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Bis zu 20% weniger Wirtschaftsleistung prognostiziert
Kann Griechenland das stemmen?

Die Corona-Pandemie droht in Griechenland die Erfolge der letzten Jahre zunichte zu machen. Obwohl die Maßnahmen der Regierung wirken, von einer Lockerung ist das Land noch Wochen oder Monate entfernt. Die Kirchen etwa bleiben auch über das orthodoxe Osterfest Ende des Monats hinaus geschlossen.

Am Freitag, 03. April 2020, verzeichnet Griechenland 1.514 registrierte Corona-Infizierte. Bisher sind 53 Personen wegen des Coronavirus gestorben (Hellenic National Public Health Organization EODY). In sieben Städten und Gemeinden des Landes besteht eine totale Ausgangssperre. Bisher hat die Regierung in Griechenland mit klarer Kommunikation und frühzeitigen Einschränkungen reagiert. Die „Social Distancing“ Regeln wurden bis Ende April verlängert. Von einigen Ausnahmen abgesehen, halten sich die Menschen an die Auflagen. Auf einzelnen Inseln soll es aber anders aussehen. Die Krankenhäuser sind bisher nicht überlaufen oder gar durch einen Ansturm von Erkrankten überfordert.

Leere Tische vor einem typischen, mit Kalk getünchtem Griechischen Haus.

In den kommenden Monaten werden wohl keine oder kaum Touristen nach Griechenland kommen. Der Sektor ist eine der Haupteinnahmequellen des Landes.

zinchik; ©HSS; IStock

Wirtschaftlicher Einbruch zu erwarten

Das erste Quartal 2020 dürfte aus ökonomischer Perspektive miserable ausfallen. Die Kennzahlen deuten auf einen dramatischen Rückgang der Wirtschaftsleistung im ersten Quartal zwischen dreizehn und mehr als zwanzig (!) Prozent hin (Schätzung des Wirtschaftsforschungsinstituts IOBE in Athen). Dies würde gravierende Folgen für die Staatsverschuldung Griechenlands haben, die bereits bei mehr als 180 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) liegt. Die registrierte Arbeitslosigkeit lag Ende 2019 bei 17.3 Prozent. Ein sprunghafter Anstieg über 25 Prozent für Ende März ist zu erwarten. Die Erholung an der Athener Börse ist abrupt zum Stillstand gekommen. Der Leitindex verlor im ersten Quartal mehr als 39 Prozent an Marktkapitalisierung!

Es mehren sich zudem die Ankündigungen von griechischen Firmen im verarbeitenden Gewerbe, Werkschliessungen einzuleiten. So teilte Sidenor, eine Tochtergesellschaft des Stahlunternehmens Viohalco, mit, dass vom 02. April bis 03. Mai die Produktion eingestellt werde. 80 Prozent der Belegschaft wird entweder freigestellt oder in Teilzeitarbeit ausgelagert.

Kein Tourismus

Für EU Mitgliedsstaaten wie Spanien, Italien und Griechenland ist die bevorstehende Tourismussaison ein zentraler Wirtschaftsfaktor in der Jahresbilanz. Durch die in Europa bestehenden Reisebeschränkungen und Grenzschließungen ist damit zu rechnen, dass Griechenland über mehrere Monate eine entscheidende Einnahmequelle verloren geht. Diese Ausfälle von Hotels, Restaurants, Cafés, Reiseunternehmen, Flughäfen, etc. zu kompensieren wird seitens der Regierung nur schwer zu leisten sein. Da Griechenlands BIP in den kommenden zwei Quartalen entscheidend vom Tourismus abhängt, befürchtet die OECD in Paris einen freien Fall des BIP zwischen April und Dezember 2020 um bis zu 35 Prozent.

Angesichts solcher Entwicklungen finden positive Nachrichten kaum Gehör. So teilte die größte griechische Privatbank (nach der Bilanzsumme) – Piraeus Bank – mit, dass ihr Jahresergebnis für 2019 einen Nettoprofit von 270 Millionen Euro ausweist. Der staatliche Bankenrettungsfond HFSF (Hellenic Financial Stability Fund) hält weiterhin einen Anteil von 26.2 Prozent an der Piraeus Bank. Trotz dieser Entwicklung ist damit zu rechnen, dass die Bilanzen der vier größten griechischen Banken in den kommenden Monaten massiv durch einen erneuten Anstieg der sog. ausfallgefährdeten Kredite (Non-performing loans, NPls) belastet werden.

Europäische Unterstützung für Griechenland

Das von der Europäischen Zentralbank (EZB) aufgelegte Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) in Höhe von mindestens 750 Milliarden Euro hat wichtige Konsequenzen für Griechenland. Erstmals werden auch griechische Staatsanleihen in dieses Aufkaufprogram integriert. Die Zielgröße für Griechenland beträgt etwa 12 Milliarden Euro.

Die Europäische Kommission hat im Anschluss daran ebenso beschlossen, den Wachstums- und Stabilitätspakt der EU befristet auszusetzen. Damit werden EU Mitgliedsländer in die Lage versetzt, Staatshilfen an bestimmte Unternehmen und Wirtschaftssektoren zu genehmigen. Zusätzlich wird die EU ein weiteres Sonderprogram für Griechenland auflegen, welches die besondere Situation von Flüchtlingen im Lande berücksichtigt. Zusätzliche Ausgaben der Athener Regierung im Zusammenhang mit den Herausforderungen der Flüchtlingssituation werden nicht bei der Berechnung des Haushaltsdefizits berücksichtigt.

Zusammen mit acht weiteren EU Mitgliedsländern, die auch alle Mitglieder der Eurozone sind, hat sich der griechische Ministerpräsident K. Mitsotakis Ende März energisch für die Ausgabe von sog. „Corona-Bonds“. Die Debatte darüber wird in Athener Medien zuweilen mit reflexartiger Kritik an der Haltung der Bundesregierung in Berlin geführt. Hier zeigen sich einige Parallelen zur schwierigen Situation im deutsch-griechischen Verhältnis in den Jahren 2012-2016.

Die engen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Athen und Peking sind durch verschiedene Hilfslieferungen abermals praktisch aufgewertet worden. Seit Mitte März landen in regelmäßigen Abständen Cargo-Flugzeuge aus China am Athener Flughafen. Sie bringen tonnenweise medizinische Gesichtsmasken, Schutzkleidung und pharmazeutische Erzeugnisse nach Griechenland. Dabei handelt es sich um eine Mischung aus Sachspenden und Verkäufen unterhalb der Marktpreise. Die Bedeutung dieser chinesischen Hilfsleistungen wird in den griechischen Medien sehr hervorgehoben und zuweilen in Gegensatz gestellt zur kritisierten „mangelnden Solidarität“ anderer EU Mitgliedsstaaten.

Maßnahmen der griechischen Regierung

Als ehemaliges Programmland mit drei international finanzierten makroökonomischen Anpassungsprogrammen hatte Griechenland bis Anfang März 2020 nachhaltige Anzeichen einer Verfestigung der wirtschaftlichen Erholung angezeigt. Die Verzinsung zehnjähriger Staatsanleihen waren unter ein Prozent gefallen. Die registrierte Arbeitslosigkeit hatte sich spürbar und kontinuierlich verringert und der Bankensektor des Landes hatte endlich die sogenannten  „non-performing-loans“ (NPLs, faule Kredite). in den Bilanzen reduziert.

Nun ist alles anders und geprägt von wachsender Unsicherheit in allen Teilen von Wirtschaft und Gesellschaft. Die Regierung unter Premierminister K. Mitsotakis, welche seit Juli 2019 im Amt ist, muss wegen der Covid-19 Pandemie energisch und langfristig gegensteuern. Neue Rettungsprogramme werden fast wöchentlich angekündigt, deren umfangreiche und zeitnahe Umsetzung für Unternehmen und Privathaushalte allerdings entscheidend davon abhängen wird, wie die Verwaltungsbehörden mit den neuen Regeln und Bestimmungen zurechtkommen. Mit anderen Worten, die Kompetenz des griechischen Staatsapparats steht vor einer ernsthaften Bewährungsprobe.

  • Die Kreditversorgung der Realwirtschaft ist weitgehend zum Stillstand gekommen. Insbesondere für Klein- und Mittelbetriebe, welche das Rückgrat der griechischen Ökonomie bilden, sind die Finanzierungsbedingungen für Kredite durch Banken astronomisch gestiegen. Hier hat Finanzminister Christos Staikouras durch verschiedene Interventionen – Verlängerung von Kreditlaufzeiten, zeitlich befristete Aussetzung von Rückzahlungsobligationen – versucht gegenzusteuern.
  • Das erste verabschiedete Rettungspaket konzentriert sich auf die Monate März und April und umfasst 6.8 Milliarden Euro bzw. 3.5 Prozent des BIP. Die Regierung hat darin beschlossen, eine Sonderzahlung von 800 Euro an 1,7 Millionen Beschäftigte des Privatsektors zu leisten. Auf einer eigens neu eingerichteten Plattform können sich die Anspruchsberechtigten registrieren. Es ist allerdings damit zu rechnen, dass weitere Rettungspakete in den folgenden Monaten beschlossen werden müssen.
  • In einigen wirtschaftspolitischen Bereichen sind der Regierung allerdings vorerst die Hände gebunden. Da jedes Land gerade mit sich selbst beschäftigt ist, müssen Privatisierungsprojekte auf Eis gelegt werden. Ebenso musste die Regierung die Platzierung einer weiteren Staatsanleihe verschieben. Verschiedene umfangreiche Investitionsprojekte, etwa die Modernisierung und den Ausbau des Hafens in Piraeus durch das chinesische Unternehmen COSCO , sind vorerst auf Eis gelegt.
  • Fast alle wirtschaftlichen Prognosen und Projekte prognostizieren erst Ende 2020, Anfang 2021 eine langsame Erholung in Griechenland. Unter diesen trüben Aussichten besteht nicht nur die Gefahr eines verlorenen Jahres für Griechenland. Es ist damit zu rechnen, dass internationale Ratingagenturen, die einsetzende Rezession zum Anlass nehmen Griechenland abermals herunterzustufen.

Ausblick:

Just als sich in Wirtschaft und Gesellschaft der Eindruck verfestigt hatte, dass Griechenland einen nachhaltigen Weg aus seiner zehnjährigen Krise gefunden habe, fegt die globale Covid-19 Pandemie all die erbrachten Opfer und umgesetzten Veränderungen hinweg. Zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt und denkbar schlecht vorbereitet, droht Griechenland abermals von vorne anfangen zu müssen. Damit ist Griechenland zwar nicht alleine in Europa, aber ein Sonderfaktor kommt noch erschwerend hinzu, nämlich die Flüchtlings- und Migrationsbewegungen, ausgelöst durch die politische Unberechenbarkeit des Nachbarlandes Türkei.

Die Regierung Mitsotakis hat bisher breite Zustimmung in der Bevölkerung für ihre Kriseninterventionen gefunden. Ihre große Mehrheit im Parlament sorgt dafür, dass notwendige Rettungsprogramme und Gesetzesänderungen zeitnah verabschiedet werden können. Für viele verunsicherte Bürger ist es eine Erleichterung, dass unter den Bedingungen der Covid-19 Pandemie auf Regierungsebene professionell gearbeitet und verständlich kommuniziert wird. Für viele Menschen ist die Vorstellung, eine Syriza-Regierung hätte jetzt die politische Verantwortung, ein Alptraum.

Wie in anderen Regierungen in Europa hat auch in Griechenland die Diskussion über Wege zur Lockerung der wegen des Coronavirus-Ausbruchs geltenden Beschränkungen im Alltag und im Wirtschaftsleben eingesetzt. Dabei geht es vor allem um einen Fahrplan zur Normalisierung, um mehr Transparenz hinsichtlich der verschiedenen Rettungsprogramme und um die Frage, auf welche neuen Regelungen sich Unternehmen sowie Privathaushalte zukünftig einzustellen haben.

Gleichwohl, von einem Ausstieg aus den Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie ist Griechenland noch Wochen oder gar Monate entfernt. Der griechische Regierungssprecher Stelios Petsas hat die Bevölkerung bereits darauf hingewiesen, dass das diesjährige orthodoxe Osterfest (17-20 April) nicht in dem üblichen Rahmen gefeiert werden kann. Der traditionelle Massenexodus aus den Ballungszentren in die Dörfer und auf griechische Inseln wird fast komplett untersagt. Die Kirchen bleiben geschlossen.

Autor: Dr. Jens Bastian, Independent Financial Sector Analyst & Economic Consultant, Athens, Greece & Stuttgart, Germany

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