Präsidentschaftswahlen in Bolivien
Systemwechsel und neue Identität
Boliviens Bevölkerung erlebt zurzeit eine tiefe Wirtschaftskrise.
©Freddy Barragán/HSS
Die beiden Finalisten für die Stichwahl zum Präsidenten in Bolivien stehen fest: Rodrigo Paz und Ex-Präsident Jorge Quiroga. Am 19. Oktober 2025 wird sich entscheiden, ob Paz, der Mitte-Kandidat, das Rennen macht oder der konservative Quiroga. Amtsantritt des neuen Präsidenten ist der 8. November 2025.
Der amtierende Präsident Luis Arce der linken MAS-Partei („Movimiento al Socialismo“, auf Deutsch: „Bewegung zum Sozialismus“) trat wegen schlechter Umfragewerte und der Wirtschaftskrise im eigenen Land gar nicht erst an. Aber auch die starke politische Polarisierung der Bevölkerung führte dazu, dass es erstmals seit 2002 keinen Sieger mit absoluter Mehrheit in der ersten Runde gibt.
Während die MAS-Partei die schwerste Niederlage nach 20 Jahren erleidet, steht Bolivien vor einem fundamentalen Systemwechsel und einer neuen Identität. Ein Ende des jahrzehntelangen staatszentrierten Sozialismus und Extraktivismus ist in Sicht.
Friedlicher und geordneter Ablauf der Präsidentschaftswahl in der Stadt Cochabamba.
©Diana Durán/HSS
Ende der sozialistischen Ära
Das Ergebnis der gültigen Stimmen: Senator Rodrigo Paz Pereira: 32,1 Prozent, Ex-Präsident Jorge „Tuto“ Quiroga (von 2001 bis 2002 im Amt):26,7 Prozent, der Unternehmer und Multimillionär Samuel Doria Medina: 19,7 Prozent, Linkskandidat Andrónico Rodríguez: 8,5 Prozent, und Manfred Reyes Villa: 6,8 Prozent. Eduardo del Castillo, offizieller Kandidat der MAS-Partei, schaffte gerade noch die Drei-Prozent-Hürde, um im Parlament zu bleiben. Boliviens Ex-Präsident Evo Morales (von 2006 bis 2019 im Amt) wurde wegen Amtszeitbeschränkungen in der Verfassung von der Wahl ausgeschlossen und forderte die Bevölkerung auf, ungültige Stimmen abzugeben und holte damit über 19 Prozent.
Im Senat werden die linken Parteien ab dem 8. November 2025 gar nicht mehr vertreten sein, im Abgeordnetenhaus kommen sie auf weniger als zehn Prozent der Sitze.
Bei Bekanntgabe der ersten Hochrechnung am 17. August, gegen 20.30 Uhr Ortszeit, staunte die Bevölkerung nicht schlecht über das Ergebnis von Rodrigo Paz. Der Sohn des Ex-Präsidenten Jaime Paz Zamora (von 1989 bis 1993 im Amt) war in keiner Umfrage bisher auf einen zweistelligen Wert gekommen. Die deutsche und internationale Presse erwähnte Paz nicht mal. Seine Wahlkampagne fokussierte sich auf den ländlichen Raum – die ehemalige Hochburg der MAS-Regierung. Offensichtlich ist es nicht gelungen, diese Gegenden in Umfragen angemessen abzubilden. Die Arbeit der Wahlforscher in Bolivien wird unter anderem dadurch erschwert, dass das Land, nur ein Zwanzigstel der Bevölkerungsdichte von Deutschland aufweist, aber dreimal so groß ist und eine schlechte Infrastruktur hat.
Der drittplatzierte Doria Medina hat bereits seine Unterstützung für Paz ausgesprochen, dieser gilt damit als Favorit in der Stichwahl im Herbst.
Eine Frau gibt ihre Stimme in der Landeshauptstadt Cochabamba ab. Es ist die viergrößte Stadt Boliviens, gelegen in der Mitte des Landes.
©Diana Durán/HSS
„Es lebe Bolivien! Es lebe die Demokratie!“
Nachdem es noch im Juni 2025 zu mehreren Todesfällen bei Protesten für die Rehabilitierung des langjährigen Ex-Präsidenten Evo Morales gekommen war, nahmen die Konflikte in den Wochen vor der Wahl überraschend ab. Wahlbeobachter aus mehr als 45 Ländern, sowohl aus der Europäischen Union als auch von der – „Organisation Amerikanischer Staaten“ – (OAS), wurden zugelassen. Sie meldeten nur geringe Zwischenfälle.
Trotz der deutlichen Niederlage der MAS-Partei rief Noch-Präsident Luis Arce: „Die Demokratie hat gesiegt! Es lebe Bolivien […] Es lebe unsere Demokratie!“, und sicherte am Wahlabend eine friedliche Machtübergabe zu. Anstelle von vorheriger Hetze, Polarisierung und Schmutzkampagne brachten die Kandidaten nach Bekanntgabe der Ergebnisse ihren Respekt, Dank und Kooperationsangebote an die anderen Parteien zum Ausdruck. Sämtliche Verlierer nahmen ihre Niederlage an.
Wie geht es weiter?
Der Andenstaat befindet sich nach wie vor in der gravierendsten Wirtschaftskrise seit den 1980er-Jahren. Bolivien ist, nach Venezuela, das zweitärmste Land Südamerikas, und leidet unter einer Inflation, die 2025 vermutlich 30 Prozent erreichen wird. Des Weiteren arbeiten mehr als 80 Prozent der Erwerbstätigen im informellen Sektor. Damit sind Gelegenheitsjobs oder kleine Dienstleistungen gemeint – ohne offizielle Arbeitsverträge, ohne Kündigungsschutz und ohne Sozialversicherung. Zwölf Prozent der Bevölkerung lebt mittlerweile in extremer Armut. Aufgrund fehlender ausländischer Devisen gibt es akuten Mangel an Treibstoff, Medikamenten sowie bei bestimmten Lebensmitteln. Bolivien steht laut Ratingagenturen kurz vor dem Staatsbankrott. Politikexperte Franklin Pareja erklärt: „Es sind harte und unpopuläre Maßnahmen notwendig, die nur in Zusammenarbeit der drei größten Parteien gelingen können.“
Bolivien hat sich für eine grundlegende politische Neuausrichtung entschieden. Die Kandidaten Paz und Quiroga werden die bolivianische Wirtschaft öffnen, das Land dezentralisieren und politische Gefangene freilassen. Außenpolitisch wird sich Bolivien zum Westen orientieren. Es können sich dadurch auch neue Chancen für Deutschland und Europa ergeben, auch in Bezug auf seltene Erden wie Neodym und Lanthan. Bolivien verfügt über die weltweit größten Lithiumreserven. Dieses „weiße Gold“ ist bisher kaum erschlossen. Auch für die Entwicklungszusammenarbeit und die Arbeit der politischen Stiftungen ergeben sich neue Freiheiten und Möglichkeiten, diesen Neuanfang zu begleiten und zu unterstützen, um langfristig einen Wertepartner im Herzen Südamerikas zu gewinnen.
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