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Amerika nach dem TV-Duell:
Harter Wahlkampf und offenes Rennen

Autorin/Autor: Christian Forstner

Experten waren sich uneinig, was man vom TV-Duell zwischen Kamala Harris und Donald Trump erwarten sollte. Eine Analyse von unserem Büroleiter in Washington Christian Forstner.

In den so genannten Swing States Georgia, Arizona und Pennsylvania wird entschieden, wer die Wahl gewinnt

In den so genannten Swing States Georgia, Arizona und Pennsylvania wird entschieden, wer die Wahl gewinnt

Copyright: Imago

Nicht viel, da es die Wahlen nicht beeinflusst? „Eine einzige Debatte entscheidet keine Wahl“, so Jackson Janes, Ehrenpräsident des American German Institute. Oder vielmehr sehr viel, da Kamala Harris unter Druck steht und sich zu einigen Themen erklären muss?

Kurz vorher kam eine Umfrage heraus, wonach für die meisten Amerikaner Donald Trump und nicht Kamala Harris in der politischen Mitte steht. Kamala Harris hat den Härtetest bestanden. „Kamala Harris war vorbereitet, Donald Trump war es nicht. Kamala Harris schaltete auf Angriff, Donald Trump musste sich verteidigen. Kamala Harris wirkte konzentriert und fokussiert, Donald Trump sprach über Katzen-essende Flüchtlinge aus Haiti“, meinte Danielle Pletka, eine den Republikanern nahestehende Politikexpertin am American Enterprise Institute. Trump hatte seine stärksten Minuten erst ganz am Ende des Duells, stellte der Washington-Insider Peter Levkin von der Allianz-Versicherungsgruppe fest. In seinem drei-minütigen Schlusswort habe Trump die Fehler der Biden-Administration pointiert zusammengefasst. Hätte Trump diese Linie über 90 Minuten durchgehalten, sähe das Bild anders aus.

Harris als Siegerin des Duells

So gilt Kamala Harris für zwei Drittel der Amerikaner als Siegerin des Duells, nicht nur für Joe Biden unhd Barack Obama, die euphorisch auf X posteten: „Kamala Harris ist die beste Wahl und sie wird eine Präsidentin für alle Amerikaner sein“. In der Tat, - Kamala Harris sprach eloquent und trat selbstbewusst auf, zwang gleich zu Beginn Donald Trump einen Handshake auf, und brachte den Ex-Präsidenten wiederholt in die Defensive. Trump musste sich rechtfertigen - zu den Zuschauerzahlen bei seinen Wahlkampfveranstaltungen, zu angeblich Haustiere essenden Arbeitern aus Haiti in Springfield, Ohio, zu seinen rassistischen Instinkten als Immobilienbesitzer, der Wohnungen nicht an Schwarze vermietet, zu sexuellen Übergriffen, zu Steuerverurteilungen und zum Misstrauen früherer Mitarbeiter seiner Regierung, die heute eindringlich vor einer Rückkehr Trumps ins Weiße Haus warnen.

Punktsieg für Kamala Harris. Sie war stark bei den Themen Abtreibung und Krankenversicherung, bekannte sich zu NATO und den Bündnispartnern, und sie pries ihre eigenen moralischen Werte als Kämpferin für die sozial Schwachen. Doch sie wich unbequemen Fragen aus, vor allem in der Wirtschafts- und Energiepolitik. Trump war für seine Verhältnisse substantiell, er forderte eine harte Linie bei Abschiebungen und Law and Order, warb für Steuerkürzungen und Importzölle, und machte klar, was „America First“ heißt: Wirtschaftspower. Die nationalen Interessen Amerikas liegen in Amerika, nicht in der Ukraine und nicht in Taiwan. Auffallend war Trumps Haltung zum Ukraine-Krieg. Nicht ein Sieg der Ukraine ist das Ziel, sondern ein Ende des Krieges. Europa sollte sich der strategischen Konsequenzen für die Sicherheitsordnung in Europa unter einem nur kurzfristig gebremsten Imperialisten Putin bewusst sein. „Am 5. November“, so Jackson Janes, „geht es auch um die Zukunft der transatlantischen Beziehungen“.

Lagerwahlkampf und Polarisierung

Harris und Trump gingen sich hart an. Trump redete von ihrem Hass auf Amerika und kriminellen Harris-Migranten, während Harris vom Trump-Abtreibungsverbot und vom Straftäter Trump sprach. Klar wurde: Ein versöhnlicher Wahlkampf wird das nicht. Nach dem Attentat auf Trump im Juli bestand kurzzeitig die Hoffnung auf mäßigende Töne. Doch schnell wurde wieder deutlich: Auch 2024 wird ein Lagerwahlkampf. Das polarisierte Amerika lässt anderes nicht zu. Wer besser mobilisiert und seine Wähler zur Urne bringt, gewinnt. 90% der Wähler sind sich bereits sicher, wen sie wählen. Es kommt auf ein paar tausend noch unentschiedene Wähler in den wenigen Swing States an, in Georgia, Arizona und vor allem Pennsylvania. Diese Wählergruppe wird im Häuserwahlkampf vor Ort ins Visier genommen, nicht vor knapp 70 Millionen Zuschauern im Fernsehen. Micro-Targeting nennen das die Wahlkampfmanager. Sie analysieren die Daten von Millionen von Menschen und senden dann individualisierte Botschaften zu Themen, die für die jeweilige Person am wichtigsten sind.

Harris darf sich von ihrem Sieg im TV-Duell nicht täuschen lassen. „Ihr Auftreten war besser als das von Donald Trump“, fasste Paul Ritacco, langjähriger Büroleiter im US-Kongress, den Fernsehabend zusammen. „Gleichwohl hat sie eine Chance verpasst. Sie blieb inhaltlich vage und konnte deswegen keine Wechselwähler zu sich ziehen“. Dass viele Republikaner auf die vermeintlich unfairen und Trump benachteiligenden Moderatoren hinwiesen, spielt Trump in die Hände und verstärkt die Verschwörungstheorien gegen die traditionellen Medien.

Kamala Harris sollte aus den Erfahrungen der Jahre 2016 und 2020 vorgewarnt sein. 2016 schnitt Donald Trump bei den Fernsehduellen gegen Hillary Clinton ebenfalls schlechter ab und gewann am Ende trotzdem. 2020 wurden Trumps Zustimmungswerte beharrlich unterschätzt. Es reichte letztlich nicht zum Sieg, aber es war knapper als gedacht.

Kamala Harris ist die Vizepräsidentin einer wegen Inflation, Migration und internationaler Krisen unpopulären Biden-Regierung. Viele Menschen leiden unter den hohen Preisen. Die wirtschaftliche Lage ist das beherrschende Thema, auch für die Harris-Wähler. Mehrheitlich überwiegt Pessimismus. Für die meisten Leute hat sich die finanzielle Lage im vergangenen Jahr verschlechtert und sie gehen davon aus, dass es in den kommenden zwölfMonaten so bleiben wird.

Kamala Harris holt zwar bei Afroamerikanern, Frauen und jungen Leuten auf. Doch sie liegt immer noch hinter Joe Bidens Ergebnissen von 2020 zurück. Trump versucht jetzt, Harris den Rückenwind aus den Segeln zu nehmen. Er blies ein mögliches weiteres TV-Duell mit Kamala Harris ab und möchte ihr keine weitere große Bühne geben. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner spielen in diesem Präsidentschaftswahlkampf eine immer geringere Rolle.

Instabilität und Chaos

Der Wahlausgang am 5. November ist komplett offen. Und darin liegt eine große Gefahr für Amerikas politische Stabilität. Zwar ist das politische System der USA gefestigt, trotz eines dysfunktionalen Kongresses. Die Bundesstaaten sind bemüht, die Wählerlisten auf einen aktuellen Satnd zu bringen. Doch das Wahlergebnis könnte Instabilität, Chaos und Proteste verursachen. Wenn Trump gewinnt, wird das linksliberale Amerika gegen seine Politik demonstrieren. Die Demokraten, da ist sich Ruy Teixeira, Experte beim American Enterprise Institute und einer der renommiertesten Wahlforscher in Washington, sicher, werden einen Trump-Sieg nicht akzeptieren. Es könne gar nicht sein, beschreibt Ruy Teixeira die Stimmungslage bei den Demokraten, dass wir die Wahlen verlieren werden. 

Und wenn Harris gewinnt, wird sich Trump trotzdem zum Sieger erklären. Die Szenen vom 6. Januar 2021 mit dem Sturm der Trump-Anhänger auf das Kapitol könnten ein Vorgeschmack der politischen Turbulenzen Amerikas gewesen sein.

Statement von Prof. Jackson Janes, Ehrenpräsident des American German Institute:

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Leiter: Christian Forstner
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