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Der Südkaukasus im Wandel
Aserbaidschan steigt auf – Russland verliert

Autorin/Autor: Oliver Rolofs

Der Südkaukasus wird zum geopolitischen Prüfstein europäischer Handlungsfähigkeit. Während die USA mit dem Friedensprozess zwischen Aserbaidschan und Armenien und dem TRIPP-Korridor neue Ordnungspolitik betreiben, verliert Russland dort zusehends an Einfluss. Gewinner dieser Entwicklung ist Aserbaidschan – und Europa sollte genau hinschauen, um diesen Wandel aktiv mitzugestalten.

Im Ukrainekrieg belügt sich Russland weiterhin selbst. Nach mehr als drei Jahren hat das Regime in Moskau nichts erreicht – außer massives Leid, Zerstörung und internationale Isolation zu hinterlassen. Doch während der Kreml in der Ukraine feststeckt, musste er an anderer Stelle eine bittere Niederlage einräumen: Das kleine Aserbaidschan hat den russischen Präsidenten in die Knie gezwungen.

Oliver Rolofs ist Gründer und Managing Partner der Münchner Kommunikations- und Strategieberatung COMMVISORY mit einem Fokus auf Public Affairs und strategischer Kommunikationen unter anderem in den Bereichen Geopolitik und Geoökonomie, Sicherheit- und Verteidigung sowie technologischer Souveränität.

Oliver Rolofs ist Gründer und Managing Partner der Münchner Kommunikations- und Strategieberatung COMMVISORY mit einem Fokus auf Public Affairs und strategischer Kommunikationen unter anderem in den Bereichen Geopolitik und Geoökonomie, Sicherheit- und Verteidigung sowie technologischer Souveränität.

©privat

Symbol des Machtverfalls

Als Wladimir Putin sich Mitte Oktober 2025 bei einem Treffen mit Präsident Ilham Alijew in Duschanbe öffentlich für den Abschuss eines aserbaidschanischen Passagierflugzeugs im Dezember 2024 entschuldigte, war das mehr als ein diplomatisches Eingeständnis. Es war ein Symbol des Machtverfalls. Zum ersten Mal seit Jahren übernahm Putin persönliche Verantwortung – und versprach Entschädigungen für die 38 Opfer des Unglücks, das durch eine russische Rakete verursacht worden war.

Für Aserbaidschan war diese Entschuldigung weit mehr als eine Geste. Sie markierte den Moment, in dem Moskau an Einfluss verlor – und Baku selbstbewusst seine neue Rolle definierte. Präsident Alijew nahm Putins Schuldbekenntnis mit demonstrativer Gelassenheit entgegen und entließ im Gegenzug mehrere russische Staatsbürger aus der Haft – ein kalkulierter Akt politischer Souveränität. Der Kreml, der jahrzehntelang den Südkaukasus dominierte, musste sich erstmals einem kleineren Nachbarn unterordnen.

Diese Szene steht sinnbildlich für die tektonische Verschiebung der Machtverhältnisse in der Region. Während Europa gebannt auf Moskau, Peking und den Nahen Osten blickt, hat sich zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer eine geopolitische Zäsur vollzogen, die das strategische Gleichgewicht weit über den Kaukasus hinaus verändert.

Am 8. August 2025 unterzeichneten Armeniens Premierminister Nikol Paschinjan und Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew in Washington eine Rahmenerklärung, die jahrzehntelange Feindschaft in einen dauerhaften Frieden überführen soll. Vermittelt von den USA trägt der neue Transitkorridor, der Aserbaidschan über armenisches Territorium mit seiner Exklave Nachitschewan verbindet, den symbolträchtigen Namen „Trump Route for International Peace and Prosperity“ (TRIPP).

Politische Karte des Südkaukasus

©Ramil; Adobe Stock

Frieden besteht nicht nur auf dem Papier

Eine jüngste Geste zeigt, dass es Aserbaidschan ernst mit dem Friedensprozess meint: Baku hat alle Beschränkungen für den Warentransit nach Armenien aufgehoben – die erste Lieferung war kasachischer Weizen. Ein unscheinbarer, aber bedeutender Schritt: Der Frieden besteht damit nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Praxis.

Der Washingtoner Durchbruch markiert das Ende einer Ära. Jahrzehntelang hatte der Konflikt um Bergkarabach die Region gelähmt. Die OSZE-Minsk-Gruppe verwaltete Stillstand, Russland hielt als vermeintlicher Ordnungsmacht die Zügel in der Hand. Erst Aserbaidschans militärische Offensiven 2020 und 2023 brachten Bewegung in die festgefahrene Lage. Mit der Rückeroberung seiner international anerkannten Gebiete und dem Abzug russischer Truppen 2024 verschwand der Einfluss Moskaus abrupt – ein Wendepunkt, der nun geopolitisch nachwirkt.

Der Korridor TRIPP ist weit mehr als eine Verkehrsachse. Unter armenischer Souveränität, aber mit amerikanischer Entwicklungs- und Investitionshoheit ausgestattet, entsteht eine hochmoderne Infrastruktur, die Energieexporte, Datenleitungen und Handelsrouten verbindet. Für Aserbaidschan bedeutet das strategische Tiefe und territoriale Sicherung; für Armenien wirtschaftliche Öffnung und Investitionen; für die USA einen Hebel, um Einfluss in einer Region zu gewinnen, die lange als russisch-iranischer Hinterhof galt.

Für Aserbaidschan bedeutet diese Entwicklung einen doppelten Erfolg: außenpolitisch den Aufstieg des Landes zu einem selbstbewussten Akteur auf der internationalen Bühne – und innenpolitisch eine Bestätigung seines Kurses der Modernisierung und Öffnung. Das Verhältnis zu Russland hat sich dabei spürbar gewandelt: Spätestens seit dem Flugzeugunglück ist deutlich, dass Baku seine politische und wirtschaftliche Eigenständigkeit entschlossen ausbaut. Statt auf Abhängigkeiten setzt Aserbaidschan nun auf ein Netzwerk ausgewogener Partnerschaften – mit Washington, Brüssel und Kiew ebenso wie mit regionalen Nachbarn.

Präsident Donald Trump (Mitte) empfing den aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyev (links) und den armenischen Premierminister Nikol Pashinyan im, wo die beiden Staatschefs nach Jahrzehnten erbitterter Konflikte und unzähligen Todesopfern eine historische gemeinsame Friedenserklärung unterzeichneten – ein Meilenstein für die internationale Diplomatie.

©ZUMA Press Wire; IMAGO

Teheran sieht sich umzingelt

Symbolträchtig ist das Abkommen zwischen der ukrainischen Naftogaz und der aserbaidschanischen SOCAR über Gaslieferungen via Transbalkan-Route – eine neue Energieachse, die Europas Versorgungssicherheit stärkt und Russland umgeht. Die jüngsten russischen Angriffe auf ein SOCAR-Öldepot in Odessa zeigen, wie nervös der Kreml auf diese Allianz reagiert.

Für Moskau ist die neue Lage ein geopolitischer Albtraum. Jahrzehntelang war der Südkaukasus Teil der russischen Einflusssphäre. Heute verliert der Kreml dort seinen letzten Hebel. Die USA haben mit TRIPP eine strategische Schneise geschlagen, die Energie- und Transportwege dauerhaft an Russland vorbeiführt. Putins Entschuldigung in Duschanbe wird international als Zeichen schwindender Autorität interpretiert.

Auch Teheran sieht sich umzingelt. Der Iran hatte über Armenien bislang Zugang zum Schwarzen Meer. Mit TRIPP droht diese Verbindung zu versiegen. Entsprechend aggressiv reagiert das Regime: Teheran warnt, der Korridor werde zum „Friedhof für Trumps Söldner“. Gleichzeitig intensiviert Israel seine sicherheitspolitische Kooperation mit Baku – ein weiterer Affront für den Mullah-Staat.

Das US-Engagement im Kaukasus ist Teil einer größeren Strategie. Nach der von Donald Trump vermittelten Waffenruhe im Gaza-Konflikt im Oktober 2025 präsentiert sich Washington als Friedensstifter und Machtarchitekt zugleich. Die Botschaft ist klar: Amerika kehrt zurück als Gestalter internationaler Ordnung – mit wirtschaftlichen Anreizen, strategischer Geduld und politischer Präsenz.

TRIPP wird so zum Symbol einer neuen amerikanischen Außenpolitik, die nicht mehr nur reagiert, sondern gestaltet. Während Russland und China ihre Einflusszonen zu halten versuchen, nutzt Washington das geopolitische Vakuum, um Allianzen neu zu ordnen – auch an Europas südöstlicher Flanke.

Und Europa? Noch bleibt der Kontinent Zuschauer. Zwar sind EU-Beobachter in Armenien aktiv, doch Brüssel agiert zögerlich. Paris positioniert sich zwar als Schutzmacht Armeniens, sucht inzwischen aber auch den Dialog mit Baku – ein Versuch, den Einfluss nicht völlig zu verlieren. Berlin hingegen hält sich bisher zurück – und riskiert, in einem Raum, der für Europas Energieversorgung, Sicherheit und wirtschaftliche Vernetzung zentral ist, den Anschluss zu verlieren.

Gerade Deutschland hätte das Potenzial, mehr zu tun: durch Investitionen, sicherheitspolitisches Engagement und politische Präsenz. Bundeskanzler Friedrich Merz sollte die historische Chance nutzen, den Südkaukasus zu einem Schwerpunkt deutscher Außenpolitik zu machen. Eine Reise nach Baku und Jerewan wäre nicht nur Symbol, sondern Signal – dass Europa seine strategische Nachbarschaft ernst nimmt.

Denn die Lehre aus Duschanbe ist eindeutig: Wo Macht abnimmt, entsteht Raum für neue Ordnung. Die USA haben ihn erkannt. Europa darf ihn nicht länger unbeachtet lassen.

Erfahren Sie mehr zum Thema „Südkaukasus am Wendepunkt“ in unserer neuen Ausgabe des „politicus“, der Anfang Dezember erscheint. 

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Gründer und Managing Partner der Münchner Kommunikations- und Strategieberatung COMMVISORY: Oliver Rolofs
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