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Blackout in Kyjiw
Stromnetz im Visier

Autorin/Autor: Yuriy Honcharenko
, Yurii Mindyuk

Russland nutzt die Wintermonate gezielt als Instrument seiner Kriegsführung, indem es systematisch die Energieinfrastruktur angreift. Ziel sind nicht militärische Geländegewinne, sondern eine Schwächung des zivilen Lebens, der gesellschaftlichen Resilienz und die Erzeugung von politischem Druck durch Kälte und Stromausfälle. Dies verdeutlicht eine breitere Entwicklung moderner Kriege, die zunehmend zivile Infrastruktur ins Visier nehmen und damit auch sicherheitspolitische Folgen für Europa haben.

 

Blick auf Kiew während eines Blackouts Ende Januar 2026

Die russischen Streitkräfte attackieren seit einiger Zeit gezielt Hochspannungsleitungen, Umspannwerke, Transformatoren und thermische Kraftwerke in Kyjiw, um das zivile Leben in der ukrainischen Hauptstadt lahm zu legen und die Bevölkerung zu zermürben.

Abaca Press/Imago

Strategisches Ziel: Untergrabung der zivilen Lebensfähigkeit

Während die Ukraine den vierten Winter der vollständigen Invasion Russlands durchlebt, sind Strom und Heizung zu grundlegenden Voraussetzungen für das Überleben der Zivilbevölkerung geworden und nicht mehr nur öffentliche Dienstleistungen. Die russischen Angriffe auf das ukrainische Energiesystem folgen zunehmend einer klaren strategischen Logik: Es geht nicht in erster Linie darum, taktische militärische Vorteile zu erzielen, sondern die Fähigkeit des Staates zu untergraben, das zivile Leben aufrechtzuerhalten, und damit den politischen Druck auf Kyjiw zu erhöhen.
Die Ergebnisse der Angriffe dürfen nicht fälschlich als zufällige Kriegsschäden verstanden werden. Durch die gezielte Bekämpfung von Hochspannungsleitungen, Umspannwerken, Transformatoren und thermischen Kraftwerken nutzen die russischen Streitkräfte bewusst die systemische Verflechtung der modernen städtischen Infrastruktur aus. 
Störungen der Stromversorgung führen unter winterlichen Bedingungen schnell zu Ausfällen, die sich auf die Wasserversorgung, Fernwärme, Verkehrssysteme, Kommunikationsnetze und medizinische Dienste auswirken und Millionen von Zivilisten einem schweren humanitären Risiko aussetzen.
 

Russland setzt auf Überlastung

Seit Ende 2024 hat Russland sowohl den Umfang als auch die Komplexität seiner Luftangriffe gegen die Ukraine erheblich verstärkt. Bei groß angelegten Angriffen kommen mittlerweile häufig 300 bis 400 Angriffsdrohnen zum Einsatz, kombiniert mit 30 bis 50 Marschflugkörpern und ballistischen Raketen, die in Angriffswellen in einer Nacht abgefeuert werden. 
Gleichzeitig hat sich Russlands Luftangriffskampagne von selektiven Präzisionsschlägen zu einer Sättigungskriegsführung entwickelt. Koordinierte Angriffspakete integrieren Drohnen und Raketen, die aus verschiedenen Richtungen und Höhen abgefeuert werden, um die ukrainischen Luftabwehrsysteme bewusst zu überfordern. Drohnenschwärme werden in erster Linie eingesetzt, um die Abfangkapazitäten zu erschöpfen und Lücken in der Verteidigung aufzudecken. Anschließend zielen hochpräzise Raketen auf kritische Infrastrukturknotenpunkte wie Umspannwerke, Übertragungsknoten und Energieerzeugungsanlagen.
Das operative Ziel hat sich somit von der Zerstörung einzelner Ziele hin zur Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit ganzer Systeme verlagert. Selbst hohe Abfangraten können Schäden nicht vollständig verhindern, wenn Hunderte von Flugkörper gleichzeitig eingesetzt werden, wodurch die Luftabwehr zu einem kontinuierlichen Kampf um Ressourcen und Ausdauer statt zu einer gezielten und punktuellen Krisenreaktion wird.
 

Rechtliche Bewertung nach dem humanitären Völkerrecht

Aus rechtlicher Sicht ist eine sorgfältige Unterscheidung nach wie vor unerlässlich. Während die Einstufung als Völkermord nach internationalem Recht den Nachweis einer konkreten Absicht erfordert und komplexe Prüfkriterien umfasst, fallen systematische Angriffe auf die zivile Infrastruktur, die für das Überleben unverzichtbar ist, eindeutig in den Anwendungsbereich des humanitären Völkerrechts. Der Internationale Strafgerichtshof hat Haftbefehle gegen hochrangige russische Militärführer erlassen, weil sie Angriffe auf zivile Objekte angeordnet und damit potenziell Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben. Zahlreiche internationale Akteure haben ebenfalls wiederholte Angriffe auf den Energiesektor der Ukraine als Kriegsverbrechen bezeichnet, die darauf abzielen, die Zivilbevölkerung zu terrorisieren – darunter der deutsche Botschafter in Kyjiw, Heiko Thoms.
Seit den groß angelegten Stromausfallkampagnen von 2022 hat sich die Vorgehensweise Russlands stark weiterentwickelt. Anstatt sich ausschließlich auf einzelne Anlagen zu konzentrieren, zielen die jüngsten Angriffe zunehmend darauf ab, die Funktionsfähigkeit des Energiesystems als Ganzes lahmzulegen. Koordinierte Drohnen- und Raketenangriffe zielen auf kritische Knotenpunkte des Netzes ab – Umspannwerke, Transformatoren und Übertragungsengpässe –, um zu verhindern, dass Strom die Verbraucher erreicht, selbst wenn die Erzeugungskapazität weiterhin betriebsbereit ist. Nach schweren Angriffen Anfang Februar 2026 zwang ein instabiles Übertragungsnetz zu einer reduzierten Leistung ukrainischer Kernkraftwerke, was die systemische Anfälligkeit unterstreicht.
Die Auswirkungen reichen über die Ukraine hinaus. Die Internationale Atomenergie-Organisation hat wiederholt den direkten Zusammenhang zwischen Netzstabilität und nuklearer Sicherheit betont und Expertenmissionen zu Umspannwerken entsandt, die für die Aufrechterhaltung der externen Stromversorgung von Kernkraftwerken unerlässlich sind. Angriffe auf die Energieinfrastruktur stellen daher nicht nur eine Herausforderung für die nationale Sicherheit der Ukraine dar, sondern sind auch eine Frage der allgemeinen europäischen Sicherheit und des Risikomanagements, da die rumänische und vor allem da moldauische Energienetz betroffen sind.
 

Humanitäre Folgen

Die Auswahl der Ziele und der Zeitpunkt der Angriffe deuten ebenfalls auf eine bewusste langfristige Planung hin. Auf der Grundlage detaillierter Kenntnisse der Infrastruktur aus der Sowjetzeit und der Aufklärung während des Krieges haben die russischen Streitkräfte nacheinander Angriffe in verschiedenen Regionen durchgeführt, die häufig mit Perioden extremer Kälte zusammenfielen. Die kumulative Wirkung ist eine strategische Erschöpfung: Die Reparaturzyklen verlängern sich, die technischen Reserven schwinden und die regionalen Stromflüsse werden zunehmend eingeschränkt.
Die humanitären Folgen zeigen die Wirksamkeit dieser Strategie. In stark zentralisierten städtischen Umgebungen beeinträchtigt der Stromausfall nicht nur den Komfort, sondern auch unmittelbar lebenswichtige Systeme: Wasserversorgung, Abwasserentsorgung, Krankenhäuser, Heizungsnetze und öffentlicher Nahverkehr sind auf eine unterbrechungsfreie Stromversorgung angewiesen. In Zeiten extremer Kälte sind gefährdete Bevölkerungsgruppen aufgrund längerer Stromausfälle auf Notunterkünfte und Anlaufpunkte mit Stromgeneratoren angewiesen. Die Funktionsfähigkeit der Städte und das Wirtschaftsleben werden so extrem beeinträchtigt. Die psychische Erschöpfung der Menschen durch Kälte und Schlafentzug ist immens – die Langzeitfolgen bleiben unklar.
Auf struktureller Ebene sieht sich die Ukraine mit einem anhaltenden Ungleichgewicht zwischen Stromerzeugung und Spitzenverbrauch konfrontiert, das durch Übertragungsverluste aufgrund beschädigter Netze noch verschärft wird. Nur maximal zwei Drittel des Strombedarfs kann landesweit gedeckt werden.
 

Auswirkungen auf den Wiederaufbau und die europäische Sicherheit

Diese Entwicklungen verdeutlichen eine umfassendere strategische Lehre für den Wiederaufbau und die europäische Sicherheitspolitik. Die traditionell zentralisierte Energiearchitektur der Ukraine – gekennzeichnet durch große Erzeugungsanlagen und wichtige Übertragungsknotenpunkte – schafft unter Kriegsbedingungen kritische Single Points of Failure. Der Wiederaufbau der Infrastruktur ausschließlich nach Vorkriegsmodellen birgt die Gefahr, dass diese Schwachstellen reproduziert werden.
Die Energieversorgungssicherheit entwickelt sich daher zu einer zentralen Dimension der nationalen und kontinentalen Sicherheit. Dezentrale Energieerzeugung, lokale Autonomie für kritische Dienstleistungen und eine diversifizierte städtische Infrastruktur werden zunehmend nicht nur als Prioritäten des Wiederaufbaus angesehen, sondern auch als Instrumente zur Abschreckung gegen Infrastrukturkriegsführung. Das strategische Ziel verlagert sich vom Überleben in Notfällen hin dazu, dem Aggressor Russland die Möglichkeit zu nehmen, die winterlichen Bedingungen als Waffe einzusetzen.
Für Europa verdeutlicht die Erfahrung der Ukraine einen umfassenderen Wandel moderner Konflikte. Kriegshandlungen zielen zunehmend auf miteinander verbundene zivile Systeme ab, deren Störung grenzüberschreitende Folgen hat, die sich auf die humanitäre Versorgung, die Energiemärkte und die nukleare Sicherheit auswirken. Die Ukraine ist somit das unmittelbarste Beispiel dafür, wie die Infrastruktur selbst zur Frontlinie des Krieges geworden ist – und warum Resilienz untrennbar mit der kollektiven Sicherheit Europas verbunden ist.
 

Kontakt

Extern
Leiter der InfoLight Research and Analysis Group
Extern
Leiter des Ukrainian Security Club, Offizier der Streitkräfte der Ukraine