Neue Regierung von Präsident Rodrigo Paz vereidigt
Bolivien öffnet sich für den Westen
Rodrigo Paz begrüßt seine Anhänger am Abend seines Sieges in der Stichwahl am 19. Oktober 2025 in La Paz
© RADOSLAW CZAJKOWSKI /HSS
Wer ist Newcomer Rodrigo Paz?
Seit dem 8. November 2025 ist Paz, der am 22. September 1967 im spanischen Santiago de Compostela geboren und in den USA ausgebildet wurde, neuer Präsident Boliviens. Im Gegensatz zu den Gewerkschaftsführern der linken Vorgänger-Regierungen von Evo Morales und Luis Arce setzt Paz in seinem Kabinett auf eine Mischung aus Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik.
Er gilt als gemäßigt, trat für die Christdemokratische Partei (PDC) an und war im Wahlkampf ein Kandidat der Mitte. Paz war vorher Bürgermeister der Weinanbaustadt Tarija (südlichste Großstadt in Bolivien), zuletzt Senator und stammt aus einer Politikerfamilie. Bereits sein Vater, Jaime Paz, war von 1989 bis 1993 Präsident Boliviens.
Lobende Worte von Trump
Außenpolitisch setzte der neue Präsident sofort ein positives Zeichen: Er schließt die sozialistische Achse Kuba, Nicaragua und Venezuela von seinem Amtsantritt aus. Eine seiner ersten Amtshandlungen war nach fast 18 Jahren die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen mit den USA, aber auch mit Israel. US-Präsident Donald Trump fand lobende Worte für Bolivien. Sowohl der libertäre Präsident Javier Milei (Argentinien) als auch der dem gemäßigt linken Lager angehörenden Präsident Gabriel Boric (Chile) kamen zur Amtsübergabe. Dies zeugt von einer neuen Orientierung Boliviens hin zu Regierungen im demokratischen Spektrum.
Es ist wahrscheinlich, dass die bisherigen guten Beziehungen zu Russland deutlich reduziert werden. Mit China wird voraussichtlich aus strategischen Gründen weiterhin eine gute Beziehung gepflegt. Es ist nach Nachbarland Brasilien wichtigster Handelspartner für Bolivien. Paz ist gegenüber der EU und Deutschland sowie der Entwicklungszusammenarbeit sehr positiv eingestellt; sein neuer Außenminister, Fernando Hugo Aramayo, ist ehemaliger Mitarbeiter der „Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit“ (GIZ).
Auch im Inland gibt es erste positive Anzeichen: Die Tankstellen haben vorübergehend wieder Benzin, der Boliviano (Währung Boliviens) ist auf dem Schwarzmarkt bereits um ein Drittel aufgewertet und hochrangige politische Gefangene wurden freigelassen.
Deutsche Perspektiven: Lithiumreserven für Autoindustrie
Das Auswärtige Amt hat das neue Potenzial erkannt, dass sich durch die Öffnung Boliviens ergibt. Es spricht bereits von einer neuen Ära der bilateralen Beziehungen. Chancen bestehen vor allem im Bereich von seltenen Erden sowie einer Vielzahl an bedeutenden Metallen und Edelmetallen. Außenminister Wadephul bekundete bei seinem Besuch vor Ort bereits Deutschlands Interesse, die weltweit größten Lithiumreserven für die Autoindustrie und die Energiewende zu heben.
Auch der perspektivische Beitritt Boliviens zum geplanten EU-Mercosur-Abkommen (Freihandelsabkommen zwischen der EU und den vier Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay) würde die Wirtschaftsbeziehungen weiter stärken. Der Andenstaat ist seit 2024 bereits Vollmitglied der südamerikanischen Wirtschaftsorganisation. Bolivien verfügt auch über Potenzial im erneuerbaren Energiesektor, vor allem im Bereich Solar, Windkraft und grünem Wasserstoff.
Deutschland hat als Partner viel anzubieten, um die notwendigen Reformprozesse zu begleiten. Bei den Themen der Dezentralisierung Boliviens könnten auch regionale und kommunale Partnerschaften mit Deutschland und Bayern entstehen. Wegen der langjährigen Arbeit der deutschen Institutionen im Land, verfügt die Bundesrepublik über eine erhebliche Soft-Power, politische Kontakte und ein positives Ansehen.
Was ist wichtig?
Um vom Systemwechsel zu profitieren, müssen zwei zusammenhängende Bedingungen erfüllt werden: Die Regierung von Paz muss das erste Jahr gut überstehen und Deutschland und die EU ihr positives Bild als Partner Boliviens bestätigen.
Paz wird nur wenige Monate Zeit haben, die Inflation, etwa 25 Prozent, die Versorgungsengpässe bei Treibstoff, Medikamenten und die Dollarknappheit unter Kontrolle zu bekommen. Die steigende Armutsrate war das vorherrschende Thema des Wahlkampfs, 85 Prozent der Bevölkerung arbeitet in der informellen Wirtschaft.
In der neuen Legislaturperiode muss Vertrauen in staatliche Institutionen zurückgewonnen werden: Eine Justizreform in einem Land, dass vor den Wahlen noch 300 politische Gefangene zählte, ist unabdingbar. Auch die Quecksilber-Vergiftung indigener Gemeinden wegen des Bergbaus sowie der massive Regenwaldverlust muss zeitnah aufhören. Sonst drohen Unruhen und Proteste, die das Grundvertrauen in die neue Regierung und die Stabilität des Landes gefährden könnten.
Was heißt das für Deutschland? Es muss zeitnah diesen Neuanfang begleiten und die Stabilisierung und Entwicklung in diesem historischen Moment unterstützen. Auf diese Art können die legitimen Interessen im Bereich Wirtschaft und Energie in einer Weise verfolgt werden, bei denen beide Seiten gewinnen.
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