternative war als Genre sehr wichtig für uns“, erklärt Robin. Und Fabian ergänzt: „Wir haben uns davor in diversen Partien und Formationen ausprobiert. Im Sommer 2013 habe ich dann ein paar Demos aufgenommen, die unter anderem spätere Belle-Fin-Nummern skizziert haben.“ Die Frage, wieso sie sich einen französisch klingenden Namen zugelegt haben, beantwortet Fabian: „Meine Mutter heißt Belfin. Aber nicht wie unser ,schönes Ende‘ geschrieben, sondern kurdisch, mit nur einem L und ohne E am Ende. Der Name war also immer da und plötzlich passend.“

„Die französische Variante war uns auch deswegen sehr willkommen, weil Chansons unseren Nummern recht nahe stehen“, ergänzt Robin. Eine naheliegende Frage ist, woher die Begeisterung für die von ihnen perfekt kultivierte Wiener Mundart stammt. Fabian: „In meiner Familie fragen sich alle, wo ich das Wienerische aufgeschnappt habe. Meine Eltern sprechen Hochdeutsch und eigentlich ist es mir selbst ein Rätsel, warum und wie ich mir das angewöhnt habe. Es gibt Videos von mir, in denen ich als Sechsjähriger mit meinem Vater Taxifahrer gespielt habe und im tiefsten Dialekt anfange zu schimpfen, wie ich es heute gar nicht mehr könnte. Das ist sehr merkwürdig.“ „Mit mir haben zu Hause auch alle Hochdeutsch gesprochen“, fügt Ullmann ein. „Es sei denn, ich war schlimm. Wenn meine Eltern böse auf mich waren, dann haben sie nur noch im Dialekt mit mir gesprochen. Insofern kenne und schätze ich beides. Wichtig ist bei den Texten das Sprachgefühl. Das richtige Abschätzen, welcher Wortklang gesungen besser funktioniert. Wienerisch ist so nett und so lieb und lässt sich gut zum Negieren verwenden.“

Belle Fin bestehen aber nicht nur aus Fabian und Robin. Bei größeren Konzerten wird das eigentliche Quartett, Fabian Bachleitner, Robin Ullmann, Peter Engel (Kontrabass) und Matthias Ihrybauer (Ziehharmonika), noch von Julian Berann (Drums) und Paul Male (Gitarre) unterstützt. Und man kann sicher sein, dass sich die familiäre Stimmung innerhalb der Band unweigerlich auf das Publikum übertragen wird. Egal, ob vor 200 Leuten in Theatern und Konzertsälen oder vor 20 Personen im Gasthaus, getreu ihrem Bandmotto: „Wir wollen, dass die Leute eine Reise mit uns durchleben und dabei viel lachen und Freude haben.“

Lennart Schilgen spielt mal auf dem Klavier, mal auf der Gitarre seinen "Wahnsinn zum Wohlfühlen" und erzählt "Geschichten, wie sie das Leben gerne geschrieben hätte".

Lennart Schilgen spielt mal auf dem Klavier, mal auf der Gitarre seinen "Wahnsinn zum Wohlfühlen" und erzählt "Geschichten, wie sie das Leben gerne geschrieben hätte".

Thomas König; Schall Magazin

Lennart Schilgen

Es könnte momentan nicht besser laufen für Lennart Schilgen, denn wer sein Programm „Engelszungenbrecher“ nennt, hat wohl was mitzuteilen – und das wird auch belohnt. Bei dem 31-jährigen Berliner Liedermacher und Musikkabarettisten hagelt es für seinen sehr hintersinnigen und humorvollen Sprachwitz zur Zeit Preise über Preise: 1. Platz des „Stuttgarter Besen“ (2018), Jurypreis beim „Prix Pantheon“ (2019) – nun der „Förderpreis für junge Liedermacher“. Ja, so ist das im Leben – einmal den Kopf schief gelegt, schon sieht die Welt ganz anders aus. Und Lennart Schilgen findet Blickwinkel, aus denen das vermeintlich Feststehende auf einmal wackelig erscheint. Und bringt es dann in seinen Liedern zum Kippen: vom Tragischen ins Komische, vom Schönen ins Schräge. Oder auch mal umgekehrt. Mit Wortwitz und Ironie singt er über innere und äußere Schweinehunde, Black- Metal-Bands, die Liebe und alle anderen, die sich nicht wehren können. Die gute Nachricht ist: Man will sich gar nicht wehren. Sondern lieber verhalten mitsingen – schließlich sind die Melodien so herrlich eingängig.

Gelegentlich ist Mitsingen sogar erlaubt. Es scheitert aber oft daran, dass es dann textlich anders weitergeht als vermutet, denn mit verwegenen Reimen und Zeilensprüngen dreht Lennart Schilgen sich selbst das Wort im Munde um, wird vom Draufgänger zum Dran-vorbei- Schleicher oder vom halben Hemd zum Hooligan. Dazu spielt er abwechselnd Klavier und Gitarre, versiert und vielseitig, mal zart, mal rabiat – aber stets im Sinne der Texte, vorgetragen mit grundsolider Heiterkeit und bisweilen bedenklichem Mienenspiel. Auch als subtiler Wahnsinn zum Wohlfühlen bezeichnet. Oder, um es mit dem letzten Satz seines Pressetextes zu sagen: Geschichten, wie sie das Leben gerne geschrieben hätte. „Verklärungsbedarf “ heißt sein neuestes Programm, das Ende Mai Premiere haben wird. Was können wir erwarten? „Nun, zunächst mal Lieder und Gedichte, wie bisher. Wie der Titel schon andeutet, wird natürlich verklärt, was das Zeug hält. Genug unschöne Wahrheiten gibt es dafür ja. Zum Ausgleich gedenke ich aber auch, die eine oder andere geläufige Verklärung zu entlarven (in einem Kabarett- Pressetext würde wohl das Wort ,schonungslos‘ fallen), vor allem bei mir selbst. Da kenn’ ich mich nun mal am besten aus. Aber auch über den Rest der Welt stelle ich gewisse Vermutungen an, mitunter sogar philosophischer Natur. Reif und weise bin ich nämlich geworden. Es darf trotzdem gelacht werden. Nebenbei erörtere ich die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen mir und Peter Fox“, erklärt Lennart.

Autor: Thomas König, Schall Magazin

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