Umgang mit der Presse
Landtagswahl und Bezirkstagswahl 2023 in Bayern
1. Journalisten unvoreingenommen begegnen
Journalisten wird oft zu Unrecht unterstellt, sie wollten Interviewpartner allein der Schlagzeile wegen bloßstellen oder etwas skandalisieren. Das stimmt nicht. Zum Großteil wollen die klassischen Journalisten schlichtweg Informationen und freuen sich, wenn sie eloquente Gesprächspartner vor sich haben. Bleiben Sie also grundsätzlich offen, wenn ein Medium bei Ihnen für ein Interview, Gespräch, eine Homestory oder ein Statement nach der Wahlkampfveranstaltung anfragt.
2. Sich auf den Besuch bei oder von der Presse vorbereiten
Auch bei Medienanfragen gilt: Vorbereitung ist der halbe Auftritt. Egal, ob Sie in ein Zeitungshaus, eine Online-Redaktion oder in ein Radio- oder Fernsehstudio eingeladen sind oder zuhause Journalisten empfangen. Es gilt, vorab Hausaufgaben zu machen. Wie heißt das Medium genau, wie der Journalist oder die Journalistin, Moderator oder Moderatorin? Miller oder doch Müller? Welche Zielgruppe und Reichweite hat das Medium? Wenn Sie zuhause Besuch bekommen, dann suchen Sie einen geeigneten Raum, der einladend und doch neutral wirkt. Machen Sie auf Dinge aufmerksam, die Ihnen vielleicht gar nicht wichtig erscheinen, für das Medium unter Umständen aber wichtig sind, wie zum Beispiel eine Klimaanlage, die man nicht hört, die Aufnahmetechnik aber eventuell überfordert usw.
3. Vorab klären, was das Medium konkret von Ihnen will
Es gibt unfassbare Missverständnisse und handwerkliche Pannen, die einfach nur aufgrund mangelnder Kommunikation zwischen Medien und Gast entstehen. Da kommt ein Praktikant einer Radiostation zu Ihrer Wahlkampfveranstaltung, führt ein halbstündiges Interview und am nächsten Morgen hören Sie ein 30-Sekunden-Statement von Ihnen in den Regionalnachrichten. Deswegen: Stellen Sie Fragen wie zum Beispiel: Was will das Medium? Ein Interview oder nur einen O-Ton? In welcher Länge? Soll das Ganze an einem Werktagmorgen oder Sonntagmittag gesendet werden? In welchem Magazin- oder Programmumfeld tauche ich auf? Bei einem Studiobesuch: Bin ich alleiniger Gast oder ist noch jemand geladen? Vielleicht sogar die politische Konkurrenz? Sind Sie vorbereitet darauf?
4. Kleidung, Foto- und Videomotive sowie Hintergründe bewusst auswählen
Was für den Auftritt auf der Bühne gilt, gilt für einen TV-Auftritt oder für das Foto bei einem Print- oder Online-Medium in gleicher Weise. Die Kleidung sollte adäquat sein (siehe "Eine glaubwürdige innere und äußere Haltung einnehmen, Nr. 11). Adäquat heißt auch, dass sie sitzt. Dass sie nicht grell ist und Ihrem Typ entspricht. Frauen tragen in der Regel ein farbenfroheres Outfit als Männer. Aber gerade für eine TV-Kamera kann ein zu grelles Outfit eine Herausforderung sein. Schwarz und weiß sowie Kleinkaro und Kleinliniertes (siehe "Die richtige Kleidung für die Wahlkampfrede, Nr. 13) sind ebenfalls aus kameratechnischen Gründen tabu. Schriftzüge und zum Beispiel das Logo des örtlichen Motorradclubs auf der Krawatte sind ebenfalls kontraproduktiv. Die Menschen geben nicht auf, bevor sie so etwas lesen oder identifizieren können. So lange aber hören sie nicht, was Sie sagen. Dasselbe gilt für Hintergründe, vor denen sie stehen oder sitzen. Und wenn sich dann im Hintergrund auch noch etwas ständig bewegt, hört ihnen endgültig niemand mehr zu!
5. Ein paar Verhaltensregeln vor Mikrofon und Kamera beherzigen
Ein paar Hinweise für einen Besuch in einem Studio oder einer Redaktion: Fordern sie im Radiostudio eine Sprechprobe ein. Von Kopfhörern rate ich Ihnen ab. Sie irritieren, wenn man es nicht gewohnt ist. Vor einer Video- oder TV-Kamera fragen Sie, wohin sie blicken sollen. In der Regel zum Fragesteller. Fragen Sie - auch beim Bild-Journalisten mit dem Fotoapparat – in welchem Format Sie aufgenommen werden. Amerikanisch, halbnah, nah oder gar close up? Spätestens dann sollten Sie vorher in der Maske gewesen sein. Ein Taschentuch und einen Puder gegen die glänzende Stirn haben Sie hoffentlich immer dabei. Bei Aufnahmen im Sitzen achten Sie auf eine aufrechte, aktive Position. Und wo auch immer Sie sich setzen sollen: auf einer Bühne, vor einer Kamera oder einer Studiorunde: Lehnen Sie einen Drehstuhl kategorisch ab. Sie werden es schon nach wenigen Augenblicken nicht verhindern können, sich zu drehen. Und das wirkt unsicher oder gar kindisch!
6. Korrekturmöglichkeiten nutzen und keine Sendeverantwortung übernehmen
Sie sind in eine Redaktion oder ein Studio eingeladen und sollen ein Interview geben. Ist es live oder eine Aufzeichnung? Sie haben hoffentlich vorher gefragt. Das macht einen riesigen Unterschied. Live ist live, da können Sie hinterher nichts korrigieren. Bei der Aufzeichnung ist im Nachhinein einiges an Korrektur möglich. Bei Audioaufnahmen im Radio oder auch online kann geschnitten werden. Sie können Ihre Antwort nochmals einsprechen. Bei kurzen Statements (auch im TV!) fordern Sie, dass Sie mehrere Versuche haben. Auch Profis schaffen das nicht immer auf Anhieb. Für ein zu tief stehendes Mikrofon ist das Medium verantwortlich, Sie müssen sich nicht bücken. Wenn Sie bei einem Live-Interview ausreichend geantwortet haben, lassen Sie sich nicht von einem weiter vorgehaltenen Mikrofon dazu hinreißen, weiter zu sprechen, um die Dynamik aufrechtzuerhalten. Ihre Antwort wird nur schlechter oder verkehrt sich gar ins Gegenteil. Übernehmen Sie keine Sendeverantwortung. Die hat der Journalist. Und glauben Sie mir: Der hat mehr Druck als Sie!
7. Sich mit den Grundlagen des Presserechts vertraut machen
Sie waren in einer Redaktion, in einem Studio oder haben nach der Wahlkampfveranstaltung ein Interview für den nächsten Tag gegeben. Zwei Stunden später wird Ihnen wegen der ein oder anderen Aussage mulmig. Sie wollen die Ausstrahlung beziehungsweise den Druck oder die Veröffentlichung verhindern. Schlechte Karten für Sie. Sie können mit dem Medium oft einvernehmlich eine Lösung erreichen, was den Schnitt oder Streichung angeht. Aber rein rechtlich gesehen haben Sie keine Chance. Deswegen machen immer mehr Interviewpartner von dem Recht Gebrauch, Interviews oder Beiträge nur mit einer Autorisierung zur Veröffentlichung freizugeben. Gehen Sie zurückhaltend damit um. Journalisten stehen meist unter Zeitdruck. Mit dieser Praxis sorgen Sie für zusätzlichen Zeitdruck. Damit machen Sie sich als Interviewgeber und Informationsquelle eher unbeliebt.
8. Mit klarer und fester Stimme sprechen und souverän auftreten
Halten Sie sich bei Auftritten in den Medien an die rhetorischen Sprach-Empfehlungen. Sprechen Sie in einfachen und klaren Worten. Es ist ein eigenartiger Drang von uns, sich bei jedem öffentlichen Auftritt besonders „gewählt“ ausdrücken zu wollen. Was dabei herauskommt, klingt aber oft mehr gequält als gewählt. Und das gilt für unseren nonverbalen Auftritt in gleicher Weise. Bleiben Sie sich selbst treu. Grundsätzlich gilt: Natürlichkeit schlägt jede Künstlichkeit!
9. Sich auf ein Live-Interview besonders vorbereiten
Es ist eine der größten Herausforderungen: das Live-Interview in Radio, Fernsehen oder auch auf einer Plattform wie Facebook oder Youtube. Das gesprochene Wort ist nicht rückholbar. Daher gilt es, sich darauf vorzubereiten, um gewappnet zu sein. Fragen schon zu erahnen, die politische Grundhaltung des Fragestellers oder des Mediums zu kennen. Befassen Sie sich mit den Tücken und Fallen eines Interviews. Zwei seien genannt: 1. Die Balkonfrage: Sie hat einen „Balkon“, also etwas Vorgeschobenes. Eine Haltung des Fragestellers, eine Behauptung, bestimmte Fakten, die genannt werden, bevor die eigentliche Frage kommt. Achten Sie auf das, was darin gesagt wird und nehmen Sie gegebenenfalls sofort dazu Stellung und nicht erst zur Frage. 2. Suggestiv- bzw. Unterstellungsfrage. Googeln Sie ein paar Minuten und stellen Sie sich darauf ein. Ganz wichtig. Ja, Sie sollten auf Fragen antworten. Aber Sie sollten auch die Chance nutzen, eigene Botschaften unterzubringen!
10. Sich möglichst viel Medienkompetenz aneignen
In vielen Unterpunkten hier ging es im weitesten Sinne auch um Medienkompetenz. Deswegen will ich sie nur ermuntern, sich viel davon zuzulegen. Je mehr Sie wissen um die Funktion eines Mediums, seiner Reichweite oder Tendenz, je mehr konkrete Fragen wie Bild-Format, stimmige Licht- oder Tonverhältnisse Sie haben, umso mehr Respekt wird Ihnen entgegengebracht werden. Und vor allem: Lassen Sie nicht alles mit sich machen. Das gilt zum Beispiel für das Überfall-Interview. Weil beispielsweise dem Lokalsender Montagfrüh der Sendeplatz 7.10 Uhr weggebrochen ist, müssen Sie nicht am Telefon für ein Interview herhalten, das um 7.05 Uhr angefragt wurde. Sie geben gerne eines, aber eine Stunde später, nachdem Sie sich zuhause erst mal eingesprochen haben und das Thema geklärt ist. Ein letztes Wort hierzu: Wann immer es Ihnen möglich ist, auch nur für ein Drei-Minuten-Interview ins Studio zu gehen, tun Sie es. Sie sind einfach wesentlich präsenter als am dünnen Telefondraht.
11. Kontakt zu den Medien pflegen und sie gegebenenfalls auch beliefern
Aus vielerlei Gründen ist es gerade auch regionalen oder lokalen Medien nicht möglich, alle Veranstaltungen abzudecken, selbst wenn sie wollten. Halten Sie Kontakt zu ihnen und bieten zum Beispiel bei reinen Parteiveranstaltungen auf Wunsch Eigenberichte an. Im Online-Bereich gibt es vermehrt Anfragen von Portalen nach – technisch teils durchaus anspruchsvollen – Audios oder Videos, die Sie selbst erstellen und darin vorgefertigte Interviewfragen beantworten sollen. Sie werden unter Umständen einwenden, dass Sie damit ja journalistische Aufgaben des Mediums übernehmen sollten, was Sie ablehnen. Diese Haltung ist nachvollziehbar. Zugleich ist es aber eine Abwägungsfrage, ob Sie die Chance auf Berichterstattung nutzen wollen oder nicht.
Über den Experten Winfried Bürzle
Nina Angerer ; Winfrid-Bürzle.de
Winfried Bürzel ist Germanist, gelernter Schauspieler, Radioprofi, langjähriger Lehrbeauftragter und Coach für Politik, Wirtschaft und Medien. Er steht auch mit einer eigenen Rhetorikshow namens SPRECHSCHADEN auf der Bühne. Bis 2019 war er Chef vom Dienst des meist gehörten Radiosenders Bayerns, Bayern 1. Der 5 Sterne Redner ist Botschafter und Verfechter der „angewandten Rhetorik“ - und ein Showmaster per se. Als Edutainer versteht er es wie kein anderer, Menschen zu unterhalten und gleichzeitig zu bilden.