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Strategie beim digitalen Wahlkampf

Ablaufplan für Social Media-Kampagnen

Wenn Ziele und Zielgruppen bestimmt sind, gilt es, die richtigen Kanäle auszuwählen. Wenn auch die Botschaften und Inhalte stehen, kommt es zur medialen Aufbereitung der Inhalte.
Mehr über das Thema Kommunikations- und Marketingplan im Wahlkampf

 

1. Zielgruppen

Die Ziele unterscheiden sich je nach Kandidierenden, dessen Schwerpunktthemen, der Zusammensetzung des Stimmkreises und seines Bekanntheitsgrades. Im nächsten Schritt folgen die Bestimmung der Zielgruppe und dann erst die Auswahl der Kanäle und deren Inhalte. 

Für Landtagswahlen

  • Wähler im Stimmkreis:  Am naheliegendsten ist es, möglichst viele Erststimmen bei der Wahl zu gewinnen. Die Erststimmen müssen Sie im Wahlkampf sicherlich berücksichtigen. Doch auch hier gibt es Unterschiede, je nachdem ob der Stimmkreis in einer größeren Stadt liegt oder im ländlichen Bereich. Auf dem Land kann der Kandidierende mit seiner ehrenamtlichen Arbeit in Vereinen sein „soziales Offline-Netzwerk“ bespielen, was etwa in München-Schwabing  weniger erfolgsversprechend sein könnte. Außerdem müssen Sie überlegen, ob Sie sich in erster Linie an ihre Stammwähler richten oder ob Sie neue Wählergruppen erschließen wollen.

  • Wähler im Regierungsbezirk: Wenn es mit dem Direktmandat nicht klappt, bleibt die Chance, als Listenkandidat in den Bayerischen Landtag einzuziehen. Anders als zur Bundestagswahl, bei der nur Parteinamen aufgeführt sind, muss sich der Wähler hier auch für einen Kandidierenden namentlich entscheiden. Dies bedeutet, dass Sie neben Ihrem eigenen Stimmkreis auch die weiteren Gebiete innerhalb eines Regierungsbezirks bei Social Media im Blick haben sollten.

  • Wahlkampfteam:. Jede(r) Kandidat/-in ist angewiesen auf ein engagiertes und motiviertes Team im Hintergrund. Schließlich können Sie nicht selbst Ihre Wahlplakate kleben, die Infostände in der Fußgängerzone organisieren und das Social Web alleine bespielen. Wie kann man die Motivation in seinem Team hochhalten, seinen Helfern und Helferinnen danken und sie über neueste Informationen auf dem Laufenden halten? Hier bietet sich beispielsweise WhatsApp an. Per Status können Sie das Team mit aktuellen Erfolgsmeldungen motivieren. Zur Abstimmung sind Facebook-, WhatsApp- bzw. Telegram-Gruppen (oder die anderer Messenger-Dienste wie Threema) geeignet.

  • Partei und Landtagsfraktion: Nach dem Tag der Landtagswahl geht es schnell: Es werden Posten innerhalb der Fraktion verteilt, aber zum Beispiel auch die Mitglieder für die einzelnen Ausschüsse ausgewählt. Es bietet sich insbesondere für neue Kandidat/-innen an, schon im Landtagswahlkampf in speziellen Politikfeldern Akzente zu setzen. Wenn man im Stimmkreis beispielsweise besonders auf Schulthemen setzt, wird man auch nach dem Wahlkampf als Bildungsexperte wahrgenommen.

 

2. Was soll im Schwerpunkt bei Wählerin/-innen erreicht werden?

Information: Der Wähler soll über das Wahlprogramm der eigenen Partei informiert werden.

Bekanntheit: Es gilt vorrangig, bei den Wählern bekannt zu werden.

Image: Der Kandidierende will sich ein besonderes Image beim Wähler aufbauen.

Vertrauen: Es gilt, Vertrauen beim Wähler zu schaffen.

Dies erfordert eine unterschiedliche Strategie und entscheidet darüber, wie man seine Postings gestaltet.

Mehr über Kommunikations- und Marketingplan im Wahlkampf

Mehr über Botschaften im Wahlkampf

 

3. Messbare Ziele im Social Web

Für Influencer ist die Zahl der Follower und die der Likes eine bedeutende Angabe, um gegenüber Werbekunden auftreten und verhandeln zu können. Im Wahlkampf spielen Zahlen nur eine untergeordnete Rolle. Zwar sollte man sie nicht ganz außer Acht lassen, aber eine hohe Reichweite garantiert noch keinen Erfolg am Wahltag. Statistiken, wie die Reichweite eines Social-Media-Posts, dienen vielmehr dazu, während des Wahlkampfs nachsteuern zu können und die eigene Kampagne immer weiter zu verfeinern.

Mögliche Stolperfallen

Manche Zielgruppen sind spätabends noch im Social Web aktiv, andere nur während sie im Büro arbeiten. Manche Wähler/-innen können arbeitsbedingt den gesamten Tag nicht auf ihr Smartphone schauen, bei anderen wiederum ist es auch im Beruf das wichtigste Instrument. Hier gilt es zu experimentieren, verschiedene Tage und Uhrzeiten auszuprobieren – um dann den für sich individuell idealen Zeitpunkt herauszufinden. Bei den meisten sozialen Netzwerken können Postings vorprogrammiert werden. Seinen eigenen Kanal sollten Sie (oder ein Helfer aus dem Wahlkampfteam) im Blick behalten (möglichst 24/7), um auf einen aufkommenden Shitstorm oder eine spannende Diskussion reagieren zu können.

Katzen, Mittagessen, Landschaft mit einer Burg im Hintergrund – das Social Web hat seine eigenen Spielregeln, welche Posts viel Reichweite erzielen, welche weniger. Sie müssen ein Mittelmaß finden: Zwischen typischen Influencer-Bildern auf der einen Seite und ungeeigneten Pressemitteilungen auf der anderen. Hierbei sollten Sie überlegen, mit welchen Themen sich Ihre Follower beschäftigen – und diese dann aufbereiten.

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Dieser alte Spruch gilt im Social Web mehr denn je. Fotos und Videos haben nicht nur bei Usern, die in ihrer App durch das soziale Netzwerk scrollen, eine höhere Aufmerksamkeit. Der Algorithmus zum Beispiel bei Facebook belohnt dies außerdem mit einer höheren Reichweite. Instagram und TikTok sind ohnehin rein visuelle Medien. Auch hier kommt es darauf an: Schafft man es, seine Aussagen pointiert auf einen Satz zuzuspitzen?

 

5. Social-Media-Monitoring: So überwache ich das Netz

Wer über Social Media-Wahlkampf spricht, denkt in erster Linie an eigene Kanäle und Inhalte. Mindestens genauso wichtig ist es allerdings, die Kommentare anderer auf den eigenen Accounts, die sozialen Netzwerke insgesamt und die Profile sowohl der Wettbewerber/-innen als auch der Parteifreunde im Blick zu behalten. Das ist Social Media-Monitoring. Denn auch wenn man selbst auf einem Kanal nicht vertreten ist, kann dort über einen gesprochen werden. Wer die Profile der Mitbewerber/-innen verfolgt, sieht, welche Themen sie aufgreifen – und kann kontrovers mitdiskutieren. Bei Kandidierenden der eigenen Partei können Sie sich Anregungen holen.

 

Für Social-Media-Monitoring gibt es verschiedene, teils kostenpflichtige Tools. Diese können (wie bei Meltwater) mehrere tausend Euro für die Zeit des Wahlkampfs kosten oder kostenfrei sein (wie Tweetdeck). Auch Google hat zwei interessante Tools: Auf Google Trends kann man mitverfolgen, wie stark nach den eigenen Wahlkampfthemen von Usern im Netz gesucht wird. Mit Google Alerts kann man das Netz (auch Weblogs, aber keine sozialen Netzwerke) durchsuchen. Der Dienst ist kostenfrei und eine Art digitaler Pressespiegel. Wichtig ist, dass Sie Ihren eigenen Namen (idealerweise auch den der Mitbewerber/innen im Stimmkreis) immer im Blick haben. Wenn Sie außerdem in dem Tool Schlüsselbegriffe für Ihre Wahlkampfthemen auswählen, bleiben Sie auch hier up to date und können darauf in Ihren eigenen Kanälen reagieren.

Das Buch „Social Media für Kommunalpolitiker“ von Prof. (FH) Dr. André Haller (SpringerVS, Wiesbaden 2021) richtet sich zwar nicht speziell an den Landtagswahlkampf. Allerdings können hier auch für diese Wahl gültige Tipps für eine Social-Media-Strategie entnommen werden.

Aus dem Bundestagswahlkampf lernen: Der „Tagesspiegel“ hat untersucht, wie der Wahlkampf 2021 im Social Web geführt worden ist und seine Ergebnisse in interaktiven Grafiken dargstellt.


Über den Experten Markus Kaiser

Jüngerer Mann mit Hemd aber ohne Krawatte lacht dynamisch in die Kamera

Tim Neiertz

Markus Kaiser ist Professor für digitalen Journalismus, Medieninnovationen und Change Management in der Kommunikationsbranche an der Technischen Hochschule Nürnberg und Berater für Change Management, Kommunikation, Social Media, Innovationsmanagement und Leadership. In seiner Magisterarbeit an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg hat er sich mit „Die relative Bedeutung unterschiedlicher Medien für die Wahlkampfführung politischer Parteien“ beschäftigt. Von ihm erschienen sind unter anderem Bücher zu „Innovation in den Medien“, „Transforming Media“ und „Change Management im Public Sector“. Der gelernte Journalist hat sechs Jahre lang die Medienstandort-Agentur des Freistaats Bayern aufgebaut und geleitet. Neben seiner Professur ist Kaiser Lehrbeauftragter an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Ludwig-Maximilians-Universität München und Hochschule Ansbach.