Indien auf dem Weg zum Industrieland
Aufstieg einer neuen Macht
Die Vision der Regierung ist es, Indien bis zum 100-jährigen Unabhängigkeitsjubiläum im Jahr 2047 zu einem Industrieland entwickelt zu haben.
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HSS: Was ist die größte Herausforderung, vor der Indien derzeit steht?
Judith Weinberger-Singh: Politisch und gesellschaftlich gibt es vor allem zwei große Themenblöcke, deren Wechselwirkungen und jeweilige Tragweite im Zuge der im Juni beendeten sechswöchigen nationalen Parlamentswahlen deutlich geworden sind: eine ideologisch und hindunationalistisch ausgerichtete Politik, Hindutva, die gemessen am Wahlergebnis weniger gesellschaftliche Akzeptanz findet als erwartet, und eine strukturelle Wirtschaftspolitik zur effektiven Nutzung des Fachkräfteüberschusses und zur nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung.
HSS: Was waren die Gründe für die fehlende gesellschaftliche Akzeptanz der sogenannten „Hindutva“?
Die Wahl konnte Narendra Modi mit seinem Parteienbündnis, der National Democratic Alliance NDA, für sich entscheiden. Seine Partei, die Bharatiya Janata Party BJP, verfehlte jedoch die absolute Mehrheit und ist damit erstmals auf Koalitionspartner, insbesondere zwei Regionalparteien, angewiesen. Diese neue Konstellation lässt erwarten, dass die zentristische Ausrichtung der bisherigen Regierungsführung abnimmt und über die beiden Regionalparteien (Anm. d. Red.: die Janata Dalu United Party, JDU, aus dem nördlichen Bundesstaat Bihar, und die südindische Telegu Desam Party, TDU, aus Andhra Pradesh) die Interessen der Bundesstaaten insgesamt stärker auf nationaler Ebene eingebracht werden. Ein positiver Impuls für das föderale System, auch wenn sich die Interessenvertretung aktuell insbesondere auf spezifische Anliegen der beiden Bundesstaaten Bihar und Andhra Pradesh konzentriert.
Die Opposition, bestehend aus einem Bündnis mit insgesamt 26 Parteien um die Indian National Congress Party, konnte trotz interner Uneinigkeit mehr Stimmen auf sich vereinen als prognostiziert und stellt zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder einen Oppositionsführer im Parlament. Gleichzeitig hat die BJP in ihren traditionell stärksten Bundesstaaten, insbesondere im Norden, drastisch an Zuspruch verloren, was auch der Stimmenzuwachs im Osten und Süden nicht ausgleichen konnte. Dies wird unter anderem darauf zurückgeführt, dass die Resonanz auf die stark hindu-nationalistisch geprägte Wahlkampfrhetorik der BJP geringer war als erwartet und stattdessen soziale Spannungen verschärft hat. Eine pluralistische Demokratie wie Indien zeichnet sich in allen Bereichen durch eine große Vielfalt aus, die als Sammelsurium vieler nebeneinander existierender Lebensformen und Religionen auch ein Stück weit identitätsstiftend ist.
Indien hat momentan einen Fachkräfteüberschusses.
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HSS: Sie hatten aber auch gesagt, dass vor allem wirtschaftspolitische Themen entscheidend gewesen sind. Und ein Fachkräfteüberschuss, den wir aktuell in Deutschland vergeblich suchen.
Ja, genau. Laut der Vor- und Nachwahlbefragungen waren für viele Wählerinnen und Wähler nicht ideologische Themen vordergründig entscheidend, sondern vor allem die Entwicklung des Arbeitsmarktes und die hohe Jugendarbeitslosigkeit von circa 15 Prozent. Bereits während des Wahlkampfes kündigte der nun zum dritten Mal wiedergewählte Premierminister Modi daher an, sich gezielt den Problemen und Anliegen der Jugend widmen zu wollen. Denn mehr als ein Drittel der rund 1,4 Milliarden Inder sind zwischen 15 und 29 Jahre alt - ein enormes Potenzial für das ambitionierte Wirtschaftswachstum, das es aufbauend auf Modis bisherigen Reformen und Programmen nun effektiv zu nutzen gilt. Der bereits seit 2014 amtierende Premierminister hat daher seine Strategie der ersten 100 Tage im Amt seiner dritten Amtszeit um weitere 25 Tage erweitert, die ausschließlich diesen Themen gewidmet sind. Dem Indian Employment Report 2024 zufolge war die Arbeitslosenquote unter Jugendlichen im Jahr 2022 sechsmal höher bei Personen mit einem Sekundarschulabschluss oder höher (18,4 Prozent) und neunmal höher bei Hochschulabsolventen (29,1 Prozent) als bei Personen, die nicht lesen und schreiben konnten (3,4 Prozent). Indien sieht sich aktuell also mit der Herausforderung des Fachkräfteüberschusses konfrontiert, den die Regierung durch gezielte Wirtschaftsreformen und –programme, insbesondere im Bereich der Fertigung, als Wachstumskatalysator für sich nutzen kann. Auch der kürzlich verabschiedete Haushalt für das Finanzjahr 2024-25 spricht eine deutliche Sprache und sieht entsprechend hohe Mittel für die Qualifizierung von Jugendlichen und Maßnahmen zur Schaffung von Arbeitsplätzen vor. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Arbeitsmarktfähigkeit der Hochschulabsolventen zwar nur bei rund 52 Prozent liegt, dies aber einen deutlichen Sprung von rund 34 Prozent zu den Zahlen vor zehn Jahren bedeutet. Auch die im weltweiten Vergleich immer noch niedrige Erwerbsquote von Frauen ist eine Herausforderung und Entwicklungschance zugleich. In den letzten Jahren ist sie von rund 23 Prozent in den Jahren 2017 bis 2018 auf 37 Prozent in den Jahren 2022 bis 2023 gestiegen, vor allem durch einen starken Anstieg in ländlichen Gebieten, wie der kürzlich veröffentlichte Wirtschaftsbericht der Regierung „Economic Survey of India 2024-25“ zeigt.
Die Stadt Jaipur mit ihren drei Millionen Einwohnern ist eine schnell wachsende Industriestadt mit Metall-, Textil-, Schmuck- und chemischer Industrie.
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HSS: Ein durchaus düsteres Szenario für die Frauen in Indien. Was unternimmt die Regierung dagegen?
Diese Entwicklung soll durch gezielte Maßnahmen, wie zum Beispiel die Schaffung von Kinderbetreuungseinrichtungen für Berufstätige in den Städten, beschleunigt werden, da vor allem Frauen in städtischen Lebensräumen, in denen die Erwerbsquote unter 30 Prozent liegt, besser in den Arbeitsmarkt integriert werden sollen. Die Vision der Regierung ist es, Indien bis zum 100-jährigen Unabhängigkeitsjubiläum im Jahr 2047 zu einem Industrieland entwickelt zu haben. Die Rolle der Frauen bei der Erreichung dieses ehrgeizigen - von manchen als überambitioniert bezeichneten - Ziels wird ausdrücklich von der Regierung hervorgehoben.
Weiterhin sind circa 45 Prozent der Erwerbstätigen in Indien vom Landwirtschaftssektor abhängig und ungefähr 90 Prozent der Beschäftigten werden dem informellen Sektor zugerechnet. Diese Zahlen bergen enorme wirtschafts-, bildungs-, und gesellschaftspolitische Herausforderungen. Sie dürfen jedoch nicht losgelöst von der stabilen wirtschaftlichen Entwicklung Indiens im Zusammenspiel mit Reformen in den Bereichen Bildung, Forschung, Gründungs- und Unternehmensförderung sowie Schlüsseltechnologien gesehen werden, deren Auswirkungen erst mittel- und langfristig sichtbar werden. Der am 23. Juli veröffentlichte Haushalt zeichnet diese Linie der Modi-Regierung und politischen Stabilität fort.
Von den internen zu den externen Herausforderungen: Was sind die größten geo- und sicherheitspolitischen Herausforderungen, vor denen Indien steht?
Eine große geopolitische Herausforderung für Indien ist das komplexe Verhältnis zu China. Die immer wieder aufkeimenden Grenzkonflikte an der sogenannten „Line of Actual Control LAC“ in Ladakh sorgen für bilaterale Spannungen. Insbesondere seit dem tödlichen Zusammenstoß im Galwan-Tal im Jahr 2020 haben beide Länder ihre militärische Präsenz entlang der Grenze verstärkt. Hinzu kommt die strategische Rivalität um die regionale Einflusssphäre. Gleichzeitig offenbaren die aktuellen Daten aus dem Wirtschaftsbericht der Regierung auch, dass die Wirtschaftsbeziehungen zu China für Indien immer wichtiger werden: Im Jahr 2022 erreichte der bilaterale Handel einen Rekordwert von rund 125 Milliarden Euro und überholte 2023 die USA als größten Handelspartner. Dieser Bericht, der jährlich vom indischen Chief Economic Advisor erstellt und vorgestellt wird, weist auch darauf hin, dass vor dem Hintergrund globaler Wertschöpfungsketten und Indiens Bestreben, seine Produktionskapazitäten auszubauen und das Handelsdefizit mit China zu reduzieren, die Handhabung von ausländischen Direktinvestitionen aus China gelockert werden soll.
Auch die im weltweiten Vergleich immer noch niedrige Erwerbsquote von Frauen ist Herausforderung und Entwicklungschance zugleich.
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HSS: Auch Europa hat ein vitales Interesse an einer strategischen und zukunftsorientierten Partnerschaft mit Indien. Wo liegen hier die größten Chancen?
Vor diesem Hintergrund ist der sogenannte „India-Middle East-Europe Economic Corridor IMEC“ zu nennen, der am Rande des indischen G-20-Gipfels im September vergangenen Jahres beschlossen wurde. Eine neue Initiative zur Entwicklung eines Eisenbahn- und Schifffahrtskorridors, der Indien über den Nahen Osten mit Europa verbindet. Dabei handelt es sich um ein umfassendes Konnektivitätsprojekt, mit dem eine nahtlose Infrastruktur aus Häfen, Eisenbahnen, Straßen, Seeverbindungen und Pipelines entwickelt werden soll, um den Handel zwischen Indien, der arabischen Halbinsel, dem Mittelmeerraum und Europa zu fördern und eine alternative Logistikinfrastruktur zu schaffen, die unabhängig von den von China kontrollierten Knotenpunkten ist. Als „Stimme des Globalen Südens“ und Regionalmacht mit einer nachbarschafts- und ostorientierten Außenpolitik - „Neighbourhood First“ und „Look East Policy“ - kommt Indien eine wichtige Rolle zu, die nicht nur auf geoökonomische, sondern auch auf geopolitische Konvergenz abzielt. Angesichts der wachsenden Präsenz Chinas im Indischen Ozean versucht Indien, sein strategisches Gewicht durch Allianzen wie den Quadrilateralen Sicherheitsdialog QUAD mit den USA, Japan und Australien zu erhöhen. Es geht also darum, eine handlungsfähige Balance zwischen geopolitischen und sicherheitsstrategischen sowie wirtschaftspolitischen Interessen zu finden.
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