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Bilanz
25 Jahre nach 9/11: Wie die Anschläge die USA und die Welt bis heute prägen

Autorin/Autor: Dr. habil Bernhard Seliger

25 Jahre nach den Terroranschlägen in New York und Washington, DC vom 11. September 2001 wirken deren Folgen bis heute nach. Von Krieg und Sicherheitspolitik über das Verhältnis zur islamischen Welt bis hin zu Antisemitismus und politischen Spannungen zeigt sich: 9/11 war nicht nur eine historische Zäsur, sondern prägt gesellschaftliche und geopolitische Debatten noch immer.

Lichtinstallation in Form der Twin Towers des World Trade Center anlässlich des 25. Jahrestag der Terroranschläge in New York.

Lichtinstallation in Form der Twin Towers des World Trade Center anlässlich des 25. Jahrestags der Terroranschläge in New York.

UPI Photo/Imago

9/11 als historische Zäsur und politische Konfliktlinie

Wenn sich am 11. September 2026 die Gedenkgemeinden am „Ground Zero“ in New York, am Flight 93 Memorial in Shanksville, Pennsylvania, und am Pentagon in Washington, DC versammeln, um 25 Jahre später an die Terroranschläge vom 11. September 2001 zu erinnern, dann ist das nicht nur das Gedenken an ein furchtbaresEreignis, sondern auch an eine historische Zäsur. Gerade erst haben die USA mit viel Pomp des 250. Unabhängigkeitstags gedacht – das jetzige Jubiläum ist dagegen ein trauriges Jubiläum. Und bis heute auch ein umstrittenes. Am 11. September 2001 tötete die islamistische Terrororganisation al-Qaida unter Osama bin Laden fast 3.000 Menschen in New York, Washington und Pennsylvania. Die Anschläge erschütterten nicht nur die Vereinigten Staaten, sondern veränderten auch die internationale Politik, das Sicherheitsdenken, die Migration und das Verhältnis zwischen westlichen Staaten und der islamisch geprägten Welt. Die Folgen von 9/11 reichen damit bis heute weit über die unmittelbare Terrorismusbekämpfung hinaus. Vor allem das Verhältnis zur islamischen Welt ist bis heute umstritten. Neue Brisanz erhält das Thema durch die enge Verbindung zwischen zunehmend antisemitisch auftretenden muslimischen Gruppen und radikal linken Kräften wie den Democratic Socialists of America (DSA), die innerhalb der Demokratischen Partei Einfluss gewonnen haben. Eine ähnliche Entwicklung lässt sich auch bei Teilen der Linken in Deutschland beobachten, insbesondere in Berlin.Wenn der linke und bei einem Teil der Jugend äußerst populäre „Twitcher“ und politische Kommentator Hasan Doğan Piker, im Internet bekannt als  HasanAbi, im August 2019 auf Twitch gegen Israel hetzte und den Terroranschlag vom 11. September als gerechte Strafe für die Amerikaner bezeichnete, dann konnte man das als Aussage eines Verwirrten, als Randerscheinung abtun. Heute ist das nicht mehr der Fall: Egal ob in New York, wo sich Bürgermeister Zohran Mamdani gerne mit ihm zeigt, oder in Michigan, wo Abdul El-Sayed von der DSA die demokratische Nominierung als Kandidat für den Senat gewann, mit ausdrücklicher Unterstützung Pikers. In vielen Teilen der USA gibt es neben der Trauer über islamistischen Terror auch zunehmend eine radikale Linke, die den Terror ignoriert und ihm – klammheimlich oder öffentlich – sogar applaudiert. 

Sicherheitspolitik nach 9/11: Der „Krieg gegen den Terror”

Dabei war der 11. September 2001 für die Amerikaner zunächst ein tiefer psychologischer Schnitt. Mit dem Ende des Kalten Krieges Anfang der 1990er Jahre war zunächst eine Zeit angebrochen, in der die USA die einzige unangreifbare Weltmacht waren und das „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) gekommen schien. Nun wurde deutlich, dass eine vergleichsweise kleine, nichtstaatliche und relativ lose organisierte Gruppe das amerikanische Staatsgebiet massiv treffen konnte. Zunächst einte das nicht nur alle Amerikaner in ihrer Abscheu vor dem feigen Anschlag, sondern auch viele andere Länder, die die USA im „Kampf gegen den Terror“ (George W. Bush) unterstützten. Die NATO erklärte erstmals in ihrer Geschichte den Bündnisfall nach Artikel 5 des Nordatlantikvertrags. Bereits im Oktober 2001 marschierten US-amerikanische und verbündete Truppen in Afghanistan ein, um al-Qaida zu bekämpfen und die Taliban zu stürzen, die der Organisation Schutz geboten hatten. Doch auch im Inland kam es zu tiefgreifenden Änderungen: Der USA PATRIOT Act erweiterte die Möglichkeiten der Sicherheitsbehörden bei Überwachung und Terrorismusbekämpfung. Außerdem wurde 2003 das Department of Homeland Security (DHS) geschaffen, in dem 22 Behörden zusammengeführt wurden. Flughafenkontrollen, Geheimdienstkooperation und die Überwachung internationaler Finanz- und Kommunikationsströme wurden erheblich ausgeweitet. Eingriffe in die Privatsphäre, die früher undenkbar schienen, wie der regelmäßige Abgleich von Fingerabdrücken, der früher nur vermuteten Kriminellen vorbehalten war, wurden Alltag an Flughäfen. Damit veränderte sich auch das Verhältnis zwischen Sicherheit und Bürgerrechten. Die umfangreichen Überwachungsmaßnahmen sollten Anschläge verhindern, führten aber zu einer bis heute anhaltenden Debatte über Datenschutz, staatliche Kontrolle und die Grenzen geheimdienstlicher Befugnisse. Die USA wurden sicherheitspolitisch stärker, zugleich entstand die Sorge vor einem übermächtigen Sicherheitsstaat.

Afghanistan und Irak: Die langen Kriege nach 9/11

Der Afghanistan-Einsatz, der als relativ begrenzter Gegenschlag gegen al-Qaida und seine Unterstützer, die Taliban geplant war, wurde zum „never ending war“. Aus dem ursprünglichen Militäreinsatz in Afghanistan entwickelte sich ein fast 20-jähriger Krieg und der vergebliche Versuch, Afghanistan politisch und gesellschaftlich neu aufzubauen. 2021 zogen die USA und ihre Verbündeten ab; die Taliban übernahmen erneut die Macht und bauen seitdem sukzessive Bürgerrechte ab.  Die Niederlage in Afghanistan – für die USA in ihrer Tragweite am ehesten mit dem Vietnamkrieg vergleichbar – nahm Donald Trump im Präsidentschaftswahlkampf 2024 zum Anlass, den demokratischen Amtsinhaber Joe Biden scharf anzugreifen. Biden trug die Verantwortung für die konkrete Durchführung des zum Schluss chaotischen Truppenabzugs. Dieser beruhte allerdings auf dem bereits 2020 unter Trump mit den Taliban geschlossenen Doha-Abkommen. Nach dem Zusammenbruch der afghanischen Sicherheitskräfte fielen zudem große Mengen zuvor von den USA bereitgestellten Waffen und Ausrüstung an die Taliban.

 Ebenfalls dramatisch waren die Folgen des Irakkrieg von 2003. Zwar gelang es den USA und ihren Verbündeten zunächst schnell, das Regime Saddam Husseins zu stürzen; der anschließende Krieg trug jedoch zur Destabilisierung des Irak und der gesamten Region bei. Aus dem Machtvakuum und den konfessionellen Konflikten entwickelte sich unter anderem al-Qaida im Irak, aus deren Umfeld später der „Islamische Staat“ (IS) hervorging. Der Krieg beschädigte zudem das internationale Ansehen der USA und zeigte die Grenzen militärischer Macht bei der politischen Neuordnung anderer Staaten. Diese Erfahrung beeinflusste auch das außenpolitische Denken Donald Trumps. Sein transaktionaler Ansatz ist zwar ebenfalls nicht frei von Wiedersprüchen; den Anspruch, andere Gesellschaften nach dem Vorbild der USA umzugestalten – ob von neokonservativer oder liberal-interventionistischer Seite vertreten –, verwirft er jedoch als fehlgeleitetes Wunschdenken.

Iran und die Folgen des „Kriegs gegen den Terror”

Der Krieg der USA gegen den Iran, der jetzt oft als Gegenbeispiel und möglicher neuer „never ending war“ genannt wird, ist letztlich auch eine Folge der früheren unglücklichen Kriege, denn der Aufstieg des Irans war nicht zuletzt eine Folge des Machtvakuums im Mittleren Osten als Folge des Kriegs gegen den Terror. Die Unterstützung, die der Iran terroristischen Organisationen in den Palästinensergebieten, im Libanon und im Jemen zukommen ließ, wurde jahrelang ignoriert. Ob der Kampf gegen den Iran, ein Nachspiel im Kampf gegen den Terror, nicht wiederum zu einem kaum gewinnbaren endlosen Krieg führt, ist noch unklar. Zwar steht es derzeit nicht gut um das iranische Regime und der wirtschaftliche Druck durch die USA beginnt zu wirken – aber innenpolitischer Druck in den USA könnte dazu führen, dass eine konsequente Politik aufgegeben wird für schnelle, aber letztlich faule Kompromisse. Und das liegt nicht zuletzt an den heraufziehenden Wahlen in den USA. 

Islamistischer Terror und seine Folgen in den USA

Die muslimische Bevölkerung in den USA ist seit 2001 deutlich gewachsen und wird heute auf rund vier bis fünf Millionen Menschen geschätzt. Dazu haben Einwanderung, Flucht, Geburten und Konversionen beigetragen. Viele muslimische Einwanderer kamen in die USA, weil sie vor Krieg, politischer Verfolgung oder islamistischen Terrorregimen flohen. Unabhängig von dieser demografischen Entwicklung bleibt die Radikalisierung einzelner Personen eine ernst zu nehmende sicherheitspolitische Herausforderung. Die Anschläge von Orlando 2016, bei dem Omar Mateen 49 Menschen ermordete, und New Orleans 2025, bei dem Shamsud-Din Jabbar 14 Menschen tötete, zeigen die fortdauernde Bedrohung durch islamistisch motivierten Terrorismus. 

Antisemitismus und Proteste an US-Universitäten

Leider haben sich in dieser Zeit die renommierten Universitäten an der West- und Ostküste der USA besonders unrühmlich hervorgetan.  Teile der universitären Protestbewegungen boten Terrorverharmlosern, Geschichtsrevisionisten, Gegnern Israels und des Judentums sowie linksradikalen Kräften eine Plattform. Nach den Terroranschlägen der Hamas vom 7. Oktober 2023 in Israel trat diese Entwicklung besonders deutlich zutage. Sie mündete in wochenlange Campusbesetzungen und offene Anfeindungen und Angriffe gegen jüdische Studierende.

Die neue Regierung unter Donald Trump richtete 2025 als eine der ersten Maßnahmen eine Arbeitsgruppe gegen Antisemitismus an Schulen und Hochschulen ein und führte (sogenannte Title VI)-Ermittlungen gegen fünf Hochschulen, darunter die Columbia Universität, später auch u.a. Harvard und das University-of-California-System (einen Hochschulverbund). Besonderes Aufsehen erregte, dass die Regierung Bundesmittel in Höhe von Hunderten Millionen, teilweise sogar Milliarden US-Dollar einfror oder strich. Die betroffenen Hochschulen sahen darin einen Teil des Vorgehens der konservativen Regierung gegen Diversitätsprogramme und die akademische Freiheit; einige der Maßnahmen wurden zudem gerichtlich angefochten und teilweise für rechtswidrig erklärt. Unabhängig davon ist unbestreitbar, dass wirksame Maßnahmen gegen Antisemitismus – einschließlich seiner islamistischen und linksradikalen Erscheinungsformen – an Hochschulen erforderlich sind.

25 Jahre nach 9/11: Gedenken am Ground Zero

Wenn am 11. September, zum 25. Jahrestag von 9/11, die Gedenkfeier am „Ground Zero“ in New York stattfindet, wird sie wie jedes Jahr vom National September 11 Memorial and Museum organisiert und beginnt mit einer privaten Zeremonie für die Angehörigen der Opfer. Im Mittelpunkt stehen die Verlesung der Namen der Opfer durch Familienangehörige und die Schweigeminuten. Politiker sind dort seit 2012 nicht mehr als Redner zugelassen, da man das Gedenken nicht politisieren will. Erwartet werden jedoch Vizepräsident J.D. Vance und die drei Altpräsidenten Bush, Clinton und Obama. Donald Trump, der dem Vernehmen nach zunächst auch kommen wollte, für den es jedoch auch keine Ausnahme von der Regel gab, dass Politiker dort nicht reden dürfen, wird die Gedenkfeier im Pentagon besuchen. Auch der sozialistische Bürgermeister Zohran Mamdani wird kommen. Wer in den vergangenen Wochen in New York war, konnte dort manchmal ein Flugzeug mit einem riesigen Banner sehen, auf dem stand, „Mamdani, stay away from Ground Zero“ – Bürgermeister Mamdani, bleibe dem Ground Zero fern. Das hängt mit seiner Unterstützung für Hasan Piker und dessen antisemitischen Positionen zusammen. Bürger haben 95.000 Unterschriften gegen seinen Auftritt gesammelt und viele pensionierte Polizisten haben sich gegen sein Kommen ausgesprochen. Das zeigt, dass der Terroranschlag vom 11. September 2001, der eigentlich das Land hätte einigen können, bis heute zu weiterem politischen Streit führt. 

Kontakt

Leiter USA / Kanada: Dr. habil Bernhard Seliger
Leiter USA / Kanada:  Dr. habil Bernhard Seliger
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