Experteninterview
Indiens Außenpolitik zwischen Prinzipien und Pragmatismus
Anlässlich der diesjährigen GIBSA-Konferenz im Oktober in Indien haben wir sie über Indiens Außenpolitik interviewt und insbesondere über den Blick des Landes auf die Vereinten Nationen, deren Gründung sich im Oktober zum 80. Mal gejährt hat.
Die Direktorin des Institute of Peace and Conflict Studies (IPCS), Ruhee Neog, forscht zu nuklearer Strategie, Krisenverhalten und indischer Außenpolitik und ist in mehreren internationalen Sicherheitsgremien aktiv.
Ruhee Neog
HSS: Die Vereinten Nationen feiern ihr 80-jähriges Bestehen, am 24. Oktober war Tag der Vereinten Nationen. Indien setzt sich seit Jahrzehnten innerhalb des UN-Systems für die Interessen der Länder des sogenannten Globalen Südens ein und fordert beständig Reformen.
Uns interessiert: wie blickt Indien heute auf die Vereinten Nationen? Überwiegen Frustration, Optimismus oder Pragmatismus?
Ruhee Neog: Ich denke, Indiens Engagement in den Vereinten Nationen spiegelt die Grundprinzipien der indischen Außenpolitik wider. Die Vereinten Nationen sind für Indien ein wesentlicher, ja grundlegender Pfeiler der internationalen Ordnung sowie von Frieden und Sicherheit weltweit.
Die Prinzipien, die in der UN-Charta verankert sind – wie die Achtung der Souveränität, die Nichteinmischung in innere Angelegenheiten, die Wahrung territorialer Integrität, aber auch eine regelbasierte internationale Ordnung und die Achtung des Völkerrechts – sind auch in den Grundprinzipien der indischen Außenpolitik verankert.
Indien misst den Vereinten Nationen nach wie vor große Bedeutung bei, und auch umgekehrt. Anders als einige Staaten, die deren zentrale Rolle in Frage stellen. Gleichwohl fordert Indien seit langem sehr entschieden eine Reform der UN-Strukturen – eine inklusivere, demokratischere und transparentere Organisation.
Diese Reformforderung hat hohe Priorität, denn wenn die Vereinten Nationen weiterhin das Fundament des internationalen Systems bilden sollen, müssen sie die heutigen globalen Realitäten widerspiegeln. Gerade bei der Repräsentanz des Globalen Südens tun sie das jedoch nicht. Ohne eine solche Reform kann die UN die aktuellen geopolitischen Herausforderungen nicht wirksam adressieren.
Mehr Repräsentation würde nicht nur die Glaubwürdigkeit der UN stärken, sondern auch dazu beitragen, dass die in der Charta verankerten Werte tatsächlich besser eingehalten werden – gerade auch von jenen Mitgliedsstaaten, die heute selbst gegen diese Prinzipien verstoßen.
Indien unterstreicht sein Engagement für die Vereinten Nationen seit jeher durch konkrete Taten – etwa durch seine bedeutende Rolle in UN-Friedensmissionen oder durch sein Bekenntnis zu den Nachhaltigkeitszielen (SDGs).
Um auf die anfangs genannten Begriffe zurückzukommen – ich würde Indiens Haltung vielleicht als „leicht frustrierten Pragmatismus“ bezeichnen.
HSS: Könnten Sie etwas näher erläutern, auf welchen Grundprinzipien Indiens außen- und sicherheitspolitische Strategien beruhen? Gab es hier in letzter Zeit wichtige Entwicklungen? Wie sichert Indien seine Interessen in einer multipolaren Welt?
Ruhee Neog: Diese Frage knüpft direkt an das Vorhergesagte an. Die in der UN-Charta festgeschriebenen Werte – Souveränität, territoriale Integrität, Nichteinmischung – finden sich auch im außenpolitischen Selbstverständnis Indiens wieder und prägen seine Politik seit der Unabhängigkeit.
Ein zentrales Prinzip ist die strategische Autonomie – also das Bestreben, außenpolitische Entscheidungen unabhängig von äußeren Einflüssen und ausschließlich auf Grundlage eigener Interessen, Werte und Sicherheitsbedürfnisse zu treffen.
Früher sprach man in diesem Zusammenhang von Blockfreiheit (Non-Alignment), heute eher von Multi-Alignment. Das bedeutet, dass Indien situationsabhängig und themenbezogen entscheidet, mit wem es zusammenarbeitet – je nachdem, welche Partnerschaft den eigenen außenpolitischen Zielen am besten dient.
So kann Indien in einer Frage eng mit einem Akteur kooperieren und in einer anderen mit einem anderen Staat, wenn dort die Interessen stärker übereinstimmen. Das ist der Kern von Multi-Alignment: die Orientierung an der eigenen Interessenachse.
Indien verfolgt weiterhin das Prinzip der friedlichen Koexistenz, selbst in einer Zeit zunehmender globaler Polarisierung. In bestimmten Fällen versucht es sogar, als Vermittler zwischen antagonistischen Mächten aufzutreten – wie etwa im Kontext von Russland und der Ukraine.
Letztlich dient die Außenpolitik jedoch einem übergeordneten Ziel: dem nationalen Wachstum und der Entwicklung. Multi-Alignment ist dafür entscheidend.
Vielen Dank Frau Neog.
Mehr Information zum Thema
Zum Beitrag über das GIBSA-Projekt von 2023
Erfahren Sie mehr über die Arbeit der Hanns-Seidel-Stiftung in Indien
Zur Website des Projekts in Indien
Kontakt