Im Gespräch mit . . . Natalia Doga
„Seine Werke leben weiter“
Maia Sandu, Präsidentin der Republik Moldau (rechts), im Gespräch mit Natalia Doga, der Witwe des Komponisten Eugen Doga. Maia Sandu hatte das Preisgeld aus dem von der HSS verliehen FJS-Preises an sie für den Erhalt seiner Werke gespendet.
Bild: Präsidialamt der Republik Moldau
Als die Präsidentin der Republik Moldau, Maia Sandu, am 21. Juni 2025 den Franz-Josef-Strauß-Preis der Hanns-Seidel-Stiftung entgegennahm, setzte sie ein Zeichen: Das Preisgeld spendete sie für den Erhalt der Werke von Eugen Doga – einem der bedeutendsten Komponisten ihres Landes, der Anfang Juni im Alter von 88 Jahren verstorben war. Als zentrale Figur prägte er über Jahrzehnte die musikalische Identität eines ganzen Landes, der Region Bessarabien und des gesamten postsowjetischen Raums. Für viele war Doga weit mehr als ein Komponist: Er war ein kultureller Brückenbauer zwischen den Sprachgruppen, ein Meister großer Melodien und ein europäischer Geist.
Hüterin des ideellen Erbes ist die Ehefrau des Komponisten, Natalia Doga. Geboren in Moskau und seit den 1960er-Jahren in Moldau zu Hause, lernte sie die Landessprache Rumänisch und integrierte sich in die moldauische Gesellschaft.
Im Gespräch mit der Hanns-Seidel-Stiftung erzählt sie von der Persönlichkeit des Komponisten, von Momenten großer Inspiration und von der Verantwortung, ein musikalisches Erbe lebendig zu halten. Dabei macht sie deutlich, dass Freiheit und kulturelle Offenheit die besten Voraussetzungen für künstlerisches Schaffen sind und gibt zugleich Zeugnis von der engen kulturellen, sprachlichen und politischen Verbundenheit der Republik Moldau mit Rumänien.
Natalia Doga spricht im HSS-Interview über die Persönlichkeit ihres verstorbenen Mannes, über Freiheit und das Vermächtnis des Komponisten und ihre Aufgabe, ein europäisches Kulturerbe lebendig zu halten.
Bild: Präsidialamt der Republik Moldau
HSS: Frau Natalia, Sie haben Eugen Doga über viele Jahre und in unterschiedlichen Lebens- und Schaffensphasen begleitet. Welche Bedeutung, glauben Sie, wird die Geschichte ihm beimessen?
Natalia Doga: Es fällt mir schwer, über meinen Ehemann in der Vergangenheitsform zu sprechen. Seine Werke leben weiter und berühren Menschen – daher kann ich kaum sagen, dass er ‚war‘. Wir haben viele Jahre miteinander verbracht und ich habe verstanden: Sein Schaffen gelang ihm, weil er ein außergewöhnlicher Mensch war – mit großem Herzen, feinfühliger Seele, großer Liebe zu allem um ihn herum und tiefer Sehnsucht nach seinem Vaterland. Für einen Künstler sind solche Gefühle eine ständige Quelle der Inspiration. Er war ein großer und feinsinniger Mensch – und deshalb auch ein großer und feinsinniger Schöpfer.
Maia Sandu in der Wohnung von Natalia Müller, der Witwe des moldauischen Komponisten Eugen Doda, der im Juni dieses Jahres verstorben ist.
Bild: Präsidialamt der Republik Moldau
HSS: Was bedeutete Eugen Doga als Mensch für seine Mitmenschen? Wie würden Sie seine Persönlichkeit beschreiben?
Natalia Doga: Er tat alles für die Menschen. Sein ganzes Schaffen diente dazu, die Seele zu trösten und Schwierigkeiten leichter zu machen. Deshalb fühlten sich viele zu ihm hingezogen – er wirkte wie ein Magnet. Menschen kamen zu ihm mit Sorgen, Fragen oder Ideen, und er hörte jedem zu und half, so gut er konnte. Nähe war ihm wichtig, nur beim Komponieren suchte er Einsamkeit: Dann brauchte er Stille, um mit sich selbst und der Welt allein zu sein. Aus dieser schöpferischen Einsamkeit entstanden seine Melodien.
Natalia Doga (links) und Maia Sandu betrachten alte Fortos von Eugen Doga.
Bild: Präsidialamt der Republik Moldau
HSS: Was bedeutete Ruhm für ihn?
Natalia Doga: Er war davon nicht beeindruckt. Für ihn zählte allein die Qualität seiner Musik und das, was er am Schreibtisch oder am Klavier erschuf. Ruhm ist eine Prüfung für schwächere Menschen – er war stark genug, sich davon nicht berühren zu lassen. Er wollte den Menschen nahe bleiben, sich nicht von ihnen entfernen. Deshalb blieb er einfach, ehrlich und bescheiden. Und er arbeitete unermüdlich. Wer so viel arbeitet, hat keine Zeit, über Ruhm nachzudenken.
Herzlicher Empfang der moldauischen Präsidentin
Bild: Präsidialamt der Republik Moldau
HSS: Welche Spuren hat er hinterlassen, als er 1937 im heutigen sogenannten „Transnistrien“ geboren wurde – damals Teil der sowjetischen Ukraine, später zur Moldauischen SSR gehörig und heute von einem separatistischen, von Russland unterstützten Regime kontrolliert? Sah er sich als transnistrisch, moldauisch oder rumänisch?
Natalia Doga: Eine Identität wie „transnistrisch“ gibt es nicht. Das ist ein ideologisches Konstrukt zur Rechtfertigung der Abspaltung dieses Gebiets von der Republik Moldau. Er fühlte sich als Rumäne. Gleichzeitig war Transnistrien sein Schmerz: Seine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern stammten von dort. Es war eine große Demütigung, wenn wir dorthin reisten und Pässe sowie Gepäck kontrolliert wurden – eine Erfahrung, unter der er sehr litt. Er konnte nicht verstehen, wie etwas so Unnatürliches und Rechtswidriges über 30 Jahre bestehen konnte.
HSS: Welche Spuren hinterließen die Jahre in Moskau während der Sowjetzeit bei ihm als Mensch und Künstler?
Natalia Doga: Er arbeitete in Moskau meist an Projekten für Theater und Film. Anfangs hatte er weder Wohnung noch Einkommen – er sagte, sie hätten „in den Treppenhäusern gearbeitet“. Moskau bot mehr künstlerische Möglichkeiten als die Moldauische SSR und viele Künstler zogen zeitweise dorthin. Er lebte dort nicht völlig sorgenfrei, doch gerade in dieser Zeit wurde ihm noch klarer, welche Bedeutung Moldau, die Moldauer und die Rumänen für ihn hatten – eine Erkenntnis, die sein Schaffen auch fern der Heimat prägte.
HSS: Präsidentin Maia Sandu spendete der Familie Doga das Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro aus dem Franz-Josef-Strauß-Preis, der ihr dieses Jahr verliehen wurde. Zudem wurde der Flughafen Chișinău nach Maestro Doga benannt. Glauben Sie, dass diese Gesten geeignet sind, das Andenken „eines der wertvollsten Moldauer“ zu verewigen?
Natalia Doga: Ich hoffe sehr, dass diese Gesten dazu beitragen, sein Andenken zu bewahren. Es ist wichtig, dass die Heimat nun sein Werk und seine Erinnerung aktiv unterstützt. Die Benennung des Flughafens nach ihm war bereits vor seinem Tod geplant. Die Flugzeuge, die von dort starten, tragen seinen Namen in die Welt, ebenso wie seine Musik Menschen weltweit erreicht.
Das von der Präsidentin überreichte Preisgeld der Hanns-Seidel-Stiftung wurde von unserer Familie mit großer Freude und Überraschung angenommen. Er soll für die Digitalisierung seiner Werke verwendet werden. Derzeit stehen wir mit dem Kulturministerium in Gesprächen über ein entsprechendes Projekt. Die Präsidentin bat das Kulturministerium, einen klaren und nachhaltigen Plan zu entwickeln, um das Werk von Eugen Doga zu bewahren und für kommende Generationen zugänglich zu machen.
HSS: Der Preis wurde Präsidentin Sandu für ihr Engagement für Demokratie, Freiheit und den europäischen Weg Moldaus verliehen. In welchem Verhältnis standen diese Werte zu Eugen Doga?
Natalia Doga: Für ihn war entscheidend, unter welchen Bedingungen Musik entsteht und erlebt wird. Freiheit und Demokratie bieten wohl die besten Voraussetzungen, die sich ein Künstler wünschen kann.
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