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vladimirnikolic; Adobe Stock

Die erfolgreiche Wahlkampfrede

1. Sich auf das Publikum vorbereiten

Eine der wichtigsten Vorbereitungen. In welchem Umfeld halten Sie die Wahlkampfrede? Richtet sie sich nach innen, zum Beispiel im Rahmen einer Mitgliederversammlung? Oder nach außen an die Bürger zum Beispiel im Rahmen einer Bürgerdialog-Veranstaltung? Oder ist es eine Podiumsdiskussion mit politischen Konkurrenten und eventuell kontroverser Stimmung im Publikum? In welchem regionalen Umfeld findet das statt? In einem beispielsweise eher ländlich geprägten oder mehr großstädtischen?  Kennen Sie die Sorgen und Nöte der Menschen dort? Haben Sie sich mit den örtlichen Funktions- und Mandatsträgern ausgetauscht und abgestimmt? Sind Sie „Solist“ oder treten Sie zusammen mit anderen Direkt- bzw. Listenkandidat/-innen zum Land- oder Bezirkstag bzw. anderen (kommunalen) Mandatsträgern auf? Kenntnisse darüber entscheiden über Motive, Botschaften und auch Länge einer Wahlkampfrede.

 

2. Die Gegebenheiten am Rede-Ort kennen

Darüber machen sich leider viele zu wenige Gedanken vorab. Sie als Kandidat oder Kandidatin haben nicht immer die Zeit für solche Recherchen. Aber mindestens Ihr Unterstützerkreis muss dies leisten. Wie groß ist die Halle oder der Saal? Gibt es eine Bühne oder nicht? Ein Pult, das auch höhenverstellbar ist? Wie sind die Lichtverhältnisse? Kann man Sie gut ausleuchten oder brauchen Sie noch eine Lichtquelle wie zum Beispiel einen Verfolger oder Spot? Gibt es ein Funkmikrofon oder ein Headset? Wie ist deren Qualität? Beherzigen Sie: Schlechter Ton vermiest einen Auftritt mehr als alles andere.

 

3. Aufbau und Inhalt der Rede strukturieren

Auch eine Wahlkampfrede ist in aller Regel nach dem klassischen Prinzip aufgebaut: Einleitung – Hauptteil –  Schluss. Natürlich sind diese Teile wieder in Unterpunkte gegliedert. In der Einleitung geht es darum, das Thema aufzumachen (siehe Nr. 4 "Earcatcher als Einstieg formulieren") und die Sympathien des Publikums zu gewinnen. Im Hauptteil geht es um Kerngedanken und Botschaften, Situationsanalysen, Problemstellungen- und Lösungen, um Visionen für die Zukunft, den Appell an gesellschaftliche Motive wie Sicherheit, Wohlstand oder Ethik und Moral. Den Schluss bilden ein zusammenfassendes Fazit und der klassische Appell, eine Handlungsaufforderung, hier: das Werben um die Stimme der Wähler.

 

4. „Earcatcher“ als Einstieg formulieren

Es ist die wohl schwierigste Aufgabe der Vorbereitung und die, die am meisten Überlegung, Souveränität und Kreativität abverlangt – sowohl in inhaltlicher als auch formaler Hinsicht. Inhaltlich deswegen, weil es darum geht, sich ganz klar zu positionieren, sich vom politischen Konkurrenten abzugrenzen. Es geht um das Leitmotiv, um ein paar Schlagworte, eine Art Slogan, einen plakativen Satz, eine provozierende Frage. Es ist Ihr „Ausweis“. Formal gehört viel Mut dazu, diese Aussage eventuell sogar noch vor die Begrüßung zu setzen. Eben mal nicht das bekannte „Meine sehr verehrten Damen und Herren“ zum Einstieg, bei dem die Ersten bereits in den Schlummer-Modus verfallen…

 

5. Auf die Kernbotschaften konzentrieren

Auch für eine Wahlkampfrede gilt: Weniger ist mehr! Wer versucht, alle relevanten Themen und Problemstellungen des gesellschaftspolitischen Lebens aufzuarbeiten, wird sich daran abarbeiten. Niemand wird alle Themen als eigene Kompetenzfelder betrachten können. Und vor allem: Sie werden Ihre Kernbotschaften verwässern. Deswegen gilt es, sich auf diese Kernbotschaften zu konzentrieren. In der Regel sind es etwa drei. Das heißt nicht, alle anderen Themen auszuklammern, sondern sich bei Vertiefungen zu fokussieren. Das Wort ist flüchtig. Heißt: Lieber bereits Gehörtes wiederholen als inhaltlich so zu überladen, dass am Ende gar nichts hängen bleibt.

 

6. Das Wesen der Wahlkampfrede verinnerlichen

Die Wahlkampfrede ist kein Vortrag oder Referat. Die Wahlkampfrede ist eine Überzeugungsrede. Sie werben für sich, Ihre Partei und Ihre Zielsetzungen. Die Wähler wählen nicht in erster Linie ein politisches Grundsatzprogramm. Sie wählen vor allem einen Kandidaten oder eine Kandidatin, der oder die selbstbewusst, überzeugend und vertrauenserweckend eine Partei und deren Programm vertritt. Dazu gehören kräftige Appelle in die eigenen Reihen und eine wohldosierte Konfrontation zum politischen Gegner. Das „Negativ-Campaigning“ darf aber nur Hilfsmittel sein. Die eigenen Stärken müssen wichtiger und gewichtiger sein als die Schwächen des Gegners.

 

7. Entscheidung über freie oder Manuskriptrede treffen

Die höchste Kunst ist die freie Rede: kein Manuskript, kein Pult zum Festklammern vor sich, nicht mal ein Funkmikrofon in der Hand, sondern ein Headset auf dem Kopf, die Hände frei für eine aktive Körpersprache –  das ist das Ideal. Man muss sehr gut geübt sein in dieser höchsten Rede-Disziplin, um am Ende auch souverän zu wirken. Wer das kann, der hat einen riesigen Vorsprung vor Konkurrenten. Aber Vorsicht: Wer sich nicht ganz sicher ist, der bleibe hinter dem Pult. Genauso verhält es sich in der Frage Manuskript oder frei. Frei ist die höchste Disziplin. Aber sicher hinter dem Pult geübt „abzulesen“ ist besser als am Bühnenrand zitternd frei zu stottern…

 

8. In Sprech- und nicht Schriftsprache formulieren

Ziel ist eine bildhafte Sprache. Heißt im Gegenzug: Raus mit abstrakten Begriffen. Abstrakte Sprache stellt den Zuhörern ständig „Übersetzungs“-Aufgaben. Gift für müheloses Verfolgen einer Rede. Beispiel:  Mit einer „Gewährleistung einer medizinischen Grundversorgung auch in ländlich strukturierten Gebieten“ ist nichts anderes gemeint als dass wir dafür sorgen müssen, dass auch Menschen in Dörfern und kleinen Städten noch einen Hausarzt vorfinden. Daneben gilt: kurze Sätze, nur ein Gedanke pro Satz. Verzichten Sie auf nicht notwendige Fremdwörter. Benutzen Sie so wenig Zahlen wie möglich. Sprechen Sie keine Fachsprache. Reden Sie dialogisch statt monologisch. Setzen Sie rhetorische Figuren wie Metapher, Anapher, Vergleich, Klimax etc. gezielt, aber auch dosiert, ein.

 

In Radio und Fernsehen gibt es für das gesprochene Wort eine Grundregel aus drei Forderungen: Eindeutigkeit, Verständlichkeit, Nachvollziehbarkeit. Diese Regel sollten wir auch bei unseren Auftritten in der Öffentlichkeit beherzigen. Sehr häufig aber gelingt uns das nicht…

9. Auf eine souveräne Körpersprache achten

Die beginnt schon beim Stand und bei der Haltung. Der souveräne Stand ist gekennzeichnet von zwei gleich belasteten Beinen, die Füße in leichter V-Stellung und in etwa so weit gespreizt, dass sie Hüft-und Schulterbreite erreichen. Arme und Hände agieren im Idealfall vor dem Körper in der sogenannten neutralen bis positiven Ebene, also etwa zwischen Gürtel und Kinn. Eine zentrale Rolle spielt der Blickkontakt mit den Zuhörern. Er ist das stärkste Kommunikationsmittel, das Sie haben. Achten Sie darauf, dass Sie mit dem Blick langsam schweifen und dabei das gesamte Publikum im Blick haben. Jeder und jede im Saal muss hinterher das Gefühl haben, von Ihnen angeschaut worden zu sein. Und das selbstverständlich möglichst mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen!    

 

10. Erkenntnisse über Wirkung und Kongruenz berücksichtigen

Auch wenn Professor Albert Mehrabians Studie mehr oder weniger widerlegt ist beziehungsweise meist falsch interpretiert wird, wonach nur sieben Prozent der Wirkung eines öffentlichen Auftritts auf den Inhalt und zu 93 Prozent auf körpersprachliche Elemente zurückgehen: Körpersprache ist wichtiger als viele glauben. Körpersprache und Verbalsprache bilden im besten Falle eine Symbiose. Dazu müssen sie unbedingt kongruent sein. Und der Kommunikationspsychologe Paul Watzlawick hat uns sinngemäß gelehrt: Kommunikation ist nicht, was wir sagen, sondern das, was beim Anderen ankommt. 

 

11. Eine glaubwürdige innere und äußere Haltung einnehmen

Aus der Medienforschung wissen wir, welch hohen Stellenwert bei den Menschen Werte wie Ehrlichkeit, Natürlichkeit, Glaubwürdigkeit, Kompetenz und Humor haben. Davon sollten sich auch Politiker leiten lassen. Das heißt für die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem politischen Konkurrenten:  Sachliche Attacke ja, emotionale personale Aggression nein (siehe Nr. 6 "Das Wesen der Wahlkampfrede verinnerlichen"). Heißt andererseits für die äußere Form auch, sich Gegebenheiten anzupassen, sich gleichzeitig aber nicht zu verbiegen. Dass Sie bei Ihrem Auftritt vor jungen Menschen z.B. eher saloppe Kleidung tragen ist ok. Als 50-jähriger mit Ripped Jeans zu erscheinen, ist dagegen eher fragwürdig. Sich auch sprachlich locker zu geben ist ebenfalls ok. Sich der Jugendsprache zu bedienen ist Anbiederung.

 

12. Klar, deutlich und mit fester Stimme sprechen

Ihre Rede kann inhaltlich noch so brillieren: Wenn Sie schlecht verstanden werden oder sie sie einfach monoton und leblos vortragen, dann wird auch der beste Inhalt einfach nur verpuffen. Deswegen bemühen Sie sich um eine deutliche Aussprache, eine gute Artikulation. Es geht nicht darum, ihre dialektale Farbe gänzlich abzulegen (das gelingt den wenigsten und bedarf oft jahrelangen intensiven Trainings). Es geht um die Verständlichkeit, um Konsonanten, Endungen und Silben, die nicht verschluckt werden dürfen. Um ein angemessenes Tempo. Als Merkregel gilt: Wenn Sie denken, Sie sprechen zu langsam, haben Sie die richtige Geschwindigkeit. Und wenn Sie dann noch sprecherische Stilmittel wie z.B. Rhythmik, Dynamik, Geschwindigkeitsvariation, Melodiegebung, Betonung, Hebung, Senkung und vor allem Pausen(!) gekonnt einsetzen, dann sollte nichts schiefgehen.

 

13. Die „richtige“ Kleidung wählen

Kleider machen Leute. Diese Weisheit als Quintessenz der gleichlautenden Novelle von Gottfried Keller ist jedem geläufig. Und sie stimmt auch. Deswegen ist die Wahl der „richtigen“ Kleidung gerade bei so wichtigen Auftritten wie der Wahlkampfrede so bedeutsam. Stilvoll sollte sie sein und zugleich auf keinen Fall überkandidelt. Und vor allem: Sie muss Ihrem Typ entsprechen und Sie müssen sich wohlfühlen darin! Wenn Sie noch nie in Ihrem Leben eine Jeans getragen haben und sich deswegen in eine zwängen, weil Sie vor einer Jugendgruppe sprechen, dann werden Sie sich nicht wohlfühlen. Und wenn sie sich nicht wohlfühlen, dann sind Sie nicht souverän (siehe "Small-Talk und Menschen ansprechen"). 

 

14. Anfang und Schluss der Rede verinnerlichen

Diesen beiden Momenten kommt eine absolute Schlüsselrolle bei der Rede im Allgemeinen und speziell bei der Wahlkampfrede zu. Aus der Rhetorik wissen wir: Was am Anfang und VOR ALLEM am Ende gesagt wird, das bleibt am meisten hängen. Damit das aber auch etwas ist, was hängen bleiben soll, braucht es neben inhaltlicher Wucht (siehe Abschnitt Earcatcher als Einstieg formulieren, Nr. 4) auch sprecherische und darf nicht vermasselt werden. Soll heißen: Auch wenn Sie eine Manuskriptrede halten und lesen müssen: Diese beiden Teile mit ihren wenigen Sätzen sollten Sie auswendig gelernt haben. Es ist eine alte Reporterweisheit, die hier einfließt. Stellen Sie sich vor, ein Sportreporter hält uns drei Minuten in Atem mit einer fesselnden, höchst spannenden Reportage. Und bei den letzten drei Sätzen kommt er ins Stolpern und verhaspelt sich mehrmals. Ich muss nicht erklären, was bei den Hörern hängen bleibt…

 

15. Üben, üben und nochmals üben

Der Apple-Begründer Steve Jobs galt als ein ausgesprochen guter und begnadeter Präsentator und Redner. Dass eine gute und wie geschmiert laufende Performance aber auch Fleiß und harte Arbeit bedeuten, das sehen viele nicht. Dabei wissen wir, dass sich Jobs vor einer Präsentation tagelang zurückgezogen hatte, um sie zu üben. Deswegen üben Sie Ihre Rede immer und immer wieder. Schauen Sie sich dabei im Spiegel an. Oder nehmen Sie das Smartphone, stellen es vor sich in ein Regal und zeichnen Sie sich auf. Zeigen Sie es Partnern, lassen Sie Kritik zu und üben Sie auch selbst Kritik. So lernen Sie sich im Video und Audio zu akzeptieren und bekommen dazu ein gutes Zeitgefühl.

 

Bonustipp: Ein paar grundsätzliche Gedanken

Nach drei bis sieben Sekunden entscheiden wir über Sym- oder Antipathie! Denken Sie daran, bevor Sie den Veranstaltungsraum betreten und setzen ihr freundliches Lächeln auf. Denn bis Sie an der Bühne angekommen sind, hat Sie das Publikum längst „gescannt“.

Beherzigen Sie Mark Twain: „Eine gute Rede hat einen guten Anfang und ein gutes Ende, und beide liegen möglichst dicht beieinander“.

Franz-Josef Strauß wird zitiert mit: „Kompliziert denken, einfach reden“.

Googeln Sie nach Kurt Tucholsky und nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit für die Lektüre von: „Ratschläge für einen schlechten Redner“.

 


Über den Experten Winfried Bürzle

Nina Angerer ; Winfrid-Bürzle.de

Winfried Bürzel ist Germanist, gelernter Schauspieler, Radioprofi, langjähriger Lehrbeauftragter und Coach für Politik, Wirtschaft und Medien. Er steht auch mit einer eigenen Rhetorikshow namens SPRECHSCHADEN auf der Bühne. Bis 2019 war er Chef vom Dienst des meist gehörten Radiosenders Bayerns, Bayern 1. Der 5 Sterne Redner ist Botschafter und Verfechter der „angewandten Rhetorik“ - und ein Showmaster per se. Als Edutainer versteht er es wie kein anderer, Menschen zu unterhalten und gleichzeitig zu bilden.